James Hilton, Random Harvest

Hintergrund

Gehört hatte ich von James Hiltons bekanntestem Roman, Lost Horizon, schon früh, mindestens über die Verfilmung von Frank Capra und beim Lesen der Science-Fiction-Literaturgeschichte von Brian W. Aldiss. (Zwei Stellenangaben im Register, jeweils nur ganz kurze Bemerkungen, aber das reichte mir.)
Ein Facharbeits-Themenvorschlag meines Englisch-Leistungskurs-Lehrers führte dann dazu, dass ich das Buch kaufte, als ich es in der englischen Abteilung der Buchhandlung sah.

Nach und nach las ich alles andere, das ich von Hilton finden konnte. Das waren stets Zufallsfunde auf Flohmärkten oder in Second-Hand-Bookshops, bis mir Ende des 20. Jahrhunderts das Web ermöglichte, die fehlenden Bücher online zu besorgen. Auch wenn Hilton mal berühmt war: Heute ist kaum etwas von ihm im Druck.

Random Harvest (deutsch: Gefundende Jahre) erschien 1941, wurde ein Bestseller und 1942 verfilmt – sieben Oscar-Nominierungen, aber keinen gekriegt. Holden Caulfield mochte den Film gar nicht, als er in New York in eine Vorstellung hineinstolperte.
Film und Buch unterscheiden sich in einigen Punkten sehr. Am besten – dringende Empfehlung – ist das Buch übrigens, wenn man den Film nicht kennt und auch die Inhaltsangaben von Buch und Film bei Wikipedia meidet.

Inhalt

Ende der 1930er Jahre lernt Harrison, eine Erzählerfigur, wie es sie bei Hilton häufig gibt, den Geschäftsmann und Politiker Charles Rainier kennen und wird dessen Sekretär. Rainier ist verheiratet, erfolgreich, scheint eigentlich alles zu haben – aber er ist auch zurückgezogen, scheu, ein wenig unglücklich. Nach einiger Zeit erfährt Harrison Rainiers Geschichte, die als Rückblende erzählt wird:
Nach einer schwerer Verletzung im Ersten im Jahr 1917 setzt die Erinnerung Rainiers aus. Sie fängt erst wieder im Jahr 1919 an, als er sich in Liverpool nach einem kleinen Unfall aufrappelt. (Wie er von der Front nach Liverpool geraten ist, weiß er nicht.) Er nimmt Kontakt mit seiner Familie auf, richtet sich sein Leben ein, ist mehr oder weniger erfolgreich und mehr oder weniger unzufrieden. Der Drang, herauszufinden, was in den Jahren seines Gedächtnisverlusts geschehen ist, verlässt ihn nie ganz; ab und zu hat er déjà-vu-Erlebnisse, die er nicht einordnen kann.
Der nächste, kurze Abschnitt spielt wieder Ende der 1930er Jahre, der Gegenwart des Romans. Ähnlich wie in Lost Horizon ist ein Klavierkonzert der Anlass dafür, dass die Erinnerungen der Hauptperson zurückkommen.
Auf einer nächtlichen Autofahrt erzählt Rainier Harrison – im Roman wieder in Form einer Rückblende -, was in den Jahren von 1917 bis 1919 passiert ist. Dieser Abschnitt endet damit, dass Rainier – oder „Smithy“, wie er während dieser Phase genannt wird – aus beruflichen Gründen nach Liverpool fährt. Der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt ja schon, dass er nicht als Smithy von dort zurückkommen wird. Dieser Abschnitt endet herzzerreißend lapidar:

He reached Liverpool in the early morning. It was raining, and in hurrying across a slippery street he stumbled and fell.

Damit endet Smithys Geschichte, bis Rainier die Fäden zwanzig Jahre später wieder aufzunehmen versucht.

Typisch Hilton

An dem Roman gefallen mir die Sachen, die mir bei Hilton immer gefallen: Nichtlineares Erzählen, Rahmenhandlung, das Gefühl von Verlust und vager Unzufriedenheit, und traurige Geschichten, die sich hinter unauffälligen Alltagsfassaden verbergen:

Half a million Englishmen are like that. Their inconspicuous correctness makes almost a display of concealment.

