NESFA Press: Science Fiction von früher

Drei Bücher, die einzeln nicht für einen Blogbeitrag reichen, jeweils erschienen bei NESFA (The North England Science Fiction Association) Press, alles dicke, gebundene Wälzer mit Geschichten, die ich vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren auf Deutsch gelesen habe.

1. Cordwainer Smith, The Rediscovery of Man.

Sämtliche phantastische Kurzprosa von Cordwainer Smith, also eigentlich alles außer dem Roman Norstrilia.

„The golden age of science fiction“, ich hab’s irgendwann schon mal zitiert, „is twelve.“
Tatsächlich war ich älter, als ich Cordwainer Smith gelesen habe. Vielleicht sogar zwanzig. Ein Blogeintrag vor ein oder zwei Jahren hatte mich an ihn erinnert, und danach las ich mich durch seine sämtlichen Geschichten.

Er hat sich ordentlich gehalten. Die Geschichten sind noch lesenswert, aber vielleicht sollte man bei der Erstlektüre tatsächlich zwanzig sein und nicht vierzig. Vielleicht war der Zauber auch nur deshalb nicht mehr ganz so groß, weil ich mich gut an die meisten Geschichten erinnern konnte. An die wirklich wunderbaren Titel sowieso: The Lady Who Sailed The Soul; Think Blue, Count Two; The Colonel Came Back from the Nothing-at-All; The Game of Rat and Dragon; The Crime and the Glory of Commander Suzdal; Golden the Ship Was-Oh! Oh! Oh!; The Dead Lady of Clown Town; Drunkboat; Mother Hitton’s Littul Kittons; Alpha Ralpha Boulevard; The Ballad of Lost C’mell.

Hängen geblieben sind mir die vielen schrägen Ideen am Rande:

  • „The Game of Rat and Dragon“: Menschen arbeiten zusammen mit Katzen gegen die Drachen des Hyperraums.
  • „Scanners Live in Vain“: Der Sprung durch den Hyperraum macht lebende Passagiere wahnsinnig; gelöst wird das schließlich – wie gesagt, ganz am Rande – durch eine isolierende Schicht von Austernbänken in der Wandung des Raumschiffs: die äußersten Schichten sterben ab, die Passagiere bleiben geschützt.
  • In „Dreamboat“ nur ein einzelnes Wort: Dort wird von Christopher Columbus erzählt, der in einem „water boat“ zu einem neuen Kontinent fuhr.
  • Verben und Substantive der telepathischen Kommunikation: to hier, to spiek; spiech.

2. William Tenn, Immodest Proposals. The Complete Science Fiction of William Tenn. Volume I.

Schon vor einiger Zeit gelesen, keine Notizen gemacht, aber vorne angekreuzt, welche Geschichten sich zum Wiederlesen eignen. Und da sind exzellente dabei:

„The Liberation of Earth“: Die Erde wird von zwei konkurrierenden außerirdischen Reichen so lang hin und her befreit, bis nicht mehr viel von ihr übrig ist. Das ist dann aber so was von befreit. Erzählperspektive: Am Lagerfeuer im radioaktiven wasteland erzählt ein altes Stammesmitglied den Jungen, wie sie in diesen befreiten Zustand versetzt wurden.

„Eastward Ho!“ Nach dem Zusammenbruch ihrer Zivilisation ziehen die Bürger Amerikas immer weiter gen Osten, in der Hoffnung auf Arbeit, Freiheit, Lebensmittel; werden dabei von den wieder erstarkten Indianer gepiesackt, betrogen, bestenfalls mitleidsvoll von oben herab behandelt, bis sie am Schluss wieder in ihre Schiffe steigen und auf ein besseres Leben in Europa hoffen.

