Kochbücher lesen

Neulich in Berlin, in der Pension, stieß ich auf das:

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Mmmmh. Karl-May-Bände, und zwar die guten, exotischen. Mit Winnetou und Old Shatterhand konnte ich nicht gar so viel anfangen, auch wenn ich etliche der Wildwest-Romane mehrfach gelesen habe und mich dabei durchaus vergnügte. Aber die sechs Bände des Orient-Zyklus, die habe ich oft gelesen: Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut. Kurzer Test: „Hadschi Halef Omar ibn Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud Als Gossarah“… na ja, fast: Wikipedia korrigiert einmal meine Rechtschreibung und ändert ein „ibn“ in „ben“, damit kann ich leben: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. (So nennt sich der Begleiter der Hauptfigur, auch wenn die vielen Hadschis im Namen eher Angabe waren als Realität. Wer Karl May gelesen hat, kann das auswendig sagen, auch noch fünfunddreißig Jahre nach der letzten Lektüre.)

In der Pension griff ich zu einem der Bände, die ich noch nicht kannte, Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger. Und ich war gleich wieder drin. Fast so schön wie der Stimme des Erzählers auf der Hörspiel-Kassette zu lauschen, wie er – Wilhelm Hauff, Das Gespensterschiff – beginnt mit: „Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora“ und einem so richtig sonoren „o“ in „Balsora“. Jedenfalls liegen die drei Bände des Mahdi jetzt digital auf meinem Nachttisch, das möchte ich bald zu Ende lesen.

Aber eigentlich soll es hier um Kochbücher gehen. Erich Kästner hat ja ein umwerfendes erstes Kapitel oder Vorwort zu Emil und die Detektive geschrieben. Eigentlich habe er ja einen Südseeroman schreiben wollen, eine spannende Szene, in der ein „mit heißen Bratäpfeln geladenes Taschenmesser“ eine Rolle spielte, als er plötzlich nicht mehr wusste, wieviel Beine ein Walfisch hat. Aus war es es mit dem Schreiben, denn die Fakten müssen ja stimmen. Und so kam es nie zu Petersilie im Urlaub, dem durchaus interessant klingenden Südseeroman. Der Oberkellner Nietenführ erklärt dem Herrn Kästner darauf, dass man besser über das schreibe, was man kenne. Kästner entgegnet darauf, dass ja trotzdem Schiller erfolgreich über die Schweiz geschrieben habe – und, möchte ich als Leser ergänzen, der Karl May über den Orient und Amerika, obwohl er nie da war. Die Antwort des Oberkellners darauf: „Da hat er eben vorher Kochbücher gelesen […] Wo alles drinstand.“

Und recht hatte er, der Oberkellner, zumindest was die Kochbücher betrifft.

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Spezialitäten der Welt köstlich wie noch nie. Christian Teubner, Annette Wolter. Gräfe und Unzer 1982.

Irgendwann habe ich angefangen, mich fürs Kochen zu interessieren. Erst kamen die Kochbücher, die ich gelesen habe, und dann die Lust, Dinge auszuprobieren, die ich in den Kochbüchern fand. Ein Favorit war Spezialitäten der Welt. Ich kann gar nicht aufzählen, was ich aus diesem Buch alles gelernt habe – nicht unbedingt über das Kochen, denn das Rezept für die Salzburger Nockerln gibt eine zu hohe Temperatur bei zu kurzer Backzeit vor, und das war natürlich eines der ersten Rezepte, die ich ausprobierte. (Peter Alexander, klar.) Nein, ich lernte viel über Geographie. Die Gerichte sind geographisch angeordnet: Südeuropa, Westeuropa, Nordeuropa, Osteuropa (Polen und Sowjetunion), Mitteleuropa (Deutschland, Schweiz, Österrich, Tschechoslowakei, Ungarn), Balkan, Vorderer Orient, Nordafrika, Schwarzafrika, Nordamerika, Mittelamerika, Südamerika, Südasien (Indien, Sri Lanka), Südostasien, Ostasien, Australien/Ozeanien. Die Titel der Gerichte jeweils auf Deutsch und in der Originalsprache.

Spaghetti mit Pesto, lang bevor das hier aufkam. (Wir erinnern uns: Das Buch stammt aus einer Zeit vor dem Döner in Deutschland, der am Anfang ohnehin noch Gyros hieß, vor Sushi, selbst Jahre vor dem Tex-Mex-Boom ab Mitte der 1980er Jahre. Chinesisch, das gab es.) Bei Spanien habe ich von Migas erfahren und von Nierchen. Portugal: Was Stockfisch ist. Die gebratenen Heringe aus England habe ich einige Jahre später in einer winzigen Jugendherberge dann mal vom Herbergsvater zubereitet gekriegt. Dass die in England ihren Pudding mit Rindernierentalg machen, und überhaupt: was ein Pudding ist. Und Cornish Pasties. Und Treacle Tart. Dass man in Dänemark eine ganze Mandel im süßen Reis versenkte. Was Anchovis sind (Schweden). Borschtsch, Blini. Quarkspeise zu Ostern. Was Kwass ist. Oder, wieder westlicher, eine Wähe. Ein Beuscherl (was man so alles essen kann). Baklawa zum Nachtisch, und Imam Bayildi, das ich später wiedererkennen sollte. Ein Bild von Lammfleischspießen mit Joghurtsauce, nach dem ich immer noch Hunger habe. (Pilaw kannte ich ja schon von Karl May.) Süße orientalische Desserts. Gefilte Fisch, Kreplach, Cholent und „Kihen fin Veisseriben“ (Pastinakenkuchen). Manches andere kannte ich schon von libanesische Bekannten meiner Eltern. Jambalaya, das Gericht noch vor Hank Williams oder, später, Jerry Lee Lewis. Als 2014 anlässlich der Weltmeisterschaft in Brasilien das Nationalgericht Feijoada vorgestellt wurde, habe ich gleich das Bild von S. 243 herausgesucht. Dann die Satéspießchen, erste selbstgemachte Erdnusssauce. (Nasi Goreng auf der Seite gegenüber kannte man ja eh schon seit irgendwann vor meiner Zeit.) Sashimi, roher Fisch. Komisch, dabei hieß das in Blade Runner doch Sushi… aber da war Blade Runner nicht ganz exakt.

