Neal Stephenson, Cryptonomicon

Also gut, dann ist es öffentlich: Ich bin kein richtiger Geek. Ich bin übrigens wirklich kein richtiger Geek. (So wie ich kein richtiger Anglist oder Germanist oder Informatiker bin, kein richtiger Backgammon- oder Rollenspieler oder Filmfan, von allem ein bisschen kann, aber nichts richtig.)
Mir hat Cryptonomicon von Neal Stephenson nämlich nur mäßig gefallen.

Vielleicht bin ich mit falschen Erwartungen an das Buch herangegangen. Großer Hype, Kultbuch für Nerds, Internet, Kryptographie, Science-Fiction-Preise gewonnen; außerdem hatte ich mal ein anderes Buch vom gleichen Autor angelesen, das voller schräger Science-Fiction-Ideen war. Also erwartete ich schon, dass mein Hirn ordentlich durchgeschüttelt werden würde. Und genau das geschah dann nicht, und zwar auf über 1100 Seiten. Die sind es auch, die ich dem Buch vorwerfe. Es liest sich nicht unflott, aber dieselbe Geschichte hätte man in halb so viele Seiten packen können, und man liest das Buch wegen der Geschichte und nicht der gedrechselten Prosa.

Zur Geschichte: das Buch ist keine Science Fiction. Nicht in der heute üblichen Bedeutung, mit der Betonung auf dem zweiten Wort. Es ist allerdings Scíence Fiction, vorne betont, in der ursprünglichen Gernsback’schen Bedeutung: Popularisierung existierender wissenschaftlicher oder ingenieurswissenschaftlicher Konzepte. In diesem Fall sind das Betriebssysteme (ein wenig), Computer und Turingmaschine (überraschend wenig), eine Möglichkeit des Abhörens von Monitorsignalen (sehr detailliert), ein kleines bisschen Bergbau, viel Militärgeschichte und eine ordentliche, aber keinesfalls überwältigende, Menge Kryptographie.
Das Buch ist daneben ein Abenteuer- und Militärroman. Der Klappentext weist Tom Clancy, William Gibson und James Michener als Paten aus. Von Gibson merkt man kaum etwas; an Michener erinnern die Schauplätze, die überzeugende Recherche und das zumindest scheinbar Weitausholende; am wesentlichsten scheint mir der Anteil an Tom-Clancy-Flughafenlesefutter zu sein. Gehobene Flughafenlektüre, so würde ich das Buch bezeichnen.

Es gibt drei Erzählstränge, zwei davon im zweiten Weltkrieg, einen in der Gegenwart, also ganz am Ende des 20. Jahrhunderts. An bestimmten Stellen bricht der eine Erzählstrang ab und der nächste darf wieder mal, das ist gängige Erzähltradition, derer ich ein bisschen müde geworden bin. Vor Jahren habe ich entdeckt, dass solche Bücher gewinnen, wenn man tatsächlich nur einen Strang liest und über den Inhalt der anderen ebenso wenig weiß wie der Protagonist eben dieses Strangs. Oder ich würde die drei Erzählstränge lieber als zusammenhängende Texte lesen, also nicht chronologisch-abwechselnd-quasiparallel, sondern erst Buch 1 mit der einen Geschichte, dann Buch 2 und Buch 3 mit jeweils den anderen Geschichten. (Nur bei den Glass Books of the Dream Eaters bin ich auf die interessante Variante gestoßen, bei der die drei sich abwechselnden Erzählstränge – es sind gerne mal drei – zum einen in sehr langen Blöcken angeordnet sind, also fast wie Miniromane, und sich zum anderen am Ende jeweils mit einem anderen Strang überlappen. Schöner Effekt.)

Schon bald fällt beim Lesen auf, dass viele der Eigennamen aus den 1940er Jahren in der Gegenwart auch auftauchen; es handelt sich also wohl um Nachfahren. Wie genau die jeweils gleichnamigen Personen zusammenhängen, findet man erst später heraus, und das ist ein Argument, das tatsächlich für die Aufteilung in Handlungsstränge spricht. Trotzdem: die ersten 500 Seiten des Buches fühlten sich an wie Exposition. Es musste doch um irgendetwas gehen, dachte ich. Aber nein, das Buch roch wie „nach einer wahren Begebenheit“ erzählt, also vermutlich sorgfältig recherchiert, aber eben ziellos. Ein Fokus war für mich erst mit dem Schatz im Silbersee da. (Karl May wird nie als Vorlage für Stephenson genannt, aber wenn nicht er direkt Pate war, dann gibt es wohl gemeinsame Quellen.)

Interessante oder aktive Frauen gibt es keine im Buch; die Hauptpersonen sind alle im Krieg oder Hacker.
Gerissen hat es mich nur einmal, nämlich dann, als eine der Personen in den 1940er Jahren auf die Insel Qwghlm (Outer Qwghlm, um genau zu sein) versetzt wird – eine Inselgruppe der britischen Inseln, im Nordwesten, mit eigener Kultur, eigener Sprache (nicht Keltisch! nicht Keltisch! wie die Leute aus Qwghlm betonen) und langer Geschichte. Bittewie? Qwghlm taucht ansonsten immer wieder mal auf.

