Stan Lee mit 95 Jahren gestorben

Und dann doch überraschend: Stan Lee ist gestorben, 2018, mit 95 Jahren. Stan Lee kenne ich seit Herbst 1978. da war ich gerade mal elf Jahre alt, Stan Lee 56 – aber für mich zehn bis fünfzehn Jahre jünger. Und das kam so:

In der 5. Klasse entdeckte ich Marvel Comics, namentlich die Serie Die Spinne aus dem Williams-Verlag. EIn Mitschüler brachte mich darauf, und ich war schnell regelmäßiger Leser. Die Hefte kriegte ich am Kiosk an der Endhaltestelle der Straßenbahn in meinem Stadtteil; da fuhr ich mit dem Bus hin und von da aus weiter mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Alle zwei Wochen gab es ein neues Heft, und neben Die Spinne las ich auch die anderen Hefte aus dem gleichen Haus – Die Rächer, Die Fantastischen Vier vor allem.

Auf Flohmärkten fand ich mit einigem Einsatz einen Großteil der zurückliegenden Hefte, und auch die der anderen, bereits eingestellten Serien – und wenige Monate später (nach meinem Gefühl: eine Ewigkeit später) wurden auch die restlichen Williams-Marvel-Serien eingestellt. Just my luck. Aber ich hatte ja die Jagd nach den alten Heften, hatte amerikanische Hefte, die ich – als Folge der vielen amerikanischen Soldaten in Augsburg – auch reichlich auf Flohmärkten fand, und in den Folgejahren bei Urlauben in den USA. Und einen Nachfolgeverlag gab es auch, der viel deutsche Ausgaben produzierte, dem aber völlig der Charme der Williams-Marvels abging. (Allein schon das Handlettering der Williams-Hefte, das nur von heute aus amateurhaft aussieht, und dabei immer noch besser ist als der Pseudo-Handsatz heute.)

Und dieser Charme, der war ein wesentliches Merkmal der Marvels: Die Autoren und Zeichner hatten überbordende Spitznamen, ich weiß nur noch die englischen: Smiling‘ Stan Lee, Dazzlin‘ Don Heck, Adorable Artie SImek, King Kirby, Stainless Steve Ditko, Rascally Roy Thomas, Big John Romita, alle mit lobpreisenden Adjektiven oder Spitznamen versehen. Diese Sprache der 1960er-Marvels übernahm auch das Redaktionsteam der deutschen Fassungen in den Übersetzungen der 1970er-Jahre, als die Geschichten mit zwölf oder fünfzehn Jahren Verspätung erschienen. Das großsprecherisch, markschreierisch – aber bei der Konkurrenz wurden die Namen der Autoren, Zeichner, Tuscher überhaupt nicht genannt. Marvel gab ihnen Identitäten. Ein gezeichneter Stan Lee sprach den Leser mit weitausladenden Gesten direkt an, „Excelsior“ sein Schlachtruf. Marvel-Comics waren nicht einfach da, sie wurden erkennbar von Menschen gemacht.

Dass der amerikanische Bullpen – die künstlerischen Mitarbeiter im Verlag – gar nicht so war wie dargestellt, klar; und auch die Figur, die Stan Lee für sich erfunden hatte, entsprach sicher nicht der Wirklichkeit – aber die Unterschrift, der Schnurrbart, das liebenswert Großsprecherische, das war schon auch echt. Stan Lee war das Gesicht von Marvel, der Co-Erfinder fast aller frühen Marvel-Superhelden, der Autor vieler früher Geschichten – Stan Lee und Steve Ditko bei Spider-Man, Stan Lee und Jack Kirby bei The Fantastic Four, das sind zurecht legendäre Jahre. Mit Schmalz und Melodrama und Pathos. Schon im ersten Spider-Man-Heft schrieb Stan Lee: „With great power comes great responsibility“, und danach ging es nur noch aufwärts.

Marvel-Sammlung 1979
Meine Marvel-Sammlung 1979

Stan Lee verdiente als Executive viel Geld und stand gerne im Rampenlicht, andere Künstler behandelte der Verlag („The House of Ideas“, im Vergleich zur „Distinguished Competition“ von DC) stiefmütterlich biss schlecht; zwischen Kirby und Lee und Ditko und Lee gab es Streit. („Funky Flashman“ mit seinem „Houseroy“ war danach eine Kirby-Parodie auf Lee im Mister-Miracle-Universum, Google-Bildersuche.) Manche Fans mochten ihn nicht, unterstellten auch, die anderen Künstler seien die eigentlich Produktiven gewesen. Aber die letztlich doch immer etwas enttäuschenden Hefte von Ditko ohne Lee, von Kirby ohne Lee zeigen, dass sein Beitrag als Erzähler nötig war, um Geschichten und das Marvel-Universum zu erschaffen. Die Auftritte im Marvel Cinematic Universe bezauberten dann auch wieder viele verstimmte Fans.

Angemalte Seite aus Schulbuch
Tiere in meinem Schulbuch Englisch 5./6. Klasse: Als Superhelden

Die Rolle, die Stan Lees Marvel-Comics in meiner Entwicklung spielen, ist groß. Toleranz, Nicht-Aufgeben, Umgang mit Niederschlägen, Verantwortung, Verlust. Avengers 32 und 33 mit den rassistischen Söhnen der Schlange. Pulphaft versunkene Reiche in Avengers 34 oder Fantastic Four 54. „This Man – This Monster“ in FF 51. Amazing Spider-Man 33, in dem Spider-Man sich fünf Seiten lang aus einem eingestürzten Labor hervorarbeitet. Hachz.