Jetzt höre ich dann mal auf. Für so eine gesunde Allgemeinbildung und Neugier gegenüber anderen Ländern gibt es jedenfalls wirklich Schlechteres als solche Kochbücher zu lesen.

Empfehlenswert: Die Maisfritters von S. 230, die gewürzten Ananas S. 258.

— Gehört nicht ganz zum Thema, aber in die Zeit: „Zuppa Romana“ (1984) von Schrott nach 8.

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Ach, Familie

Die letzten Tage war ich in Berlin, anlässlich einer Beerdigung, ein Lehrerkollege und Familienmitglied. Ich kannte ihn nur von wenigen Treffen, aber die Witwe viel besser – wir haben in unserer Kindheit viel zusammen unternommen. Überhaupt hatte ich in meiner Kindheit viel Familie um mich herum. Eltern, zwei Brüder, Großeltern, die Geschwister meiner Mutter (vier davon, die den Krieg überlebt haben), jeweils mit Partnern und Kindern und in alle Welt verstreut. Auf der väterlichen Seite nur ein Tante-Onkel-Paar, aber dafür eine unübersichtlichere, aber große Zahl an entfernteren Verwandten.

Und meine Mutter war zumindest für ihren Teil der Familie ein zentraler Anlaufpunk der Familie, auch weil ihr Vater nebenan lebte. Und so gab es sehr oft Besuch von überall her. Gästebetten, Luftmatratzen. Beerdigungen, Hochzeiten. Gegenbesuche, Weihnachtsplätzchen. Das war schon schön, so rückblickend. Als Kind und Jugendlicher war es das nicht, da war das einfach normal.

Meine eigene Generation, ich vorneweg, hält es leider nicht so genau mit den Familientreffen. Selbst mit meinen Brüdern steht ich nicht wirklich in engem Kontakt; alle paar Jahre gibt es kleinere Besuche, so wie jetzt anlässlich der Beerdigung, und wir versprechen uns, dass wir uns öfter sehen wollen, und dann wird doch nichts daraus.

Ich mag Familie. Auch wenn man die sich nicht aussuchen kann, oder vielleicht gerade deswegen. Ich muss mal wieder Kurt Vonnegut lesen, Cat’s Cradle, und davon ausgehend Vonneguts Gedanken zu wampeters und granfalloons, die Vonnegut in diesem Roman als Teil der bokonischen Philosophie entworfen hat. Ein granfalloon ist:

a group of people who imagine they have a connection that does not really exist. An example is „Hoosiers“; Hoosiers are people from Indiana, and Hoosiers have no true spiritual destiny in common, so really share little more than a name.

Ich weiß nicht, ob es in Cat’s Cradle war oder wohl doch eher in einem seiner Essays, in dem Vonnegut sich zu Familien äußert und deren Wichtigkeit, und quasi künstliche Familien vorschlägt: Irgendwie ziemlich willkürlich werden Leute in Gruppen zugeteilt, und wenn man Leute aus der gleichen Gruppe trifft, freut man sich, und hilft einander, und ist nicht allen. Wie in Familien, die sucht man sich ja auch nicht aus. — Diese Gruppen dürfen natürlich kein granfalloon sein, das sich ja aufgrund eines falschen karass als Gruppe sieht und die nicht wirklich durch ein karass verbunden sind. Oder doch? Wie gesagt, ich habe mir den Vonnegut wieder mal auf den Nachttisch gelegt.

Wie gesagt: Ich mag das, dass man sich Familien nicht aussucht und ohne gefragt worden zu sein Verwandtschaft hat. Mit Warzen und allem. (Fußnote: Das sagte Oliver Cromwell zu einem, der ihn malen sollte.) Das macht einen selber nicht so wichtig, wenn es Dinge gibt, die man sich nicht aussucht.

Allerdings: Ich habe auch keine echten Gruselgeschichten in der Familie; alles normale, liebe Menschen. Ist wohl tatsächlich nicht immer und überall so.

Nachtrag: Das alternative Familienkonzept findet sich in Vonneguts Slapstick, das als eines der schwächeren seiner Werke gilt. Mir hat es damals gefallen; ich werde mal wieder hineinschauen.

Punschtorte

Meine Totemtorte ist die Punschtorte.

In meiner Kindheit gab es zumindest gelegentlich Torte vom Konditor. Sonntagnachmittag, mit meinen Großeltern, oder wenn Besuch da war, und Besuch war oft da. Erwachsene bringen bei solchen Gelegenheiten meist ein Sortiment mit, irgendwas mit Obst, irgendwas mit Creme, irgendwas mit Schokolade, da ist für jeden etwas dabei. Kinder nehmen das ernst, ich jedenfalls. Wenn ich mitreden durfte, und das durfte ich früh, wollte ich: Punschtorte. (Die aß auch meine Großmutter gerne, und von der kam ich auf den Geschmack.)

Es ging ja gar nicht soweit, dass ich vor Freude in die Luft sprang beim Anblick von Punschtorte, sicher aß ich auch mit Vergnügen andere Kuchen und Torten, denn wenn auch die Punschtorte meine eigentliche Torte war – es würde ja noch genug Punschtorte geben in meinem Leben. Schließlich war Punschtorte ein Standard bei jedem Konditor.

