Sir James Frazer, The Golden Bough

Folgenden Text habe ich wohl 1988 geschrieben; ich stelle ihn unverbessert hierher. Mehr als überflogen habe ich ihn nicht, das wäre mir zu arg.


„Abschnitte in solchen mythologischen und anthropologischen Quellenwerken wie Frazers Goldener Zweig
H.P. Lovecraft, „Chulhus Ruf“

Sir James George Frazer
The Golden Bough
A Study in Magie and Religion

Papermac/Macmillan Press Ltd 1987
£ 7,95 / DM 37,80
756 Seiten

Mit dem Necronomicon des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred ist sicher jeder Lovecraft-Leser bestens vertraut, und von Junzts Unaussprechlichen Kulten vergißt er ebensowenig wie das De Vermiis Mysteriis von Ludvig Prinn. Weniger bekannt ist dagegen Der Goldene Zweig von J. G. Frazer, und das ist bedauerlich – denn dies ist eines der wenigen Bücher aus Lovecrafts Listen, das tatsächlich existiert und, mehr noch, jedem Interessierten mit einem Minimum an Aufwand zugänglich ist. Wer ein finsteres Grimoire aus dem Mittelalter erwartet, wird jedoch enttäuscht werden. Genauso wenig handelt es sich dabei aber auch um eines der zahllosen Necronomicon-Fragmente, die von ihren Herausgebern auf staubigen Dachböden in Neuengland – ersatzweise in unheimlichen Ruinenstädten im Orient – entdeckt worden und eindeutig als Hoax gedacht sind.

James George Frazer wurde am ersten Tag des Jahres 1854 in Glasgow geboren und starb als einer der bedeutendsten Ethnologen Englands im Alter von 87 Jahren in Cambridge. Er sammelte akademische Grade und veröffentlichte eine ganze Reihe von Büchern, deren bekanntestes wohl The Golden Bough ist.

Dessen Ausgangspunkt ist ein ungewöhnlicher Brauch, der noch in der klassischen Antike ausgeübt wurde. Am Lago di Nemi in den Albaner Bergen, ein Stückchen südlich von Rom, in wildromantischer schöner Lage und einst beliebter Zufluchtsort für römische Senatoren während der heißen Sommermonate, lag eine der ältesten Städte Latiums, Ariccia. In deren Nähe gab es einen heiligen Hain der Diana Nemorensis, der Diana des Waldes. Dieser Hain, und speziell ein besonderer Baum darin, wurde von dem Priester des Hains und „König des Waldes“ (Rex Nemorensis) mit seinem Leben bewacht. Jederzeit hatte ein flüchtiger Sklave das Recht, einen Zweig von diesem Baum zu brechen (wenn der „König“ das nicht zu verhindern wußte) und den „König“ zum Kampf auf Leben und Tod herauszufordern. Der Überlebende dieses Duells bekam den Titel des Rex Nemorensis und das Priesteramt, bis auch er schließlich einem stärkeren Herausforderer weichen mußte. Dieser blutige Brauch, für den es keine Parallelen gab, hielt sich bis mindestens ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinein.

Um nun diese Sitte zu erklären, muß Frazer etwas weiter ausholen. Im Jahr 1890 erscheint The Golden Bough als zweibändige Ausgabe, bis zum Jahre 1922 ist es mehrmals überarbeitet worden, um schließlich in der endgültigen zwölfbändigen Fassung vorzuliegen. Im selben Jahr erscheint auch die von Frazer selbst vorgenommene Zusammenfassung zu einem Band, dem Band, dem meine Besprechung gilt.

Bei der Lektüre wird der Leser auf eine tour de force durch die Weltgeschichte mitgenommen. Frazer beginnt mit den ältesten beziehungsweise ursprünglichsten Kulturen, wie den australischen Aborigines, und untersucht ihr Weltbild. Er zeigt, daß vor der Religion die Magie das Leben beherrscht hat, die der wissenschaftlichen Weltauffassung gar nicht so unähnlich ist. Es gab die „Naturgesetze“, daß Dinge, die einmal in Kontakt miteinander waren, immer in Kontakt bleiben (deshalb braucht man für viele Beschwörungen zum Beispiel einige Haare oder Kleidungsstücke des Opfers), und daß Gleichartiges Gleichartiges erzeugt (einer der ältesten Regenzauber ist einfach, Wasser auf dem Boden zu verspritzen). Erst später, als man erkannt hatte, daß das so einfach nun doch nicht ging, wurden die Götter ins Spiel gebracht, um einen Grund für die mißlungenen Zauber zu liefern. Und so geht die Geschichte weiter, über Götter in Menschenform als Könige, über Götter in Tier- und Pflanzenform, über Opfer, Bräuche, Tabus und Fruchtbarkeitsrituale – sie liefert ein zusammenhängendes, logisches Bild von Magie, Religion und Aberglauben durch alle Kulturen.

