Im Papierweb (mit vielen Märchen)

Heute geht es darum, wie ich mich in den letzten Monaten im Papierweb von einem Buch zum anderen habe führen lassen, und wo ich dadurch überall hingekommen bin. Das Ergebnis ist vielleicht nicht für jeden interessant, ich will es aber doch für mich festhalten.

Ich fange einfach mal bei der Fables-Reihe von Bill Willingham an: Eine große Zahl an Gestalten aus Märchen, Sagen und Legenden hat sich aus ihrem Heimatland in unsere Welt geflüchtet und lebt unerkannt in New York. (Diejenigen, die sich nicht unaufällig unter Menschen bewegen können – die drei Schweinchen etwa oder Papa und Mama Bär, Baloo und Bagheera – müssen auf einer Farm weiter oben im Staat bleiben.) Im Laufe der Serie geht es immer mehr darum, den Feind im Heimatreich, der die fables vertrieben hat, zu besiegen, damit sie zurückkehren können. Dieser Teil der Handlung ist wenig originell, kein Vergleich zur Sandman-Reihe. Interessanter sind die Charaktere und ihre Eifersüchteleien untereinander: Bigby Wolf, der Trenchcoat tragende, ständig rauchende Detektiv im neuen Fabelreich. Früher war er der big bad wolf, jetzt ist er reformiert, wie es überhaupt eine Amnestie für die Fabeln im Exil gegeben hat. Andere Figuren sind Dornröschen, Aschenputtel, Blaubart, die Schöne und das Biest, Baba Yaga und ein Herumtreiber namens Jack.

Jack war für mich lange nur ein generisches Märchenwesen, das ich nicht gut kannte. Ja, er war wohl auch in jungen Jahren der mit der Bohnenstange gewesen. Aber dann erzählte eines der Hefte eine Geschichte von den Abenteuern Jacks während des amerikanischen Bürgerkriegs: Wie Jack dem Teufel beim Kartenspiel einen magischen Sack abnahm, in den alles hineinmusste, was Jack wollte. “Clickety-clack! Get into my sack!” Und wie Jack dann zwar nicht auf eine Prinzessin, aber auf eine Südstaatenschönheit traf, die im Sterben lag. Gegen einen gewissen Preis verspricht Jack, sie zu retten, und packt einfach den Tod, als der die Prinzessin holen will, in den magischen Sack. “Clickety-clack! Get into my sack!” Alles wunderbar, bis die gerettete Schöne unserem Jack am nächsten Morgen Frühstück machen soll und dazu ein Huhn schlachtet. Sehr anschaulich gezeichnet, wie das Huhn trotz abgetrenntem Kopf sich weigert zu sterben. Noch anschaulicher gezeichnet, wie eine halbe Stunde später der ganze Bauernhof aussieht, als sich herausgestellt hat, dass keine Kuh, kein Huhn, kein Schwein stirbt, auch wenn man noch so sehr schlachtet. Als dann ein paar Soldaten auftauchen, die ebenfalls nicht sterben können, lässt Jack den Tod wieder aus dem Sack.

Die Geschichte kannte ich schon irgendwoher. Eine Fußnote wies auf “a couple of the Mountain Jack Tales of American folklore” hin. Und da ich mich schon länger mal gründlicher mit amerikanischen Erzählungen beschäftigen wollte (Paul Bunyan, Stackalee), habe ich mir The Jack Tales. Folk tales from the Southern Appalachians besorgt, und dazu A Treasury of North American Folk Tales (in dem ich gerade eine Version von “Die Kuh Elsa ist tot” entdeckt habe). Es stellt sich heraus, dass dieser Jack tatsächlich weit herumgekommen ist: Er ist nicht nur der Jack von der Bohnenranke, sondern auch ein Riesentöter, Meisterdieb, Wunderarzt, das tapfere Schneiderlein und Held einer ganzen Reihe von Geschichten, die ich mit wechselnden Protagonisten als europäische Märchen kenne. (“Sechse kommen durch die Welt”, ähnlich auch bei Münchhausens Abenteuern.) In Nordamerika sind viele dieser Geschichten zu einer losen Serie verknüpft worden, indem Jack in allen zur Hauptperson gemacht wurde. Hier sind Links zu “Soldier Jack” , darüber Links zu anderen Jack Tales.