Das hat sich geändert. Es gibt keine Punschtorten mehr, schon seit Jahrzehnten. Man muss mindestens ein Mittvierziger wie ich sein, um sie überhaupt noch zu kennen. Frau Rau hat mir mal eine selbst gebacken, und mir mal eine vom Konditor machen lassen – das war vor fast zwanzig Jahren, und die Konditortorte war sicher gut, aber nicht richtig.

Meine Eltern meinten, sie könnten vielleicht noch eine Punschtorte besorgen. Die Konditoreien von früher, die gebe es alle noch dort, wenn auch unter neuer Leitung. Da müsse sich doch etwas machen lassen.

Also waren Frau Rau und ich (und die Eltern von Frau Rau) heute bei meinen Eltern zu Mittagessen, Nachtisch und Kuchen, mit wenigstens einem kleinen Spaziergang in der Pause dazwischen für die Leute, die nicht Autorennen im Fernsehen sehen wollten. Es war schließlich Sonntag. Sonntag kommt nach dem Mittagessen immer Autorennen im Fernsehen.

Dann gab es die Punschtorte:

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Meine Eltern waren schon vorher ehrlich gewesen: Nein, auch sie hatten keinen Konditor dazu bewegen können, eine Punschtorte zu machen, („Ach, höchstens im Winter.“ „Wie viele Torten wollen Sie denn haben?“ „Die mag doch kein, die ist doch so süß.“) Also hatten sie selber eine gebacken. Eine?

Die erste war nur mal so zum Ausprobieren und wurde selbst gegessen. Die zweite, nach einer Rezeptvariante, wurde zu einer Freundin mitgebracht. („Die hat eigentlich Erdbeerkuchen bestellt. Ach was, die kriegt jetzt Punschtorte.“ Sie hat dann Erdbeerkuchen und Punschtorte gekriegt.) Die dritte endlich, auch wieder neu, die dritte wurde uns serviert.

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Mein Vater ist ein Bastler, und hat in den Jahren der Rente etliche neue Bastelgebiete für sich entdeckt. Eines ist das Kochen. (Auch der gebratene Spargel und die Rinderbäckchen waren zum Großteil von ihm, da meine Mutter gerade eine Handverletzung hat). Meine Mutter war für den Geschmack der Punschtorte zuständig, meine Vater bestand auf korrektem Aussehen. Der gebackene Biscuitboden musste in mehrere Scheiben zerteilt werden. Jeder andere macht das wohl mit Zwirn. Nicht so mein Vater, das war ihm nicht sauber genug. Also kaufte er eine Art Metallrahmen mit Schlitzen, den man um den Tortenboden legt. Mit einem langen Messer schneidet man dann, durch die Schlitze geführt, den Tortenboden entzwei.
Aber die Messer im Haus waren nicht lang genug. Also brauchte er noch ein neues Messer, ein Palettenmesser mit Wellenschliff:

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Die Art Bastler ist mein Vater. Herausgekommen ist dann auch eine Torte mit exakten Scheiben und feinem, freihändig aufgetragenen Schokoladenmuster.

Für den Geschmack ist meine Mutter verantwortlich. Der macht die Punschtorte ja so einmalig. Die Decke ist ein ganz dünner Zuckerguss auf einer ebenfalls dünnen Grundierung aus Marzipan. Ohne Marzipan kriegte man das nicht so dünn und glatt hin und der Kuchenboden verliehe dem Zuckerguss einen etwas zu dunklen Ton. Dann braucht man einen Teig, irgendwas Biscuitöses, ich bin da kein Experte. Zwischen die Biscuitschichten kommt dünn Aprikosenmarmelade. Und das allerwichtigste, das der Punschtorte ihren Namen und ihren eigenen Geschmack gibt, ist der Arrak.

Arrak. Nicht Raki. Nicht Arak. Arrak oder Arrack. Kein Anisschnaps, sondern eine der ältesten Spirituosen der Welt. Find du den heute mal noch! Dabei war der mal verbreiteter als Rum. Heute fristet er bei uns noch ein kümmerliches Dasein als „Arrak-Aroma“ direkt neben dem „Rum-Aroma“ bei den Backzutaten. Die Niederländische Ostindien-Kompanie brachte den Arrak aus Batavia (heute: Jakarta, Haupstadt von Indonesien) nach Europa. Klein Zack in Hoffmanns Erzählungen trinkt „zuviel Branntwein und Arrak“, möglicherweise nur des Reims wegen, aber auch in Hoffmanns „Der goldne Topf“ wird ein Punsch zubereitet:

Der Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf Paulmanns Tische.

Punsch: Das Konzept und das Wort brachte die Englische Ostindien-Kompanie nach Europa, in Hindi bedeutet das Wort „pantsch“ „fünf“ (siehe Sprachgeschichteveranstaltungen an der Uni) nach den fünf Zutaten für einen Punsch: Zucker, Zitrone, Arrak, Wasser, Gewürze. Das ist alles in der Punschtorte drin, bis auf die Gewürze vielleicht, aber die werden ja auch schon in Schillers „Punschlied“ nicht mehr dazugerechnet.

Und mit einem Gemisch aus Arrak und Zuckerwasser (andere, weniger gute Rezepte: Zitronensaft, Wein) wird eben auch die Punschtorte getränkt. Nur dann kommt eine Punschtorte heraus:

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Bild: Frau Rau

Beim Konditor wäre der Teig vielleicht etwas glatter, die Aprikosenmarmelade dünner. Geschmacklich war die Torte perfekt.

