Unzusammenhängendes zur SZ heute

Schlag ich heute die Süddeutsche Zeitung auf, geht es wieder mal um Lehrer. Schon auf der Eins, above the fold, der Beitrag dazu selbst weiter hinten in Politik. Im Prinzip nichts Neues: die Qualität der Lehrer ist wichtig für die Schule. Das kann ich unterschreiben. Allerdings: es gibt auch Klassen, denen kann man jeden Lehrer vorsetzen und die Klassen lernen etwas dabei. Viel wichtiger als didaktische Methoden ist die Lehrerpersönlichkeit, aber vielleicht noch wichtiger ist der Wunsch der Schüler, etwas zu lernen. In manchen fünften Klassen gibt es den, in anderen nicht. Daran wenn man etwas ändern könnte, das würde viel bringen. Woher der Unterschied kommt? Müsste man untersuchen.

(Zugegeben, ein bisschen klingt dieser Wunsch nach dem Brechtschen Gedicht „Die Lösung“, wo der mit dem Volk unzufriedenen Regierung scherzhaft vorgeschlagen wird, dann halt das Volk aufzulösen und ein anderes zu wählen.)

„Die Professionalisierung des Lehrpersonals“, wird der deutsche Pisa-Bericht zitiert, ist die „entscheidende Ressource für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.“ Sehe ich auch so. Professionalisierung hätte ich gerne, dafür etwas weniger Schulfamilie. Zur Professionalisierung gehören Profis. Im Moment, da gebe ich dem Artikel recht, sind Schulleiter froh, wenn der Unterricht irgendwie gehalten wird, wie und von wem auch immer. Bei der Einstellungspolitik sehe ich da keinen Spielraum für Professionalisierung. Noch in diesem Jahr wird der bayerische Landtag beschließen, dass Lehrer am Gymnasium eine Besoldungsstufe tiefer einsteigen, A12 statt A13. (Unterschriftenaktion dagegegen.) Einerseits verstehe ich, dass der Staat sparen möchte. Und es stimmt, dass deutsche Lehrer im Europavergleich nicht wenig verdienen. Andererseits vergleicht man sich nicht mit dem Rest von Europa, sondern mit dem Rest von Deutschland, mit anderen Akademikern, immer vorausgesetzt, Lehrer sehen sich als Akademiker, und da wird der Lehrerberuf halt noch etwas weniger attraktiv.

Und er soll attraktiv werden, so wie in Finnland etc., damit die Besten ihn ergreifen wollen. (Andererseits: wenn die Besten das zur Zeit nicht tun, wo sind die denn dann alle? Haben die alle BWL studiert und managen jetzt Banken?) Das muss nicht über Geld gehen, gesellschaftliche Anerkennung wäre auch schon etwas. Dazu müsste dann der Beamtenstatus weg und im Gegenzug das Jammern der Lehrer aufhören – laut Statistik hält man Lehrer nämlich für Jammerer. Ich denke, wir Lehrer haben einen besseren Ruf, als wir denken. Allerdings, so ganz toll ist unser Ruf auch wieder nicht. „Die Literatur der vergangenen hundert Jahre ist eine Schulhorrorliteratur“, schreibt Heribert Prantl und führt an: Heinrich und Thomas Mann, Torberg, Rilke, Hesse, Wedekind. Das ist allerdings nicht die Literatur der letzten hundert Jahre, sondern hundert Jahre alte Literatur; ist Schule in den letzten fünfzig Jahren kein Thema mehr für die Literatur? Prantls Fazit: Ein guter Lehrer braucht mehr Freiheiten. Und: ein Lehrer muss die Schüler mögen und respektieren, und die Gesellschaft muss Lehrer mögen und respektieren.

Das könnte damit anfangen, dass die Süddeutsche nicht diese altväterliche Schreibschrift als Typo für Zwischentitel verwendet.