Im Anschluss musste ich geradezu Grimms Kinder- und Hausmärchen lesen, um die Geschichten besser vergleichen zu können. Das war interessant. Ich habe nicht nur viele unbekannte, bekannte und halbvergessene Märchen gelesen, sondern auch Schwänke, Anekdoten, Witze – letztlich wohl alle möglichen Geschichten, die sich Leute erzählten, die aber niemand für wahr hielt. (Anders bei der Grimmschen Sagensammlung.) Folgende Geschichte ist doch ein klassischer Witz, gerne auch mit Anwälten erzählt:

Das Bäuerlein im Himmel

Es ist einmal ein armes, frommes Bäuerlein gestorben, und kam nun vor die Himmelspforte. Zur gleichen Zeit ist auch ein reicher, reicher Herr da gewesen und hat auch in den Himmel gewollt. Da kommt der heilige Petrus mit dem Schlüssel, macht auf und läßt den Herrn herein; das Bäuerlein hat er aber, wie’s scheint, nicht gesehen und macht deshalb die Pforte wieder zu. Da hat das Bäuerlein von außen gehört, wie der Herr mit aller Freude im Himmel aufgenommen worden ist, und wie sie drinnen musiziert und gesungen haben. Endlich ist es drinnen wieder still geworden, und der heilige Petrus kommt, macht die Himmelspforte auf und läßt das Bäuerlein ein. Da hat das Bäuerlein gemeint, es werde auch jetzt musiziert und gesungen, wenn er käme, aber da ist alles still gewesen; man hat’s freilich mit aller Liebe aufgenommen, und die Engel sind ihm entgegengegangen, aber gesungen hat niemand. Da fragt das Bäuerlein den heiligen Petrus, warum bei ihm nicht genauso gesungen wird wie bei dem reichen Herrn: es ginge, scheint’s, im Himmel so parteiisch zu wie auf der Erde.
Da sagte der heilige Petrus: “Aber nein, du bist uns so lieb wie alle andern und darfst die himmlischen Freuden genießen wie der reiche Herr, aber schau, so arme Bäuerlein, wie du eins bist, kommen alle Tage in den Himmel. So ein reicher Herr aber: da kommt alle hundert Jahre nur etwa einer.”

Badabing-badabing.

Erwähnenswert finde ich auch folgende kleine Horrorgeschichte:

Das eigensinnige Kind

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.

Übrigens wird in Grimms Märchen 67 mal “es war einmal gesagt” und immerhin 6 mal “auf eine Zeit” (“upon a time”), es gibt auch noch weitere Eingangsformeln:

Zur Zeit, da unser Herr noch auf Erden ging, kehrte er eines Abends mit dem heiligen Petrus bei einem Schmied ein und bekam willig Herberge.

Erdenwanderungsgeschichten dieser Art gibt es viele. Auch Odin wandert in den germanischen Sagen gern unerkannt auf Erden und stellt Menschen auf die Probe. In den Kommentaren zu den Jack-Geschichten war ich nämlich auch auf zwei Geschichten hingewiesen worden, in denen ein Odin-artiger alter Mann auftaucht.
Über die Thor-Comics aus dem Hause Marvel war ich mit der germanischen Mythologie vertraut, hatte die Sagen aber seit über dreißig Jahren nicht mehr gelesen. Als ich in der Buchhandlung dann zufällig an einer billigen, kompakten Ausgabe germanischer Götter- und Heldensagen vorbeikam, musste ich die auch lesen. Kurz zuvor hatte ich Gilgamesch gelesen, und zwar die Fassungen von Raoul Schrott, über die ich vor einiger Zeit in diesem Blog gestoßen war. Dazu sollte ich mal einen eigenen Eintrag machen, die Geschichte fand ich sehr beeindruckend. Ich erwähne nur kurz den Hinweis auf eine verwandte Erzählung mit ähnlichen Motiven in Tausendundeiner Nacht, “Die Abenteuer Bulûkijas”, die ich dann ja auch lesen musste.