Meine Damen und Herren, das war die Punschtorte. Meine Totemtorte. (Und ich habe sehr liebe Eltern.)

Facharbeit 1987: „The impact of Edgar Allan Poe on the work of Howard Phillips Lovecraft“

Neulich herausgekramt: Meine Facharbeit, Leistungskurs Englisch. Getippt auf einem IBM-Computer, grün auf schwarz, ausgedruckt auf einem Typenraddrucker.

Das Original der Facharbeit habe ich natürlich nicht, und auch keine unmittelbare Kopie. Aber eine kleine Weile nach der Facharbeit habe ich für einen Brieffreund die Datei noch einmal ausgedruckt; inzwischen war das „k“ am Typenrad schon etwas beschädigt, und einen Ausdruck dieser Version habe ich, nebst der Punkteverteilung durch den Lehrer damals.

Es gab 14 Punkte. Das war okay. Von einem Schüler heute würde ich deutlich mehr verlangen, aber auch dafür sorgen, dass der das auch leisten kann. Ich habe mir damals das Thema alleine gewählt, die Sekundärliteratur alleine herausgesucht (hatte ich eh alle zu Hause) und kann mich an keinerlei Betreuung oder große Ansprüche seitens der Lehrkraft erinnern. Die 14 Punkte gab es dann auch vor allem, denke ich, für das sehr gute Englisch, weniger für den Inhalt.

Der genügt meinen heutigen Ansprüchen an Schülern nicht. Schlampige Bibliographie, Anmerkungen in Klammern im Text statt ordentlicher Fußnoten und eine Neigung zu beiläufig getroffenen, pauschalen Aussagen ohne jeglichen Beleg.

Also: Nicht alles an der Schule wird schlechter. Die Vorbereitung darauf, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, ist im G8 deutlich besser, und war es auch im G9. Ob das Englisch der Schüler besser ist, kann ich nicht beurteilen.

Hier die erste Seite:

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Pretentious, moi? Was für feinziselierte purple prose, oder anders gesagt, welche Liebe zum gewählten Ausdruck:

  • „Both wrote […] tales of mystical realms, both wrought delicate poems“
  • „which leaves its hero bereft of his love“
  • „versed in the way of cosmic monstrosities and all too much aware of the danger“
  • „once they start meddling with the strange affairs delt [sic] with in Lovecraft’s prose“
  • „Who could forget the eerie atmosphere of the House of Usher or the Red Death crashing Prospero’s party?“
    (Dammit, warum habe ich die Alliteration nicht noch mit „Prince Prospero’s party“ auf die Spitze getrieben? Die Vokabel „to crash a party“ hatte ich übrigens aus dem Lied „You May Be Right“ von Billy Joel.)
  • „for who is able to see at first glance that ‚The Golden Bough‘ by Frazer is a real book, whereas the ‚Book of Eibon‘ is purely fictive?“

Fehlerfrei ist die Arbeit natürlich nicht. Um nur zwei Stellen zu nennen, die mir eben aufgefallen sind:

  • „Whom, among others, he took himself as an example“
  • „Lovecraft profitated from this idea“

Eventuell kommt nächstes Schuljahr ein W-Seminar zu Horror- und Gruselliteratur zustande, Leitfach Deutsch, aber Lovecraft wird sicher auch dabei sein. So wie Novellen der Romantik, Computer- und Rollenspiele auch.

Fanzines

In einem großen Karton unter meinem Bett leben noch so etwa hundert Fanzines, die in meinen mittleren Teenagerjahren eine große Rolle spielten. Ich habe viele gelesen, ein paar herausgegeben, und an etlichen mitgearbeitet, zumindest an diesen hier:

fanzines

Fanzines: So heißen von Fans herausgegebene Magazine. Ich habe noch die letzten davon im Umdruckverfahren mitgekriegt, aber üblicherweise waren sie zu meiner Zeit schon kopiert. Die ganz feinen wurden im Offsetverfahren gedruckt, mit Auflagen bis zu sensationellen 100 Stück.

Unser erstes Fanzine hieß Parsec und begann mit einer bescheidenen Auflage von um die 20 Stück, wenn ich mich richtig erinnere. Kurzgeschichten, Zeichnungen, Berichte, Kritiken. Und eine Witzeseite. Parsec 4, als wir mit einstiegen, erschien um den Juni 1981 herum. Da war ich noch in der 7. Klasse, Ende 13 Jahre alt. Ich zeichnete und schrieb ein Comic innen, machte ab und zu ein Titelbild, eine Risszeichnung, und vor allem das Backcover, „Ausblicke“. Unten sieht man einen Teil meiner Arbeiten für Parsec, die weniger peinlichen. (An einige davon kann ich mich nicht erinnern, und meinen Stil erkenne ich auch nur in einigen Elementen davon wieder. Irgendeien Form von Teamwork? Die Comic-Serie erspare ich uns.)

Nach Parsec kamen Time, Einhorn, From Sunrise to Sunset, Voice of Fantasy, Orakel, diverse Oneshots. Heimlich kopiert auf dem Schulkopierer oder, nach detailliertesten Erklärungen, von Eltern auf Bürogeräten, die Vorlagen so zusammengeklebt, dass auch für die Erwachsenen die Kopierreihenfolge klar war – es ist nicht verwunderlich, dass es mir noch nie Schwierigkeiten bereitet hat, Schulaufgaben korrekt angeordnet beidseitig A3 zu kopieren. Ist ein Klacks gegenüber 20 Seiten Magazin.

