Germanische Stabreimdichtung in der 8. Klasse, mit Tolkien

Ich mag ja bekanntliche germanische Mythologie und Literatur ein bisschen (Blogeintrag). Und seit ich – via Stephen Fry – anlässlich einer Lehrerkonferenz festgestellt habe, wie leicht einem germanische Stabreim-Langzeilen von der Hand gehen (Blogeintrag), wollte ich das auch mal mit Schülern probieren. Und das habe ich jetzt in der 8. Klasse gemacht.

Ausgangspunkt war Fangorns Lied aus dem Herrn der Ringe – Buch 3, Kapitel 4. Das ist ein Lied, das alle Ents kennen und in dem alle Lebewesen aufgezählt werden, allen voran die vier freien Völker, Menschen, Elben, Zwerge und Ents:

Learn now the Lore of Living Creatures!
First name the four, the free peoples:
Eldest of all, the elf-children;
Dwarf the delver, dark are his houses;
Ent the earthborn, old as mountains;
Man the mortal, master of horses

Baumbart ist von den Hobbits überrascht, da diese den Ents unbekannt sind und in der ganzen langen Litanei nicht auftauchen. Hm, hm, hm.

Fangorns Lied entspricht, wie andere Lyrik aus dem Herrn der Ringe auch, den Regeln der germanischen Stabreimdichtung: Zwei Halbverse mit jeweils zwei besonders betonten Silben, nennen wir sie A, B, C, D. Die Anzahl der Senkungen ist frei, es ist also kein regelmäßiges alternierendes Metrum erforderlich. C muss mit A oder B, oder A und B, alliterieren, der vierte Stab – also D – alliteriert nicht. (Dabei alliterieren alle Vokale untereinander, wodurch auch Vers 5 völlig regelkonform wird.) Laut Stephen Fry nennt der Beowulf-Übersetzer Michael Alexander diese Regel Bang, Bang, Bang – Crash!

In England hat sich die germanische Stabreimdichtung etwas länger gehalten als in der deutschsprachigen Dichtung. Beowulf beginnt (Hugo Gering, bearbeitet von Benjamin Slade):

Hört! Denkwürd’ger Taten von Dänenhelden
Ward uns viel fürwahr aus der Vorzeit berichtet,
Wie Könige kühn ihre Kraft erprobten.

Der althochdeutsche zweite Merseburger Zauberspruche geht auch noch nach diesem Bauprinzip vor:

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister

Zurück zu Tolkien. Es gibt die ältere Übersetzung von Margaret Carroux, wobei die Gedichte (alle? manche?) von Ebba-Margareta von Freymann übersetzt wurden:

Lerne die Namen der lebenden Wesen!
Erst nenne die vier, die freien Völker:
Die ältesten aller, die Elbenkinder

Dann gibt es eine neuere Übersetzung von Wolfgang Krege:

Lerne die Namen der lebenden Wesen!
Die vier Völker, die freien, zuerst:
Ältest von allen, die Elbenkinder;

Die Schüler bekamen auf einem Arbeitsblatt den englischen Text und die zwei deutschen Übersetzungen, jeweils die ersten zwölf Verse. Das englische Original habe ich selber episch vorgetragen, die anderen Fassungen mussten Schüler lesen, möglichst auch so episch. Ein bisschen Vergleich der Texte, herausarbeiten der Regeln, und dann die Aufgabe: Selber parallele Verse schreiben, für Lachs, Tiger, Katze oder Fisch zum Beispiel, oder eben auch die noch fehlenden Hobbits. Pro Vers zwei Tiere, oder auch nur eines, wie in der Vorlage. Acht Verse pro Schüler.

(Ich würde ja gerne das Arbeitsblatt hier einbinden, aber die Texte sind natürlich alle nicht urheberrechtsfrei.)

In der Stunde darauf haben wir dann die Schülerverse gesammelt. Ich hätte sie selber abtippen können, aber das mache ich schon lange nicht mehr. Ich hätte sie mir per Mail schicken lassen oder im Computerraum abtippen und als separate Dokumente speichern können – in beiden Fällen hätte ich die einzelnen Zeilen dann händisch zusammenbauen müssen. Ein Wiki geht auch nicht, weil die Schüler ja gleichzeitig an ein- und demselben Dokument arbeiten sollen, und das geht bei Wikis nur sehr begrenzt.

Also Etherpad. Etherpad ist eine Software, die auf einer Webseite läuft, so dass alle Besucher dieser Adresse dort ohne jegliche Anmeldung an einem gemeinsamen Dokument arbeiten können. (Die genaue Adresse des aktuellen Dokuments ist deshalb auch meist kryptisch, so dass sie sich nicht erraten lässt. Sonst könnte ja jeder mitschreiben. So muss einem der Ersteller des Dokuments – wofür man in der Regel auch keine Anmeldung braucht – nur die semi-geheime Andresse verraten.) Bei Google Drive geht das ja auch, nur brauchen die Teilnehmer dazu Google-Konten.
Das erste offene Etherpad, das ich ausprobiert habe, hielt dem Schüleransturm nicht ganz stand, bin ich also auf das Pad der Piratenpartei ausgewichen, in der Hoffnung, dass die Schüler dass eh nicht so mitkriegen und als Wahlwerbung verstehen. Das klappte auch. So schnell hatte ich nicht geschaut, da hatten die Schüler auch schon die Chatfunktion entdeckt und die Möglichkeit, die Farbe zu ändern. Trotzdem, ich hatte am Schluss die Texte in einer Datei. Hier eine Auswahl:

Hobbit der Halbe, haarig und frech
Schmetterling schlägt schnell mit den Flügeln
Rehe die Rennenden, rauf und weit
Der lauschende Tiger lautlos schleicht
Nachtigall singend, sitzt in Bäumen
Würmer, die graben, wild in der Erde
Der beobachtende Löwe bewacht sein Reich
Die Biene schwirrt summend zu Blumen

Hobbits die kleinen, Herrscher des Schleichens.
Fische im Wasser, Führer der Tiere.
Haie die Jäger, Hunger der Meere.
Lachse im Wasser, lachende Delphine.
Katze und Kater, kuscheln die Menschen.
Falke im Himmel, Führer der Heere.
Waschbär ist sauber, Wäscher der Tiere.
Flughörnchen fliegen, Freunde der Ents.
Rauschende Wale, Riesen der Meere.