„Time in Advance“: Wer ein Verbrechen begehen möchte, darf sich die dafür vorgesehene Anzahl von Jahren auf dem Strafplaneten vorab nehmen; es gibt, glaube ich, auch eine Art Frühbucherrabatt. Das ganze soll zur Abschreckung dienen: Die Strafe kann man jederzeit abbrechen und zur Erde zurückkehren, kriegt aber nichts erstattet.
Der Held ist der erste, der seine Strafe (zwanzig Jahre für Mord oder so) tatsächlich abgesessen hat und auf die Erde zurückkommt, um sich zu rächen. Dort findet er heraus, dass nicht nur sein Partner ihn betrogen hat (wegen dem er das ganze unternommen hat), sondern auch seine Frau, seine Familie, seine Freunde, die jetzt natürlich alle mächtig Angst vor ihm haben. Resigniert gibt er seine abgesessene Zeit nach und nach für Strafzettel aus.

Und noch viele mehr. Nicht so gut gehalten hat sich “Der zitronengrüne, spaghettilaute Tag” über ein Portion LSD im Trinkwasser von New York, über das ich in der 7. Klasse ein Referat gehalten habe.

3. L. Sprague de Camp & Fletcher Pratt, The Enchanter Stories

Die Prämisse: Harold Shea, abenteuerlustiger Psychologe, entdeckt eine Methode, sich und diverse Gefährten in Sagenwelten zu versetzen, und verbringt einen Großteil seiner Zeit damit, alle wieder sicher nach Hause zu bringen.
Diese Geschichten haben sich nur mäßig gehalten. Die Heldenfiguren sind zu typenhaft. Es sind zwar keine Schwertschwingerhelden, aber allen Genrelesern zu bekannt ist der Schelm, den es in die Fantasywelt verschlägt, und der sich mit seinem Wissensvorsprung und gutem Aussehen die Herzen der Einwohnerinnen erobert.

Aber die Idee ist schön, die Helden in verschiedene Epen und Mythologien und zu versetzen. Sie landen in der Edda, in Coleridges „Xanadu“, in Spensers Faerie Queene, in Orlando Furioso und im finnischen Sagenzyklus Kalevala. Es war schön, beim Wiederlesen zu erkennen, was ich damals mit vierzehn oder fünfzehn aus diesen Geschichten gelernt habe: Spenser bin ich dort begegnet, so dass ich schon im ersten Semester wusste, wie man ihn schreibt. Ebenso dem irischen Helden Cuchulain, auch wenn das mit der richtigen Aussprache noch länger gedauert hat. Das gleiche filt für das Wort „geas“ und dessen Aussprache. Mit meinem bruckstückhaften Wissen um das Kalevala konnte ich im ersten Semester an der Uni Smalltalk mit einer finnischen Studentin machen. Aus den Geschichten weiß ich auch, dass Polizisten in New York dem Klischee nach Iren waren (nutzbar beim LK Thema Immigration => Tammany Hall).

Man kann wirklich aus fast allem etwas lernen.

Erwähnenswert ist noch die Idee, dass Magie in diesen Geschichten nur funktioniert, wenn sie von Gedichten begleitet ist. Stabreim-Kurzzeilen im Edda-Abenteuer, trochäische Vierheber im Kalevala (im finnischen Original noch interessantere Strophenform). Zur Not improvisiert der Held gerne mal mit ein paar abgewandelten Zeilen Kipling oder Shelley.

Einmal kommt der Held nur davon, indem er The Ballad of Eskimo Nell aufsagt. In der Geschichte werden nur ein paar Zeilen dieses Gedichts genannt. Ich verlinke das hier nur mal in ganz kleiner Schrift als, hm, Erfahrungsgewinn für die Leser, die bisher durchgehalten haben.

