Alternative zur Pubertät

Die 80er Jahre waren eine schöne Zeit für mich, trotz allgemeiner Endzeitstimmung. (Vor ein paar Tagen im Fernsehen kurz in Terminator hineingeschaut. Hat sich gut gehalten, aber mir fiel auf, wie kaputt und düster doch die Welt im Film war – nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart. Das gilt für viele Filme der 80er, denke ich.)
Zu Beginn des Jahrzehnts hörte ich auf, die Micky-Maus-Bastelbögen zu basteln, und Reagan wurde Präsident, zum Ende studierte ich an der Universität und die Mauer war gefallen.

Dazwischen hatten andere Pubertät und ich trieb Fandom.

Fandom hieß:

  • Clubs gründen (1981 die Erweiterung des „SFC Terraner Union/S.I.“ zum „PR/SFC Galactic Union“ – immerhin waren wir schon fünf Leute)
  • Fanzines herausgeben (Parsec brachte es auf fünfzehn Ausgaben oder so, liebevoll getextet, gezeichnet, handkopiert und -geheftet)
  • mit anderen Clubs und Fans Kontakt halten (und das hieß: Briefe schreiben, vier, fünf, sechs, acht pro Woche, manchmal mit Hand, meistens mit Schreibmaschine, gerne auf selbst entworfenem Briefpapier)
  • die Fanzines von anderen Clubs und Einzelpersonen lesen, Leserbriefe schreiben, neue Clubs gründen
  • immer wieder Texte schreiben, Briefe schreiben, zeichnen
  • Leute besuchen: in Augsburg, Frankfurt, Darmstadt, Warstein-Suttrop, Saarbrücken, Freudenstadt, Köln, Düsseldorf
  • auf Cons gehen.

Dass das ganze Science Fiction oder später auch Rollenspiele zum Inhalt hatte, ist gar nicht so wichtig. Zum Verständnis wichtiger ist mein:

Kleines Lexikon des Fandoms
(mit Vergleichen zur Bloggerszene in Deutschland, so wie sie mir auffallen)

Fanzines (Blogs): Es gab sie kopiert, im Offsetdruck oder Umdruckverfahren. Sie erschienen regelmäßig oder unregelmäßig oder waren oneshots, sie waren mit Clubs verbunden oder Einzelpersonen, sie waren liebevoll entworfen und/oder amateurhaft im Design, sie waren auf ein bestimmtes Thema bezogen oder enthielten alle möglichen interessanten Einzelheiten. („Egozine“ hieß das dann.) Abonnieren konnte man sie auch, aber sie kamen nicht per Feedreader, sondern mit der Post.

Die Post (Internet): Fanzines bekam man mit der Post zugestellt. Über Fanzines und Briefe erfuhr man von weiteren Fanzines.

Die Großen Namen (A-Blogger): Sie hießen zwar nicht so, aber es gab eine Reihe von Namen, die jeder kannte und deren Produkte jeder las. Benchmarks. Gelegentlich sehe ich ihre Namen noch im WWW.

Cons (Bloggertreffen): Es hieß der Con, zumindest in meinem Sprachraum, nicht die Con, wie es ganz fälschlich und immer öfter anderswo hieß. Das war so ähnlich die der Unterschied zwischen „der Blog“ und „das Blog“. Man mietete sich ein Jugendheim, Pfadfinderheim, irgendein Haus mit Küche und Stockbetten (im Karlshof sogar dreistöckig). Dort schlief man wenig und vor allem nicht nachts, aß gut, schaute die neuesten Videofilme, unterhielt sich und spielte.

Pubertät: Ein bisschen Pubertät war auch dabei, zugegeben. Aber die machte man unter sich aus, innerhalb des Fandoms. Erstes ernsthaftes Rumgeknutsche auf dem Con in Göggingen, die eine Silvesternacht im Karlshof, mit Alex und Katja und Karl-Heinz und Anja und so weiter.

Verständnisvolle Eltern: Wir waren 15 oder auch schon 17 und fuhren über verlängerte Wochenenden in gemietete Jugendheime ohne irgendwelche nennenswert Erwachsenen. Wir übernachteten bei fremden Leuten und deren Eltern, die oft recht flexibel sein mussten. (Udo: „Ich dachte, ihr wolltet Ostern kommen.“) Und unsere Eltern nahmen kurzfristig Häufchen von fremden – sehr fremden – Jugendlichen auf. Überhaupt konnte man zum Beispiel jemanden in Darmstadt anrufen, mit dem man vielleicht drei, vier Briefe gewechselt hatte und den man sonst aus den Fanzines kannte, und um Unterkunft für sich und zwei Freunde bitten, weil man auf dem Weg ins Sauerland eine Übernachtungsmöglichkeit brauchte. Und das ging, und man hatte wieder jemanden persönlich kennengelernt.

Tonbrief: (nachgetragen) Eine Frühform des Podcasts. Robert V. zum Beispiel schrieb keine Briefe, sondern sprach alles auf Kassette und schickte die Kassette dann per Post ab. Eine Kassette von Claudia und Tim habe ich noch, muss mal reinhören.

gafia sein oder gehen: „get away from it all“ => Blogmüdigkeit

— Ich treibe mich ja kaum in der deutschen Bloggerszene herum; ich lese fast nur berufsbezogene Blogs oder die von Leuten, die ich persönlich kennengelernt habe. Aber wenn ich von Bloggertreffen erzählt bekomme oder davon, wie man Leute kennen kann, die man nie gesehen hat, dann fühle ich mich immer sehr an meine Fandomzeiten erinnert.

