Alternative zur Pubertät

Die 80er Jahre waren eine schöne Zeit für mich, trotz allgemeiner Endzeitstimmung. (Vor ein paar Tagen im Fernsehen kurz in Terminator hineingeschaut. Hat sich gut gehalten, aber mir fiel auf, wie kaputt und düster doch die Welt im Film war – nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart. Das gilt für viele Filme der 80er, denke ich.)
Zu Beginn des Jahrzehnts hörte ich auf, die Micky-Maus-Bastelbögen zu basteln, und Reagan wurde Präsident, zum Ende studierte ich an der Universität und die Mauer war gefallen.

Dazwischen hatten andere Pubertät und ich trieb Fandom.

Fandom hieß:

  • Clubs gründen (1981 die Erweiterung des „SFC Terraner Union/S.I.“ zum „PR/SFC Galactic Union“ – immerhin waren wir schon fünf Leute)
  • Fanzines herausgeben (Parsec brachte es auf fünfzehn Ausgaben oder so, liebevoll getextet, gezeichnet, handkopiert und -geheftet)
  • mit anderen Clubs und Fans Kontakt halten (und das hieß: Briefe schreiben, vier, fünf, sechs, acht pro Woche, manchmal mit Hand, meistens mit Schreibmaschine, gerne auf selbst entworfenem Briefpapier)
  • die Fanzines von anderen Clubs und Einzelpersonen lesen, Leserbriefe schreiben, neue Clubs gründen
  • immer wieder Texte schreiben, Briefe schreiben, zeichnen
  • Leute besuchen: in Augsburg, Frankfurt, Darmstadt, Warstein-Suttrop, Saarbrücken, Freudenstadt, Köln, Düsseldorf
  • auf Cons gehen.

Dass das ganze Science Fiction oder später auch Rollenspiele zum Inhalt hatte, ist gar nicht so wichtig. Zum Verständnis wichtiger ist mein:

Kleines Lexikon des Fandoms
(mit Vergleichen zur Bloggerszene in Deutschland, so wie sie mir auffallen)

Fanzines (Blogs): Es gab sie kopiert, im Offsetdruck oder Umdruckverfahren. Sie erschienen regelmäßig oder unregelmäßig oder waren oneshots, sie waren mit Clubs verbunden oder Einzelpersonen, sie waren liebevoll entworfen und/oder amateurhaft im Design, sie waren auf ein bestimmtes Thema bezogen oder enthielten alle möglichen interessanten Einzelheiten. („Egozine“ hieß das dann.) Abonnieren konnte man sie auch, aber sie kamen nicht per Feedreader, sondern mit der Post.

Die Post (Internet): Fanzines bekam man mit der Post zugestellt. Über Fanzines und Briefe erfuhr man von weiteren Fanzines.

Die Großen Namen (A-Blogger): Sie hießen zwar nicht so, aber es gab eine Reihe von Namen, die jeder kannte und deren Produkte jeder las. Benchmarks. Gelegentlich sehe ich ihre Namen noch im WWW.

Cons (Bloggertreffen): Es hieß der Con, zumindest in meinem Sprachraum, nicht die Con, wie es ganz fälschlich und immer öfter anderswo hieß. Das war so ähnlich die der Unterschied zwischen „der Blog“ und „das Blog“. Man mietete sich ein Jugendheim, Pfadfinderheim, irgendein Haus mit Küche und Stockbetten (im Karlshof sogar dreistöckig). Dort schlief man wenig und vor allem nicht nachts, aß gut, schaute die neuesten Videofilme, unterhielt sich und spielte.

Pubertät: Ein bisschen Pubertät war auch dabei, zugegeben. Aber die machte man unter sich aus, innerhalb des Fandoms. Erstes ernsthaftes Rumgeknutsche auf dem Con in Göggingen, die eine Silvesternacht im Karlshof, mit Alex und Katja und Karl-Heinz und Anja und so weiter.

Verständnisvolle Eltern: Wir waren 15 oder auch schon 17 und fuhren über verlängerte Wochenenden in gemietete Jugendheime ohne irgendwelche nennenswert Erwachsenen. Wir übernachteten bei fremden Leuten und deren Eltern, die oft recht flexibel sein mussten. (Udo: „Ich dachte, ihr wolltet Ostern kommen.“) Und unsere Eltern nahmen kurzfristig Häufchen von fremden – sehr fremden – Jugendlichen auf. Überhaupt konnte man zum Beispiel jemanden in Darmstadt anrufen, mit dem man vielleicht drei, vier Briefe gewechselt hatte und den man sonst aus den Fanzines kannte, und um Unterkunft für sich und zwei Freunde bitten, weil man auf dem Weg ins Sauerland eine Übernachtungsmöglichkeit brauchte. Und das ging, und man hatte wieder jemanden persönlich kennengelernt.

Tonbrief: (nachgetragen) Eine Frühform des Podcasts. Robert V. zum Beispiel schrieb keine Briefe, sondern sprach alles auf Kassette und schickte die Kassette dann per Post ab. Eine Kassette von Claudia und Tim habe ich noch, muss mal reinhören.

gafia sein oder gehen: „get away from it all“ => Blogmüdigkeit

— Ich treibe mich ja kaum in der deutschen Bloggerszene herum; ich lese fast nur berufsbezogene Blogs oder die von Leuten, die ich persönlich kennengelernt habe. Aber wenn ich von Bloggertreffen erzählt bekomme oder davon, wie man Leute kennen kann, die man nie gesehen hat, dann fühle ich mich immer sehr an meine Fandomzeiten erinnert.

Mehr von früher:

* alte Zeichnungen
* Clubräume
* Rollenspiel-Videosünden
* Filk

Nachschlagewerke, die ich von A-Z gelesen habe

Zu den sechs kuriosen Dingen über mich als Nachtrag meine kleine Liste der Nachschlagewerke, die ich von A-Z gelesen habe.