Das definitive Buch zum Helden, den es in eine Welt der Literatur verschlägt, ist übrigens Silverlock von John Myers Myers. Vor ein paar Jahren habe ich es wieder gelesen, immer noch toll. Keine Genreliteratur. Mehr muss bis zu einem eigenen Blogeintrag warten, hier nur ein Ausschnitt aus „The Ballad of Bowie Gizzardsbane“ – eine Nacherzählung der Belagerung der Alamo in germanischer Stabreimdichtung:

Fame has its fosterlings, free of the limits
Boxing all others, and Bowie was one of them.
Who has not heard of the holmgang at Natchez?
Fifty were warriors, but he fought the best,
Wielding a long knife, a nonesuch of daggers
Worthy of Wayland. That weapon had chewed
The entrails of dozens. In diverse pitched battles
That thane had been leader; by land and by sea
Winning such treasure that trolls, it is said,
Closed hills out of fear he’d frisk them of silver.
Racing now westward, he rode into Bexar,
Gathered the garrison, gave them his orders:
„Houston the Raven is raising a host;
Time’s what he asks while he tempers an army.
Never give up this gate to our land.
Hold this door fast, though death comes against us.“

(Literarisch befinden wir uns da gerade in Beowulf-Nähe. Am besten laut lesen.)

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6 Thoughts to “NESFA Press: Science Fiction von früher

  1. Davon einiges ja recht interessant an – ich glaube, ich muss auch mal in alten Bücherkisten wühlen; mein Bruder ist ein unerschöpflicher Quell dubioser Science-Fiction-Romane…

    Allerdings – „Venus, Planet für Männer“. Das hört sich ja fast wie eine Antwort auf dieses populäre gender-psychologische Buch an. :)

  2. In der Tat spannende Hinweise. Als ich Mathe-Magie gelesen habe, musste ich unweigerlich an die Athrocity-Bücher Charles Stross denken (Athrocity Archives, Jennifer Morgue); find den Stross eh Lesenswert, wird wohl wie Dick und Lem ein Alles-Gelesen-Haben-Wollen-Autor :-D

  3. Ich komme gerade in den Genuß eines Seminars nur über SF. Vieles davon entdecke ich erst jetzt für mich, da ich nie so der SF Leser war. Vielleicht finden sich ja ein paar der Titel im Seminar wieder, muss ich mal drauf achten.

  4. Was liest man denn da? Ich würde anfangen mit Stanley G. Weinbaum, dann entweder Asimov/Heinlein/Clarke, dann Dangerous Vision, etwas Dick. Könnte man thematisch schön am Mars aufhängen, den gibt es in allen Stilrichtungen, von Barsoom bis Total Recall. Oder europäischer, mit Samjatin, Čapek, Metropolis, Brave New World?

    Heute in der S-Bahn einen ehemaligen LK-Schüler getroffen. Inzwischen Lehramt und Diplom-Psychologie, kurz vor dem Fertigwerden. Der hat mir von einem Seminar erzählt zum Thema „Psychologie der IT-Sicherheit“. Passwortschutz, Kryptographie, Fakes. Klang auch interessant.

  5. Du meinst was wir lesen? Größtenteils deutsche Autoren und auch eher kurze Sachen um ein möglichst breites Spektrum abzudecken. Bisher waren u.a. dabei Laßwitz, Simsel, Sturgeon (nicht deutschsprachig). Es kommen aber auch noch Autoren wie Lem und Pratchett und Dick is (glaub ich) auch dabei. Clarke, Asimov und Heinlein fehlen leider.

    Die Beispiele und Exkurse in Referaten decken da etwas mehr ab und gehen auch zum Beispiel in den Bereich Film.

  6. Kurze Fußnote zu Eskimo Nell: Über dessen Wiki-Seite bin ich zum Roud Folk Song Index gestoßen: Das ist ein Vollständigkeit anstrebender Index (englischer) Volkslieder, ähnlich dem bereits mal erwähnten Aarne-Thompson-Index zu Märchentypen.

    Gleich mal geschaut nach dem thematisch ähnlichen „Ball of Kerrymuir“ – jawoll, Index Nr. 4828, ein Beleg von 1967. Ich kenne das Lied nur von einer Platte von Jim Croce, of all people. Der schreibt das Lied in seiner Ansage Robbie Burns zu, das stimmt aber nicht. Beim Recherchieren in der Uni, lang vor dem Web, bin ich mal auf eine Fußnote zu diesem Lied gestoßen, in der es wunderbar trocken hieß: „Meines Wissens bisher in keiner philologisch verwertbaren Ausgabe erschienen.“

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