Der IT-Imperativ

Hessen stellt für das Abitur in Informatik in Java Namenskonventionen auf: Java-Styleguides der Abiturkommission, orientiert an anderen Konventionsgebern. Vieles davon ist sinnvoll. Aber an folgende, auch in Bayern verbreitete Regelung halte ich mich schon einmal nicht:

Attributnamen beginnen im Englischen immer mit einem Kleinbuchstaben und im Deutschen mit einem Großbuchstaben, da sonst gegen die Lesegewohnheiten verstoßen wird. Ich ergänze: da sonst auch gegen die Rechtschreibung verstoßen wird. Im Deutschen beginnen Substantive wie Alter, Gehalt und Verbrauch mit einem Großbuchstaben. Im Informatikunterricht diese mit Kleinbuchstaben beginnen zu lassen, ist im Sinne des sprachsensiblen Fachunterrichts vollkommen kontraproduktiv.

via Twitter: https://twitter.com/a_siebel/status/1401618841533358084

Meine Attributsbezeichner haben auch im Deutschen einen Kleinbuchstaben vorn, in Java und in Python. Warum: müßig. Ich habe auch nichts dagegen, wenn andere das anders machen, aber dann bitte mit legitimen Begründungen. Das mit der Rechtschreibung und dem sprachsensiblen Fachunterricht halte ich für Humbug. Dass diese Nichtsprachler immer meinen, für ihren völlig legitimen Geschmack fachwissenschaftliche Argumente heranziehen zu müssen. Die Richtlinien gehen dann ja auch so weiter:

Operationsnamen beginnen in der Regel mit einem Verb, gefolgt von einem Substantiv, z. B. zeigeFigur, leseAdresse und heißen getAttributname bzw. setAttributname, wenn nur ein Attributwert eines Objektes gelesen bzw. gespeichert wird. Wenn eine Operation mehr macht als nur Attributwerte zu lesen oder zu speichern, wird get bzw. set durch z. B. gib und setze ersetzt.

Abgesehen von dem get-gib-Mischmasch sagt der sprachsensibel Unterrichtende in mir: Der Imperativ Singular von “lesen” ist “lies”. Es müsste heißen, wenn man hier Richtigkeit einfordert, liesAdresse. Klar ist hier nur von Verben die Rede, ohne eine bestimmte Form des Verbs zu nennen – aber in allen Beispielen und in der Konvention geht es immer um den Imperativ Singular – gelegentliche Hilfsverben allerdings in der 3. Person. Die Form “lese” ist, hm, vielleicht Konjunktiv I? Im Spanischen wird zumindest bei der verneinten Befehlsform das Konjunktiv-Äquivalent verwendet, das wäre also schon denkbar. Aber wahrscheinlich ist es einfach so, dass sich der ursprüngliche Konjunktiv des starken Verbs “lesen” der Form eines schwachen Verbs annähert. So wie: Hören/hör(e), springen/spring(e), setzen/setz(e), zeigen/zeig(e) – und dann eben auch lesen/lese. Aber nie “lese”, komisch. Etwas stabiler sind ähnlich starken Verben geben und nehmen – obwohl da der Konjunktiv des Kochbuchs auch schon imperativische Bedeutung hat: “man nehme”, und “gebe Antwort” habe ich sicher auch schonb öfter gelesen, nämlich: in der IT.

Ich gebe nämlich der IT die Schuld. Da lese ich nämlich, wie im Beispiel oben, fast nur von “lese” – lese die Anleitung, lese auf Seite 4 nach, auch auf schlecht übersetzten GUI-Buttons steht dann mitunter mal “lese”. Fehlt nur noch eine Kampagne: “Lese öfter mal ein Buch!”

Tatsächlich habe ich mit dem Sprachwandel an sich kaum ein Problem. Und gerade starke Verben nehmen immer mehr schwache Konjugationsmuster an, es gibt sehr viele Mischformen. Und so ist heutzutage, vielleicht, der Imperativ von “lesen” tatsächlich auch schon “lese” – ich traue mich nicht, nachzuschlagen.

Vielleicht kann die IT auch gar nicht so viel dafür und das ist bei, sagen wir, den Fischern ähnlich verbreitet. Ich lese halt mehr IT-Texte statt Angelsport-Material. Und vermutlich bin ich halt nur als Deutschlehrer so pingelig. Andererseits: Siehe oben.

2 Antworten auf „Der IT-Imperativ“

  1. ‘Fehlt nur noch eine Kampagne: “Lese öfter mal ein Buch!”’
    Genau das fand H. beim Antritt an seiner neuen Schule damals an der Seitentafel einer Klasse – schön laminiert.
    Eine Viertelstunde später stand dort “Lies …”.
    Nein, Du bist nicht pingelig. Ich bin kein Germanist, aber mir sträuben sich die Haare, wenn ich so etwas “lies”.

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