TDDL 2021

Leider zu spät daran gedacht, sonst hätte ich das vor ein paar Tagen hier geschrieben: Gestern, heute und morgen sind die jährlich stattfindenden Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, in deren Rahmen der Ingeborg-Bachmann-Preis (Wikipedia) verliehen wird.

Jeder Kandidat, jede Kandidatin wird dabei in einer Stunde präsentiert: Nach einführenden Worten wird ein Vorstellungsvideo gezeigt, daraufhin lesen Autor oder Autorin fünfundzwanzig Minuten aus ihrem Werk (dieses Jahr auch das per aufgezeichnetem Video), worauf sich die Jury darüber live darüber unterhält. Passt wunderbar in einer Schul-Doppelstunde. Alle Jury-Mitglieder hatten Gelegenheit, vorher den Text zu lesen; der Autor oder die Autorin sind während der Diskussion dazugeschaltet, diskutieren aber nicht mit, sondern müssen nur zuhören. Das Publikum, im Saal oder im Wörthersee, also: irgendwo draußen um das Studio herum, wohin die Aufnahme übertragen wird, hört die Texte zum ersten Mal. Das Publikum ist wichtig, es gibt regelrechte Schlachtenbummler, und in zwei Jahren hätte ich endlich mal Zeit, auch dazu zu gehören.

Es kann für eine Klasse schon interessant sein, da zuzuhören. Heute hatte ich eine passende 10. Klasse in Deutsch: eine Viertelstunde Organisatorisches und einleitende Worte, dann begann um zehn Uhr der Live-Stream – denn inzwischen wird das nicht nur im Fernsehen übertragen, sondern auch im Internet: Hier gibt es die Portraits, Lesungen und die Diskussionen auch zum Nachhören. (Aber live ist für die Schule schon spannender.)

Wir hatten Glück: Die Geschichte und Lesung von Leander Steinmann, “Ein Fest am See” (hier der Text), war für die Schule und diese Jahrgangsstufe sehr geeignet: Nicht experimentell, nicht verwirrend, weitgehend linear, leicht verständlich, ein paar lustige Stellen. Keine Sexszenen. Der Autor stellte sich vor (das Wort “entdeckte” fiel oft) und las sehr gut. Währenddessen schrieb ich meine Meinung versteckt an die Tafel, weil ich als Deutschlehrer gerne eine Meinung habe und die unbedingt teilen muss. Und das nach der Diskussion zu machen, ist wenig sportlich.

Die Diskussion war dann interessant, fast durchgehend auf einem Niveau, dem eine 10. Klasse gut folgen kann. Das Gespräch war von Inhalt und Stil nicht gar so weit entfernt von dem, wie wir uns in der Schule über Literatur unterhalten. Und die Juroren und Jurorinnen hatten unterschiedliche Schwerpunkte und unterschiedliche Meinungen! Das ist immer lehrreich zu hören; wenn ich als Lehrkraft sage, dass man das so oder so sehen kann, und dass ich das vielleicht anders sehe als eine Schülerin oder ein Schüler, dass das dennoch nicht heißt, dass ich Recht habe und die anderen nicht – dann weiß ich nie, ob die mir das auch wirklich glauben. (Wenn etwas gar nicht stimmt, dann sage ich das natürlich auch.)

Ich sah vieles anders als die meisten Jury-Mitglieder, aber meine Klasse war größtenteils bei mir: Der Erzähler war ein Depp, vereinfacht gesagt, und die Geschichte machte nicht klar genug, dass deshalb seine Meinung über andere Menschen arg gefärbt war.

Schön wäre noch gewesen, den Twitter-Hashtag #tddl nebenbei laufen zu lassen. Auf Twitter werden die Textvorstellungen nämlich rege und in Echtzeit diskutiert, aber dazu hätte ich vielleicht mehr Beamerfläche gebraucht und wahrscheinlich die Klasse mit zu viel Input überfordert.

2 Antworten auf „TDDL 2021“

  1. Finde ich prima, dass Du das in den Unterricht einbaust. Ich schaue auch meist, wenn die Zeit es zulässt. Und habe in den vergangenen Jahren Frau Kaltmamsell im Publikum entdeckt.

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