Ted Chiang, Stories of your Life and Others (revisited)

Im April 2019, also spät, habe ich Stories of your Life and Others von Ted Chiang gelesen. Die Geschichten darin und die ganze Sammlung haben mir sehr gut gefallen, warum habe ich damals nicht darüber gebloggt?

Anlässlich eines Podcasts mit Ted Chiang (von dem vorletztes Jahr dann auch endlich eine zweite Kurzgeschichtensammlung erschien) versuche ich mal zu schauen, an was ich mich noch erinnern kann:

  • “Tower of Babylon“
    Sagenhaft. Chiangs erste Veröffentlichung; verdient Preise gekriegt. Es ist Science Fiction im besten Sinn, mit dem Twist, dass es halt in der fernen Vergangenheit spielt: Was wäre, wenn der Turmbau zu Babel technisch möglich wäre, also wenn man halbwegs beliebig Ziegel auf Ziegel türmen könnte? Welche Legenden ranken sich darum, wer sind die Arbeiter, wie arbeiten sie; wie lange dauert der Aufstieg, woher kommt die Verpflegung, welche Infrastruktur ist nötig? Das ist allein schon beste Ingenieur-Science-Fiction, knapp und originell erzählt, und dann kommt halt noch das dazu, was passiert, wenn man den Himmel erreicht.
  • “Understand“
    Relativ konventionelle SF, ein bisschen “Baby is Three”, ein bisschen Scanners? Viel ist nicht hängen geblieben
  • “Division by Zero“
    Wie geht man damit um, wenn die Basis der Mathematik nicht mehr gilt? Keine meiner Favoriten, aber wie eine total ungewöhnliche Geschichte.
  • “Story of Your Life“
    Weiterhin ungewöhnlich. Verfilmt als Arrival, und daher kannte ich die Geschichte schon. Klassische Science-Fiction-Motive, aber mit neuen Aspekten. Und, anders als so viel andere gute SF, alles sehr gut erzählt.
  • “Seventy-Two Letters“
    Wieder ein Favorit. Science Fiction, nur wieder in der Vergangenheit, in einer Steampunk-Welt, mit Golems und Kabbalah und einer gänzlich anders funktionierenden Genetik. Und doch: beste SF.
  • “The Evolution of Human Science“
    Mehr ein Gedankenspiel als eine Geschichte. Wie geht man damit um, wenn ein Teil der Menschheit superintelligent wird? Untersucht wird, wenn ich mich richtig erinnere, nur der Aspekt der Entwicklung der Wissenschaft, insofern ein wenig “Divisin by Zero” zu vergleichen.
  • “Hell is the Absence of God“
    Oh ja. Tolle Geschichte. Wieder beste SF: Was wäre wenn, und dann durchgezogen. Was wäre wenn… es Erzengel gebe, und Gott, aber mehr so alttestamentarisch-weird. Schräg und folgerichtig zugleich.
  • “Liking What You See: A Documentary“
    Eine der konventionellsten Geschichten, wenn auch in einer Reihe von Interviews erzählt, aber auch die hat mir sehr gut gefallen. Es geht um eine Gesellschaft, in der man wählen kann, in der viele wählen, das Empfinden für die Schönheit von einzelnen Menschen abzuschalten. Eine Art Young Adult Fiction, oder habe ich das falsch im Kopf?

Der Podcast, der mich wieder daran erinnert hat:
NYTimes, March 30 (2021) episode of “The Ezra Klein Show.” Transcript: Ezra Klein Interviews Ted Chiang (gibt’s auch bei Youtube, den Podcast)

Was ich daraus an klugen Gedanken mitgenommen habe:

Chiang mag an Superhelden nicht, dass es dabei immer um Helden oder Heldinnen geht, die anders sind als wir, die spezielle Fähigkeiten haben – klüger, stärker, und so weiter; und das könne auch gar nicht anders sein. Da stimme ich ihm zu. Batman mag nominell keine Superkräfte haben, aber de facto natürlich schon. Es gab zaghafte Versuche, etwa einen fünfzehnjährigen Schulbuben zum Superhelden zu machen statt der üblichen Muskelpakete – Spider-Man, um genau zu sein, aber der war bald auch älter und muskulöser, und schon immer supergescheit. Dann gab es Captain Universe – “the hero who could be YOU!” Der war mehr eine Energiewolke, die sich mal über den einen, mal über den anderen Menschen senkte und den oder die zu Captain Universe machte, immer mit den gleichen kräften und dem gleichen Kostüm, aber halt einem deutlich sichtbar anderen Menschen darunter. Auch Tante May war mal Captain Universe, glaube ich.

Chiang beklagt, dass Superhelden und ‑heldinnen fast immer gegen Superschurken kämpfen und nie gegen das Übel, das durch das gesellschaftliche System verursacht wird. Er gibt zu, dass das anders sein könnte, aber selten ist – weil das alles Serienfiguren sind, und deshalb die Welt immer gleich bleiben muss. Klar: Wenn die Superhelden den Kapitalismus abschaffen oder auch nur die Umweltverschmutzung, dann ist die Welt danach anders als zuvor und nicht mehr unsere Welt. (So etwas kann eine Serie wie Perry Rhodan machen, die schon bald aufgehört hat, in unserer Welt zu spielen, und zumindest ein bisschen die Übel unserer Welt angeht – allerdings auf andere Art dennoch unveränderlich ist, weil der Leser und die Leserin ja doch nur die Illusion von Veränderung wollen, aber keine tatsächliche.) – Das fand ich alles sehr klug von Ted Chiang. Es gab mal eine kurze Reihe von Heften, in denen die Squadron Supreme, eine Gruppe von Superhelden und Superheldinnen mit kurioser Entstehungsgeschichte, die Regierung ihrer Welt – die nicht die unsere ist, sondern eine Parallelerde – übernehmen, nur kurz und nur zu ihrem besten. Geht natürlich nicht gut als.

Außerdem wird Chiang zu Clarke’s law gefragt: “Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.” Das gefällt ihm nicht – weil für ihn Magie etwas ist, das nur speziell Befähigte einsetzen können, Geheimwissen, oder wie bei den Superhelden; während Technik früher oder später für alle da ist: kaum ist ein Handy erfunden, hat auch schon jeder eines. Vielleicht habe ich Chiang nicht ganz verstanden, jedenfalls sehe ich das nicht so eng wie er. Den Hintergrund zu diesem, dem dritten der Clarkeschen Gesetze, kenne ich nicht; aber für mich war das immer ein Hinweis auf typische Geschichten der 1950er Jahre, noch vor Clarkes Rendezvous with Rama: ein außerirdisches Artefakt, oder eine Artefakt aus der Zukunft, landet bei Menschen von heute; die glauben erst, wunder was damit anfangen zu können, aber es geht doch alles in die Hose. Und dann ist klar, dass es nur ein solches Artefakt gibt, und nur einen, der es nutzen kann und damit wieder so eine Art Superheld oder Magier wird. Und deswegen ist das wie Magie auch eben nicht für alle und jeden.

Wenn ich wieder Zeit zu lesen habe – im Moment sind mündliche Abiturprüfungen, die letzte, diese und wohl auch noch die nächste Woche – freue ich mich auf den zweiten Geschichtenband von Ted Chiang.

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