Besuch herumführen in München, und Familien-Vergangenheit mit amerikanischen Soldaten

White Sands, New Mexico

Heute sollte ich einen Gast in München herumführen, D., männlich, aus den USA, vielleicht gut fünfzehn Jahre älter als ich. Das habe ich natürlich gerne gemacht, und zwar das volle Programm:

Zuerst gingen wir durchs Sendlinger Tor und in die Asamkirche. Die ist (Spät-)Barock und vor allem sehr bunt innen. Dann zum Marienplatz, pünktlich zum täglichen Glockenspiel. Kurz dessen Geschichte recherchiert und weitergegeben. Weiter zur Feldherrnhalle (am Platz eines der weiteren alten Stadttore), in den Norden auf Siegestor und Königsplatz hingewiesen. Kurz in die Theatinerkirche. Die ist auch Barock, aber eher weiß und gold, wie man das so kennt. Ursprünglich war sie sicher auch so bunt wie alle Barockkirchen, aber heute, nach viel Wiederaufbau und vielleicht auch mit anderem Zeitgeschmack, lässt man sie vie viele Barockkirchen weiß.

Danach gingen wir in die Residenz. „Kurfürst“ heißt auf Englisch „Elector“, das wusste ich mal, hatte ich aber vergessen. „Kur-“ gehört zu ahd. chiosan, „wählen, ernennen“, wenn ich mich recht erinnere, und steckt noch in „Kür“ und „auserkoren“ drin, und natürlich im englischen choose. Die Residenz ist groß und man läuft sehr viel herum. Die Galerie der Familienportraits gefällt mir am besten.

Danach, früher Nachmittag, zum Sedlmayr, Einkehren in Traditionsgaststätte. Schweinebraten für ihn, für mich die Kalbszunge – weil die Bäckchen zwar auf der Karte standen, aber erst wieder im Herbst zu haben sein würden. Nu, meine Zunge ist besser, aber ich nehme auch gepökelte. Aber war schon okay. Nächstes Mal vielleicht doch mal die sauren Nierchen?

Zum Abschluss Viktualienmarkt, dann via Sendlinger Tor und Karlstor zum Hauptbahnhof.


D.: Den kennt meine Familie seit 1977. Er ließ sich als junger Soldat nach Deutschland versetzen, erst für ein Jahr, dann für ein weiteres, und ging danach zurück nach New Mexico. In Augsburg gab es viele amerikanische Soldaten, und damit viel amerikanische Comics auf den Flohmärkten, schon früh Pizzerias und – viel später – einen Kentucky Fried Chicken. Und es gab das sagenumwobene PX („pi äx“), post exchange – so hießen die Läden auf den US-Stützpunkten, wo Truppenangehörige, aber eben nur die, amerikanische Waren einkaufen konnten. Comics! Hershey bars! Golden Grahams! Butterfingers! Live Savers! Erdnussbutter nicht, die gab’s ja bei uns auch im Supermarkt; „Skippy“ hieß die früheste Sorte, an die ich mich erinnern kann, so wie das Buschkänguru aus der gleichnamigen Fernsehserie. (Flipper an Land, sozusagen.)

Damit die G.I.s Anbindung an Familien fanden, gab es es ein Programm, bei dem Augsburger Familien amerikanische Soldaten über Weihnachten aufnehmen konnten. Und das tat meine Familie, mehrere Jahre hintereinander. D. war der erste davon. Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Wir hielten zwei Jahre in Deutschland Kontakt und auch danach immer wieder, besuchten ihn 1979 in New Mexico. Dort: Eine freilaufende Tarantel gesehen, Klapperschlangenklappern gefunden, in den Carlsbad Caverns und den White Sands gewesen:

White Sands, New Mexico

Im Fernsehen eine Episode Spider-Man gesehen – genau, das mit dem Titelsong. Bei einem Prachtessen Süßkartoffelauflauf vorgesetzt bekommen und nicht gemocht. Elfeinhalb Jahre war ich bei all dem, und dazu kamen dann noch New York und Florida, mit Raketen und Alligatoren. My parents were awesome.

Meine Eltern und D. hielten die ganze Zeit über weiter Kontakt, tauschten Weihnachtskarten aus, D.s Tochter verbrachte mal ein paar Wochen bei uns – und jetzt war D. eben wieder einmal in Augsburg.

Peacock Revolution

im Zug mit grüner Melone

Vor zwei Jahren im Fashion Museum in Bath hörte ich zum ersten Mal von der Peacock Revolution. So hieß das, was Ende der 1960er Jahre für ein paar kurze Jahre die Männermode dominierte: Rüschen und Längsstreifen, Samt und Kord, Lila und Rot und Orange, der volle Sgt. Pepper halt.

Und da habe ich mich wiedererkannt. Kleidung war mir einerseits nie sehr wichtig, ich habe angezogen, was da war und noch einigermaßen frisch roch. Aber es hat mich gefreut, und freut mich immer noch, wenn das auch noch schöne Sachen sind, und zwar: eher etwas extravagante schöne Sachen, mitunter sogar flamboyant. Moden habe ich nur ein einziges Mal bewusst mitgemacht, mit zehn oder zwölf Jahren, als ich mit der Schere Fransen in eine kurze Jeanshose schnitt. Das war eine sehr kurze Phase. Und Marken – Marken hatte man zu meiner Zeit fast noch gar nicht erfunden. (Levi’s Jeans, Kaugummimarken, C&A-Hausmarke Palomino, Salamander.)

Nein, mein Vorbild war wohl einfach Errol Flynn – dünnes Bärtchen, weites Piratenhemd, lachend auf einer Rahe stehend und die Locken im Wind. Nicht dass ich so war, aber so wollte ich vielleicht sein. So etwas war seit dem Ende der Peacock Revolution nicht mehr Mode, das kam dann erst wieder mit Prince und ist auf Bühnenshows begrenzt.

Man sieht hier, wie ich bereits in jungen Jahren so gekleidet war, wo ich noch heute sage: Respekt.

Zugegeben, das letzte Bild ist tatsächlich eine Faschingskostümierung. Aber vor zwanzig Jahren, als ich noch ranker war, hatte ich ein weißes und ein schwarzes Hemd, das ich explizit als Heldenhemd gekauft hatte – tiefer Ausschnitt, weiter Ärmel. Die Kleidung auf den linken Bildern, zumindest auf dem mittleren, stammt aus Berlin: da hatten wir Verwandtschaft mit Modeläden, und von dort wanderte oft Kleidung in die bayerisch-schwäbische Provinz. Ich fühlte mich sehr wohl darin.