In keiner besonderen Reihenfolge:

  • The Penguin Dictionary of Modern Humorous Quotations. Compiled by Fred Metcalf. (319pp)
  • Very interesting… but stupid. A book of catchphrases from the world of entertainment. Compiled and introduced by Nigel Rees. (160pp)
  • Frankensteins Gruselkabinett von A-Z. Carey Miller, Schneider-Buch. (128pp)
  • Imaginary People. A Who’s Who of Modern Fictional Characters. David Pringle. (518pp)
  • On the Air. The Encyclopedia of Old-Time Radio. John Dunning. (822pp)
  • Oulipo Compendium. Edited by Harry Mathews & Alastair Brotchie. (333pp)
  • The Oxford A to Z of Word Games. Tony Augarde. (249pp)
  • King Kong, Spock & Drella. Was sie schon immer über amerikanische Pop-Kultur wissen wollten. Denis Scheck. (358pp)
  • The Traditional Games of England, Scotland, and Ireland. Alice B. Gomme. (2vols, 433pp and 531pp)
  • Lexikon des Kriminalfilms. Meinolf Zurhorst. (362pp)
  • Lexikon des Science Fiction Films. Ronald M. Hahn/Volker Jansen. (1037pp)
  • Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur. Alberto Manguel und Gianni Guadalupi. (400pp)
  • The Penguin Encyclopedia of Horror and the Supernatural. Jack Sullivan. (482pp)
  • Lexikon der phantastischen Literatur. Rein A. Zondergeld. (314pp)
  • 100 Years of American Newspaper Comics. An Illustrated Enyclopedia. Maurice Horn. (413pp)
  • Kleines Wörterbuch des Kostüms und der Mode. Claudia Wisniewski. (282pp)
  • Kleines Wörterbuch der Architektur. (144pp)
  • Complete World Bartender Guide. (462pp) Ein Beispiel für mehrere Cocktailbücher. Erschienen 1978
  • William Safire, Safire’s Political Dictionary. (829pp) (Updated and expanded edition 2008)
  • Craig Conley, Magic Words. A Dictionary. (352pp)

Nicht aufgenommen habe ich vergnügliche, alphabetische Bücher, die zu wenig Nachschlagecharakter haben – The Meaning of Liff natürlich, Lost Worlds von Michael Bywater, The Devil’s Dictionary von Ambrose Bierce, Dummdeutsch von Eckhard Henscheid, Das Chasarische Wörterbuch von Milorad Pavić und The Future Dictionary of America. Ebensowenig R.C. Bell, Board and Table Games from Many Civilizations. Revised Edition. Two volumes bound as one, da das Buch nicht alphabetisch, sondern nach Spiel-Arten sortiert ist. Nicht aufnehmen konnte ich einige Bücher, die ich nicht mehr habe, insbesondere den geschätzten Lexikonband Zitate und Sprichwörter aus dem Bücherregal meiner Eltern.

Für ein Stöckchen ist das wohl etwas zu speziell.

Gehört und gelesen: Podcasts & Superhelden 2

Der zweite Podcast aus den letzten Tagen ist Escape Pod – ein kommerzieller Science-Fiction-Podcast mit einer Kurzgeschichte pro Woche und ein paar Minuten redaktionellem Beitrag, ein SF-Audio-Zine sozusagen. Vorgelesen werden die Geschichten von erfahrenen Sprechern.
Die Texte stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz (attribution/no derivatives/non-commerical): Man muss die Quelle nennen, darf kein Geld damit verdienen und das Material nicht bearbeiten, also etwa ausschneiden oder abschreiben. Aber man darf es weitergeben, kopieren, verteilen, auf seine Webseite stellen, verschenken.

Das alles ist kostenlos, aber wem es gefällt, der darf gerne bei PayPal spenden. Fünf Dollar pro Monat werden vorgeschlagen. Autoren kriegen pro angenommener Geschichte immerhin 100 Dollar. (Auf der Seite steht noch etwas von 50 Dollar, aber im letzten Podcast wurde die Erhöhung der Summe bekannt gegeben.)
Ich habe mal 20 Dollar gezahlt. Ob das ein realistisches Geschäftsmodell ist, weiß ich nicht; es ist auch nicht mein Problem. Jedenfalls sind diese zwanzig Dollar schon mal Geld, das sie von mir gekriegt haben, das sie sonst nie gesehen hätten. (Hätte ich auch gespendet, wenn ich das hier nicht posten würde? Hm.)

Und ich habe dafür Science-Fiction-Kurzgeschichten gehört. Kurzgeschichten lese ich sonst fast keine mehr. Ihre große Zeit ist seit den 1950er Jahren wohl vorbei, ob Science Fiction oder nicht. Aber vielleicht kommt durch Podcasts und MP3-Player eine Renaissance: Denn für dieses Format sind Kurzgeschichten bestens geeignet. Romane möchte ich eigentlich nicht als Podcast hören, ich mag kurze Podcasts viel lieber als lange.

Eine Reihe von Geschichten hat mir besonders gefallen: Die Union-Dues-Geschichten, und damit komme ich endlich zu den Superhelden. Wenn man auf Escape Pod nach dem Autor, Jeffrey R. DeRego sucht, findet man die Union-Dues-Geschichten „The Baby and the Bathwater“, „Off-White Lies“, „Iron Bars and the Glass Jaw“. Die Geschichten spielen in einer Welt, in der Superhelden zum Alltag gehören. Sie sind wenig beliebt bei den normalen Menschen und gehören alle zur Superhelden-Gewerkschaft – wer da nicht mitspielen will, muss ins Hochsicherheitsexil. In den Geschichten geht es um Superheldenalltag und rechtliche und moralische Probleme: Eine Repräsentantin der Gewerkschaft will bei einer Familie den zweijährigen Sohn mitnehmen, dessen Superfähigkeiten sich manifestieren. Elektrische Schläge. Früher oder später wird er die Eltern versehentlich umbringen. Trotzdem weigern sie sich, den verlockenden Worten der Superheldin zu folgen (deren Eltern selbst damals nicht so sehr an ihrem Kind hingen).

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In den letzten fünfzehn Jahren hat es einige dieser Geschichten gegeben, die den Alltag der Superhelden untersuchen oder genauer hinschauen, wie eine Welt mit Superhelden wohl funktionieren würde. Eine der ersten war Damage Control von Marvel Comics, zuerst eine einzelne Geschichte, dann eine Reihe von Miniserien über die Firma „Damage Control“: Das sind die Leute, die nach den großen Kämpfen zwischen Helden und Schurken in New York aufräumen. Mit Bulldozern und Kränen, Architekten, Gutachtern und jeder Menge Anwälte werden herumliegende Riesenroboter entsorgt. Ein gefährlicher Job, immer wieder kommt es zu Unfällen, wenn ein Arbeiter über ein außerirdisches Artefakt stolpert und selber zum Superhelden mutiert. „We lose more employees this way…“ (seufzend, Zigarre kauend, bei Zentrale anrufend) „One of my men just had an origin.“

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Dann gibt es noch Top 10 von Alan Moore. Die Prämisse: Jeder, aber auch wirklich jeder in der Stadt hat Superkräfte (und ein Kostüm). Der Rest ist pure Polizeiserie: Eine Crew von Polizisten versucht, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Korrupte Vorgesetzte, neue Kollegen, Probleme mit den Ehepartnern, Kriminalfälle.

