Philip Roth, Our Gang

Die zwei anderen Romane, die ich von Philip Roth gelesen habe, haben mich wenig interessiert. Um so besser fand ich stets dieses, im Nachhinein: völlig untypische Buch aus dem Jahr 1971. Gelesen habe ich es um 1991 herum, und jetzt ein zweites Mal.

Das ganze läuft unter Roman, ist aber eher eine Sammlung von nur lose verknüpften Einzelszenen aus dem Leben von Trick E. Dixon, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Titel der einzelnen Geschichten – “Tricky Comforts A Troubled Citizen”, “Tricky Holds A Press Conference” – weisen bereits auf den episodenhaften Charakter hin, auf einen legendenhaften Geschichtenzyklus um eine mythische Figur.

Die erste, kürzeste Geschichte gibt dabei den Ton vor: Ausgangspunkte sind erstens eine Rede Richard Nixons vom April 1971, in der er wortreich für die Rechte der Ungeborenen eintrat, und zweitens das Urteil zum My-Lai-Massaker, bei dem amerikanische Soldaten in Vietnam mehrere hundert Zivilisten und Zivilistinnen töteten. Im März 1971 war ein einziger Angeklagter für schuldig befunden und zu lebenslänglich verurteilt worden; zwei Tage nach dem Urteil holte Nixon den Verurteilten aus dem Gefängnis und setzte ihn unter Hausarrest. (Später wurde das Urteil auf 20 Jahre Haft reduziert, nach dreieinhalb Jahren davon wurde die Haft ganz ausgesetzt.) In “Tricky Comforts A Troubled Citizen” fragt nun ein besorgter Bürger, ob es nicht möglich gewesen sei, dass sich unter den 22 toten Zivilisten auch eine schwangere Frau befunden habe; dass Leutenant Calley damit eine Abtreibung vorgenommen habe; und dass die Rechte des Ungeborenen damit nicht geschützt worden seien. Wortreich erklärt Tricky, dass das ja eine hypothetische Frage sei, dass es davon abhängt, ob man der hypothetischen Frau das habe ansehen können, dass die Frau kein Englisch gekonnt hätte und man von Leutenant Calley nicht hätte erwarten können, auf die umständehalber wirre Zeichensprache der Frau einzugehen, falls sie ihm das hätte kommunizieren wollen; dass ähnlich unzumutbar gewesen sein, zwischen einer hypothetische schwangeren und einer einfach nur dicken Vietnamesin zu unterscheiden; dass die Frauen dort sich ja weigerten, amerikanische Umstandsmode zu tragen; dass die Verantwortung für eine “Abtreibung auf Verlangen” eindeutig bei der Frau gelegen hätte; dass eine so schwierige Operation unter Kampfbedingungen ja geradezu auszeichnenswert wäre – kurzum, am Ende kommt nichts heraus dabei.

Ich glaube, ich habe den Zynismus der Geschichte nur unzureichend wiedergegeben. Man lacht nicht gern beim Lesen.

Alle Geschichten sind in Form von Szenen geschrieben, Dialogen mit wiederkehrenden Regieanweisungen, teilweise auch langen Monologen. Tricky verteidigt sich gegen Vorwürfe, nur an den Stimmen der Ungeborenen interessiert zu sein; sucht verantwortlich zu Machende für die Empörung unter den Pfadfindern, die Tricky beschuldigen, Unzucht zu fördern, um mehr Ungeborene zu haben. Man einigt sich auf Schuldige, was dazu führt, dass die USA Dänemark angreifen und Helsinor befreien (“das ist keine Invasion”), en passant wird eine Atombombe auf Dänemark geworfen, und beim Einsatz des Militärs gegen demonstrierende Pfadfinder wird die Anzahl an getöteten Pfadfindern als genau die richtige Zahl gelobt – weniger würde man nicht ernst nehmen, mehr wären unnötig. Die tödlichen Waffen, die die Pfadfinder mit sich führen, werden dem erschrockenen Publikum präsentiert, die perfiden Einsatzmöglichkeiten der vier Klingen in schillerndsten Farben zur Abschreckung geschildert:

Let’s begin here, with the smallest of the four blades. In the language of those who employ such weapons, it is knowns as the “bottle opener.” I’ll tell you how it got that name in a moment.

Die Gefährlichkeit der größten Klinge wird dadurch demonstriert, dass Tricky damit brutal ein Blatt Papier durchschneidet, auf dem die Präambel der Verfassung, die Bill of Rights, und die zehn Gebote abgedruckt sind.

Aber mit einer, uh, enclosed camping site, in der die Pfadfinder zusammengetrieben werden und Gelegenheit bekommen, ihre für die Wildnis gelernten Fähigkeiten einzusetzen, gelingt es Tricky, der Aufständischen Herr zu werden.

Am Ende wird Tricky umgebracht (oder vielleicht ist nur etwas schief gegangen bei der Operation, ihm die Schweißdrüsen über seinen Lippen zu entfernen). Die Polizeit hat schon Täter, wartet aber noch auf die offizielle Bestätigung, dass tatsächlich ein Verbrechen stattgefunden hat. In ganz USA reagieren die Bürger gleichmütig oder gar fröhlich – interpretiert von der Tricky-nahen Presse als Zeichen ihrer fassungslosen Trauer. Und noch in der Hölle macht Tricky weiter Politik.

Ein bitteres Buch, und man vergleicht es natürlich mit der Gegenwart. An Trump erinnert das “Justice in the Streets Program”, das die Gerichte entlasten soll, bis man diese eines Tages nur noch als Touristenattraktion braucht. Warum die vielen Umstände, wenn man gleich auf der Straße urteilen und bestrafen kann? Gelegentlich noch etwas Großspurigkeit: “this mighty giant of a nation of which I am, by extension, the mighty giant of a President”. – Ein Hauptthema ist, wie Tricky und seine Bande Worte im Munde herumdrehen, sich herausreden, lügen; vorangestellt sind Zitate aus Gulliver’s Travels und von George Orwell: Ziel der politischen Sprache sei es, Lüge wie Wahrheit und Mord wie etwas Respektables aussehen zu lassen. Ach, so viel Mühe gibt sich Trump nicht mal mehr.

Außerdem habe ich etwas gelernt über die jüngere amerikanische Geschichte, weil ich per Wikipedia mein Wissen um Spiro Agnew, die Black Panthers und den Baseballspieler Curt Flood aufgefrischt habe.

Link: LA Review of Books, “When Nixon asked Haldeman about Philip Roth”

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