Rainier/Smithy genießt selbst „reading the numbers on houses in a strange town late at night, knowing that one of them hid a passing and unimportant destiny.“

Hilton und Cabell

Die Helden Hiltons sind still unzufrieden, „vainly searching for something and never at rest.“ Bis jetzt hatte ich das nie in Verbindung gebracht mit den Helden Cabells, meinem anderen geschätzten und vergessenen Autor. Dessen Helden suchen auch rastlos nach etwas, sind allerdings lauter und bunter. Wenn es bei Hilton heißt:

„There’s only one thing more important,“ he answered, „and that is, after you’ve done what you set out to do, to feel that it’s been worth doing.“

— dann ist bei Cabell genau das das Problem: dessen Helden – Manuel, Jurgen – erreichen ihre Ziele und sind dann doch nicht glücklich. Unmittelbar vor Random Harvest habe ich The High Place von Cabell gelesen, und da fiel mir das auf. Ein Schlüsselpunkt im Buch ist der titelgebende hochgelegene Ort, und einen ähnlichen symbolträchtigen hohen Ort gibt es in Random Harvest. Und die Helden Cabells behalten wie die Hiltons einen Teil von sich zurück, den sie privat halten. Was in Manuel vorgeht, weiß man bis zum Schluss nicht.

England

In Random Harvest spielt das Geschehen von 1938 und 1939 vor dem aufziehenden Zweiten Weltkrieg. Das Münchner Abkommen von Hitler-Chamberlain-Daladier wird diskutiert, die Rolle Englands in der Zukunft und Gegenwart und Vergangenheit. Smithy hat in den Jahren 1918-1919 ein idyllischeres England kennengelernt.
J.B. Priestley schrieb 1934 English Journey, einen Bericht über eine Reise durch ein sich wandelndes England, daran hat mich das Buch von Hilton erinnert.

Damit zu tun hat auch:

James Hilton als Sherlockist

Bei Hilton überrascht es mich nicht sehr, dass er sich für Holmes interessiert. Dass Charles Rainier, die Hauptfigur von Random Harvest, dieses Interesse teilt, halte ich schon für unwahrscheinlicher. Aber hey, poetic license, von mir aus. Dreimal macht Rainier Anspielungen auf Holmes.

He patted my arm. „It’s good to know I can talk to you whenever I’m in this mood. Watson to my Sherlock, eh? Or perhaps that’s not much of a compliment?“
„Not to yourself, anyhow. Watson was at least an honesct idiot.“
He smiled. „That must be the Higher Criticism. Of course you were born too late to feel as I did – Sherlock’s in Baker Street, all’s right with the world.“

„Higher Criticism“ ist ein Synonym für „the Game“ (Blogeintrag) – jene spezielle Spielart der Literaturtheorie, die davon ausgeht, dass Holmes real, Watson der Autor und Conan Doyle lediglich der Literaturagent ist.
Der letzte Satz oben bezieht sich auf eine gern zitierte Stelle aus „Pippa Passes“ von Robert Browning: „God’s in His heaven / All’s right with the world!“ Und diese Sicherheit – wir sind wieder beim Thema England – verlieh Holmes den Lesern und seiner Zeit. Solange er in Baker Street wacht, ist England sicher. Diese Stabilität sieht auch Vincent Starret in seinem Gedicht „221B“:

Here dwell together still two men of note
Who never lived and so can never die:
How very near they seem, yet how remote
That age before the world went all awry.
But still the game’s afoot for those with ears
Attuned to catch the distant view-halloo:
England is England yet, for all our fears–
Only those things the heart believes are true.

A yellow fog swirls past the window-pane
As night descends upon this fabled street:
A lonely hansom splashes through the rain,
The ghostly gas lamps fail at twenty feet.
Here, though the world explode, these two survive,
And it is always eighteen ninety-five.

(Deshalb steht der Blogcounter auf Watsons Blog in der Sherlock-Episode „A Scandal in Belgravia“ auch immer auf 1895.)

Das Gespräch zwischen Rainier und Harrison geht dann auch so weiter:

„Since we now realize that most things are wrong with the world -“
„I know – that was part of the illusion. […] Distant thrones might totter, anarchists might throw bombs, a few lesser breeds might behave provokingly in odd corners of the world, but when all was said and done, there was nothing to fear while the stately Holmes of England, doped and dressing-gowned for action, readied his wits for the final count with Moriarty! And who the deuce was this Moriarty? Why, just a big-shot crook whom the honest idiot romanticized in order to build up his hero’s reputation! Nothing but a middle-aged stoop-shouldered Raffles! And that, mind you, was the worst our fathers‘ world could imagine when it talked about Underground Forces and Powers of Evil!“

Kein Vergleich zur Welt 1938.

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4 Thoughts to “James Hilton, Random Harvest

  1. Freut mich. Ist natürlich sehr ein Kind seiner Zeit – das war auch das Thema der Facharbeit, die auf der Vorschlagsliste damals am Holbein-Gymnasium war. Wie es dieses Buch wohl auf diese Liste geschafft hat… ein tradiertes Thema seit den 50er Jahren oder irgendwo ein Fan? „Cigars had burned low“, mit solchen Anfangssätzen kriegt man mich leicht.

  2. Sagte mir nichts, habe mir den Namen mal gemerkt (und vorher recherchiert), danke sehr. Mit aktueller SF kenne ich mich tatsächlich nur wenig aus.

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