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Die beste Serie ist allerdings Astro City von Kurt Busiek. In dieser Welt sind Superhelden nicht alltäglich, aber auch nicht außergewöhnlich; in Astro City selber – einer Großstadt wie New York – drehen sich oft nur die Touristen nach ihnen um.
Die Erzählungen aus Astro City sind in der Regel Vignetten, keine fortlaufenden Geschichten. Aber aus den Facetten, den wiederkehrenden Charakteren formt sich langsam ein Bild der Stadt, der Welt, der Menschen. Die erste Geschichte ist typisch: Ein Mann träumt, schlafend, vom Fliegen. Er fliegt nackt zwischen den Wolken, frei, glücklich, fliegt genüsslich aund ausgiebig Kurven und Kreise, bis ihn der Wecker aus dem Traum in den Alltag reißt. Er steht auf, fühlt sich etwas alt und müde, wie das morgens gerne mal so ist, und zieht sich dann seine Superheldenuniform an, Typ Superman. (Sehr schön an den Geschichten ist, Busiek schreibt das auch im Vorwort, dass man so viel beim Leser voraussetzen kann. Eine „Furst Family“ wird nur kurz angerissen, aber aus den Fantastic Four weiß man ungefähr, was das alles mit sich bringt. Der Samaritan gehört zur Superman-Klasse, muss man gar nicht groß erklären, was das alles bedeutet.)
Den Rest der Geschichte saust er mit Überschallgeschwindigkeit durch die Welt und rettet Menschen, hält Termine ein, verhindert Katastrophen. Zwischendrin läuft immer wieder eine Stoppuhr mit, und man merkt erst nach und nach, was da gezählt wird. Am Schluss des Tages fällt der Held wieder todmüde in sein Bett. 56 Sekunden waren es an diesem Tag, 56 Sekunden in der Luft, fliegend, „best day since March“. Und er schläft und träumt wieder vom Fliegen

Einen Hauch von Realismus findet man zur Zeit auch bei Marvel Comics. Civil War ist das große Ereignis des Jahres 2006, das sich durch fast alle Serien zieht: Die Regierung hat beschlossen, dass sich alle Superhelden registrieren müssen, mit Namen und Adresse. Menschen mit Superfähigkeiten seien einfach zu gefährlich für die Allgemeinheit, als dass man sie unbeobachtet lassen könnte. (Diskussionen unter Fans: Wer wäre denn für eine Zwangsregistrierung, wenn es tatsächlich Superfähigkeiten gäbe, wer dagegen? Immerhin interessanter als die Frage, wer stärker ist, Thor oder Hulk.)
Die eine Hälfte der Superhelden ist für die Registrierung, die andere Hälfte dagegen. Die Fronten verhärten sich, Peter Parker als Spider-Man steht noch auf der Pro-Registrierungs-Seite (zusammen mit Tony Stark) und hat sogar freiwillig seine Identität veröffentlicht, wird aber früher oder später wohl zur Kontra-Seite (mit Captain America) wechseln. Viele gute Ideen, aber schade, dass manche Charaktere sich so völlig anders verhalten, als ihre 20- oder 40jährige Vorgeschichte erwarten lässt. Da haben es sich manche Autoren zu einfach gemacht.

Kazuo Ishiguro, Never Let Me Go

(Buchbesprechung mit minderen Spoilern.)

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Kathy erzählt aus ihrem Leben: Wie sie in Hailsham mit Tommy und Ruth und den anderen aufwuchs, einer Bestimmung entgegen. Kathy ist carer, sie kümmert sich um ihre donors. Beides ist für Kathy so selbstverständlich, dass sie nicht darüber nachdenkt und dem Leser diese Begriffe auch nicht erklärt. So findet man sich nur nach und nach zurecht.

Aber auch für weniger geübte Science-Fiction-Leser ist das eine leichte Übung: Diese Kinder, students genannt, wachsen gängiger Praxis nach als geklonte und wandelnde Organreservoire für ihre Originale auf. In einer besonderen Schule abseits der anderen Menschen werden sie auf dieses Schicksal und ihre Sonderrolle vorbereitet und akzeptieren sie als ganz natürliche Bestimmung. Ausbrüche wie bei Logan’s Run stehen nicht zur Diskussion.
Das alles spielt sich im Hintergrund ab, vieles steht zwischen den Zeilen, darunter das wenige, was man über diese Welt erfährt („England, late 1990s“). Den Hauptteil bestreiten Kathys Erinnerungen an das gemeinsame Aufwachsen – Kindheitserlebnisse, Probleme als Teenager, Eifersüchteleien, Zuneigung, Wärme, Vertrauen, Ehrlichkeit, der kleine alltägliche Verrat. Alles vor dem Hintergrund der außergewöhnlichen, aber als normal akzeptierten Umgebung.
Später kommen die ersten Ausflüge in die Welt der anderen Menschen dazu. Auf diese Welt werden die Kinder nur oberflächlich vorbereitet, sie werden dieses Leben nie führen, nie in einem Büro arbeiten oder gar Reisen unternehmen.

Kathy ist nicht gerade die strukturierteste aller Erzählerinnen. Immer wieder greift sie voraus, verweist auf spätere Erklärungen. Das ist verständlich und betont die personale Erzählweise. Es führt aber dazu, dass ich mich unwillkürlich ein wenig ärgerlich frage, ob Kathy nicht vorher ein bisschen mehr überlegen hätte können, bevor sie diese Geschichte erzählt. Wann und wem erzählt sie überhaupt die Geschichte? Das frage ich mich bei vielen Romanen, je Ich-Erzähler, desto mehr.

Wiedererkannt von Remains of the Day habe ich die Erzählperspektive: Der Rückblick in die Vergangenheit, das Geschehen auf zweierlei Zeitebenen. Noch typischer das Motiv der Verleugnung, des Selbstbetrugs, der scheinbar freiwilligen und doch aufgezwungenen Selbstaufopferung.