Dafür, dass mir das Buch nur mäßig gefallen hat, sind das viele Wörter geworden. Aber ich will wenigstens einen Blogeintrag davon haben, dass ich die 1100 Seiten gelesen habe. Und wer weiß, vielleicht hinterlässt das Buch ja doch noch Spuren bei mir.

(Als Fußnote zur Recherche: „Wehrmachtnachrichtungenverbindungen“ ist kein deutsches Wort, lieber Autor, liebes Lektorat.)

***

Das Buch wurde als „ultimate geek novel“ (Jay Clayton, via Wikipedia) bezeichnet. Hm, ja. Da mag etwas dran sein. Und ich bin nun mal kein Geek. Ich mag Science Fiction lieber als Geek Novels. (Und werde die Finger von Stephensons Baroque Cycle lassen, allenfalls noch einmal seine Science Fiction ausprobieren.)

Bislang dachte ich, ich würde – in den Momenten, in denen ich nichts Besseres zu tun habe – die Welt der Geschichten einteilen in Pulp Fiction auf der einen und Literature (/’lɪtərətjʊə/) auf der anderen. Und ich mag beides. Asimov sagt, gute Science Fiction muss auch gute Literatur sein; ich glaube manchmal, gute SF kann keine gute Literatur sein. Aber es gibt wohl eine dritte Art von Geschichten, und bald werde ich dieses Einteilungssystem ohnehin aufgeben müssen: es gibt Beststeller-Thriller-Flughafenliteratur. Sprachlich und von der Charakterisierung her ist die nicht interessant genug, um als Literature durchzugehen; von den Ideen und der schieren Frechheit her nicht kühn genug, um Pulp oder Science Fiction zu sein.

(Gelegentlich tut Genreliteratur so, als wäre sie Literatur, und das kann gut gehen: Raymond Chandler. Gelegentlich tut die Literatur so, als wäre sie Genre, und das kann auch gut gehen: Das Foucaultsche Pendel.)

In diesem Zusammenhang sehr lesenswert der Brief „A Private Letter from Genre to Literature“ von Daniel Abraham:

I saw you tonight. You were walking with your cabal from the university to the little bar across the street where the professors and graduate students fraternize. You were in the dark, plain clothes that you think of as elegant. I have always thought they made you look pale. I was at the newsstand. I think that you saw me, but pretended not to. I want to say it didn’t sting.
Please, please, darling let us stop this. This artificial separation between us is painful, it is undignified, and it fools no one. In company, we sneer at each other and make those cold, cutting remarks. And why? You laugh at me for telling the same stories again and again. I call you boring and joyless. Is it wrong, my dear, that I hope the cruel things I say of you cut as deeply as the ones you say of me?

Unbedingt den vollständigen Brief lesen (via January Magazine). Vielleicht muss ich meine Zwei- oder Dreiteilung noch einmal überdenken, der Brief macht einige gelungene Punkte. Kann man den mit Schülern lesen oder überfordert sie die Metaphorik darin?

5 Antworten auf „Neal Stephenson, Cryptonomicon“

  1. Eine sehr aufschlussreiche Besprechung,“gedrechselte Prosa“ – wunderbar! (Wie du eine interessante Frauenfigur in so einem Buch auch nur in Erwägung ziehen konntest, weiss ich aber wirklich nicht.)

    Ich danke dir fürs Schreiben im 2011 und freue mich, auch 2012 auf den guten Mix, wie ihn eben nur ein Geek-Anglist-Germanist-Cosplayer-Informatiker-Lehrer hinbekommt.

    Viel Schönes und Gutes!

  2. Danke, dir auch! (Frauenfiguren: ich schaue fast routinemäßig, wie es um die Frauen in den Romanen steht, die ich so lese.)

  3. Hallo, Thomas,
    okay, tut mir leid, ich komme zu spät um zu warnen. Das „Cryptonomicon“ ist wirklich ein recht mittelmäßiges, gnadenlos gehyptes Buch. Sehr viel besser (und dabei weitaus weniger umfangreich) sind die Vorgängerbücher „Snow Crash“ und „Diamond Age“. Beide sind sehr viel „nerdiger“, bei Diamond Age wird Dir darüberhinaus auch das neo-viktorianische Element gefallen.
    Ansonsten – gesegnetes Neues Jahr!
    Viele Grüße, Bernhard.

  4. >(Als Fußnote zur Recherche: “Wehrmachtnachrichtungenverbindungen” ist kein deutsches Wort, lieber Autor, liebes Lektorat.)

    Ich warte immer noch auf das Buch aus dem englischen Sprachraum nach etwa 1930, das Deutsch verwendet, ohne dabei die absurdesten Fehler zu machen. Man sollte denken, dass auf der Straße vor dem Lektorat genug deutsche Touristen vorbeilaufen, die gerne so nett wären, mal einen Blick auf den Text zu werfen.

  5. Vom Baroque Cycle würde ich allerdinmgs die Finger lassen. Ein meiner Meinung nach übermäßig gewolltes Projekt, das leider relativ langweilig geworden ist, bei dem man sich stets ein wenig belehrt fühlt (ok, bei dir wiegt das eventuell nicht so schwer… :-) und das wenig überzeugende Figuren bietet.

    Bin seit vier Jahren nicht über die Hälfte des ersten (von dreien!) hinausgekommen.

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