Wenn man aktuellen Entwicklungstheorien glauben mag, darf man Teenagern in diesen Jahren gar nichts zutrauen. Pubertät, Auflehnen gegen Erwachsene, Umverdrahtung des Gehirns – das mag ja schon alles sein, aber wir waren damals alle zu beschäftigt dafür. Postalische Korrespondenz mit Gleichgesinnten, das Lesen und Herausgeben und Versenden von Magazinen, Besuche von Cons, und die Beschäftigung mit aktueller Science-Fiction-Literatur. Oder zumindest mit Perry Rhodan.

Douglas R. Hofstadter, Gödel, Escher, Bach

goedel_escher_bach Das erste Mal gelesen habe ich das Buch vermutlich zu meiner Militärzeit, sicher jedenfalls in der Zeit nach dem Abitur und vor dem Studium. (Das war damals die ganz reguläre Wehrpflicht, Ältere erinnern sich.) Da hatte ich viel Zeit, und auch jemand getroffen, mit dem ich über Hoftstadter, Lord Dunsany, Rollenspiele und die Illuminatus!-Trilogie diskutieren konnte. Wenn man sucht, findet man Leute wie uns überall.

Das erste Mal gehört hatte ich von diesem Buch im Englisch-Leistungskurs; Herr Gratzke benutzte es als Beispiel, um das Wort „pretentious“ zu erklären. Da hörte ich natürlich besonders interessiert zu. Das Buch, 1979 erschienen, war ein Bestseller, die „Bibel des Computerzeitalters“, wie es in einer Rezension von Thomas von Randow hieß, Pulitzer-Preis-Gewinner. Ich hatte schon wieder vergessen, was „pretentious“ war, und es hätte mich auch nicht weiter gekümmert; ich wusste auch nicht, dass das Buch als schwer zu lesen und zu verstehen galt, und so fand ich es auch überhaupt nicht schwer. Ich habe es einmal ganz und manche Kapitel immer und immer wieder gelesen.

Allerdings war ich auch in der glücklichen Lage, gut darauf vorbereitet worden zu sein. Da waren zum einen die mathematische Rätselbücher von Martin Gardner und vor allem Raymond Smullyan („Dame oder Tiger“ von 1982, ganz hervorragend), in denen ich bereits auf formale Systeme und Gödel und Quinierung stieß. Und vor allem war da das Spiel WFF’N’PROOF (Blogeintrag dazu), mit dem ich mich im Jahr zuvor viel beschäftigt hatte. In diesem Spiel ging es um formale Logik, um Axiome und Ableitungsregeln, um well-formed formulae, um Rekursion – und mit diesem Hintergrundwissen war die erste Hälfte von Gödel, Escher, Bach quasi ein Heimspiel.

Aber natürlich hielt das Buch viel Neues für mich bereit. Ein bisschen was habe ich über Bach und Fugen gelernt, etwas mehr über M. C. Escher (zu dem ich dann mehrere Bücher las); vor allem war das Buch der Anstoß, mich mit Zen-Buddhismus zu beschäftigen – sicher auf oberflächliche Weise, aber für mich sehr gewinnbringend, und das heute noch. Auch bei Smullyan traf ich dann wieder auf Zen-Buddhismus, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Neu war für mich auch Alan Turing, rekursive Aufzählbarkeit, der Turing-Test, Gödelisierung. Neu, aber ohne Folgen, war der Ausflug in die Biochemie, in DNA und RNA und Enzyme und Tertiärstruktur.

Und vor ein paar Wochen habe ich das Buch wieder gelesen, nach gut fünfundzwanzig Jahren Pause. Ein paar Dinge haben mich dabei überrascht. Erst mal, wie leicht mir die Lektüre der ersten Hälfte fiel. Das kannte ich zum einen noch von damals; und nebenbei: ich gewann einen gewissen Respekt vor meinem zwanzigjährigen Ich, so im Nachhinein. Aber das mit BlooP und FlooP hatte ich damals nicht verstanden, mit dem Unterschied zwischen primitiv-rekursiven und μ-rekursiven Funktionen, überhaupt die rekursive Aufzählbarkeit – aber mit den Informatik-Kenntnissen, die bei mir inzwischen dazu gekommen sind, war das auch eher Grundwissen.
Überrascht hat mich, wie wenig letztlich zum Zen-Buddhismus im Buch steckt; wo mir das doch mit am besten im Gedächtnis geblieben ist.
Die erste Hälfte des Buches fand ich am besten. Darin geht es um formale Systeme, um Ableitungen, um Beweisbarkeit. Letztlich das, was mir an theoretischer Informatik so gefallen hat. Kapiert habe ich das meiste, wenn auch zum Schluss hin nicht mehr alles. Die Mitte des Buches ist recht schwer. Danach kam viel Biochemie (noch ohne explizite Verbindung zur Bioinformatik, die damals wohl noch nicht so etabliert war wie heute), das hat mich wenig interessiert, und war wird auch nicht viel hängen bleiben. Die eher philosophischen Auslassungen zur künstlichen Intelligenz in der zweiten Hälfte waren dann auch weniger mein Fall.

Insgesamt: 4,5 von 5 Sternen. Und gelernt: Der unselige „Paradigmenwechsel“ war damals noch nicht so als Allerweltswort (s. Kompetenzorientierung) verbreitet, dass „paradigm shift“ noch als „Paradigma-Verschiebung“ übersetzt wurde.

Rollenspielen 2013

Mit unserer Kampagne, die vor vor vier Jahren im Jahr 1932 begann, befinden wir uns inzwischen im Jahr 1937. Unser Kontaktmann ruft uns nach Paris; dort bestaunen wir am Flughafen Orly die sensationellen Beton-Luftschiffhangars (1944 zerstört), nehmen Cocktails in Harry’s New York Bar, übernachten im Ritz, wo wir einen Blick auf Coco Chanel erhaschen. Wir erfahren Deails über die Geschichte des Ritz. Abends trifft Thea in der Hotelbar (Gückswurf gelungen) auf Cole Porter, wir anderen haben die Wahl zwischen Paradis Latin, Moulin Rouge, Lido, den Folies Bergère.