Sumerische und germanische und sonstige Mythologie und Parallelen dazwischen kannte ich schon aus meiner späten Teenagerzeit über Frazer, und diesen natürlich über Lovecraft. Auf die Trickster-Figur war ich darüber hinaus in einem Proseminar über “Long Poems” gestoßen, in dem es auch um Crow von Ted Hughes ging. (In die Hausarbeit über Crow schmuggelte ich eine Fußnote zu The Hunting of the Snark von Lewis Carroll. Den Text wiederum kannte ich über die musikalische Version von Mike Batt. Eine deutsche Fassung gibt es von Michael Ende, kommentiert ist meine englische von Martin Gardner.)
Zu welchen anderen Geschichten mich der Trickster geführt hat, würde jetzt wirklich zu weit führen.

Grimms Märchen, Grimms Sagen, fehlte eigentlich nur noch eine weitere Sammlung aus der Romantik: Des Knaben Wunderhorn von Arnim und Brentano. Da hatte ich auch noch nie hinein geschaut, der Titel wurde mir erstmals durch Gustav Meyrinks Sammlung Des deutschen Spießers Wunderhorn bewusst. Als Deutschlehrer wusste ich, dass das Wunderhorn sich als Sammlung echter Volkslieder gab, auch wenn diese Behauptung nicht haltbar war.

Aber immerhin bin ich darin auf einen jungen Bekannten gestoßen:

Die Hand

Antiquarius des Elbstroms. Frankfurt 1741. S. 616.

Sieh, sieh du böses Kind!
Was man hier merklich findt,
Die Hand, die nicht verweßt,
Weil der, des sie gewest,
Ein ungerathnes Kind,
Drum bessre dich geschwind.

Den Vater schlug der Sohn,
Drum hat er dies zum Lohn,
Er schlug ihn mit der Hand,
Nun siehe seine Schand,
Die Hand wuchs aus der Erd,
Ein ew’ger Vorwurf währt.

Hier muss allerdings nicht die Mutter nachträglich schlagen, sondern das Kind selbst hat die Hand gegen den Vater erhoben.

Letztes Wort zu den Märchen: Aus meiner Entdeckung von Selbstdenken! hatte ich noch die ersten 6 Bände der Enzyklopädie des Märchens zu Hause herumliegen. Auch die kannte ich noch vage aus meiner Studienzeit. Also habe ich mich in die gestürzt, und weitere Abgründe taten sich auf. Ich sag nur: Aarne-Thompson-Index. Schon bei den Jack Tales war ich darauf gestoßen: “This is a mixture of Type 330, The Smith Outwits the Devil, and Type 332, Godfather Death. For Type 330 see: Grimm Nos. 81, 82″, und so weiter.
Die Kurzfassung: Der Aarne-Thompson-Index bzw. dessen Weiterentwicklung ist ein Verzeichnis von Märchen- und Schwankmotiven. Ich denke mir so, dass ein Märchenforscher ganz aufgeregt zum anderen sagt: “Du, schau mal, ich habe eine neue litauische Fassung von AaTh 420 mit Spuren von AaTh 512 entdeckt.”

Jetzt aber mal genug. Ich fand es sehr interessant, wie plötzlich aus allen Ecken und Enden meiner gegenwärtigen und vergangenen Lektüren alles mögliche zusammenkam.

Eine Antwort auf „Im Papierweb (mit vielen Märchen)“

  1. Genial, danke. Ich hatte das erst überflogen und wollte es unbedingt vor meiner Offlinezeit noch genauer lesen. Ich habe in meinem Lehrerinnenleben schon zig Märchen-Fabeln-Sagen-Lektionen vorbereitet und das meiste, was du hier erwähnst, nicht gewusst.

    Ich habe aber einmal Parallelen altes Testament und Volksmärchen gemacht. Das war auch interessant und dank Harry Rowohlts “Schweinischste Stellen des alten Testaments” (ist ein Hörbuch von 2002), auch bei den Schülern ein Erfolg.

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