Jens Soentgen, Selbstdenken! (Und Euler.)

Jens Soentgen
Selbstdenken!
20 Praktiken der Philosophie
Mit Illustrationen von Nadia Budde
Peter Hammer Verlag
223 Seiten

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Vor einem Jahr stieß ich in einem Blog, das es leider nicht mehr gibt, auf eine Besprechung dieses Buches. Es ist ein sehr gutes Buch.
Mir fallen mindestens drei andere Einführungen in die Philosophie ein, die ich zuvor gelesen hatte. (Mir fehlt die Lust, mich gleich an die Originalwerke zu machen. Ich müsste auch erst herausfinden, wo ich am besten anfangen sollte zu lesen. Über meine umfangreiche, aber unsystematische Lektüre kriege ich allerdings immer wieder Anreize. Beonders viele solche Anreize erhoffe ich mir von solchen Einführungen.) Die beste dieser Einführungen war mäßig interessant, die schlechteste fade, verstaubt und einfach wenig hilfreich.

Ganz anders Selbstdenken! Das Buch ist weder chronologisch noch nach Personen geordnet. Das ist schon mal sehr gut. Stattdessen gibt es zwanzig Kapitel zu verschiedenen Techniken: Indizien, Autoritäten, Sammeln, Logik, Gedankenexperimente, Umkehren, Beispiele, Bilder. Das erste Kapitel ist dem Provozieren gewidmet und gibt den Ton vor. Soentgen stellt Sokrates und Diogenes vor. („In der Praxis sah das so aus, dass Diogenes auf dem Athener Markptplatz öffentlich onanierte, und dabei bemerkte, wie bedauerlich es doch sei, dass man den Hunger nicht ebenso einfach, etwa durch Reiben des Bauches, lindern könne.“) Dann geht es weiter mit der Berliner Kommune 1 in den 60er Jahren, der Beschreibung einer Gerichtsverhandlung um Fritz Teufel und Rainer Langhans und der Schwierigkeit, heute zu provozieren. Danach empfiehlt Soentgen als Übung zum Kapitel das Spiel „Barfußlaufen“: Einfach im Sommer mal einen Tag barfuß verbringen, „auf der Straße, in der Fußgängerzone, in der Schule, in der Uni, im Büro“. Und danach wiederum kommen ein paar Zeilen mit Literaturangaben. Und das war nur das erste Kapitel.

Diese Literaturangaben nach jedem Kapitel sind ganz besonders schön und das, was dieses Buch so besonders reizvoll macht. Sie sind kommentiert und als zusammenhängender Text geschrieben, nicht als Liste. Sie enthalten Angaben zu den im Kapitel angesprochenen Texten, aber auch zu weiteren, verwandten Büchern.
Und sie haben mich dazu gebracht, dass ich folgende Bücher gekauft habe:

  • Leonhard Euler, Briefe an eine deutsche Prinzessin
  • Platon, Laches
  • Enzyklopädie des Märchens (zumindest die als Taschenbuch erschienenen Bände)
  • Steven Schwartz, Wie Pawlow auf den Hund kam… Klassische Experimente der Psychologie
  • eine Einführung zu Christian Thomasius (1655-1728) – merken für die Aufklärungssequenz in der 11. Klasse

In der Enzyklopädie blättere ich natürlich nur. (Einbändige alphabetisch geordnete Nachschlagewerke lese ich gerne mal von A bis Z, aber größere nicht.) Den Platon habe ich gelesen; ein guter Einstiegstext, den ich vielleicht mal Schülern vorstellen werde. Die Euler-Briefe haben sich als besonders interessant herausgestellt. Euler schrieb diese Briefe über die Mathematik, Naturwissenschaft und Philosophie seiner Zeit an eine 15 bis 17 Jahre alte Tochter – Fernkurs sozusagen. Und er erklärt einfach, anschaulich und verständlich. (Leider ist meine Ausgabe nur eine Auswahl der philosophischen Briefe, die zur Mathematik und Logik und zu weiten Teilen der Naturwissenschaft fehlen.)

Besonders spannend ist es allerdings, wenn Euler sich irrt. Im 20. Brief geht es um die Lichtgeschwindigkeit, und warum die so hoch ist. Euler benutzt als Analogie die Schallgeschwindigkeit. „[Aus dem Vorhergehenden] folgt“, schreibt er, „wenn die Dichtigkeit der Luft kleiner wäre, so würde die Geschwindigkeit des Schalls vergrößert“.
Oha, Euler, berühmter Kopf und so, aber das widerspricht doch sehr meiner Intuition. Also habe ich am nächsten Tag die Physiklehrer an meiner Schule befragt. Einen nach dem anderen, drei Stück hintereinander, aber keiner wollte sich festlegen und eine klare Antwort darauf geben, ob das stimmt. Einer wenigstens hat dann zu Hause nachgeschaut, ist dann aber erst bei Wikipedia fündig geworden: Euler hat tatächlich unrecht. Die Intuition allerdings ebenso: Die Schallgeschwindigkeit ist unabhängig von der Dichte der Luft. (Aber sehr wohl abhängig von der Temperatur: Bei sinkender Temperatur ist bei Gasen die Schallgeschwindigkeit geringer.)