Das Buch hat mir gefallen, aber dem allgemeinen Beifall kann ich mich nicht vorbehaltlos anschließen. Zum einen fand ich das Buch zu lang. Gute Idee, sehr gute Ausführung, aber nichts, was einen Roman erfordert. Eine Kurzgeschichte hätte gereicht.1
Zum anderen ist das Buch keine Science Fiction, und das gereicht ihm zum Nachteil. Es geht in diesem Buch trotz der Prämisse nicht ums Klonen, nicht um dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Es geht überhaupt nicht um eine Gesellschaft. Es geht um Kinder, die ohne Eltern aufwachsen und sich in einer fremden Welt zurecht finden, um Liebe, Freundschaft und Beziehungen zwischen Menschen.
Science Fiction dagegen funktioniert so2: Man hat eine Prämisse, so wie hier: „Wie wäre es, wenn man Menschen klonen könnte und die Klone als Ersatzteillager in speziellen Schulen aufwachsen ließe, wo sie auf ihren späteren Gebrauch vorbereitet werden und ihn akzeptieren lernen?“ Und dann überlegt man, wie sich diese Kinder wohl fühlen. Aber man überlegt auch, wie die Gesellschaft mit diesen Klonen umgehen würde. Wie die Werbung aussähe, wer sich das leisten könnte – Luxus- oder Massenware? Man spielt immer weiter mit dieser Idee herum, bis man stolz dem Leser zeigen kann, was man alles gefunden hat. (Was man nicht überlegt, ist, wie das ganze technisch funktionieren könnte.)
Ishiguro beschreitet diesen Weg nicht, was sein gutes Recht ist. Ein paar Andeutungen in diese Richtung gibt es allerdings: So wird besonderer Wert auf die körperliche Gesundheit der Kinder gelegt. Rauchen ist für die anderen Menschen schon schlecht, aber für sie selber geradezu verwerflich, da sie sich ja gesund halten müssen für den Einsatz. Und in einem Kapitel zum Schluss erfährt man tatsächlich viel mehr über die Hintergründe der Welt als im Rest des Buches. Aber die Hauptsache ist das nicht.

Dann mal doch wieder mal Do Androids Dream Of Electric Sheep? lesen, auch wenn das einen anderen Schwerpunkt hat.

1 Ich musste mehrfach an diese eine Geschichte aus Ellisons Dangerous Visions denken. Längeres Blättern hat ergeben, dass es Again, Dangerous Visions Vol. 1 war: „In the Barn“ von Piers Anthony. 28 Seiten mit unvergesslichen Bildern. Auch eine Zuchtanstalt für Menschen. Danach möchte man Vegetarier werden.

2 Science-Fiction-Leser, zumindest zu meiner Zeit damals und in den Generationen zuvor, liebten es, Definitionen für Science Fiction abzugeben. Das macht Spaß und schärft den Verstand. Natürlich und zu Recht wird in jeder künftigen Literaturgeschichte der Science Fiction auch dieses Buch vertreten sein. Wir reißen uns alles unter den Nagel, was von der Literaturkritik anerkannt ist.

Comics bei Estara

Ich habe eine Erbschaft gemacht.

So habe ich es jedenfalls meinen Nachbarn und dem Hausmeister erzählt, die mich beim Ausladen dieser Kartons aus dem Auto erwischten:

Immerhin 25 Kartons, ein ganzer Kombi voll, Rücklehne umgeklappt, aber nach oben noch gut Platz.
Tatsächlich habe ich die Kartons und ihren Inhalt nicht geerbt; die ehemalige Besitzerin Estara lebt und erfreut sich noch, aber eben nicht mehr an den Kartons.

Also lieh ich mir das Auto meiner Eltern und fuhr ganz allein Richtung Nürnberg, etwa zwei Stunden lang. Das Auto hatte ein Satelliten-Navigationssystem und es war das erste Mal, dass ich das nicht als Beifahrer erlebte, sondern mich selber danach richten konnte. Ich hatte zwar ausgedruckte Karten und Wegbeschreibungen und Atlanten dabei, aber ich bin ein eher unsicherer Navigator. GPS ist sehr praktisch und reine Science Fiction, führt aber dazu, dass ich mich ohne gar nicht mehr orientieren kann.
Bei Estara luden wir die Kartons in den Wagen und gingen dann noch ein Häppchen essen. Vielen, vielen Dank für die Kartons, Estara! So sahen sie bei mir im Zimmer aus:

Die ersten Tage hatte ich kaum Zeit, aber bald ging es ans Auspacken und Sortieren. In fünf der Kartons waren amerikanische Roman-Taschenbücher, an denen mein Interesse geringer ist, aber die restlichen Kartons enthielten amerikanische Comics. Comics, Comics und Comics.
Ein kleiner Teil stammt aus verschiedenen Independent-Verlagen, ein großer Teil ist Marvel (und zwar fast das ganze X-Universum), und der größte Teil DC: Superman, Batman, Green Arrow, Wonder Woman, Catwoman, Robin, Nightwing, Teen Titans, Legion of Super-Heroes. Alles von etwa 1987 bis 1997, ein zugegebenermaßen unglückliches Comic-Jahrzehnt, vor allem bei Marvel. Deshalb bin ich sogar froh, dass ein Großteil der Comics von DC ist.

Hier sieht man mich, wie ich zu sortieren beginne:

Sortieren ist etwas, das mir großes Vergnügen bereitet. Inzwischen sind alle Serien sortiert und erfasst. Bald geht es daran, die Listen in den Computer zu tippen. Sammler machen so etwas. Und dann muss ich die Hefte natürlich auch noch lesen – wenn auch vermutlich nicht alle. Einige der Independents werde ich zu ebay geben, ebenso die doppelten Hefte. Dem Rest werde ich ein Heim bieten. Deshalb hat Estara mir die Comics auch geschenkt: Sie selber hatte kein Interesse mehr daran, und der Markt in Deutschland ist klein, eBay mühsam. Da ist es schöner, wenn man seine Sammlung in gute Hände geben kann.

So ähnlich geht es mir auch. Noch erfreue ich mich an meinen Büchern und Comics. In dreißig oder vierzig Jahren werde ich auf viele davon verzichten können, aber was mache ich dann damit? Geld brauche ich nicht, ich verschenke oder vererbe die Sachen gerne.

„Wer mit dem meisten Spielzeug stribt stirbt, hat gewonnen,“ sei das Credo unserer Gesellschaft, meinte Neil Postman kritisch. So lange mit dem Spielzeug auch wirklich gespielt wird, kann ich dem Satz tatsächlich noch einiges abgewinnen – aber das ist ein anderes Thema.

 

PS: Wenn ihr von einer Serie, zum Beispiel Wonder Woman (1987), die Hefte 1-37, 39-106 und 108-118 hättet: Würdet ihr dann nicht auch erst einmal die Hefte 38 und 107 besorgen, völlig unabhängig davon, ob einem die Serie gefällt oder nicht? Wenn das mit ein paar Mausklicks geht und gar nicht teuer ist? Schon mal aus Ordnungssinn, meine ich. Da kann man doch nicht anders, oder?