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27 Thoughts to “Unzusammenhängendes zur SZ heute

  1. Es ist das alte Lied.
    Es gibt für das Geld eben die Lehrer, die man für DAS Geld bekommt.
    Und man darf nicht damit rechnen, dass es nur Leute werden wollen, die rein intrinsisch motiviert sind.
    Die Banken und Unternehmen zahlen ihren Managern auch hohe Summen, damit sie gute Leute bekommen.
    Für nichts gibt es eben nichts. Nur wundern sollte man sich dann nicht.
    Es gab Zeiten, so in den Sechzigern, da bekamen die Naturwissenschaftler, die aus der Industrie in die Schule wechselten, eine Prämie und einen VW-Käfer.
    Heute gibt es Schnellkurse, die es Lehrern anderer Fächer ermöglichen sollen, Chemie, Physik und Biologie zu unterrichten.
    Upgraten by Schnellbleiche.

  2. Es ist wirklich etwas beklemmend in den letzten Monaten (Jahren?) als Lehrerin Zeitung zu lesen. Bei uns in der Schweiz klingt alles ziemlich ähnlich, ausser dass nun wirklich (aus Lehrermangel) erstmals höhere Einstiegslöhne diskutiert werden.

    Die Beiträge sehen eigentlich immer gleich aus:

    Ein Journalist erklärt die Lage der Schulen sowie das Lehrerbild in der Gesellschaft.

    Ein Journalist kommentiert den Status des Lehrers in der Gesellschaft, gern auch im grösseren historischen Kontext.

    Es wird eine Statistik von einem Bundesamt oder der OECD zitiert.

    Eine Journalistin portraitiert Lehrpersonen, die trotz allem immer noch vom Beruf begeistert sind. Oft sind diese aus Deutschland zugewandert.

  3. Sie sollten aber wirklich inzwischen wissen, sehr geehrter Herr Rau, dass es als augeklärter, progressiver (Wut- *lach*) Bürger nicht mehr politisch korrekt ist, die Süddeutsche zu lesen. Seit der peinlichen Leyendecker Nummer mit Julian machen wir das doch nicht mehr…
    FAZ geht aber falls hirn.idleTime() Schmerzen verursacht.

  4. Tanja, getroffen. Sosieht es auch da aus.
    Höhere Einstiegslöhne bei Lehrermangel? Wir gehen den umgekehrten Weg. Aber unser Lehrermangel ist hausgemacht durch die Einstellungspolitik.

    Allerdings: wenn nächstes Jahr die 13. Klasse wegfällt, gibt es an meiner Schule mit 1250 Schülern plötzlich 100 weniger davon, bei gleicher Lehrerzahl. Die Schülerzahl insgesamt ist an meiner Schule allerdings steigend, in ein paar Jahren sind wir wieder bei der ursprünglichen Zahl. Dazu kommt, das manche Lehrer dieses und viele Lehrer nächstes Jahr keine unbezahlte Überstunde mehr machen müssen und in den Folgejahren die im Voraus geleisteten Überstunden sogar zurückerhalten in Form von weniger Stunden.

    (Deswegen ist es auch ein bisschen schal, dass die in der Regierungserklärung versprochenen zusätzlichen Stellen jetzt plötzlich umgewandelt werden zu: wir streichen die freiwerdenden Stellen nicht.)

    Wutbürger: ja, schwache Wahl, selbst im Vergleich zu vorherigen Jahren, die auch nicht alle gänzen. Als Unwort noch eher.

    Süddeutsche: Immerhin, in der letzten Woche waren mindestens drei Beiträge zum Thema Internet ohne sachliche Fehler. Das hat mich überrascht und gefreut.

  5. „Das muss nicht über Geld gehen“ – zentraler Satz für mich. Zeit für Unterrichtsvorbereitung und Unterrichtsreflexion, Fortbildungen, die diesen Namen verdienen, Lehrerarbeitszimmer an den Schulen und so Zeug wäre ja auch nicht verkehrt – kostet wohl aber auch was.

    1,3 Bewerber auf eine Schulleiterstelle hier. Man munkelt, dass man die pädagogischen Aufgaben in diesem Bereich auf die Studiendirektorenliga abwälzen – äh – A15 durch höhere inhaltliche Verantwortung aufwerten möchte, um dann als Schuloberhaupt einen höheren Verwaltungsfachangestellten zu bestimmen. Spart Geld und erhöht wieder einmal die Qualität der Schulen.

    Gruß,

    Maik

    PS:
    Ich fand die Stelle gut, in der stand, das gute Lehrer auch manchmal ungerecht, überfordert und – stilistisch notwendiges Drittes in diesem Trikolon – sind… Nicht, dass ich mich da wiedergefunden hätte.