Der bunte Auftritt kam dann immer im Doppelpack, weil ich ja einen Zwillingsbruder habe:

Kinder geringelt

Kinder in grün und gelb Kind im Jeansanzug

Als Teenager dann so:

vogelfütternd, weiße Hose, rosa Hemd

(Nicht gut zu erkennen: die fette Gürtelschnalle in Spinnennetzform. Kann ich interessierten Besuchern heute noch zeigen.)

Manchmal hatte das… Auswüchse. Hier mit 17 Jahren in San Francisco. Man beachte das kleine Bärtchen, lange, lange bevor es mal Mode wurde. (War das in den frühen 2000ern? Ich weiß es gar nicht mehr.) Und, uh, den Rest. Aber immerhin: das Hemd. In der Hand: ein frisch gekauftes Buch, entweder Tolkien-Briefe oder The Return of the King, beide hatte ich in diesem Urlaub gekauft.

Teenager in Chinatown

In der Abizeitung, als jeder von uns 5 Zeilen bekam und gut war’s, stand dann unter anderem „Genie und Dressman“. Heute verstehe ich das besser als früher. Ich sah es schon als Kompliment, aber dressman, moi?

In den Zwanzigern entdeckte ich eine Reihe von dreifarbigen Hemden mit schwarzen Punkten. Hach, waren die schön! Frau Rau war dann aber doch sehr froh, als sie dann mal verschwanden.

Hemd mit Punkten

Von Teenager-Jahren an mochte ich Hawaii-Hemden. Ich hatte stets ein oder zwei, die – wohl wieder durch die Verwandtschaft – den Weg zu mir fanden, später dann immer wieder selbst gekaufte. Ganz zu Anfang dieses Jahrtausends erstand ich dieses schöne Marvel-Hemd, lange vor dem filmischen Erfolg des Marvel-Universums. Einmal im Jahr ziehe ich es in die Schule an:

Für diese Jacke muss ich ein bisschen abnehmen, sonst würde ich sie öfter tragen:

Heute etwas gesetzter und ruhiger, fühle ich mich sehr wohl in diesen Längsstreifen:

Sakko mit Streifen

Wenn es ein bisschen kühl ist oder regnet, aber nicht genug für einen Schirm, dann bietet sich die grüne Melone an:

im Zug mit grüner Melone

Aus dem Irlandurlaub mitgebracht: neue Socken.

bunte Socken

Alles, was noch passt, ziehe ich regelmäßig in die Schule an, daneben manche Nerd-Shirts, und mein Fischgrät-Tweed-Hoodie. Oder graue Pullover. Kaum etwas davon wird je kommentiert, übrigens; wir sind eine sehr höfliche Schule. Aber ich habe Fasching ja auch mal im Ganzkörper-Löwenkostüm unterrichtet, ohne dass das irgendeinen Unterschied gemacht hätte.

Nachtrag:

Selfie im Spiegel

Erinnerungen ans Referendariat

Türschild "Privatphilosoph"

Arne Paulsen hat einen schönen Eintrag über seine positiven Erinnerungen ans Referndariat geschrieben, Anlass war die Blogparade dazu von Bob Blume, Thema „Ein wunderbarer Moment im Referendariat“.

Ich will wie Arne auch keinen einzelnen Moment herausgreifen. Ingesamt habe ich die angenehmsten Erinnerungen an das Referendariat. Aber das kann nicht alles gewesen sein: Frau Rau erinnert mich daran, dass ich arg geschimpft habe. Trotzdem, es war eine Zeit voller schöner Erinnerungen – ich war aber auch noch jung und aufnahmefähig.

In Bayern ist man am Gymnasium das erste und letzte halbe Jahr an einer Seminarschule unter Aufsicht von Seminarlehrern, die die Lehrprobe abnehmen und Noten geben und so weiter. Dazwischen ist man ein Jahr an einer Einsatzschule und unterrichtet dort eigenverantwortlich, ohne dass einem jemand groß über die Schulter schaut.

Meine Seminarschule war in Straubing, Niederbayern. Gewohnt habe ich im ehemaligen Priesterseminar, das leer stand, weil – ich habe mich nicht groß damit beschäftigt – es irgendwann mal zu irgendetwas anderem verwendet werden sollte. Aber vorerst gabe es Räumlichkeiten für mich. Sehr hohe, weite Räume, spartanisch eingerichtet. Schade, dass ich keine Fotos davon habe, es war menschenleer und hallte. An der Türe außen hatte ich das hier angebracht:

Türschild "Privatphilosoph"

Damals konnte ich noch abends korrigieren, dann spontan von neun bis elf mit anderen Referendaren und Referendarinnen aufs Volksfest gehen (für das Straubing berühmt ist), und danach weiter korrigieren. Irre. Am Bahnhofskiosk von Straubing entdeckte ich aktuelle amerikanische Marvel-Comics und ich begann wieder zu sammeln, nachdem ich davon zehn Jahre Pause gemacht hatte. Zehn Jahre danach hörte ich übrigens endgültig auf. Meine Lehrprobe verlief mäßig (2-, und hätte auch eine 3 sein können), wie ich überhaupt nie gut bei mündlichen Prüfungen war oder bin.