The Time Traveler’s Wife

Die dreifach hochgezogene Augenbraue in Gold für: Audrey Niffenegger, The Time Traveler’s Wife. Ich hatte das Buch einige Wochen im Regal, ohne rechte Lust. „The International Bestseller“ steht vorne drauf, und dass die Autorin eine Künstlerin ist, die in Chicago am College unterrichtet. Und dann habe ich’s gelesen.

Die Prämisse ist wunderbar simpel: Henry leidet an Zeitsprüngen. Immer wieder reißt es ihn aus seiner Gegenwart und er landet, nackt, in der Vergangenheit (ganz selten auch in die Zukunft), oft zu Zeiten und an Orten, die für sein Leben wichtig waren. Nach Minuten oder Stunden reißt es ihn dann wieder zurück in seine Gegenwart, ebenso nackt.

Das hätte die Basis für einen Science-Fiction-Roman sein können. Immerhin sind Zeitreisen ein beliebter und interessanter Topos, dessen Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft sind. Das Buch ist statt dessen die komplizierte Liebesgeschichte von Henry und Clare, die Geschichte zweier Menschen, die sich ständig verlieren und wieder finden.

Clare trifft Henry das erste Mal, als sie 6 Jahre alt ist und er 36. Henry trifft Clare das erste Mal, als er 28 Jahre alt ist und sie 20.

Für Clare stellt sich das so dar, dass, seit sie 6 Jahre alt ist, alle paar Wochen auf einer vom Haus aus nicht einsehbaren Wiese auf dem Anwesen ihrer Eltern ein nackter Mann auftaucht. Mal ist er 40, mal 36, mal 38, mal 32 Jahre alt. Er gibt Clare Nachhilfe in Schulfächern, sie reden viel miteinander, werden Freunde. Clare kriegt mit 15 oder 16 heraus, dass sie und Henry heiraten werden. Sie verliebt sich in ihn. (Er liebt sie schon länger, schließlich ist er seit Jahren mit ihr verheiratet.) Eine Zeitlang taucht Henry dann nicht mehr auf, bis Clare schließlich in ihrer gemeinsamen Zeit zufällig auf ihn stößt.

Für Henry sieht das so aus, dass er schon seit dem Kindesalter immer wieder in die Vergangenheit springt, dort kurz bleibt, und dann wieder zurück springt. Langstreckenlauf wird sein Hobby, und Taschendiebstahl und Einbruch gehören zu seinen nötigsten Fähigkeiten: Schließlich landet er oft genug nackt in der Vergangenheit und muss schauen, wie er zurecht kommt. Henry bringt sich das Schlösserknacken bei. (Genauer: Ein 35jähriger Henry bringt einem 12jährigen Henry das Schlösserknacken bei.) Als er 28 Jahre ist, spricht ihn eine wildfremde Frau auf ihre 12 Jahre lange gemeinsame Vergangenheit an: Clare. Mit der ersten gemeinsam verbrachten Zeit geht die Geschichte dann erst richtig los.

Das Schöne am Buch ist einmal die bezaubernde Liebesgeschichte. Leichter in Worte zu fassen ist allerdings das intellektuelle Vergnügen beim immer wieder neuen Entdecken von unerwarteten Konsequenzen der Prämisse. Henry kann sich begegnen. Viele Henrys können sich begegnen. Clare und Henry teilen gemeinsame Erinnerungen, nur jeweils nicht zur gleichen Zeit. Wieviel darf der alte Henry der jungen Clare (oder einem jüngeren Henry) über die Zukunft verraten? Kann man eifersüchtig auf sich selber sein? Ich verkneife mir mühsam, genauer auf die überraschenden Kombinationen einzugehen.

Das Buch ist umfangreich, über 500 Seiten, aber leicht zu lesen. Es ist keinesfalls kompliziert, der Handlung zu folgen; am Anfang jedes Abschnittes erfährt man die Jahreszahl und das aktuelle Alter von Henry und Clare. Keinesfalls ist das ein Buch, bei dem man kontinuierlich mitdenken oder -rechnen muss.

Exkurs 1: Neben Rilke-Gedichten und ein wenig John Donne ist es vor allem Andrew Marvells „To His Coy Mistress“, das als Motiv durch den Roman zieht. „Had we but world enough and time“. Wunderschönes Gedicht. Einfacher Aufbau, auch was für die Schule. Ich bin dem Gedicht spätestens mit dem Erstlingsroman von Peter S. Beagle begegnet, A Fine and Private Place. Auch in der deutschen Übersetzung als He! Rebeck! bei dtv/Klett-Cotta, damals zumindest, sehr wirkungsvoll. Allerdings geht das Yiddisch gefärbte Amerikanisch einer der Hauptpersonen in der Übersetzung völlig verloren. A Fine and Private Place ist eine schöne, nur ein bisschen melancholische Geschichte um einen Einzelgänger, der seit vielen Jahren auf einem New Yorker Friedhof lebt, mit einem sprechenden Raben als Begleiter. In ihr Leben mischen sich unter anderem ein Geisterpaar, das sich erst langsam an seinen Zustand gewöhnen muss. Ich muss jedesmal an eine Szene im Buch denken, wenn ich Nat King Cole singen höre: „Once on a high and windy hill / In the morning mist, two lovers kissed / And the world stood still“ („Love is a many-splendored thing“).