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Am nächsten Tag wird es geheimnisvoll: Abgefangene Funksprüche einer deutschen Expedition in Venezuela lockten unseren alten Gegner Schuhberger von der Reichsforschungsstelle nach Südamerika, wir ihm nach – mit der Hindenburg, historische Baupläne inbegriffen. Die Abendunterhaltung besteht etwa aus Musik am Aluminium-Flügel – mit gelbem Leder überzogen – im Salon. Das ist ein kleiner historischer Fehler; anscheinend war der Flügel bei dieser Fahrt nicht mit an Bord. Diese Fahrt: denn ja, es wird sich als die letzte der Hindenburg herausstellen. Aus Gründen stehlen wir das unterhalb des Rumpfs angedockte Flugzeug der Reichsstelle für Walforschung (gab’s wirklich) und landen heimlich in den USA, werden aber vom örtlichen Sheriff ins Gefängnis gebracht und hören da – die historische Audioaufnahme wird eingespielt – den Live-Radiobericht über den Brand der Hindenburg bei der Landung. (Auch hier entnehme ich der Wikipedia, dass der Bericht wohl erst am folgenden Tag ausgestrahlt wurde. Künstlerische Freiheit beim Rollenspiel, ebenso wie unser Wissen um die tatsächlichen Ursachen der Katastrophe. Übrigens überlebten historisch – wie auch im Spiel – ein Großteil der Crew und Passagiere den Absturz.)

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Von Boston und New York aus ging es – über einen Abstecher nach Arkham – mit dem Schiff nach Südamerika, zu Jimmy Angel nach Caracas. (Dazwischen ein Exkurs über die Geschichte New Yorks und die von Venezuela.) Angel war ein amerikanischer Flieger und Entdecker, nach dem die Angel-Fälle in Venezuela („Salto Ángel“) benannt sind, mit 807 Metern ununterbrochenem Fall der höchste Wasserfall der Erde. (40% des Wassers kommen unten an, der Rest verdunstet oder wird weggeweht.) Und genau dort müssen wir auch hin. Wir stören eine deutsche Expedition bei illegalen Ausgrabungen auf dem Auyan-Tepui („Haus des Teufels“, der Tafelberg, von dem der Salto Ángel stürzt).

Insgesamt: Ein Toter (ich); ein ziemlich Wahnsinniger. Die Pläne der Schurken sind aber fürs Erste durchkreuzt. Insgesamt wenig Lovecraft-Gefühl, dafür eher Pulp-Abenteuer in den 1930ern – auch nicht schlecht. Hervorragend wieder die vielen Papiere und anderes Material (Karten, Audioaufnahme); ich hatte wieder eine neue Ecke der Welt vor Augen.

Nutzbarkeit für die Schule: Gering, fürchte ich. Obwohl man viel dabei lernen kann.

Rückblick:
2007 – nur eine Zeile nebenbei.
2008 – etwas ausführlicher, mit Bild.
2009 – nur eine Zeile nebenbei.
2010 – einigermaßen ausführlich.
2011 – etwas Text, zumindest mit Bild.
2012 – nur ein Absatz.

Fasching 1979

Faschingsparty_1979

So sahen Faschingspartys damals aus. Hinweisen möchte ich auf die 50-50-Verteilung von traditionellen generischen Kostümen (Cowboys, Matrose) und benamsten Rollen, Marken-Namen – hier Superman, Spider-Man, Han Solo und Luke Skywalker. Ist das einzige traditionelle benamste Kostüm Robin Hood? Den habe ich zwar nie als Kostüm gesehen, aber ich kann ihn mir gut vorstellen neben Clown, Musketier, Prinzessin. Wie ist das heute, geht man als Kind als Markenfigur oder sind die Moden da so schnellebig, dass es sich nicht lohnt? Geht man als Zauberer oder als Harry Potter?

Luke Skywalker, das ist mein Bruder; Spider-Man (damals „die Spinne“) bin ich, in der 5. Klasse. Die Kostüme genäht von unserer Mutter, nach Rücksprache und detaillierten Anweisungen.
Zwei Star-Wars-Poster über dem Bett, die meinem Bruder gehörten. Für die Party wurde der obere Teil des Stockbetts abgenommen. (Stockbettern sind Klasse.)
Unter dem Bett eine Autorennbahn.
Unter dem unteren Nachttischregal: Die Steckdosenleiste könnte genau die sein, die jetzt unter meinem Schreibtisch ist. Die ist jedenfalls auch uralt und aus Familienbeständen, aber vielleicht sehen die immer so aus.
An der Wand oben eine Chianti-Korbflasche. Da habe ich noch mit 18 Jahren Kerzen reingesteckt und sie heruntertropfen lassen.
Im Bücherregal etwas, das Krabat sein könnte.
Auf dem Nachttischregal oben eine Taschenlampe und der Beginn meiner Comicsammlung.
Auf dem Boden stehend mein kleiner Bruder, der eine verwirrende Kindheit gehabt haben muss.

Shirley Temple

Am Wochenende gab es auf einer Party Cocktails, darunter auch einen alkoholfreien: Shirley Temple. Das weckte Erinnerungen. Erinnerungen an Besuche bei der Verwandtschaft in New York, mit Abendessen beim Chinesen („Just feed us“, winkte der Onkel etwas großspurig der Bedienung statt einer Bestellung) und Treffen in Cocktailbars.