Ich vertrug mich mit den anderen Referendarinnen und Referendaren, war mit dem Deutsch-Seminarlehrer sehr zufrieden (wir hielten viel von einander), mit der Englisch-Seminarlehrerin habe ich es ausgehalten. Aber meiner Erinnerung ist nicht unbedingt zu trauen. Frau Rau hat mich darauf hingewiesen, wie sehr auch ich damals geklagt habe. Und ja, ich hatte verdrängt, wie viel Zeit das alles gekostet hatte. Nach den ersten zwei Wochen musste ich zwei Stunden pro Woche Unterricht halten, einmal Deutsch, einmal Englisch, und diese Vorbereitung kostete mich die ganze Woche. Danach war ich auf sieben Stunden, und das füllte dann die Woche völlig. Heute weiß ich gar nicht mehr so recht, was so viel Zeit gekostet hat – das Auswählen und Vergleichen der vielen Möglichkeiten, die ich vor mir sah? Das Korrigieren hat auch viel Zeit gekostet, mehr als heute – aber auch deshalb, weil ich früher mehr eingesammelt und korrigiert habe als heute.

Danach kam das Jahr im Zweigschuleinsatz, Marktoberdorf. Mit den Klassen kam ich weiterhin sofort zurecht, ich ging jedenfalls immer sehr gerne in den Unterricht. Aber im ersten Halbjahr war ich nicht glücklich, auch wenn ich das vermutlich nicht wusste. Ich war weg von Frau Rau, hauste in einem fast lichtlosen Zimmer, und kannte niemanden. Nun ja. Das zweite Halbjahr war besser, da wohnte ich direkt in der Schule – die Schule hatte ein Heim, ich zwei Stunden Heimdienst (statt Unterricht), ich wohnte dort und hockte viel mit den anderen Lehrern und Lehrerinnen zusammen. Wir kochten auch immer wieder mal gemeinsam. Im Heim gab es auch viele (ältere) russische Schüler, „Kontingentflüchtlinge“ war die offizielle Bezeichnung. Mit denen habe ich gelegentlich Schach gespielt, abends, und auch mal gewonnen. (In meiner Jugend war ich eine sehr kleine Weile im Schachverein.)

Ansonsten sind da viele kleine Erinnerungen, aber keine Anekdoten. Routine. Eine Schachtel am Tag habe ich damals geraucht. Auch im Lehrerzimmer, jedenfalls in dessen offenem Nebenraum – an meiner neuen Schule, gleich nach dem Referendariat, an der ich jetzt noch bin, wurde auch im Lehrerzimmer geraucht. Aber schon lange vor dem Umzug ins neue Schulgebäude wurde das abgeschafft, und schon davor hatte ich das Rauchen ohnehin aufgegeben.

(Unbeendet gebliebener Artikel, Aber hey, sonst wird das nicht mehr so bald was mit dem Bloggen.)

Ich bin so cool. (Vorläufiger Blogeintragstitel, muss noch geändert werden.)

Bild aus Film Mad Monster Party

Gestern, spät nachts, schien mir das der richtige Titel für den Blogeintrag zu sein, heute sieht das irgendwie weniger lustig aus. So oder so: Nicht ich bin cool, meine Eltern sind cool. My parents were awesome heißt ein Tumblr/Buchprojekt, und dem kann ich mich nur anschließen.

Anlass dafür war, dass ich Frau Rau gestern den Film Mad Monster Party? zeigen durfte, eine frühe Erinnerung aus meiner Kindheit. Der lief wohl auf Deutsch als Frankensteins Monster-Party, auch wenn ich ihn als Frankensteins Monster-Insel in Erinnerung habe und deshalb wohl immer wieder mal so nenne. Meine Erinnerung ist lückenhaft, aber an das Finale kann ich mich noch gut erinnern. Dabei lief der Film wohl nur einmal im deutschen Fernsehen, 1976, da war ich neun Jahre alt, aber er hat mich sehr geprägt.

Bild aus Film Mad Monster Party

Es ist ein Stop-Motion-Trickfilm in voller Spielfilmlänge. Die Handlung: Baron Frankenstein will seine Rolle als Monster-Anführer aufgeben und sucht einen Nachfolger. Dazu lädt er eine Reihe von Kandidaten zu sich auf seine Insel ein: den Werwolf, die Mumie, Dracula, den Unsichtbaren, Dr. Jekyll, das Monster aus der schwarzen Lagune, der Glöckner. (Zum Großteil mit anderen Namen, um die Rechte für die Verwendung der Originalbezeichnungen nicht erwerben zu müssen.) Frankensteins Monster und dessen Braut sind auch schon da, ebenso wie die Assistentin Francesca und der Zombie-Butler Yetch. Eingeladen wird außerdem Frankensteins Neffe, der sich aber als bürgerlich-brav und furchtsam herausstellt. Ein Kampf um die Nachfolge entbrennt.

Boris von Frankenstein wird gesprochen von Boris Karloff und sieht ihm auch recht ähnlich, und Yetch sieht aus und hört sich an wie Peter Lorre (gesprochen von Allen Swift, der auch sonst einen Großteil der Figuren spricht). Der Film ist durchaus noch ansehbar, er ist zwar etwas langsam, aber dafür kriegt man jede Menge groovy Sechziger-Jahre-Sound. Auf Deutsch habe ich den Film leider nirgendwo gefunden, aber bei Youtube findet man ihn da und dort auf Englisch in ganzer Länge.

Für mich als Neunjährigen war der Film eine Offenbarung. Dabei kannte ich die alten Universal-Filme sehr wahrscheinlich noch gar nicht, war dadurch aber bestens präpariert für eben jene Wolfman, Dracula, Frankenstein, Mummy, die ich wenige Jahre danach kennenlernen oder eher: wiedersehen würde.

(Bei den Film-Credits gestern sah ich den Namen Jack Davis, und sag noch: ach, da gab’s mal einen Zeichner für die Horrorcomics von EC und bei Mad Magazine, der hieß genauso. Stellt sich heraus, ja, genau der Jack Davis hat die Puppen entworfen – und ist vor einer Woche gestorben, hochbetagt; daher hatte Frau Rau den Namen auch schon mal gehört. Harvey Kurtzman – auch Mad Magazine – hat am Drehbuch mitgearbeitet, Forrest Ackerman laut imdb auch, Frank Frazetta hat die Poster entworfen. Tse.)