Exkurs 2: Als Leser mit reicher Science-Fiction-Vergangenheit und Freund von Zeitreisegeschichten frage ich mich: Ist das Buch Science Fiction? (Science-Fiction-Leser versuchen ständig, ihr Genre zu definieren, das gehört einfach dazu.) Asimov meinte: „Schlechte Literatur kann keine gute Science Fiction sein.“ Ich sehe es ein bisschen anders, vielleicht sogar: „Gute Science Fiction darf keine gute Literatur sein.“ He, wenn Asimov nicht erklären muss, was gute Literatur ist, dann muss ich das auch nicht!
Die beste Science Fiction wurde, da sind sich alle einig, im Goldenen Zeitalter der Science Fiction geschrieben. Nur wann dieses golden age liegt, darin sind sich die Leute uneinig. David Hartwell hat 1982 die Antwort darauf gefunden (wobei ich nicht weiß, ob er nicht vielleicht eine noch ältere Quelle zitiert; er nennt jedenfalls keine): „The golden age of science fiction is twelve.“ Einige sagen, das golden age war 1928, andere nennen 1939 oder 1953 – was auch immer man einen im Alter von 12 Jahren begeistert hat, das ist das golden age. Auf Deutsch funktioniert das Wortspiel leider nicht.
Mit 12 oder 14 hätte mich das Buch vermutlich nicht so gefesselt. Und die Bücher, die mir damals so viel gebracht haben, würden mich heute kalt lassen. Natürlich bin ich dennoch froh, dass ich sie gelesen habe; soviel Wundersames hätte ich sonst nie entdecken können, und viele davon habe ich auch heute noch.
Also nein, keine SF, zumindest nach meiner engen idiosynkratischen Definition. Aber einen SF-Hintergrund muss Niffenegger haben. Niemand zitiert sonst so einfach: „The Monkey’s Paw“. („Die Affenpfote“. Kennt ihr doch. Kommt. Kennt ihr doch.)
Ein Kapitel bei Niffenegger heißt „Science Fiction“, aber das muss nichts heißen. Das furiose Springen durch die Zeit brachte mich dazu, mich an Alfred Bester, The Stars My Destination/Tiger! Tiger! zu erinnern. Das ist nicht nur ein Klassiker der Science Fiction, sondern auch ein sehr gutes Buch. (Zaghaftere sollten vielleicht zuerst The Demolished Man von Bester lesen. Mann, bin ich froh, dass ich SF gelesen habe.)
Und letztlich brachten mich die bei Niffenegger verschiedentlich aufgeworfenen Probleme, was eigentlich genau Identität darstellt, dazu, mich an Algis Budrys‘ SF-Roman Rogue Moon zu erinnern. (Nichts zu holen bei Amazon, schade. Gutes Buch. Aber strictly SF.)

Exkurs 3: Muss ich mir schenken, um nicht zu spoilen.

Exkurs 4: Henry, S. 245, wörtliche Rede: „und so wiete“. Personaler Erzähler, S. 168: „und so wiete“. Henry, S. 58, wörtliche Rede: „immer weider“. Kann man das Buch nicht mal vorher einem zeigen, der Deutsch kann? Nur die deutschen Stellen wenigstens? Niffenegger ist ja nicht die einzige, das sehe ich ständig bei amerikanischen Autoren.
(Ich gehe davon aus, dass uns die Autorin nichts damit sagen will, dass sie ihren Erzähler falsch deutsch schreiben lässt. Und ihre Hauptperson schriftlich falsch deutsch reden lässt. Oder soll die falsche Schreibung eine falsche Aussprache bezeichnen?)

Nachtrag: Audrey Niffenegger – Her Site. Schönes Design, aber noch nicht viel Inhalt, aber wenigstens einige Links zu Interviews.

Lee Server, Danger Is My Business

Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines

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Lee Server
Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines, 1896-1953.
San Francisco: Chronicle Books 1993
144 pp.

Wer heißt Clark mit Vornamen, hat eine Festung der Einsamkeit in der Arktis und wird in den stets nach Synonymen ringenden Zeitungen gern als Mann aus (einem bestimmten) Metall bezeichnet? Wem auf diese Frage nur eine Antwort einfällt, der sollte sich schleunigst wieder hinsetzen und seine Hausaufgaben machen.

Hilfreich ist dabei dieses Buch. Es erzählt die Geschichte der amerikanischen pulp magazines, der mit billigsten Druckverfahren und auf billigem, rauhem Papier hergestellten Groschenhefte, deren Blütezeit in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts lag. Auch für die Autoren wurde nicht viel Geld ausgegeben – bei einem halben cent pro Wort fing man an, und arbeitete sich zu einem renommierteren Pulp hoch, wo es das Doppelte gab. Viel mehr Geld gab es dagegen bei den slicks zu verdienen, Zeitschriften auf glattem, glänzenden Qualitätspapier, wie der Saturday Evening Post. Dafür mußte man aber auch Qualität liefern – und vor allem keine Genreliteratur. Also tummelte sich im Bereich der Pulps alles, was sich für Science Fiction – wie das Zeug dann später genannt wurde – interessierte, für Kriminalgeschichten, Western, Fantasy, Liebesgeschichten oder Abenteuer in der Südsee.

Dementsprechend besteht Servers Buch, nach einem einführenden Kapitel, das die Vor- und Frühgeschichte der Pulps behandelt, aus sieben Kapiteln, deren jedes einem Teilbereich der Pulps gewidmet ist: „Horror and Fantasy“, „Adventure“, „Private Eyes“, „Romance and Sex“, „Hero Pulps“, „Tales of Weird Menace“ und schließlich „Science Fiction Pulps“. Dieser letzte Abschnitt ist sicher für viele besonders interessant – es erübrigt sich fast, daran zu erinnern, daß hier alles angefangen hat: Bunte Titelbilder mit halbnackten Frauen, deren Anatomie jeglicher Schwerkraft spottet, tentakelbewehrte Monster, Raumpiraten – aber auch Bloch, Bradbury, Simak, Sturgeon, Asimov kommen aus den Pulps, ebenso wie der verlagstechnisch so geschickte Gedanke der Leserkontaktseiten, wie das amerikanische Fandom überhaupt.

Danger Is My Business ist keine Anthologie von Geschichten aus der Pulpzeit und enthält nur sehr wenige Ausschnitte aus der Literatur. Dafür ist es eine Schatzkammer anTitelbildern, Illustrationen, faksimilierten Seiten, Autorenfotos (darunter das eine Bild von Lovecraft, das eh schon jeder kennt, dafür aber nicht nur die Kopfansicht, sondern ganz). Bunt, bunt, bunt. Der Begleittext ist so ausführlich, daß man dennoch nicht mehr von einem reinen Bildband sprechen kann; er zeigt (auch wirtschaftliche) Zusammenhänge in der Entwicklung der Magazine auf und enthält darüber hinaus köstliche Anekdoten und Details aus dem Leben der Autoren: Walter Gibson schrieb durchschnittlich 10.000 Wörter am Tag für The Shadow, die Figur des Shadow selbst wurde von einem geistig labilen Radioschreiber erdacht, der ein paar Jahre später in einer Absteige in der Bowery umgebracht wurde, Walt Coburn war einer der wenigen echten Cowboys unter den Schreibern von Westernpulps.