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1980, Manhattan

Nach dem touristischen Erkunden von Manhattan für uns, beziehungsweise dem Arbeitstag für Onkel und Tante, trafen sich alle in der einen oder anderen Bar, bevor das Abendprogramm begann. Also: Tageslicht, wenig Publikum, Shrimps in Teighülle und andere warmgehaltene Snacks. Spritzer für die Erwachsenen, für die Kinder alkoholfreie Cocktails. (An Bier und Wein zu nippen war in meiner Kindheit kein Problem, in den USA-Öffentlichkeit natürlich unmöglich, und Cocktails gingen ohnehin nicht.)

Also kriegten mein Bruder und ich einen Shirley Temple Cocktail. Ginger Ale mit Grenadine und einer Cocktailkirsche, eventuell auch zur Hälfte süße Limo statt Ginger Ale.

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Wer Shirley Temple war, das wussten wir damals schon. Ein Kinderstar der 1930er Jahre, Schwarzweißfilme mit Musik und Tanz, liefen alle immer wieder mal im Fernsehen. Damals, so dass meine Familie aus Veteranen des amerikanischen Films der 1930er bis 1940er Jahre besteht. Shirley Temple, Jahrgang 1928, wurde nach ihrer Karriere eine erfolgreiche Politikerin. Life Achievement Award beim Oscar 2006; sie lebt immer noch.

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„Animal Crackers In My Soup“

Ich weiß nicht, wie sich die Filme gehalten haben. Vermutlich nicht so gut, aber wer weiß. Einige Tanzszenen sind heute noch sehenswert:

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Shirley Temple und vor allem Bill „Bojangles“ Robinson (1935), nachkoloriert

Zum Schluss ein Teaser, Screenshot aus den 8mm-Filmaufnahmen meines Vaters aus unseren USA-Besuchen. Vielleicht darf ich die hier mal ganz zeigen.

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Aus den Super-8-Filmen meines Vaters

Pretentious – moi?

(Bildungscontent entfällt heute leider.)

In jungen Jahren habe ich mich ja im Fandom herumgetrieben (Blogeinträge dazu). Das fing an mit einem Perry-Rhodan- und Science-Fiction-Club, und richtig ernst wurde es dann mit einem Fantasy-Club. Der hatte mehr als dreißig Mitglieder, damals eine respektable Zahl. Wir schrieben uns Briefe, das waren bei mir schon so drei, vier pro Woche, mehrseitige, getippt. Und wir gaben Magazine heraus, kopiert oder – die älteren – im Offsetdruck. Selbstgeschrieben und gezeichnet, gesetzt mit der Schreibmaschine oder an grünschwarzblinkenden Computern.

Kurz nach meinem 15. Geburtstag war ich auf meinem ersten Con, einem Star-Wars-Con, obwohl ich eher Perry-Rhodan-Fan war und Star Wars nur am Rande mitnahm. Es war mein Zwillingsbruder, der an Star Wars interessiert war, aber gar nicht an Fandom und Briefen und Cons. Der Con: das waren fünfzig oder sechzig Leute, drei oder vier Tage in geschlossenen Räumen. Es gab Trockeneis für – alkoholfreie – Drinks, Blues Brothers und Blade Runner auf VHS im Fernsehzimmer, beides höchst illegal. Und Fantasy-Rollenspiele im Keller. Im Prinzip war das eine tolle Fortbildungsveranstaltung für einen Fünfzehnjährigen. Ein paar Tage gemeinsam ausgesuchte Videofilme ansehen und darüber reden, gemeinsam spielen, fachsimpeln, diskutieren. So wie Zeltlager, nur mit nicht so viel Tageslicht. (Die Fenster waren zugeklebt.)

Anscheinend habe ich für eines der Magazine damals auch einen Beitrag über den Con geschrieben. Auf den bin ich neulich im Web gestoßen worden. Schlimm. Ich war fünfzehn und muss manchmal anstrengend gewesen sein. Trotzdem, hier ist der Conbericht. (Habe ich damals tatsächlich „die“ Con geschrieben? Das ist so ähnlich wie „der“ Blog zu sagen; das kam erst ein paar Jahre später auf. Ich vermute redaktionelle Nachbearbeitung. Das Heft mit meinem Artikel habe ich noch, aber zu gut verstaut, als dass ich nachschauen könnte.)