  6. Wenn Lehrerwerden nicht attraktiv ist, warum sind bei uns in Tübingen die sprachlichen Lehramtsstudiengänge dann so überlaufen? Ich habe dazu zwei mögliche Erklärungen: Schüler wählen ihren Beruf nach dem was sie kennen und jeder Schüler kennt Lehrer. Und/oder: Sprachen auf Lehramt gelten als leicht.

    Leider ist es dann so, dass im Language in Use-Test die Leute 60% Durchfallquote produzieren, dabei haben sie ein Semester Vorbereitung. Der Aufsicht habende Computerlinguist besteht den Test ohne Vorbereitung – denn ohne dieses Englisch wird er im Gegensatz zum zukünftigen Englischlehrer nicht mal zum Studium zugelassen.

    Könnte es also sein, dass zumindest in sprachlichen Fächern die Ausbildung bisher nicht effektiv darauf abzielt, den Leuten zum Lehramt zu verhelfen, die auch vielversprechende Lehrer wären?

    Literatur war für mich in der Schule immer Horror. Entweder war das Material – pardon – zum Kotzen, oder der „Superdidaktiker“ erlaubte nicht, dass man weiter wie bis Seite X las, damit man im Unterricht sein Konzept nicht mit gefährlichem Zukunftswissen zerstören konnte. Kurzum: Was ich nicht lesen wollte musste ich lesen und was ich lesen wollte durfte ich nicht lesen.

  7. Der Lehrerberuf scheint nur für gewisse Fächer unattraktiv.
    Wenn man den Anteil der Naturwissenschafts-/Altphilologie-/Info-Lehrämtler mit denen der Geisteswissenschafts-LAer vergleicht wird einem ganz anders…
    Nach der Logik müssten dann die Mangelfächer irgendwie attraktiver gemacht werden.
    ?

  8. @Moe
    Warum sollte ein guter NaWi- oder Info-Studi an die Schule gehen? Idealismus vielleicht… In der Wirtschaft werden sie sich bald um den reißen und damit wird der Staat auf Dauer nicht konkurrieren können.

    Warum muss ich als mittelprächtig begabter SysAdmin eigentlich ein halbes Mathematikstudium nachlegen, damit ich Informatik unterrichten, bzw. prüfen darf? Ich zähme verschiedene SQL-basierte Systeme und LDAP-Setups, die ich mit Programmen datenmäßig objektorientiert füttern muss. Lesen kann ich. Und mein Code wurde über die Jahre auch immer besser.

    Die Lücken wird man mit Quereinsteigern stopfen. Da gibt es sehr viele qualifizierte Menschen, die auch wissen, wie es „draußen“ zugeht (im Gegensatz zu uns Lehrern). Es gibt da aber auch andere.

  9. Na mal ehrlich – im Vergleich zur klischeebehafteten Titelseite dieser SZ war der Inhalt dann doch erstaunlich ausgewogen und objektiv – ich hab mich über Herrn Prantls Artikel gefreut. Was das jetzt mit dem Beamtentum zu tun hat, versteh ich nicht Herr Rau:-) – abschaffen, ja ok, damit wird der Beruf aber dann auch nicht attraktiver… – und Geld kostet ja alles mccab99 so richtig angemerkt hat….