Über der Phantastik sollte man jedoch nicht die anderen Kapitel vernachlässigen. Die Faszination der Pulps kommt für mich erst bei den Western-, Abenteuer- oder Liebesgeschichten voll zum tragen. Die sündigen Geschichten mit überraschend freizügigen Illustrationen erschienen in French Night Life oder in der Spicy-Serie: Spicy Detective Stories, Spicy Western, Spicy Adventure, Spicy Mystery. Einzelne Absätze werden zitiert, die sich wirklich köstlich lesen. Und echtere Helden als Doc Savage findet man nirgendwo:

„Nun,“ sagte Doc Savage, „Ich schätze, man könnte es unseren Beruf nennen, Unrecht wiedergutzumachen und Übeltäter zu bestrafen, und dabei bis an die entferntesten Enden der Welt zu gehen, wenn es nötig ist.“
„Das klingt ziemlich dumm,“ sagte Fiesta.
Der Mann aus Bronze gab keine Antwort darauf.

Auch für die Entwicklung der Kriminalliteratur spielen die Pulps eine große Rolle. Hammett und Chandler schrieben beide für Black Mask. Ausschnitte aus älteren Geschichten, vor der Zeit als Carroll John Daly und Dashiell Hammett das Genre revolutionierten, führen einem erst deren Leistung vor Augen.
Mich faszinieren die Pulps einmal wegen dieser Auswirkungen auf die spätere Genreliteratur, vor allem aber wegen der einzigartigen Kombination aus Naivität und Berechnung, aus Kreativität und wirtschaftlichen Faktoren, die sie ausmachen. Die Geschichten sind oft formelhaft – Lester Dent schrieb meist mehrere Doc-Savage-Romane gleichzeitig, an nebeneinanderstehenden Schreibmaschinen -, meist für ein jugendliches oder jedenfalls einfaches Publikum konzipiert; die Autoren schrieben unter Zeitdruck. Es waren archaische, unschuldige Geschichten, man mußte sich keines Klischees schämen. (Desto mehr empört es mich, wenn mir heute in Film oder Buch Unfug vorgesetzt wird, der dieselben alten Klischees bringt, dem aber die Frische und der durchaus nicht immer unfreiwillige Humor der Pulps abgeht.) Ein Autor konnte sich auf hundert Seiten austoben, um sich erst im letzten Absatz wieder auf die Handlung zu besinnen und rasch eine Erklärung für das gesamte Geschehen im Roman zu liefern:

Chandra Lal saw Elise on the street once, desired her, checked up on her, found you, bribed the Calder girl to help him. They took their time. The Calder girl practised until she could imitate the voice of your wife. She was well paid, but not enough to justify the murder of Bergstrom, for which she must pay the penalty as an accomplice. Edna Calder suggested Chandra Lal to Elise. He wasn’t a Hindu. He just made up for the part. He has a record at headquarters a mile long. For crimes, and attempted crimes, of passion…

Und so sind viele der Geschichten heute noch mit Genuß und Belehrung zu lesen; die anderen sind immer noch von historischem Interesse.
Ein abschließendes Kapitel in Servers Buch beleuchtet die letzten Jahre der Pulps und erörtert Gründe für ihren letztendlichen Untergang (etwa den Aufstieg der comic books). Ein Anhang informiert über das Sammeln von Pulps und nennt Adressen, die dabei behilflich sein können; die letzten Seiten enthalten eine Bibliographie und den Index.

Das Buch ist leider im Moment nicht mehr im Druck; man kann es aber unschwer gebraucht finden (etwa bei www.abe.com oder bei Amazon).

Filk

Nach der amerikanischen Volksballade „The Ballad of Jesse James“:

Sauron had some rings, they were very useful things,
And he only wanted One to keep.
But Isildur took the One just to have a little fun.
Sauron’s finger was inside it–what a creep!

CHORUS: Now, Sauron had no friend to help him at the end,
Not even an Orc or a slave. (Orc! Orc!)
It was dirty Frodo Baggins that fixed his little wagon
And laid poor Sauron in his grave.

„Filk music“ hat wohl irgend etwas mit „folk music“ zu tun. Entstanden ist das, sagen wir mal, auf Fantasy- und Science-Fiction-Conventions: Es handelt sich dabei um Lieder, deren Text sich mit dem Fantasy- oder Science-Fiction-Thema des Cons beschäftigt.
Das kann zweierlei heißen: Es gibt einmal Lieder, in denen es um Cons und Fandom geht: Die Anreise, die Verpflegung, die Szene – etwa Come to the SF Con frei nach „Cabaret“, oder Bouncing Potatoes nach „Waltzing Mathilda“. Das ist aber oft nur mäßig interessant. Vor allem geht es nämlich um Lieder, die sich mit den Inhalten der Comics oder Science-Fiction-Serien beschäftigen: Traditionals und aktuelle Hits werden umgetextet. Etwa so:

(Ein Con sieht etwa so aus – das erinnert doch sehr an den Abi-Streich dieses Jahr – alles schon mal gemacht, vor fünfzehn Jahren:)

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Manche Filk-Musiker werden dann auch professionelle Künstler. Die Band „Ookla the Mok“ kommt aus der Filk-Szene und hat schon einige CDs verbrochen.

Meine zwei Lieblingslieder sind einmal Super Powers, in dem es um verschiedene Möglichkeiten geht, Superkräfte zu erlangen. Man kann es sich (neben weiteren Liedern) als mp3 hier herunterladen.

Außerdem gibt es da noch das köstliche Stop talking about comic books or I’ll kill you. Um dieses Lied wirklich genießen zu können, muss man wohl den Blick in den Augen seiner Liebsten kennen, der einem sagt: Es reicht.

„I’m gonna rearrange your face if you continue to debate whether Logan’s claws could pierce Steve Roger’s shield.“

Filk-Songbooks:
Swarthmore Warders of Imaginative Literature
The Virtual Filksing

Terry Pratchett, Thief of Time

1. What happens
2. Why I want to write about it
3. My credentials

thiefoftime

1. What happens:

The Auditors from outside our dimensions audit the Discworld universe. It’s what they do. Ever since humans appeared, things have become much more complicated. The Auditors resent that, but they cannot interfere too much. They find a loophole in the cosmic laws and trick a clockmaker on Discworld into making a Perfect Clock, which measures the tick of the universe. In this universe at least, there is a basic time unit, which is the time for the the briefest possible thing to happen. A clock that measured this tick of the universe could not be part of the universe, but would have to be partly outside – which would mean the end of time, the universe would stop, everything would be frozen still. Happy news for the Auditors: it makes counting and measuring everything so much easier.