Da wird endlich das Geheimnis um die heidnische Bedeutung des Weihnachtsbaumes gelüftet und darauf hingewiesen, daß die meisten christlichen Feste Weihnachten und Ostern eingeschlossen unter anderen Namen am selben Datum vor dem Christentum existierten. Da wird erklärt, weshalb Miraculix denn ausgerechnet Mistelzweige für seinen Zaubertrank braucht und welchen Sinn ein Tabu hat. Wenn man sich über die Ursprünge des Maibaumes oder von Hallowe’en informieren, oder über die Parallellen zwischen dem germanischen Balder, dem ägyptischen Osiris, dem Tammuz der Babylonier, dem griechischen Adonis und dem phrygischen Attis staunen will – dann ist dieses Buch nur zu empfehlen.

Und wozu das Ganze? Frazer führt den Leser manchmal scheinbar zusammenhanglos durch seine Wunderwelt – bis, ja, bis sich der bunte Reigen am Schluß zum großen Finale vereinigt, sich die Details zu einem Gesamtbild formen, das Personal sich am sonnigen Ufer des Lago di Nemi versammelt, um – man hat schon fast nicht mehr daran gedacht – eine umfassende und glaubwürdige Erklärung für den ungewöhnlichen Nachfolgebrauch im Hain der Diana Nemorensis zu bieten.

Die zwölfbändige Ausgabe von The Golden Bough ist auch auf Deutsch erschienen, wird aber nur in größeren Bibliotheken vorhanden sein. Das Englisch der zusammengefaßten Paperback-Ausgabe ist nicht allzu schwierig, wenn auch die 756 großformatigen Seiten mit ihren knappen zwei Pfund Gewicht schon eine gewisse Herausforderung darstellen. Trotz dieser Größe kann man den Band allerdings bequem lesen, ohne befürchten zu müssen, daß die Seiten aus dem Leim gehen. Wenn es auch nicht besonders lesefreundlich gesetzt ist, so strapaziert es die Augen doch nicht über Gebühr. Im Gegensatz zur kompletten Ausgabe fehlen aus Platzgründen leider sämtliche Belegstellen sowie die Bibliographie. Beides wäre für jemanden, der sich weiter in die Materie vertiefen will, sicher von großem Interesse. Natürlich ist der Inhalt auch nur eine Auswahl aus den zwölf Bänden, der jedoch repräsentativ genug ist und für die Argumentation des Autors ausreicht. Ich hatte jedenfalls an keiner Stelle das Gefühl, nur Fragmente vor mir zu haben. Aufgrund des doch relativ hohen Alters des Buches haben sich wohl sicher einige Fehler eingeschlichen, die jedoch nur für den ernsthaften Wissenschaftler von Bedeutung sind. Durch den lockeren und in seinen Landschaftsbeschreibungen oft poetischen Stil Frazers, gepaart mit trockenem schottischen Humor, und den gezielten Aufbau auf das Finale hin wirkt das Buch manchmal direkt romanhaft und läßt sich auf jeden Fall spannend lesen. Sicher trägt auch das Flair dieses alten Wälzers (die Respektlosigkeit mag mir verziehen sein) dazu bei.

Jedem, der sich für das Thema interessiert und keine Zuflucht zu trockenen modernen Sachbüchern suchen will, und der vor dem Umfang der Aufgabe nicht verzweifelt, kann ich The Golden Bough nur empfehlen. Über den deutschen Buchhandel ist es problemlos innerhalb von etwa zwei Wochen zu bestellen.

Wer „keine Zuflucht zu trockenen modernen Sachbüchern suchen will“ – heute würde ich weit eher die trockenen modernen Sachbücher empfehlen, von denen ich ja auch damals nicht die geringste Ahnung hatte.

2 Antworten auf „Sir James Frazer, The Golden Bough“

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