  10. Ein weites Feld :-)
    Einige unsortierte Gedanken dazu:
    Geld – gut und schön. Inzwischen – man möge mich steinigen – fühl ich mich selbst als Ostlehrer nicht mehr gar zu schmerzhaft unterbezahlt. Was dagegen schmerzhafter fehlt, ist ein Mindestmaß an Professionalität: Bei der Organisation von schulischen Abläufen, beim Handling von verwaltungstechnischen Teilen unserer Arbeit, bei Fortbildungen, bei der Kooperation mit Schulamt und Kultus.
    Was nicht nur fehlt, sondern oft geradezu verhindert wird: Eigenverantwortung auf fast jeder Ebene. Oft stöhne ich als Deu/Eng – mithin Korrekturfachlehrer- über die Korrekturfron, oft bin ich aber auch sehr froh über das große Maß an Entscheidungsfreiheit (vulgo Eigenverantwortung) bei der Auswahl unterrichtlicher Stoffe und Methoden. Kollegen anderer Fächer können da oft genug nur neidvoll zuschauen. Spätestens jedoch wenn es auf die Ebene der Schule als Instituton geht, ist das bei uns oft gebrauchte Etikett „Eigenverantwortliche Schule“ der blanke Hohn. Etwas weiterreichende Eigenverantwortung bei Unterrichtsorganisation, Schwerpunktsetzung, Stundenplan oder dergleichen? Da sei das Schulamt vor! Eigenverantwortung gar bei Personalfragen? Undenkbar.
    Aus der Kenntnis etlicher reformpädagogischer und freier Schulen heraus bin ich fest überzeugt, dass das Funktionieren einer Schule als pädagogische Gemeinschaft zum weitaus größten Teil davon abhängig ist, ob die Schule in der Lage ist, Lehrer an sich zu binden, die das jeweilige Profil mit Überzeugung, Hingabe und Enthusiasmus mittragen und gestalten – und diese Leute bekommt man nicht per Zuweisung über Kultus und Schulamt, die müsste man sich schon selber suchen können. Das ist aber – zumindest bei uns – nicht vorgesehen. Stattdessen -immer mal wieder – Zuweisung von Kollegen, die an diversen anderen Schulen schon gescheitert sind und – wir sind ja im öffentlichen Dienst – irgendwo untergebracht werden müssen. Solange das so ist, wird sich nicht viel ändern…
    Interessant übrigens, dass die Kollegen an den erwähnten freien Schulen oft deutlich weniger verdienen als wir staatlich angestellte / verbeamtete Lehrer – und oft trotzdem einen guten, gemeinsam getragenen Job machen. Die damit verbundenen Fluktuationsprobleme sind natürlich bekannt, ich möchte auch nicht verallgemeinern – kann nur auf meine Erfahrungen hier vor Ort zurückgreifen. Woanders mag es anders aussehen…
    Man könnte jetzt noch weiter über die mangelnde Differenzierung bei der Anerkennung von Lehrerengagement (Dienst nach Vorschrift bleibt folgenlos – Engagement oft auch), über das Sich-bequem-Einrichten vieler Kollegen (der Fortbildner weiss, wovon er spricht), über die vorausschauende Personalpolitik und ausgewogene Altersstruktur (wenn ich auf die 50 zugehe und immer noch einer der jüngeren Kollegen bin, kommt mir das Grübeln)und viele andere Dinge klagen – aber dann würde der Kommentar noch länger :-)
    Stattdessen gehts jetzt ab in die Schule, jawohl!

  11. „Das muss nicht immer über Geld gehen“ – zentraler Satz auch für mich. Lehrer sein hat etwas mit Leidenschaft und mit Berufung zu tun. In diesem Sinne ist es vielleicht sogar gut, wenn Geld nicht der alleinige Anreiz für jemanden ist, den Lehrerberuf zu ergreifen. Allerdings scheint es zuweilen an Wertschätzung zu fehlen und das ist in meinen Augen das größere Problem. Wertschätzung kann durch ein einfaches Lob guter Arbeit ausgedrückt werden, genauso wie durch ein angemessenes Gehalt oder dadurch, dass Freiräume gewährt werden, in denen Lehrer ihrer Berufung so nachgehen können, wie sie es möchten. Wenn Lehrer die Schüler inspirieren und sie mit ihrer Leidenschaft anstecken sollen, dann sollten Gesellschaft und Schulsystem gewährleisten, dass diese Leidenschaft nicht aufgrund erdrückender Strukturen schon in jungen Jahren im Beruf verloren geht.

  12. Bleibt die Interessante Frage offen: „Warum wird jemand Lehrer?“
    Das Image kann es nicht sein. Der Beamtenstatus? Bei vielen sicherlich. Das Bekannte ergreifen, weil ja jeder Lehrer kennt?
    Manchmal allerdings, und dazu zähle ich mich, ist es der Wunsch, Anderen eigene Erfahrungen näher zu bringen. Lebenserfahrung weiter zu geben, wenn dabei auch noch gutes Geld gezahlt wird, dann freue ich mich. Allerdings sind wir Berufsschullehrer wohl die einzigen Lehrer, die oft erst mit Mitte 30 in diesen Beruf wechseln. Da wissen die meisten Menschen dann schon eher, was sie eigentlich auf dieser Erde wollen. Problem dabei ist nur, dass wir dann so anders sind als das Schulsystem es eigentlich vorgibt. Leider sehen wir dann den Lehr-Beruf oft auch als Lehr-Job. Ob das die Qualität steigert weiß ich nicht.
    Komme ich zu der nächsten interessanten Frage: woran messe ich gute Lehrer? Vergleiche mit Kollegen und deren Ruf reichen da sicher nicht aus. Vergleiche der Noten unserer Schüler? Ich bezweifle die Aussagekraft. Bin mal gespannt auf die Vorschläge unseres neuen Qualitätsmanagements.
    Gruß aus dem Norden
    Manfred