Warum ich den Film halbwegs kannte, obwohl er eben nur einmal 1976 im deutschen Fernsehen lief (in den USA ist er ein gutes Stück bekannter): Wir hatten damals schon einen Videorekorder. Betamax gab es zwar erst seit 1978 in Deutschland, seit 1975 in den USA. Aber wir hatten einen Videorekorder schon seit wohl 1973, und zwar das VCR-System von Grundig/Philips (Wikipedia), das es seit 1971 gab – lange vor Betamax, VHS, Video 2000, ein heute ganz vergessenes System. Auf eine solche Kassette passte damals nur eine knappe Stunde; aber man konnte – wenn ich mich richtig erinnere – beide Seiten bespielen. Nahm man einen Film aus dem Fernsehen auf, fehlten also immer ein paar Minuten in der Mitte, weil man da schnell die Kassette wechseln oder umdrehen musste. Die Kassetten waren drei, vier Zentimeter hoch, und ansonsten eher quadratisch, etwas größer als CD-Hüllen.

Und so ein Videorekorder war toll, fast wie ein privates Youtube in einer Welt ohne Youtube. Wenn einem ein Film gefiel, konnte man ihn einfach ein paar Wochen später noch einmal anschauen!

Ich durfte zusammen mit meinem Zwillingsbruder fast alles sehen, was ich wollte, hielt mich aber auch an die erlaubten, sehr großzügigen Fernsehzeiten. Schon sehr bald hatten wir einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer (das Kabel zu Antenne und Videorekorder durch die Wand geführt), da gab es noch keine Fernsteuerungen und nur 6 Sender (ARD, ZDF, Bayern, Schweiz, zweimal Österreich). Für manche Kinder wäre das vielleicht schlecht gewesen, für uns war es genau richtig. Ich las ohnehin immer viel, mein Bruder war oft draußen spielen, wir verbrachten also keinesfalls all unsere Zeit vor dem Fernseher. Aber wir erwarben eine solide Grundbildung an Monsterfilmen und Hollywood-Musicals, und dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

Rollenspielen 2015

Rollenspiel_2015_Rom

Die letzten dreieinhalb Tage war ich wieder Rollenspielen, so wie seit etlichen Jahren immer um dieser Zeit. Pen & Paper, Call of Cthulhu: Inzwischen schreiben wir das Jahr 1939. Wir trafen uns in St. Paul, Minnesota, um von dort aus nach Rom aufzubrechen. Ein Brief eines Kardinals, mit dem uns ein gemeinsamer Bekannter aus vorhergehenden Spielen verband, brauchte unsere Hilfe.
Leider war der Kardinal genauso falsch wie seine Absichten. Ein alter Feind von der SS agierte im Hintergrund, und um herauszufinden, was er eigentlich im Schilde hatte, verfolgten wir die Spuren seiner Aktivitäten sozusagen rückwärts. Zuerst nach St. Gallen, dann wieder Rom, schließlich Marienburg in der Nähe von Danzig. Die Marienburg, der größte Backsteinbau Europas, ist die ehemalige Ordensburg des Deutschen Ordens, und in dessen Geschichte hatten wir herumgewühlt. Marienburg lag 1939 in der Provinz Ostpreußen, vom übrigen deutschen Reich durch einen polnischen Korridor getrennt. Und natürlich schickte uns der Spielleiter nicht zufällig im September 1939 dorthin: Da überfiel Deutschland Polen.

Als die Kampagne vor 6 Jahren begann, ahnte ich nicht, dass das ein Geographie- und Geschichtskurs werden würde. Mit Kopien historischer Bahntickets, in Originalgröße ausgedruckten historischen Landkarten, Grundrissen, Fotos, Biografien, Hintergrundmaterial. Damit wir auch wissen, wie die Straßenbahnen 1939 in Rom fuhren und wie groß St. Gallen war und wie es im Vatikan aussah. Der ebenfalls griffbereite zweibändige Baedeker für Rom war allerdings noch eine Ausgabe von vor dem ersten Weltkrieg.

Nachtrag: Mein liebstes Rätsel betraf vier lateinische Inschriften, deren Inhalt wir herausfinden mussten. Meine Spielfigur konnte als einzige Latein, aber etliche Würfe misslangen, so dass Teile unübersetzt blieben, darunter der wichtigste. Auch die außerspielweltlichen Lateinkenntnisse der Spielerrunde reichten nicht aus für diese Stelle. Kunststück, nach einigem Herumknoben – es war auch schon spät nachts – erkannten wir, dass das der lateinische Name einer polnischen Stadt war, die wir unter deren deutschen Namen kannten.

Rückblick:
2007 – nur eine Zeile nebenbei.
2008 – etwas ausführlicher, mit Bild.
2009 – nur eine Zeile nebenbei.
2010 – einigermaßen ausführlich.
2011 – etwas Text, zumindest mit Bild.
2012 – nur ein Absatz.
2013 – ausführlicher.
2014 – in Afrika, mit Telegramm.

Meine Brüder und ich, 1980

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Der Rotkarierte bin ich, der große Schwarze im Hintergrund und der der Mittelkleine mit dem runden Kopf gehören nicht zur Familie.

1980: Da war mein Zwillingsbruder der größere Star-Wars-Fan als ich, und eigentlich würde er das immer bleiben. Ich war schon ein großer Science-Fiction-Fan, würde aber erst einige Wochen später, zum Beginn der 7. Klasse und um das Erscheinen von Heft 1000 herum, die Serie Perry Rhodan zu lesen beginnen, über die auch von mir noch einmal geschrieben werden muss.