Eulers größerer Fehler bringt ihn erst auf diese Analogie von Licht- und Schallgeschwindigkeit.
Um kurz auszuholen: Die großen naturphilosophischen Fragen seiner Zeit waren die Fragen nach der Beschaffenheit der Materie, nach der Existenz des leeren Raumes, nach den Kräften (allen voran der Schwerkraft) und dem Zusammenhang zwischen belebter und unbelebter Materie.
Die Engländer hatten da diese Theorie, dass der Raum leer ist, und dass die Schwerkraft zwei Körper dazu bringt, sich anzuziehen. Warum tut sie das? Welche Beziehung soll es zwischen zwei beliebig weit voneinander entfernten Körpern geben? Achselzucken. Gottes Wille. Damit ist Euler nicht zufrieden. „Gottes Wille“ als Erklärung wäre ja reine Willkür und unbefriedigend. Also schlägt Euler sich auf die Seite derer, die eine andere Theorie vertreten: Der Raum ist nicht leer, sondern mit einer ganz feinen Substanz gefüllt, dem Äther. Eben weil die Substanz so fein und die Dichte so dünn ist, ist auch die Lichtgeschwindigkeit so hoch, wir erinnern uns. Und mit dem Äther hat die Lichtwelle auch eine Trägermedium, so wie die Wasserwelle das Wasser und die Schallwelle die Luft braucht.
Was die Schwerkraft betrifft, so ziehen sich laut Euler eben nicht zwei Körper an, zwischen denen es ja gar keine Verbindung gibt. Wie kann da also etwas ziehen? Nein, die Ätherteilchen drücken die Körper aufeinander zu. Von außen hat das das den gleichen Effekt wie die Anziehung zweier Körper.
Und so verbringt Euler viele Seiten damit, seiner Schülerin zu erklären, warum die Engländer unrecht haben. Gewiss, er lässt Raum für Zweifel, aber nicht viel. Der heutige Leser weiß aber (also, zumindest ich), dass der Raum mehr oder weniger leer ist, virtuelle Teilchen hin oder her. Und Lichtwellen haben kein Trägermedium, sind also völlig anders als Wasser- oder Schallwellen. Die Engländer haben recht gehabt. Und Träger der Schwerkraft, die von Euler vermisste Verbindung zwischen Körpern, sind die allerdings immer noch nicht nachgewiesenen Gravitonen.

Ich finde es sehr spannend, naturwissenschaftliche Autoren zu lesen, die noch nicht so viel wussten wie die Wissenschaft heute. Manchmal stellen sich ihre Hypothesen als richtig heraus, manchmal nicht. Einen Vorwurf kann man ihnen nicht unbedingt daraus machen. Euler erkennt ja, dass so etwas wie Gravitonen fehlen, auch wenn er daraufhin die ganze Theorie nicht zulässt; Charles Darwin erkennt in Origin of Species, dass ihm ein ähnlich wichtiges Element fehlt (die Gene), vertraut aber dennoch seiner Theorie und hofft, dass die Wissenschaft nach ihm diese Lücke schließen wird.

— In einigen Briefen erklärt Euler also gerade die Phänomene, die auf unbelebte Körper wirken, vor allem Schwerkraft und Trägheit. Die Trägheit: Was sich bewegt, bleibt in Bewegung; was ruht, bleibt ruhend, solange keine Kraft darauf wirkt. Und Euler – er ist sicher nicht der erste seit Newton, der das erkannt hat – erwähnt auch knapp, wie das den Gottesbeweis aus der Bewegung zunichte macht.
Ich kann mich noch gut an die Gottesbeweise von Thomas von Aquin erinnern, die ich im Grundkurs Religion gelernt habe. Die haben mich damals schon nicht überzeugt. (Den einzigen Gottesbeweis, den meine Vernunft gelten ließ, war die mystische Gotteserfahrung.) Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass diese Beweise aus Thomas‘ Summa theologica mir damals als historisch interessant und relevant vorgestellt wurden. Ich sah sie einfach als Gottesbeweise, die mangelhaft waren. Womöglich sind solche feinen Unterscheidungen in diesem Alter aber gar nicht verständlich.
Einer der Beweise ist der kinesiologische Gottesbeweis. Thomas, sich auf Aristoteles berufend, argumentiert, dass alles, was sich bewegt, einen ersten Beweger braucht, der es zum Bewegen gebracht hat. „Prime mover“ heißt das auf Englisch – gibt’s das nicht auch auf Latein?
Nun sagen Newton und die Trägheit aber, dass Bewegung keinen Beweger braucht – es sei denn, etwas Unbewegtes fängt an sich zu bewegen, oder etwas Bewegtes hört auf damit. Genauso könnte Thomas also argumentieren: Weil es Unbewegtes gibt, muss es einen ersten Bremser geben. Oder mit Euler gesprochen:

Ich frage [diejenigen, die nach dem ersten Beweger suchen,] also, ob sie es für leichter halten, einen Körper in Ruhe als ihn bald anfangs in Bewegung zu erschaffen? Beides setzt auf gleiche Art die Allmacht Gottes zum voraus

Das haben sie mir im Religionsunterricht nicht beigebracht. Ist vielleicht auch gut so, ein bisschen was zu denken muss man den Leuten ja auch selber überlassen.

Nach den unbelebten Körpern geht es weiter zu den belebten – und damit um den freien Willen, das Bewusstsein, die seinerzeit aktuelle Lehre der Leibnizschen Prästabilisierten Harmonie. Das Schlagwort kannte ich schon, und seit Euler weiß ich auch, was damit gemeint ist. Nämlich etwas, auf das ich selber schon vor achtzehn Jahren gekommen bin.
Aber das gehört schon wieder zu einem anderen Eintrag, mit Zeitreisen und so.

Wie gesagt: Jens Soentgen, Selbstdenken! Kann ich nur empfehlen.

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9 Thoughts to “Jens Soentgen, Selbstdenken! (Und Euler.)

  1. Vielen Dank für den Hinweis auf Soentgen; von ihm hab ich zwar schon was gelesen, aber das kannte ich noch nicht. Hab’s mir direkt mal bestellt.

    Ein ähnlich lesenswertes Buch ist „Clever bluffen: Philosophie“ (Fischer TV) von Jim Hankinson, das leider schon vergriffen ist.

  2. Merci beaucoup, ich mag solche Besprechungen sehr gerne. Solche, die beim Buch anfangen und vom Hundertsten ins Tausendste führen. Das dürfen ja die Rezensenten in der Zeitung nicht.

    Mich hat das Buch ein wenig an das viel ältere „Die philosophische Hintertreppe“ von Wilhelm Weischedel erinnert, aber reingeguckt habe ich noch nie. Dass dir die Überprüfung einstiger wissenschaftlicher Forschung (oder Vermutung) gefällt, kann ich bestens nachvollziehen. Ich mag das auch gerne, allerdings beobachte ich nicht im Bereich Physik (war für mich neu), sondern mehr in der Ökonomie. Da wiess ich aber nie, ob die Irrtümer jetzt wirklich komisch oder eher tragisch waren oder ob ihre Wahrheit erst noch kommt.

  3. „Die philosophische Hintertreppe“ kenne ich auch. Ich habe zehn Jahre lang nicht mehr reingeschaut, aber das Buch als wenig einladend und etwas angstaubt in Erinnerung. Es geht auch chronologisch vor, nach Philosophen geordnet, sechs oder sieben Seiten pro Stück.

    Den Hankinson habe ich mir mal bestellt. Als Zwölfjähriger hatte ich mal ein „Bluff im Sport“, von dem ich heute noch zehre.

  4. So, den Hankinson gelesen. Auf neue Gedanken hat er mich allerdings nicht gebracht, und die Übersetzung hat mich auch gestört: „alle Abiturienten sind unverheiratet“ ist eben kein analytisch wahres Urteil, wie es im Glossar steht. Allenfalls stimmt das auf Englisch, weil die A-Level-Schüler jünger sind. — Aber das Glossar insgesamt war sogar hilfreich.
    Kein Vergleich aber zu meinem entschwundenen „Bluff im Sport“ aus den 70ern: Dort war das Glossar umfangreicher und enthielt vor allem, so war es angekündigt, 5 Unwahrheiten. Um es dem Bluffer nicht gar zu leicht zu machen und das ganze sportlich zu sehen. Fair play und so. :-)

  5. Ich war heute in der Bibliothek und hatte auf meiner „langen Liste der Wunschbücher“ auch dieses. Und siehe da, in unserer Bücherei gibt es nicht nur dieses Buch, es lag sogar auf dem Präsentierbrett! Und das, obwohl es ja nicht gerade ein neues Exemplar ist. Ob die hier wohl mitlesen? Freue mich schon auf heute abend, wenn ich mit diesem Buch (und noch vielen anderen) ins Bett gehe…

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