Amie Kaufman & Jay Kristoff, Illuminae

(Weitgehend frei von dem, was ich als Spoiler bezeichnen würde.)

Foto des Buches von der Seite, so dass man verschiedene Seitenfarben erkennt

Schon beim ersten Blick in Illuminae erkennt man ein Bauprinzip des Buchs: Der Roman ist quasi eine Art Briefroman, eine Sammlung von E-Mails, Interviews, gelegentlichen Postern, Funksprüchen, anderer Kommunikation, jeweils aufwendig grafisch gestaltet. Die Sammlung ist aber nicht zufällig entstanden, sondern kuratiert: In einem ganz kurzen Anschreiben zu Anfang des Textes erfahren wir, dass eine Partei für einen Auftraggeber alle Dokumente zusammengetragen hat, die mit dem Angriff auf eine illegale planetare Schürfoperation und dessen Folgen zu tun haben. Technisch handelt es sich also um einen geordneten Schuhkarton.

Das ist meine private kleine Terminologie. Ein Schuhkarton ist, zum Beispiel, ein Schuhkarton voller Material, das dem Betrachterzur Verfügung gestellt wird, und das in keiner vorgegebenen Reihenfolge rezipiert wird. Der Erzähler in H. P. Lovecrafts „The Call of Cthulhu“ findet im Nachlass seines Großonkels ein solches Konvolut – Briefe, Tagebücher, Zeitungsschnipsel, ein Relief – und macht sich einen Reim daraus, den er dem Leser präsentiert: Und diese Auswahl und Sortierung macht daraus einen geordneten Schuhkarton. Hier kann man für teuer Geld ein Faksimile der ursprünglichen Angell Box (benannt nach dem Großonkel) erwerben.

Ungeordnete Schukartons in der Literatur sind selten. Im Computerspiel (in Ermangelung eines besseren Worts) Her Story betrachtet man als Ermittler eine große Anzahl an Videoaufzeichnungen von Zeugenaussagen, und zwar in keinerlei vorgegebener Reihenfolge (sondern durch das Suchen nach Schlagwörtern) und muss daraus die Geschichte rekonstruieren. Und zwischen 1936 und 1939 erschienen vier crime dossiers von Dennis Wheatley und J. G. Links), 1984 als „DuMont’s Criminal-Rätsel“ auf Deutsch erschienen: Briefe, Umschläge, Zeitungsartikel, Fotos, als Faksimile oder sogar als feelie, also tatsächliche Beigabe oder Reproduktion. Die sind zwar linear angeordnet, aber zum Lösen des Falles (diese Aufgabe haben die Leser und Leserinnen) muss man sicher nicht linear lesen.

Illuminae jedenfalls ist vom fiktiven Redakteur in eine chronologische Ordnung gebracht. Und das ist auch sinnvoll; die Handlung wird als linear präsentiert. Verständlich, aber albern: Dem Wunsch des Auftraggebers entsprechend sind alle Flüche und Schimpfwörter geschwärzt. Ich verstehe, wenn man das Buch verkaufen möchte, ohne mit besorgten Eltern in Konflikt zu geraten, aber dann bitte gar keine Erklärung statt dieser unglaubwürdigen Legende.

Ganz durchgehalten wird das mit der Dokumentensammlung nicht; kurz vor Mitte des Buchs (S. 264) wird ein neuer Akteur mit neuem Tonfall aktiv, dessen Äußerungen formal als Dokument bezeichnet werden, aber da sind die Grenzen meiner Gutgläubigkeit erreicht. Auch andere Dokumente – zum Beispiel eine Art Countdown, jeweils einen für den Endgegner in der ersten Staffel (bis S. 294) und einen für den der zweiten Staffel – sind nicht glaubwürdig. Und schließlich verleitet die typographische Vielfalt der Formen an einigen Stellen dazu, die Fiktion ganz aufzugeben: Es wird fast eine Art konkrete Lyrik daraus, etwa wie Alfred Bester in Golem100 oder in Ansätzen in The Demolished Man – der Raumschiffe im All ziehen eine Spur von Wörtern hinter sich her (S. 281-289).

Die eigentliche Handlung ist Science-Fiction-Space-Opera mit jugendlichen Hauptpersonen. Nicht tief oder originell, aber durchaus interessant und zum Weiterblättern – die Handlung nimmt immer wieder kleinere oder größere unerwartete Wendungen. Gut gemacht. Deren Struktur hat mich an verschiedene Fernsehserien erinnert, aber tatsächlich ist wohl gerade ein Filmversion im Gespräch.

Das Buch ist auch als Hörbuch und E-Book erhältlich – in letzterem ist wohl viel eingescannt und als Grafik dargestellt, in ersterem gibt es mehrere Sprecher, nähert sich damit dem Hörspiel. Was ich eigentlich gerne hätte, wäre eine Dateisammlung, von mir aus alles pdfs, ein paar jpg dazwischen, ein paar andere Formate vielleicht noch, in einer zu navigierenden Ordnerstruktur; teils eingescannt, teils sauber erstellt. So wie man sich einen digitalen Schuhkarton vorstellt – aber da nähern wir uns dann vielleicht schon dem Genre „Escape Room“. Und vermutlich würde man sich beim Lesen verrennen. (Und alle Dateien nach Hinweisen auf Erstellungsdatum und Autor durchforsten, müsste man ja wohl auch faken.)

2 Antworten auf „Amie Kaufman & Jay Kristoff, Illuminae“

  1. Zettels Traum von Arno Schmidt war auch ein großer Schuhkarton.
    H. besitzt einen Schukarton voller Postkarten, Ansichtskarten und Briefen, die er im Laufe der Jahre erhalten hat. Interessant durchzusehen.

  2. Total spannend! Ein (semi) ungeordneter Schuhkarton aus der französischen Literatur ist der Kriminalroman „Journal de la tueuse“ von Catherine Klein (1997).

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