Es geht auch ohne Baumhaus (Jugendjahre)

Gestern Abend kam im Fernsehen ein Werbespot für irgendwas. Im Hintergrund lief eine Melodie, ein kurzes Instrumentalstück. “Patrizia”, sagte ich baff.

Ah, Patrizia. “Du-dum. Du-dum-du-du-du-du-dum. Zauberhafte reizende Patrizia. – Lang hatte ich nicht mehr an dich gedacht.”

In der sechsten Klasse hatte ein Mitschüler, dessen Eltern auf dem Gelände einer örtlichen Textilfabrik wohnten, Zugang zu einem Zimmer im Dachboden des Hauses. Man musste zuerst durch einen großen Dachboden, nur leicht vollgestellt, aber staubig. Dann öffnete man eine Tür und war in einem Raum: Unserem Clubraum. Zweieinhalb auf vier Meter, höchstens. In der sechsten Klasse war es noch gar kein richtiger Clubraum: Wir trafen uns zu tritt, um Plastik-Modellflugzeuge zusammenzubauen. Immerhin legten wir schon unser Geld zusammen, um die Modelle zu kaufen.

Im Jahr darauf hatten wir unseren ersten Science-Fiction-Club gegründet. Wir waren zu dritt, Michael, Norbert und ich. Und jetzt war das Zimmer ein echter Clubraum: Die Wände waren mit Postern tapeziert und mit herausgetrennten Zeichnungen aus Magazinen. Sämtliche Wände waren so dekoriert, nur die Decke war frei. Ein Schränkchen, dann ein Schrank, und nach und nach weitere Regale für unsere Flohmarktfunde: Dutzende, hunderte Taschenbücher und Romanhefte. Perry Rhodan, Utopia-Taschenbücher, Marvel-Comics. Von der Decke war bald das letzte Flugzeugmodell verschwunden.

Ein knappes Jahr später waren wir zu fünft: Unser Club hatte sich mit einem anderen Club zusammengeschlossen. “Fusioniert” hieß das damals schon. Dirk und Jan waren die neuen und brachten ihr Magazin mit, Parsec, Ausgabe 3. Wir machten Parsec gemeinsam weiter; andere Magazine erschienen, solche zum Beispiel:

Nach wenigen Jahren war der Clubraum verlassen. Die einen hatten aufgehört mit solchem Kinderkram, die anderen hatten plötzlich einen Star-Wars-Club mit hundert zahlenden Mitgliedern am Hals, und eine ganz neue Geschichte begann.

Aber zurück zu Patrizia: In diesem Clubraum, unglaubwürdig wie das vielleicht klingen mag, gab es auch einen alten Plattenspieler – noch mit 33, 45 oder 78 Umdrehungen pro Minute. Und am unglaubwürdigsten war die Plattensammlung, die sich auf dem Dachboden fand: Etwa fünfzig oder sechzing Singles aus den 60er Jahren. Ah, “Das Geisterschiff von Ohio”! Ich kann den Text heute noch. “Der weiße Mond von Maratonga”: In Studientagen beim Scharadenspiel, als es darum ging, einen Liedtitel pantomimisch darzustellen, kam mir dieses Lied in den Kopf, und ich hatte meine rechte Mühe, den Mitspielern diesen Titel zu vermitteln. Ein Medley aus der West Side Story war auch dabei, einige wunderschöne Instrumentalstücke, deren Titel ich leider nicht mehr weiß, und eben auch: “Patrizia”. Du-dum. “Zauberhafte reizende Patri-zi‑a, du-dum, gehen Sie nicht so an mir vorbei”. Goldene Zeiten.

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