Und so war es vor allem mein Zwillingsbruder, der im Sommer 1980 darauf drängte, dass wir uns alle, in den USA bei der Verwandtschaft, The Empire Strikes Back im Kino ansahen, den zweiten (sic) Teil der Star-Wars-Reihe. Ich war ein bisschen schnöselig nach dem Kino, das weiß ich noch, und hatte herumzukritteln an dem Film, wenn ich auch nicht mehr weiß, was. Inzwischen halte ich den Film für den besten der drei (sic) ernstzunehmenden Star-Wars-Filme. Damals waren mein Ding eher die Marvel-Superhelden-Comics (siehe Blogeintrag mit Sammlung) und möglicherweise war ich noch in der letzten Phase der Begeisterung für Micronauts (Wikipedia), eine Science-Fiction-Spielzeug-Serie. Aber das mag auch im Vorjahr gewesen sein. Immerhin war ich jetzt schon fast dreizehn.

Das Foto wurde auf irgendeinem Fair gemacht, eine kleine örtliche Landwirtschadtsmesse vielleicht. Ich kann mich an dekorierte Kühe erinnern, aber das kann auch eine andere Veranstaltung in einem anderen Jahre gewesen sein.

Kingsman: The Secret Service

Kingsman: The Secret Service (2014), Regie Matthew Vaughn, Drehbuch Jane Goldman und Matthew Vaughn nach dem Comic von Mark Millar und Dave Gibbons.

Es gibt da diese Faustregel: Wenn die geheimlichen Organisationen im Film Kürzel haben, die aus drei Buchstaben bestehen (FBI, CIA, KGB), dann handelt es sich um einen Agententhriller. Wenn es mehr Buchstaben sind, dann ist es einen Agentenkomödie. Men in Black ist nur scheinbar eine Ausnahme, da zwar auf dem Kinoposter groß „MiB“ steht, das im Film aber gar nicht groß auftaucht.
Wir haben zum Beispiel U.N.C.L.E., und bei James Bond gibt es gleich zwei, SPECTRE und SMERSH. Marvel hat SHIELD, die Fernseherserie UFO hatte S.H.A.D.O. Und Maxwell Smart kämpfte für CONTROL und gegen KAOS.
Ich glaube, die vielen Buchstaben sind tatsächlich als Parodie auf die wenigen Buchstaben entstanden. (Dabei gab es das russische SMERSH wirklich.)

Den Boom lösten wohl die James-Bond-Filme aus. Bald nach ihnen gab es die Fernsehserien The Man from U.N.C.L.E und Danger Man, das wiederum The Prisoner zeugte. Dean Martin drehte 1966 Leise flüstern die Pistolen, das ich in früher Kindheit mal gesehen habe. Ich kann mich nur noch an sein automatisiertes Liebesnest erinnern. Nie gesehen habe ich Get Smart (deutsch: Mini-Max, das mit dem Telefon im Schuh), nur mal in die Spielfilmversion von 1980 reingeschaut – nicht sehr gut: in The Nude Bomb entwickelt ein verrückter Wissenschaftler eine Bombe, die Kleidung zerstört. Da lobe ich mir doch das Meisterstück Casino Royale, eine nominell auf einem James-Bond-Roman basierende Bond-Parodie von 1967. Dort entwickelt der Schurke des Films eine Biowaffe, die alle Frauen schön macht und alle Männer über 1.38m tötet. Es spielen mit: Peter Sellers, Ursula Andess, David Niven, Orson Welles, Daliah Lavy, Woody Allen, Deborah Kerr, William Holden, Charles Boyer, John Huston, Jean-Paul Belmondo, Jacqueline Bisset. Und viele weitere. Die Reihe an Zitaten vermittelt einen Eindruck von dem Film. Ob er mir heute noch gefallen würde? Immerhin: Herb Alpert & the Tijuana Brass spielen das Titellied.

Vor diesem Hintergrund habe ich Kingsman: The Secret Service gesehen.

Exkurs: Gewalttäige Komödien

1986 fuhr die Kollegstufe meines Gymnasiums auf Kursfahrt, entweder nach Rom oder Korsika. Aus Gründen, die ich heute nicht mehr ganz weiß, hatte ich keine Lust, mitzufahren. Snobismus, wahrscheinlich. Also wurde ich in die 11. Jahrgangsstufe gesteckt, denn dem Unterricht fernbleiben durften wir nicht. Zusammen mit mir musste auch Markus in diese Klasse; auch Markus war nicht mit auf der Kursfahrt. Also saßen wir einen Vormittag nebeneinander und unterhielten uns. (Der Unterricht um uns herum kam ohne uns aus, und wir waren wohl leise genug, dass wir nicht störten.) Und wir unterhielten uns ausführlich. Markus war der einzige Mensch damals, der wahrscheinlich noch mehr alte Filme kannte als ich, also so 1930er bis 1960er Jahre. Ihn interessierten vor allem die finanziellen Aspekte des Filmschaffens, das war eine neue Perspektive für mich. Es war erleichternd, jemanden zu treffen (außer meinem Zwillingsbruder), der etwas anfangen konnte mit screwball comedy und film noir, der Hellzapoppin‘ kannte die verschiedenen Verfilmungen von His Girl Friday, und mit dem man diskutieren konnte, welche Jerry-Lewis-Filme erträglicher waren als die anderen. So kamen wir auch Ein Froschmann an der Angel, ein nicht weiter erwähnenswerter Jerry-Lewis-Film, anhand dessen mir Markus seine Theorie erklärte: eine gute Komödie (vielleicht: jenseits der schwarzen Komödie) kommt eigentlich ohne Tote aus. Mit Markus habe ich später noch viel erlebt.

Noch jemand da? Jetzt komme ich endlich zum Film, wenn auch eher vage und spoilerfrei

Kingsman kommt dezidiert nicht ohne Tote aus. Auf seine Art spielt er im selben Grenzbereich zwischen Gewalt und Komödie wie Pulp Fiction. Außerdem ist er eine Agentenkomödie, oder Actionkomödie. Wir haben Geheimorganisationen, verrückte Pläne zur, hm, sagen wir: Weltherrschaft. Der Oberschurke hat eine Assistentin mit schrägen Waffen (wie Jaws/Beißer oder Oddjob bei James Bond). Keine lustigen Fahrzeuge. Der skurille Oberschurke hat natürlich seine geheime Basis, in den Fels gehauen, und dieses Bild vom roten Linoleumboden und den künstlich aussehenden Felswänden an den Seiten – das kenne ich aus Raumschiff Enterprise, und James-Bond-Filmen, und selbst ein Korridor in Krieg der Sterne hat genau diesen dunkel-zinnoberroten Farbton.