Mehr von früher:

* alte Zeichnungen
* Clubräume
* Rollenspiel-Videosünden
* Filk

8 Antworten auf „Alternative zur Pubertät“

  1. Kennst Du den Karlshof auch? Die Stockbetten dort sind schon klasse! Überhaupt ein klasse Haus!
    Ich war damals dort auf Firmwochenende.

  2. Ich weiss garnicht, was ich in meiner Pubertät gemacht habe. Gelernt, glaube ich. o_O Ich weiss dass ich DSA und Space Gothic gespielt und die frühen Animes geguckt habe. Fanzines und so habe ich nie miterlebt. Aber ich war ja auch ein paar Jahre später dran als Du (Jahrgang 76).

    Ich hab das Internet von Anfang an miterlebt, beginnend bei 9600 und 14000 Baud Modems. Ich bin nie auf Cons gewesen, allerdings bin ich regelmäßig zur Amiga-Messe (später verallgemeinert auf „Computer Games Messe“) in Köln und zur CeBIT in Hannover gefahren, bzw fahren lassen… ;)

  3. Der Karlshof ist ja schon eine ziemliche Luxussuite verglichen mit dem ersten Haus in der Nachbarschaft (der Hoppelmühle). Ansonsten ist die Gegend wunderschön, mit zwei verfallenen Burgen (Hochhaus und Niederhaus, so erinnere ich mich). Außerdem mit einem Gehege des Fürsten Öttingen-Wallerstein mit einem ziemlich großen freilaufenden Wildsaubestand. Alles zusammen wohl gut geeignet für Fantasy-Rollenspieler …
    „Cons“ scheint es erst nach meiner Pubertät gegeben zu haben (Jahrgang 1965). Außerdem scheint mir, dass das eine Angelegenheit für Stadtleute gewesen ist, die so andere Leute in anderen Städten kennenlernen wollten.

  4. Karlshof und Cons – das ist völlig an mir (geboren 1966) vorüber gegangen, aber die Fanzines – das hat mich schon mehr als einmal an die Blogs erinnert. Bei mir ging es da eher um Literatur und Filme und Historisches, denn die SF entdeckte ich erst an Bord der Nostromo. Und mein Blog schoener-denken.de ist eigentlich nur das nächste Leben meines Fanzines „Der Kater“, das es immerhin auf 12 Jahre und 18 Ausgaben gebracht hat. Als wir letztens zusammen saßen (fünf Leute aus drei Städten), war es wie vor 20 Jahren und ich dachte: Hey, wir haben alle die ersten grauen Haare auf dem Kopf, aber immer noch Flausen im Kopf. Hoffentlich ist das 2027 immer noch so :-)

  5. Auf dem Karlshof war ich bestimmt sieben, acht Mal. Mindestens. Wunderschön gelegen im Ries, immer noch eine meiner liebsten Landschaften: Viel Wiese, zwischen der immer wieder Fels herausschaut. Ausflüge zu einer Höhle. In der Hoppelmühle war ich nur einmal, und die Ruinen Hoch- und Niederhaus waren beliebte Ziele für Spaziergänge, tags und nachts. Glühwürmchen gab’s auch. Und wie gesagt: Dreistöckige Stockbetten. Oft waren halt doch zwanzig Leute in einem Zimmer der Geselligkeit wegen, und das Gespräch fand auf drei Ebenen statt.

    Zur Geschichte des SF-Fandoms in Deutschlands: In irgendeiner Form gibt’s das seit Mitte der 50er Jahre. Damals haben sich die Fans auf den Cons noch gesiezt. Davon erzähle ich auch noch mal – aus zweiter Hand, versteht sich.

    Na dann bis 2027…

  6. Nun, ich glaube ich bin dafür zu spät eingestiegen. In meiner Pubertätsphase war ich eher Gamer, und Netzwerkparties konnte man im Ort machen. Mit Rollenspiel habe ich erst mit 17 angefangen und bin dann mit 19 oder so zur ersten Con gefahren. Da mussten wir aber auch nirgends übernachten; der von dir beschriebene Effekt ist aber definitiv anzutreffen, und ich habe ihn bereits positiv kennen- und schätzenlernen dürfen. Ach ja, gute alte Zeit…scheiße, und ich bin grade mal Jahrgang 84…

  7. Con con con
    Also in der Larper Szene heißt es auch der Con von conversation..Treffen
    aber in der Jonglier und Akrobatik Szene heißt es wiederum die Con also
    ich geh morgen auf eine con…
    Hm also mir pers. sagt auch eher der Con zu…
    aber sie wollten sich nicht überzeugen lasse… :-)

  8. Vor fünfundzwanzig Jahren durfte man nicht mal das Wort Rollenspiel verwenden, ohne Unverständnis und Spott der Mitschüler herauszufordern (sofern sie das Wort überhaupt kannten), und heute trauen sich Schülerinnen öffentlich, LARP zu sagen. So ändern sich die Zeiten. :-)

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