Sherlock Holmes als Freund der Kunstblumenerzeugung

Zu Lebzeiten von Arthur Conan Doyle wurde Sherlock Holmes schon für eine reale Person gehalten. Bald nach Doyles Tod fing dann noch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kanon an – wissenschaftlich jedenfalls im weitesten Sinn. Einige Regeln gehören dazu:

  • Der Meister (Sherlock Holmes) hat natürlich wirklich gelebt.
  • Der Doktor (Watson) ist der Autor fast aller Holmes-Geschichten. Zwei – nicht sehr gute – stammen aus der Hand des Meisters selbst.
  • Der Agent (Arthur Conan Doyle) übernahm den Kontakt zu Zeitschriften und Verlagen. Er war selbst ebenfalls Autor, hat mit den Holmes-Geschichten aber nichts zu tun.

Wenn man das beachtet, kann man Aufsätze schreiben und veröffentlichen, zum Beispiel im renommierten Baker Street Journal der Baker Street Irregulars. Sherlock Holmes by Gas-Light enthält eine Auswahl von Aufsätzen aus den ersten vier Jahrzehnten des BSJ. Häufig geht es darum, unklare Stellen oder Widersprüche zu erklären. (Profane Leser würden „Fehler“ dazu sagen.) Zwei klassische solcher Fragen sind: wo hatte Watson seine Kriegswunde – in der Schulter oder im Bein? Und: wie oft war Watson verheiratet? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die – oft nur scheinbaren – Widersprüche in den Sacred Writings zu klären. Am unelegantesten ist es, sie auf das schlechte Gedächtnis oder die unleserliche Handschrift Watsons (er war immerhin Arzt) zu schieben. Eleganter sind ausgefeiltere Theorien: je abstruser, desto interessanter – wenn sie an den Writings belegt werden können. Aber dazu schreibe ich mal einen eigenen Beitrag. Nur kurz als Beispiel, wie so etwas aussieht: „As I Was Going to St. Ives (Or, The Merry Wives of Watson): A Recapitulation of Research on the Marriage(s) of Dr. Watson Presented to The Cremona Fiddlers on September 7, 1997,“

Andere Ansätze befassen sich damit, mehr über die Figuren herauszufinden. So gibt es in Sherlock Holmes by Gas-Lamp Aufsätze zu:

  • Sherlock Holmes‘ Religiösität,
  • Sherlock Holmes als Tabakkonsument,
  • als Autor,
  • als Koch und Feinschmecker,
  • als Athlet;
  • der Bibliothek des Sherlock Holmes,
  • der rechtlichen Einordnung seines Vorgehens,
  • seinem Verhältnis zu Frauen,
  • seiner Wohnungseinrichtung.

Mir ist selbst ja schon mal die Idee für einen Aufsatz gekommen: „War Sherlock Holmes Zen-Buddhist?“ Das ganze hätte ich natürlich noch ausführen müssen, wäre aber nicht schwer zu machen gewesen. Aber natürlich bin ich nicht der einzige, der auf diese naheliegende Idee gekommen ist („Zen in the Art of Sherlock Holmes“).

— Kein Vergleich ist das allerdings zu Goethen. Robert Gernhardt gibt in „Goethe und die Folgen“ einen ausführlichen Einblick in die Welt der Aufsätze über Goethe. Einige Höhepunkte:

  • „Goethe und die Schwämme“,
  • „Goethe und der Impfzwang“,
  • „Goethe als Benutzer von italienischen Reisebüchern“,
  • „Konnte Goethe schwimmen?“
  • und natürlich „Goethe als Freund der Kunstblumenerzeugung“ (B. Schier, in: Hessische Blätter für Volkskunde 42 (1951), S. 63-70).

Man sieht es vielleicht am Goethe: die Holmes-Forschung ist unter anderem eine Parodie auf Literaturwissenschaft. Und dabei vorzügliche Intrepretation. Ich wünschte mir, ich könnte das mal für die Schule nutzen. „Finden Sie mindestens sechs logische Fehler in der Geschichte und erklären Sie sie weg. Ihre Erklärung muss möglichst genau am Text belegt werden.“ Klar ist bei diesem Spiel, dass die Autorenintention überhaupt nichts zählt. Aber ich fürchte, die Parodie auf wissenschaftliches Arbeiten kann man erst genießen, wenn man ein Gespür für die Vorlage hat.

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