Kingsman hat mir sehr gut gefallen. Diese weniger begeisterte Filmkritik hat mich schon vorbereitet auf einen nicht ganz runden Film, ebenso diese insgesamt positive Kritik. Kingsman ist der Film, der Mit Schirm, Charme und Melone (1998) eigentlich hätte sein wollen und der daran gescheitert ist. (Die Organisation hieß da BROLLY.) Colin Forth Firth ist perfekt, Samuel Jackson köstlich; Taron Egerton als jugendlicher Held ein wenig blass, und im Anzug verliert er für mich jegliche Individualität. Hätte auch ein nichtssagender de Caprio sein können.

Und das mit den Frauen, das kriegt der Film nicht hin. Letztlich sind sie doch hilflos, gerade mal Unterstützung im Hintergrund brauchbar, und das auch nur, nachdem der Mann ihnen Mut zugesprochen hat. Muss doch gar nicht sein.

Schlüsselszene für mich: Colin Forth versucht dem jungen Zögling anhand bekannter Filme (Nikita) klar zu machen, in welcher Situation er sich befindet. Junger Zögling kennt keinen einzigen davon. Passiert mir in der Schule ständig. (Ausgerechnet My Fair Lady, das kannte er. Meine Oberstufenschüler nicht, kam erst vor zwei Wochen darauf zu sprechen.)

Lautes lang anhaltendes Gelächter von Frau Rau und mir und, möglicherweise, sonst niemandem im Kino: Pomp and Circustance. So unerwartet, schlüssig, anarchisch-befriedigend und metaphorisch ergiebig.

Lernerinnerungen an die Schule

Bob Blume fragt, wie „in der eigenen Schulzeit gutes Lernen, d.h. was an Projekten, Stunden und gemeinsamen Arbeiten in Erinnerung geblieben ist.“

Schöne Erinnerungen an Schule habe ich sehr viele. Schöne Erinnerungen an Unterricht auch. Meine mündliche Beteiligung war wohl ordentlich, obwohl ich das Gefühl hatte, mich nicht viel zu melden und eher passiv zu folgen. Das heißt wohl, dass ich lediglich mich für meine Verhältnisse zurückgehalten haben mag. Aber ich habe aufgepasst (auch wenn ich nebenbei gemalt oder gelesen habe, aber das hat dem keinen Abbruch getan) und ich habe meine Hausaufgaben gemacht – zwar immer wieder erst in der Straßenbahn, oder kurz vorher von einem Mitschüler abgeschrieben, aber auf jeden Fall habe ich in den Minuten vor jeder Stunde das Heft aufgeschlagen und geschaut, was wir gemacht haben. Erst in der Oberstufe habe ich sehr viel häufiger blau gemacht, als ich das von Schülern heute akzeptieren würde. Aber damals war das auch unkompliziert, es gab keine strenge Anwesenheitskontrolle, kein lästiges Nachfragen, man ging halt einfachs ins Café und holte den Stoff irgendwie nach. Und in der Oberstufe strickte der halbe Kurs im Unterricht – bei den meisten Kollegen würde das heute zum Aufstand führen.

Mit dieser Methode musste ich zu Hause kaum etwas tun. Ich kann mich in der Unterstufe (oder garin der Grundschule?) an Matheaufgaben erinnern, über denen ich lange rätselte, weil ich nicht wusste, worauf sie hinauswollten, aber das gab es später nicht mehr. Auch fürs Abitur musste ich kaum lernen – die schriftlichen Prüfungsfächer Deutsch, Englisch und Mathematik erforderten keine nennenswerte Vorbereitung, für Religion las ich interessiert die Sekundärliteratur.

Erst an der Uni musste ich plötzlich anfangen zu lernen. Und zwar einmal am Schluss, zum Staatsexamen (wo es zum ersten Mal unangenehm war, also Arbeit) und einmal am Anfang, bei den Grundlagen der englischen Sprachwissenschaft. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich am Mittagstisch sitze, einzelne Laute forme und dazu „Plosiv“, „Affrikate“, „Frikativ“ sage, und labio-dental und alveolar und stimmhaft und so weiter. Das war reines Auswendiglernen, und sehr befriedigend:

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Danach kriegten wir eine Liste von Begriffen, die wir zur Zwischenprüfung kennen sollten, und die kannte ich dann auch bis zur Zwischenprüfung.

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Das war ebenfalls reines Auswendiglernen und ebenfalls sehr befriedigend: Der Knackpunkt ist halt der, dass man beim Lernen von Begriffen wissen muss, ob man etwas verstanden hat oder nicht. Den Schülern, die das selbst herausfinden können, kann man auch einfach ein Buch oder ein Internet vorsetzen.

Zurück zur Schule. Ich fand das schon als Schüler toll, dass ich da einfach hingehen konnte, Gelegenheit bekam, meine privaten Kontakte zu pflegen, und außerdem lief da ein Programm mit spannenden Informationen, das ich jederzeit anzapfen konnte, um mein Wissen zu erweitern. In den Gesellschaftswissenschaften nutzte ich das wenig, in den Sprachen und Naturwissenschaften und in Mathematik um so mehr. Man trifft Freunde, kann ein Buch unter der Bank lesen, und man erfährt alles über Redoxreaktionen. Natürlich fand ich das klasse.

Als anstrengend habe ich Schule nicht empfunden – wie anstrengend ist es schon, sich Hausaufgaben abzuschreiben, ein Heft sauber zu führen und kurz hinein zu schauen? Aber ich hatte vor allem das Glück, dass ich gerne Englisch las (viele Comics, später Rollenspielzeug), dass ich eine Chemiekasten zu Hause hatte, dass ich schon früh aus der Bibliothek Bücher mit Denksportaufgaben und physikalischen Experimenten auslieh. Das heißt: Auch wenn meine Eltern nicht viel lasen und kein Abitur hatten, Bildung war wichtig und ich bekam viele Lerngelegenheiten auch zu Hause. Das macht viel aus.

