A Ticket to Tranai („Utopia mit kleinen Fehlern“)

Diese Science-Fiction-Kurzgeschichte von Robert Sheckley geht mir seit Wochen im Kopf herum; Grund sie wieder einmal zu lesen:

In einer Bar erzählt ein alter Raumfahrer Marvin Goodman vom utopischen Planeten Tranai. Goodman, unzufrieden mit dem Leben auf der Erde, der Korruption, seinem wenig erfolgreichen Engagement für alle möglichen sozialen Zwecke, beschließt, dorthin auszuwandern. Der Weg dorthin ist gar nicht leicht; das örtliche Reisebüro rät ihm ab und kann ihn auch nur die Hälfte der Strecke bringen. Aber nach langer Reise erreicht Goodman tatsächlich sein Ziel.

Tranai kennt tatsächlich weder Armut noch Verbrechen, keine Polizei, keine Kriege, hohe Zufriedenheit aller Bürger, und das alles ohne Kommunismus oder Faschismus. Goodman lässt sich nieder, findet eine Arbeitsstelle und heiratet. Ganz zufrieden ist er aber nicht; seine Arbeit als Roboteringenieur besteht vor allem darin, immer mehr Fehler in die Roboter seiner Firma einzubauen – perfekte Technik frustriert den Menschen, der seine Frustration dann an anderen auslässt. Deshalb haben die Maschinen des Planeten oberflächliche Macken (auch wenn sie sonst einwandfrei funktionieren) und fallen bei den erhofften Fußtritten ihrer Besitzer passgenau auseinander – die so ihre Frustration abreagieren können.

Auch sonst stellt sich Tranai nach und nach als weniger paradiesisch aus als erhofft, und als erheblich bizarrer. Goodman ist knapp davor, das – keinesfalls besonders beliebte – Amt des obersten Präsidenten zu übernehmen, als er dann doch lieber und überstürzt zur Erde zurückkehrt. Das mit der Regierung läuft nämlich so: Man verzichtet auf Tranai zwar auf Polizei, Richter, Justizverfahren, aber dafür darf jedes Regierungsmitglied Verbrecher erschießen, wenn sie welche sehen. Fehler kann es keine geben dabei, denn per Definition ist jeder so Erschossene automatisch ein Verbrecher. Das sorgt insgesamt für mehr Sicherheit und weniger Stress als das Verfahren auf der Erde.
Auf der anderen Seite gibt es Kabinen, in denen jeder Bürger per Knopfdruck seine Unzufriedenheit mit bestimmten Regierungsvertretern kundtun kann. Was Goodman erst zum Schluss erfährt: Überschreitet die Anzahl dieser Unzufriedenheitsmeldungen innerhalb der Amtszeit eines Regierungsmitglieds eine bestimmte Grenze, dann explodiert die Amtskette, die jedes Refierungsmitglied ständig um den Hals trägt, und tötet es. „Checks and balances. Just as the people are in our hands, so we are in the people’s hands.“ Das funktioniere unerwartet gut.

— Aus solchen Geschichten bestand meine Jugend als Science-Fiction-Leser. Viele davon waren eher in der Tradition von Gullivers Reisen, manchen ging es um natruwissenschaftliche Phänomene, und andere waren tatsächlich nur exotische Abenteuer.
Das mit den Abstimmkabinen und Explosionen könnte man heute bequem über Handys lösen. Auch im Unterricht, oder bei Musikhörern in der Straßenbahn: Drücken genug Leute in der Umgebung auf „Explodieren“, dann wird explodiert.

Eine Antwort auf „A Ticket to Tranai („Utopia mit kleinen Fehlern“)“

  1. „…bei Musikhörern in der Straßenbahn: Drücken genug Leute in der Umgebung auf “Explodieren”, dann wird explodiert.“ – ach was, da schickt man einfach Mr. Spock rein ;)

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