  13. So eine New-Economy-artige Schule wäre schön und ungemein motivierend… lauter coole Kollegen, Flipper im Lehrerzimmer, Flexibilität, alle hochmotiviert, leistungsorientiert… das wäre schon Anreiz, Lehrer zu werden/sein/bleiben. Leidenschaft gehört sicher dazu. Man muss sich nicht ausbeuten lassen, muss Privatleben haben, aber Leidenschaft braucht es.

  14. Das mit dem L-Wort würde ich gern noch erweitern: Es braucht auch Leidensfähigkeit und -bereitschaft. Mir scheint es nicht übertrieben zu schreiben, man leidet auch ein wenig unter bzw. an seinem Beruf. Das gilt bestimmt für alle Traumberufe.
    Ich leide zum Beispiel unter der Misshandlung der Grammatik, wie ich sie neulich auf der Website eines hochdotierten Motivationstrainers vorfinden konnte: „Ein Jugendlicher kann ALLES lernen und erreichen… Wenn er einen Erwachsenen hat der es ihm lehrt und zeigt wie es geht.“
    So kannst du dir teuschen. Oder hat es dir dein Deutschlehrer nicht gelernt?

  15. @ke: Frag mal Kollege R. – der Test wird am Computer gemacht und unsere Anglisten nehmen für so Computerzeugs auch gerne Computerlinguisten als Hiwis. Da fühlen sie sich sicher ;-)

  16. Ich würde gerne mal ganz generell wissen, warum Leute welchen Beruf oder welches Studium ergreifen. Als der Werbefuzzi für unsere Computerlinguistik frage ich mich das öfter. Wie kann es zum Beispiel sein, dass Sprachen auf Lehramt von hunderten als Studienfach gewählt wird, während andere Studienfächer abnippeln würden, wenn sie nicht Werbung machten? Dass man mit über 500 Anfängern und 50 Wartenden bei der Sprechstunde vom Prof keine Ausbildung machen kann, das ist schon klar. In anderen Studiengängen hat fast jeder Student einen Prof für sich.

    Was ist die Grundlage für die Wahl eines Studiums?

    (Ist das nicht auch eine interessante Frage an sich, und zwar für Lehrer am Gymnasium, deren Schüler ja potentielle Studenten der Zukunft sind?!)

    Eignung scheint es nicht zu sein. Neigung auch nur bei den Glücklichen. Finanzielle Aussichten? Sicher, aber dann Jura oder BWL und nicht Lehramt. Viel Freizeit? Haben nur schlechte Lehrer. Lebensziel schlechter Lehrer? Das ist doch auch albern. Vielleicht aber auch „ich möchte was mit Sprachen machen“ und dann als Sicherheit Lehramt, denn die meisten Was-mit-Sprachler lesen zwar gern Bücher, sind aber vielleicht eher nicht so talentiert, dass sie mit Sprache auch was brötchenbringendes anstellen könnten.

    Und MatNat- oder Informatiklehrer wird keiner mehr. Warum? Na das studiert auch ohne Lehramt keiner mehr wirklich. Saß ich 2002 noch mit 270 Anfängern in Informatik 1, so ist es jetzt dort dem Vernehmen nach sehr überschaubar geworden.

  17. Das fängt ja bei der Wahl der Leistungskurse an, wo mir auch unklar war, wieso manche Fächer so viel beliebter sind. Am ehesten vermute ich, dass es etwas mit der Erwartung zu tun hat, bestimmte Studiengänge seien leicht oder schwer. Sprachen gelten als leicht, weil, sprechen kann ja eh schon jeder. Und das stimmt wohl auch. Oder Sprachen sind etwas für Leute, die keine eindeutigen Antworten wollen, sondern verschiedene Theorien, über die man diskutieren kann. Nicht so richtig-falsch wie Mathe oder Physik, und auch nicht experimentell, sondern diskursiv.
    Der Grund fürs Lehramt ist sicher die erwartete Sicherheit. Aber warum nicht: irgendwas mit Computern und dazu Lehramt? Computer gelten als schwierig. Vielen Leuten fällt der Umgang damit schwer, und ich weiß einfach nicht warum.