Stunden mit besonderer Lernlust… Kurvendiskussionen waren toll, aber nicht das Lernen, sondern einfach das Durchführen. Stochastik ebenso. Ich kann mich an Gedichtübersetzungen erinnern (Robert Frost, vom Englischen ins Deutsche), die machten Spaß. In Physik habe ich irgendwann aufgegeben und mich mit 3ern und 4ern durchgemogelt, in Geschichte und Erdkunde ebenso. Hier habe ich mal weitere Erinnerungen aufgeschrieben. Referate gab es sehr wenig.

Ich kann mich nicht erinnern, die Unterrichtsinhalt je hinterfragt zu haben. „Warum müssen wir das lernen?“, war keine Frage, die sich mir stellte – ich lernte es, weil es mich interessierte oder zu meinem Vorwissen passte, oder ich lernte es halt nicht. Ein Grundvertrauen war da, oder eine allgemeine Neugier, oder Desinteresse. Eine Resolution gegen Werther als Schullektüre (1968/69) hätte es nicht gegeben. Aber auf die Frage „Brauchen wir das für die Klausur?“ wäre ich auch nie gekommen.

Was keinen Spaß gemacht hat: Nachmittags zum Sport in eine abseits gelegene Schwimmhalle oder zu einem Sportplatz zu radeln. Bundesjugendspiele, als ich noch jung genug war, richtig mitzumachen. Einen Verweis wegegn Schwätzens zu kriegen (als total ungerecht empfunden). Pausenbrote.

Rollenspielen 2014

Rollenspiel_2014_Telegramm18. April – 17. April 1938
Überfahrt auf der RMS Andania von Liverpool nach Nova Scotia, auf dem Weg nach Montreal. Wir müssen aus dem Nachlass einer Anthropologin ein seltenes Buch über Afrika besorgen.

1. Mai – 5. Mai 1938

Montreal. Die Übergabe des Buches gelingt nicht: Die Kanzlei wird überfallen, das Buch geraubt. Wir recherchieren und vermuten als Drahtzieher Deveraux Cartier aus Ottawa. Der hat wohl nicht nur das Buch geraubt, sondern ist verantwortlich für den Diebstahl eienr Reihe afrikanischer Statuen, die sein Großvater einst besessen (oder eher: gestohlen) hatte, die aber in alle Winde verstreut wurden.

6. Mai – 8. Mai 1938
Cartiers Anwesen in Ottawa ist verlassen, aber die Spur führt nach Tanger in Marokko.

9. Mai – 14. Mai 1938
Mit dem Zug nach New York, dann mit dem Dampfer Normandie („ein Meilenstein des Passagierschiffbaus“, Wikipedia) nach Le Havre

14. Mai – 16. Mai 1938
Mehr Nachforschungen. Dann mit dem Flugzeug nach Tanger, wo die letzte Statue gestohlen wurde. Unser Kontaktmann hilft uns beim Organisieren der Reise.

16. Mai – 17. Mai 1938
Unser Kontaktmann lockt uns in eine Falle; er gehört zur Verbrecherbande Cartiers. Den Hinterhalt in Alexandria überstehen wir mit Schrecken und kleineren Verletzungen, aber Cartier ist natürlich schon längst weiter.

18. Mai – 3. Juni 1938
Wir fahren den Nil hinunter nach Luxor. (Oder „Luksohr“, wie es auf der alten deutschen Karte tatsächlich heißt. Überhaupt natürlich alles mit altem Kartenmaterial.) Dann rüber ans Rote Meer und auf einem Frachter weiter nach Süden. Port Sudan, Massawa, Dschibuti, dort Umsteigen in die sehr viel komfortablere Motovane Neptunia (Schwesterschiff bei Wikipedia). Dort kreuzen sich unsere Pfade mit den Deutschen, die uns schon in den letzten Spielen geplagt haben. Ein Versteckspiel um abgehörte Funksprüche und Telegramme, Lauschen an Kabinentüren und -böden, aber tatsächlich waren die Deutschen diesmal nicht die Hauptschurken, sondern nur interessierte Parteien. In Mombasa angekommen, werden wir die Verfolger los.

— Ne, so geht das nicht weiter. Ich schreibe ja immer mit, wenn auch nicht so gründlich wie Frau Thea Kohler (Archäologin), aber knapp zwölf Seiten Reisenotizen sind es diesmal schon geworden. Nach drei Tagen Rollenspiel bin ich jetzt zu erschöpft, als dass ich die ganze Geschichte spannend nacherzählen kann, deshalb nur kurz: Es ging dann noch weiter nach Tanganjika, bis hin zu einer Ausgrabungsstätte, wo wir Cartier zuvorkommen wollten, und am Schluss musste dann doch das Dynamit ran. Am meisten Verletzungen gab es beim Klettern in den Bergen, da war keiner von uns gut. Schön war das alte Kartenmaterial, und erschreckend die Karten des kolonialisierten Afrika, also welcher europäischen Nation was gehörte.

Ansonsten: Deutlich weniger Süßigkeiten zwischendurch als in den Jahren zuvor. Wir werden halt auch alle reifer. Am besten in Erinnerung: Die Fahrt auf der Neptunia, das Katz-und-Maus-Spiel mit den Deutschen.

Jetzt aber erst mal wieder Schule, die Ferien sind vorbei.

Rückblick:
2007 – nur eine Zeile nebenbei.
2008 – etwas ausführlicher, mit Bild.
2009 – nur eine Zeile nebenbei.
2010 – einigermaßen ausführlich.
2011 – etwas Text, zumindest mit Bild.
2012 – nur ein Absatz.
2013 – ausführlicher.