Hobbits die kleinen Herren der Diebe
Delfine die Retter drollig am Lachen
Tiger gestreift tolles Muster
Katzen so weich, Krallen so spitz
Fische die schwimmen schnell unterwegs
Vögel in der Luft flink und schnell
Jaguar so schön, doch Jäger und gefährlich
Wiesel leben in Gruben, grau durch den Schmutz

Katzen sehr klein, kratzen am Baum
Feuerfisch ist rot, feuert sein Gift
Vögel so frei, fliegen im Wind
Krebse haben Scheren, krabbeln am Strand
Affen sind sportlich, albern den ganzen Tag herum
Frösche sehr glitschig, fangen Insekten
Bären sind stark, manchmal braun oder schwarz
Schmetterlinge so bunt, schwingen sich in die Lüfte

Waschbär der kleine, wäscht seine Beute
Gepard der Jäger, geht sehr schnell
Fuchs ist listig, Fisch lebt im Wasser
Katze ist flauschig, kuschelt mit dir
Delfin ist schlau, da wo er haust
Löwe ist König, lange schon
Wölfe heulen, wie gruselig
Seehund im Wasser, schön anzusehen

Halblinge, die hungrigen, haarig und frech.
Blaumeisen, die Bunten, immer blau und lustig.
Quallen, die schleimigen, quirlig und bunt.
Schlangen, die kalten, schlängelnd und stark.
Marienkäfer klein, im Mai kommen sie.
Mäuse so süß, mutig und schnell.
Katzen sind flink, sie kriechen herum.
Hamster schnell, haarig und verfressen

Hobbit der kleinste, Katze grazilst
Baumriesen die größten, gut und ältest
Würmer die ekligen, wühlen in Erde
Hühner die picken, hurtig und schnell
Kühe die milchigen, muhtig und doch still
Wale so groß, wandern durchs Meer
Vögel so klein, fliegen durch die Lüfte
Fische so schuppig, schwimmen durchs Meer

Wal so groß, Gepard so schnell
Katzen so süß, Schafe so wollig
Elefanten so groß, Gänse am schnattern
Giraffenhals so lang, Leguan ganz grün
Fledermäuse die Flieger, Fische die Schwimmer
Delfine die schlauen, Schlangen so wendig
Wandelbares Chamäleon, Kamel in der Wüste
Dromedar mit Höcker, Hasen die kleinen
Langsame Schnecken, Igel so stachlig
Elektrische Aale, Affen die klettern
Hobbits so klein wie Kaninchen so klug

Lachse, die leckeren, am liebsten beim Essen.
Tiger, die treuesten, die Teamchefs in Rudeln.
Katzen, die klügsten, Krallen wie Schwertklingen.
Fische, so frisch, die Feuerlagerbeute.
Delphine, die schnellsten, deutlicher als Bären.
Und Hobbits, die Huckepack gestapelt.
Die Hobbits haben Hände, wie aus Handwerkskunst.
Die Hobbits können kauen, wie eine Hauskatze.

Lachse, die leckeren, laufen bergauf
Bären, die braunen, brüllen im Wald
Tiger, die tollen, tanzen im Dschungel
Fische, die fliegen, fangen ihr Essen
Katzen, die kratzen, kullern herum
Affen angeln nicht nach Äpfeln
Die Ernte der Bauern essen die Esel
Hoppelnd hüpfen die Hasen herum

Zebras die zahmen, Zootiere auf ewig
Hobbits so haarig, Halblinge wie Zwerge
Fische so schleimig, fluchig und schnell
Die Menschen so unwissend, machtvoll doch sehr
Die Elephanten so groß, elastisch so gar nicht
Mäuse sehr flink, mustern ganz schnell
Schlangen gefährlich, schlängen umher
Haie so gefährlich, wie heißes Lava

Lachse, die leckeren, laufen bergauf
Bären, die braunen, brüllen im Wald
Katzen so kleine kratzen das Kind
Schlangen die schlängeln, schnatternd umher
Hunde so hübsche, heulen im Garten
Mäuschen so mickrig, maulen um Käse
Fische die flinken, fangen ihr Essen
Elefanten so einsam, eilen im Dschungel
Hasen die hoppeln heiter umher
Affen albern auf den Bäumen

Es ist vielleicht ganz gut, mit etwas Archaischerem wie einer Stabreim-Aufzählung anzufangen als mit der raffinierten Renaissance-Akrobatik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs. Danach könnte man weitergehen zu erzählender Stabreimdichtung. “Franz den Aufmerksamen forderte Herr Rau // zu erklären den Ursprung der Sprache der Deutschen”, und so weiter.

5 Antworten auf „Germanische Stabreimdichtung in der 8. Klasse, mit Tolkien“

  1. Sehr spannend und sehr eigene und sehr einfallsreiche Schülerbeiträge, großartig.
    Vielleicht böte auch der Beowulf, der von Seamus Heany ganz wunderbar übertragen wurde, weitere Anregungen.

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