  18. Also bei Lehramtsstudiengängen liegt die Motivation sicher darin, dass die Schüler glauben, sie kennten diesen Beruf genau, schließlich haben sie jeden Schultag mit Angehörigen dieser Berufsgruppe zu tun. Viele sehen auch die Flexibilität dieses Berufs, der sich viel besser als irgendein anderer mit der Gründung einer Familie und gleichzeitiger Berufstätigkeit vereinbaren lässt.
    Dass Deutsch- oder Fremdsprachlehrer wird, wer gern liest, halte ich dagegen für ein wohlmeinendes Gerücht. Es scheint Phasen in Lehrerbiographien zu geben, in denen die betreffenden Lehrer nahezu nichts lesen, weder Neuerscheinungen noch Kanonisches.
    Dafür mag es gute Gründe geben (Windeln wechseln), aus professioneller Sicht ist das aber trotzdem nix.
    „Computer-Linguistik“ liest sich aus Sicht eines Deutschlehrers (und wahrscheinlich eines Schülers oder einer Schülerin) schon auf den ersten Blick unattraktiv. Die wenigsten Schüler wissen überhaupt, was Linguistik ist und macht. Erklärt man dann diesen Zweig der Wissenschaft, ist es meistens schon aus: Syntax erinnert an die lästige lateinische Grammatik, die bereits in der 9. Klasse wieder vollkommen verdrängt wird. Die modernen Fremdsprachen vermitteln zwar ein Grundgerüst in englischer und französischer Grammatik, sind aber heute pragmatisch bzw. kommunikativ ausgerichtet, also bleibt nur das ungeliebte Fach Latein und ein wenig deutsche Grammatik. Wenn dann auch noch (!) exakte Erkenntniswege der Mathematik, Logik und Informatik hinzukommen sollen, steigen viele schon allein deswegen aus, weil sie von ihren Leistungen in zwei Fachbereichen (Sprachen und Fächern der abstrakten Logik) ausgehen, die bei den meisten Schülern nicht gleich stark abgeschlossen werden. So entsteht der subjektive Eindruck, nicht gut genug auf einen derartigen Studiengang vorbereitet zu sein. Wesentlich verantwortlich scheint dabei zu sein, dass Mathematik an der Schule als „hartes“ Fach gilt, dem sich viele Schüler lieber heute als morgen entziehen würden. Zur weiteren Verkomplizierung führt dann der Eindruck bei Computer-Linguistik handele es sich um eine hochspezialisierte Bindestrich-Disziplin, von der schon mal alle Generalisten unter den Schülern abgeschreckt sind. Wer zudem nicht genau weiß, was er mal beruflich machen möchte und die scheinbar eng begrenzten Berufsfelder von Computer-Linguisten anschaut, wird studieren, was eine frühe Festlegung vermeidet.

  19. @Belzebub: „Die wenigsten Schüler wissen überhaupt, was Linguistik ist und macht.“

    Das ist sicherlich richtig und liegt auch daran, dass die meisten Sprachlehrer Linguistik schon im Studium nicht leiden konnten und deswegen kaum etwas davon in ihrem Unterricht erwähnen mögen. Aber da ist die Linguistik nicht allein, denn was ein z.B. Paläontologe oder ein Kybernetiker macht dürfte den Schülern ähnlich einleuchtend sein. Und so studiert das dann ja auch so gut wie keiner.

    „Fächern der abstrakten Logik“

    Es gibt keine Fächer für Logik in der Schule. Mathe-LK hab ich immer als Flowchart-Abarbeiten empfunden und war nie sehr gut dabei. Informatik erreichte nie ein Level, in dem man von Logik sprechen konnte.