Göggingen, Jugendzentrum
Beginn: 29.10.1982
Ende: 01.11.1982

Ich bin voreingenommen, wirklich. Mir hat es nämlich gefallen. Ich habe denen gesagt, ich kann nicht, weil ich voreingenommen bin. Ich habe gesagt, die sollen den Conbericht jemanden schreiben lassen, dem es nicht gefallen hat. So wie den Münchnern. Aber nein, ich mußte es machen. Warum? Zeitmangel der anderen. Eigentlich sollte auf diese Doppelseite ein Bericht über den Revenge of the Jedi Trailer. Der von Dirk Eickhoff sein sollte. Ob der nicht wollte, oder nicht durfte, weiß ich nicht.
Der Con. Erst mal ganz allgemein: Meiner Schätzung nach haben in 13 % richtig voll genossen. 37 % fanden ihn mittelmäßig, und der Rest …. na ja.
Am Freitag fing alles an. Gleich nach der Schule war ich mit diversen Freunden losgefahren und erreichte den Ort des Geschehens zu einem der vielen Zeitpunkte, wo keiner da war. Nachdem wir uns umgesehen hatten, kamen so nach und nach die nächsten Gäste. Denen wir beim Gepäcktragen halfen, versteht sich.
Der Nachmittag verging eigentlich nur mit Bestaunen über die reichlichen Ravioli Vorräte und des ersten herumschnüffelns, ob man nicht hier oder dort irgendwas – oder irgendwen – interessantes findet. Das Essen kann man mit dem Essen in einem Skilager vergleichen – mäßig also. Ich mag Skilager. Nun, die Getränke hatten den Nachteil, daß man sie bezahlen mußte. Natürlich fehlte das Kleingeld. Ein Getränk war zum Beispiel der Cantina-Flip (der später in Cantina-Flop umbenannt wurde), der aus Waldmeister, Cola, Apfel- und Orangensaft bestand. Manchmal gab es ihn auch mit Trockeneis: über -30 Grad Celsius wird es gasförmig und dampft und brodelt wie in einer Disco – das war wohl der Knalleffekt der Con. Zu jener Zeit liefen die ersten Filme im Videoraum, und von da an lief der Apparat heiß. Das Programm ging von Star Wars, The Empire Strikes Back, Galaxina, Flesh Gordon, Exterminator, Rollerball, Sador, Conan, Blade Runner, Blues Brothers – ach, ich weiß gar nicht mehr alle. Die Conbesucher verteilten sich an einigen Stellen, die sie besonders interessant fanden.
Und da liegt auch der Hund bei der Con begraben: nicht alle Leute fanden solche Orte. Das waren eben jene 87 %, im Gegensatz zu mir. Andere amüsierten sich nicht auf der Con. Man muß eben, wie man so schön sagt, das Beste aus etwas machen. Das können nicht alle. Doch um wieder zum Thema zurückzukommen: es gab bald keine geregelten Zeiten mehr. Vor allem zu der Zeit, die ander Leute damals Nacht genannt hätten. Manche schliefen um 10 Uhr ein, um Stunden später Videos anzusehen. Nachts war ja wahrscheinlich am meisten los. Aber es war ja praktisch immer Nacht, denn sämtliche Fenster waren verklebt mit Alufolie. Ich hatte meist keine Ahnung, welche Uhrzeit wir hatten, weil ich meine Uhr nicht dabei hatte. Aber trotzdem versäumte ich oft das Beste. Ich schlief immer so schnell ein. Und eine Nacht verbrachte ich im eigenen Bett – zuhause. Meine Eltern! Na ja. Der Kampf um den Schlafplatz und vor allem um die spärlichen Kissen war groß. Er lässt sich eigentlich nur mit meinem allmorgendlichen Gerangel um einen Sitzplatz in der Straßenbahn vergleichen. Unter dem Kapitel „Nahrung“ wurde uns noch mehr Ravioli mit Reis und Erbsen vorgesetzt. Dank den Köchinnen. Und Nudelsalat. Der befand sich in einem mit Alufolie ausgelegten Wäschekorb. Es war entsprechend viel. Jeden Morgen verdrückte ich ein paar Semmeln, die ich jedenfalls dort im Überfluss vorfand. Alle Tage vergingen eigentlich mehr oder weniger gleich – gleich gut für mich. Es war dort, immer wenn ich wach war, einiges los. Die Schwerpunkte der Leute, die sich amüsierten, waren wohl die Bar mit diversen Barkeepern, die, sofern sie mal da waren, dem Klischee eines echten Barkeepers voll entsprachen. An der Bar trafen sich die Leute, die Quatsch machten. Und die lustig waren. Dann gab es den Materialraum. Wie ich aus dem Conbericht des EMPIRE MUNICH entnahm, hat auf der Con eine anscheinend furchtbar langweilige Diashow stattgefunden. Ich weiß es nicht. Ich war nicht. Ich war nicht dabei. Ich habe mich nämlich unterhalten. Im Materialraum war das Treffen der „Wissenschaftler“ und „Politiker“. Wir spielten dort mit zwei Followern (jedem Fantasy Fan ein Begriff) ein Fantasy Spiel, daß aber bald nur in Erzählungen der geübten Spieler ausartete. Es war köstlich, lehrreich und interessant. Dann kam noch in Physikstudent dazu. Wußtet ihr schon, daß, wenn man alle Chinesen der Welt (wir nehmen die, weil wir eine große Anzahl brauchen) mit Lichtgeschwindigkeit durch eine Wand jagt, wahrscheinlich einer dabei ist, der auf der anderen Seite wieder heil herauskommt? Ohne kaputte Wand? Physikalisch sehr gut möglich. Oder daß rotes Licht ein anderes Gewicht hat, als z.B. blaues Licht? Ich hatte es bis vor der Con auch nicht gewußt. Ganz allgemein lässt sich die Con mit dem Film „Der Partyschreck“ mit Peter Sellers vergleichen. Totales Chaos, große Unorganisiertheit, wenig Neues, aber für jeden, der etwas daraus gemacht hat, der etwas daraus machen konnte (das war potentiell jeder) ein wundervolles Ereignis. Bis vielleicht auf Dirk. Er mußte sich einige ätzende Bemerkungen anhören.
Noch etwas zum Conbericht der Münchner. Er war wie die Con. Ich habe mich königlich amüsiert. Es gab weder Klingelknöpfe, noch große Stimmungsmache der Münchner. Da läßt sich nur das Wort von Anastasius Grün (1806-1876) gebrauchen: „Manch Urteil ist ja längst beschlossen, eh des Beklagten Wort“ – Con – „geflossen.“
Thomas Rau

(Fundort)

Was in dem Conbericht „der Münchner“ drin stand, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, die Münchner waren ein konkurrierender Verein.

con_1982

A portrait of the artist as a young man. Das Sweatshirt mit dem Con-Aufdruck habe ich heute noch. Danach gab es dann jedes Jahr einen Con, später zwei oder drei, bis ich mich dann mit dreiundzwanzig, vierundzwanzig aus der Szene verabschiedete.