A handful of people find out about the Auditor’s plan and try to stop them and their hapless clockmaker. They include:
Miss Susan, a schoolteacher of the old school, and granddaughter of Death
Death himself – who is trying to bring the band together again: himself, War, Famine, Pestilence. They’re all a bit reluctant, having got on with their lives, but for the showdown they all appear: Even the final Fifth Horseman, who left the band for reasons of artisitic differences before they became famous.
Lu-Tze, a history monk from a sort of Discworld Shangri-La. The history monks look after time, collect it and redistribute it. That explains the common feeling of „Wow, is it Tuesday already“. They collect time from schoolrooms and meetings, and if necessary from prehistoric times. Lu-Tze is a common sweeper in the monastery, but the most uncommon monk there. „Is it not written,“ he often begins, but noboy can say for sure, because what he is quoting from is The Way of Mrs Cosmopilite – whose pearls of wisdom include „it won’t get better if you pick at it“. He promotes knowledge of Rule One: „Do not act incautiously when confronting a little bald wrinkly smiling man.“ His hobby is bonsai mountains (complete with glaciers).
Lobsang is his apprentice, and has a very special relationship with Time. He is forbidden to call his master „Master“, who in turn promises never to call him by the name of any insect. People who remember David Carradine in Kung Fu know the setup.

2. Why I want to write about it:

I have been entertained by all Pratchett books so far, if only for a fun read and one or two brilliant ideas per book (stunt linguists pronouncing difficult names, bonsai mountains). This book, I really, really liked. I think this is because it is a science fiction story set in a fantasy world. Bear with me.

One thing is, the story is full of scientific and philosophical concepts. I associate this much more with science fiction than with any other kind of fiction.

There is the question of whether there is a basic time unit, a time quantum. In the book, Time moves like this. From tick to tick, the universe is completely destroyed and completely rebuilt by Time. Consequentially, the philosopher Wen, with whom the book begins and who is said to have understood time, is called the Eternally Surprised. Every morning, every moment, he is continually surprised by trees, sun, people, because he is aware of seeing them for the first time. Much to the annoyance of his disciples, by the way.
When the clock (responsible for the halt of the universe) is destroyed, the hero has to remember everything (but everything), because he then has to rebuild everything to start history again (p. 317). Some feat, eh? I’ll get back to supermen later on.

Early in the book, Lobsang, the thief of time, plummets to his death. Before he hits the ground, time stops, and one of the history monks offers to take him to their monastery. They manage to break his fall by transferring his kinetic energy to a nearby cart, which jumps up into the air as Lobsang falls his final metre (p 58).

The history monks store time in prayer-wheel-like cylinders of varying size. At the beginning and at the end of the book, something is wrong with the complex machinery; there is an accident, but the heroes manage to stop and realign the machine before things come to a nasty end. That’s traditional science fiction fare!
The monks themselves remind me of Arthur C. Clarkes „The Nine Billion Names of God“. It features monks in Tibet or such, who recite all the names of God, that is, all permutations of a number of possible letters in a particular alphabet. Once they have finished this, the world ends. It would have taken them eons, had they not taken advantage of modern science in the form of computers. The story is narrated from the viewpoint of an American computer expert/salesman who helps the monks with the new machinery. Of course, he thinks the monks are wasting their time.
All of these owe much to the Tower of Hanoi puzzle by Edouard Lucas. (Three stacks, two empty, one full of concentric disks, smaller disks can only be placed above larger ones or on an empty stack.) The fictious story that goes with the puzzle is that once the monks in Hanoi manage to transfer all disks from one stack to the other stack, the world comes to an end.

The time-storing devices in Thief of Time are called Procrastinators. Lu-tze and Lobsang carry two experimental portable Procrastinators which allow them to continue moving for a while even when time around them has stopped – like diving, or indeed, space suits.
The monks are able to move fasther through time anyway. The faster they go, the harder it gets. But once they go really fast, they can reach Zimmerman’s valley (p. 219). (Some my remember how I love these names. It’s a local minimum, where they have to expend less energy to keep moving.

One character carries a sword, infinitely long (just like the coast of England) (p. 315), the Doppler effect plays a role (p. 319). But this is my favourite: The Auditors don’t like messy humans. People devise tests to measure the proximity of Auditors by using the „fear and hated that matter has for life“ (p. 313). It appears to be the case that the „local hostility of things toward nonthings always increases when there’s an Auditor about“ (p. 241). One such test is a machine that measures how often a slice of bread will fall on the buttered side (p. 4-6). Another test is the „hosepipe test“ (p. 241): throw a length of rubber hosepipe into a corner, and when you pick it up and it is „knotted and tangled like rubber spaghetti“, you know that Auditors are near.

At first, Auditors are a bit like the Grey Gentlemen of Michael Ende’s Momo. Featureless. Un-human. Grey. Fond of hierarchies and orders. Signs like this (p. 268) are way to confuse them:

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In order to appear on Discworld, they take human form. But they find they cannot take human form without becoming more human than they care for: „She was being harassed by her internal organs“, it says. They find that bodies have a mind of their own. They act refexively, instinctively. They develop individuality. „It is essential for humans to use the personal pronoun. It divides the universe into two parts. The darkness behind the eyes, where the little voice is, and everything else. It is…a horrible feeling. It is like…being questioned all the time.“ The taste explosion after eating a chocolate kills them. (Reminds one of the killer music from Attack of the Killer Tomatoes and Mars Attacks!, doesn’t it?)

Most important, the story just feels like Space Opera. I’m thinking Weapon Shops of Isher or World of Null-A. We have the youthful hero out against other-dimensional malign forces, we have the youthful hero turn out to be all-powerful superman; we have people see-sawing through time, alternate realities, doppelgangers; we have beings from an alien dimension invading earth; we have a ground team dealing with an extradimensional device (the clock) while overhead space ships… make that: Horsemen of the Apocalypse do battle.

The one difference is vital: humour. Neither book nor heroes take themselves too seriously. The book is full of fun ideas: the Fifth Horseman, who left for reasons of artistic differences, whose identity is kept secret for some time. (The final clue is a masterpiece of lateral thinking for the analytically-minded reader.) The monks‘ abbot is being reincarnated, he now is a baby, asking for „bikkit! bikkit now!“ between giving sage advice.

3. My credentials:

I used to read a lot of science fiction as a teenager; it was a good time. Many of the books I read back then I couldn’t read now, but a few of them have held up surprisingly well. I’m still fond of all and rememember many of them.
I’ve read most of Terry Pratchett’s Discworld novels. Even when I don’t feel like reading, for lack on concentration, boredom, self-pity or a particularly foul mood, a new Terry Pratchett book always does the trick. (The only other writer that seems to be able to do that is Kurt Vonnegut, for completely different reasons.)

The history monks reappear in Night Watch. I haven’t read the book yet, but it is reviewed here, where the idea behind the history monks is heavily criticized, possibly justly so.

All quotations from: Terry Pratchett, Thief of Time, New York: Harpertorch 2001.