    Von Schulfächern auf Studienfächer zu schließen ist fast immer blauäugig, der Mathe-LK wurde später in der ersten Sitzung von Mathe 1 an der Uni abgehandelt, danach ging’s los. Und so oder so ähnlich dürfte es in Bio, Chemie, etc. pp. auch aussehen. Es zählt also dann eher zu glauben als zu wissen, dass man was über seine Zukunft weiß, wenn man als Schüler seine Wahl trifft?

    Nimmt man mal BWL, Jura, Medizin, so gibt es dafür kein entsprechendes Schulfach. Trotzdem geben sich Leute dem Wahnsinn hin, etwas so spezielles zu studieren, wovon sie noch nie Inhalte gesehen haben. Weil sie glauben zu wissen, was es damit auf sich hat?

  20. Ich stimme in fast allem inhaltlich zu: Haltung der Sprachlehrer zu Linguistik, der Abstraktionsgrad der Mathematik (Vielleicht ist noch erwähnenswert, dass viele Mathematiklehrer ohnehin eher Physiklehrer sind und von daher mit der Abstraktion selbst auf Kriegsfuß stehen.)Es ist blauäugig von Schulfächern auf Studienfächer zu schließen und tatsächlich studieren viele Studienanfänger ihr Fach im guten Glauben, nicht weil sie schon etwas Genaueres wissen. Woher denn? Nicht zuletzt deshalb soll doch die Studienorientierung bereits in der Schule verstärkt werden, die Zahl der Praktika erhöht usw.
    Für Jura und BWL/VWL gab es sehr wohl ein Fach, dessen Leistungskurs bis zum Ende des G9 so häufig gewählt wurde, dass man sich als Gymnasiallehrer manchmal schon fragte, wozu wir diese Banklehrlinge ausgerechnet am Gymnasium vorbilden müssen.
    Bei Medizin (Pharmazie, Veterinärmedizin) als hartem NC-Fach gibt es zwei Gesichtspunkte: Mancher beginnt (!) ein NC-Fach schlichtweg, weil der Notendurchschnitt reicht und zweitens gehören Mediziner trotz ihrer öffentlichen Klagelieder noch immer überdurchschnittlich oft zu den Besserverdienenden.
    Was sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten völlig verändert hat, ist das Neugierpotenzial der Abiturienten. Während meine Generation (Abiturjahrgang 1985) sich mit der typischen Überheblichkeit von 20-jährigen zur Verbergung der eigenen Unsicherheit an die Universität begab und alles Mögliche ausprobierte, ist das bei heutigen Jugendlichen nicht mehr der Fall. Und die totalitäre Studienreform treibt ihnen die verbliebene Restneugier bzw. das Interesse an einer akademischen Orientierungsphase ja auch gründlich aus. Zumindest das wissen unsere Schüler schon vorher.
    Ich fürchte Paläontologen und Computer-Linguisten müssen den steinigen Weg in die Schulen zurücklegen, um direkt mit den Schülern in Kontakt zu kommen. Ein Tag der offenen Tür an der Universität reicht da nicht.

  21. @Beelzebub: Der Begriff „Computerlinguistik” is m.E. unglücklich genug gewählt (eine missglückte Lehnübersetzung von „Computational Linguistics“); wenn man ihn dann auch noch mit Bindestrich schreibt, tut es mir weh. ;-)

  22. Ich weiß schon, wie man Computerlinguistik schreibt. Mir ging es um den Ausdruck „Bindestrich-Disziplin“, denn als solche wird Computerlinguistik von den Schülern wahrgenommen. Bindestrich-Disziplinen haftet nun einmal der Ruch der unscharfen Interdisziplinarität und des Spezialistentums an. Und DrNI hat anscheinend genau damit zu kämpfen.
    Unzusammenhängendes zur SZ der letzten Tage:
    Hat jemand die Geschichte um diese Eisschnellläuferin und ihre Erfolge im Germanistikstudium in der SZ mitverfolgt? Auf der Leserbriefseite von gestern meldet sich ein Dozent jener Turbo-Studentin, die so „nebenher“ studiert, zu Wort.

  23. Das muss kein Dozent gewesen sein, der zählt einfach die fachwissenschaftlichen Fehler im Interview auf. Wenn man nett ist, war es der Interviewer, der hier unzulässig verkürzt hat… Aber danke für den Hinweis, ich hatte das erst gar nicht gelesen. Kann ich brauchen für einen Blogeintrag, der mir für Mitte Januar vorschwebt.

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