Variationen auf Walter Moers

Eine Fingerübung für Zwischendurch. Ich glaube ja, dass man auffällige Sprache dann besser analysieren kann, wenn man Beispiele dafür auch mal geschrieben hat. Hier sind Variationen auf Walter Moers‘ Märchenroman Der Schrecksenmeister (der seinerseits eine Variation auf „Spiegel, das Kätzchen“ von Gottfried Keller ist). Das Original beginnt mit einer Schilderung vom „krankesten Ort in ganz Zamonien“, hier Schülerprodukte aus der Oberstufe, kleinere Rechtschreibfehler verbessert:

Stellt euch den sportlichsten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit Laufbahnen als Straße und Hochsprunganlagen auf den Dächern, über der ein sportliches Schloss mit mutigen Athleten thronte. In der es die verrücktesten Sportarten und waghalsigsten Wettkämpfe gab: Wasserlaufen, Granatenbillard, Messeressen, Alligatorschleudern, Dächerdreisprung, Lavaschwimmen, Hammerfangen, Extremcouching, Tsunamisurfen und Phantomjonglieren.
Stellt euch eine Stadt vor, in der es mehr Fitnessstudios und Orthopäden, Sportfachgeschäfte und Hantelstangen, Muskelberge und Knochenbrüche gab als sonst wo auf dem Kontinent! In der man sich mit einem Salto begrüßte und mit Liegestützen verabschiedete. In der es nach Schweiß und Mut roch, nach Ehrgeiz und Eiweißshakes, nach Sieg und Niederlage.

Stellt euch den sportlichsten Ort von ganz Zamonien vor! Eine große Stadt mit breiten Straßen und hohen Häusern, über der ein riesiges Stadion auf einem grünen Hügel thronte. In der es die seltsamsten Sportarten und kuriosesten Sportgeräte gab: Diskusfangen, Stabtiefsprung, Bungee-Falling, Karateschach, Fingeryoga und Rollstuhlmarathons. Schwerathletik, die nur Personen über 200 kg betrieben. Wettschlafen, das jeden Montag um 20 Uhr begann und [bei dem] derjenige gewann, der am längsten schlief.

Stellt euch den sportlichsten Ort von ganz Zamonien vor! Ein riesiger sechseckiger Sportplatz mit Zickzacklaufbahnen, unendlich langen Wettwurfreihen und hohen Kanistern fürs Sandzählen. Ein großer Vorrat an aufgesammelten Leuten fürs Menschenstapeln fehlt natürlich auch nicht. Für eine kurze Auszeit kann man sich zu der Wasserwiese fürs Zehenyoga oder die Haargymnastik begeben. Für die Fitten unter uns ist Tischschwimmen und Fingerturnen der perfekte Ausdauersport. Nicht verpassen darf man das tägliche Barrenhandballspiel, doch auch für die Herren ist der Schminkweitwurf der perfekte Sport für Zwischendurch.

Stellt euch den leckersten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit Lakritz-Straßen und Lebkuchenhäusern. In der es die besten und einzigartigsten Gerichte gab: Gummibrot, Schokoladenchips und Speckjoghurt. Honig-Cola, die nur Personen verkleidet als Bienen herstellen.
Stellt euch eine Stadt vor, in der es mehr Supermärkte, Süßigkeitenläden und Gummibären gab als sonst wo auf dem Kontinent! In der man sich mit „Hunger?“ begrüßte und mit „Guten Appetit!“ verabschiedte. In der sich süß und salzig, sauer und bitter vermischten.

Erstaunlich, wie viele erfundene Wörter gar keine sind (Schwerathletik, Rollstuhlmarathon) und wie viele scheinbare Neologismen schon längst durch diverse Industrien belegt sind: Haargymnastik, Finger-Yoga, Fingerturnen. Was kommt als Nächstes, E-Sports?

(Davor hatten die Schülerinnen und Schüler einzeln Krankheits-Neologismen erstellt, wie sie bei Moers‘ Original verwendet werden. „Herzrosten“ ist mein Favorit.)

Nachtrag:

Stellt euch den leckersten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit Zuckergussstraßen und Lebkuchenhäusern, über der ein cremiges Lakritzeschloss auf einem Gummibärchenberg thronte. In der es die deliziösesten Speisen und kulinarischsten Spezialitäten gab: Schokoladenspeck und Gänsekuchen, Erdbeerbraten und Leberlikör, Eierpralinen und Kalbfleischkonfitüre.
Eine Zwergensuppe, die für Personen unter einem Meter Körperumfang gedacht war. Stellt euch eine Stadt vor, in der es mehr Supermärkte und Marmeladenrestaurants, Spargelstecher und Kartoffelmetzger, Gummibärchenzüchter und Pralinenmaler gab als sonst wo auf dem Kontinent! In der man sich mit „Guten Appetit!“ begrüßte und mit „Gute Verdauung!“ verabschiedete. In der es nach süß und salzig roch, nach sauer und bitter, nach scharf und mild.

Über die Behandlung von Gedichten im Deutschunterricht

In der Schule (Gymnasium, Bayern) ist die Textsorte Essay im Deutschunterricht eigentlich nur eine Variante des Kommentars mit mehr Zierrat. Das heißt: Parallelismen, Anaphern, Wortspiele (aber die sind schwierig). Sonderregel bei Herrn Rau: keine Ansprache an irgendwelche Leser, und ganz, ganz, ganz wenige Einwort-, Zweiwort- oder sonstwie unvollständige Sätze sowie rhetorische Fragen. Diese Stilmittel liegen den Schülerinnen und Schüler nämlich ganz nah an der Feder, und diese Stilmittel führen ganz besonders dazu, dass es mich beim Lesen schüttelt. Präskriptiv, deskriptiv, Abwägen, eigener Stil, alles klar – aber schütteln darf es mich nicht.

Geeigneter sind Metaphern und andere Bilder, breit ausgeführte Vergleiche. Als Fingerübung in der 11. Klasse lautete das Thema „Über die Behandlung von Gedichten im Deutschunterricht“, und die Schülerinnen und Schüler sollten den Vergleich mit der Behandlung eines Patienten möglichst weit durchziehen. Hier ein paar Ausschnitte aus Schülerarbeiten:

Die Operation Gedicht

Auf einmal taucht hier in der Deutschstunde ein Gedicht auf. Der Lehrer beschließt nach einer kurzen Diagnose die Behandlung desselben. Die Schüler sind entsetzt. Nun werden sie Zeugen einer brutalen Operation, in der mit Scheren und anderen Instrumenten dem Gedicht zu Leibe gerückt wird. Aber keine Sorge, die heutigen Deutschlehrer haben Ahnung von ihrem Tun, sie sind weitaus erfahrener als die, die früher nur Kräuter verbrannten, um die Illusion einer Heilung hervorzurufen. Dieses Gedicht hat Glück. Mit gezielten Schnitten werden die kritischen Zeilen herausgelöst, um dann vor den Augen der Schüler genauestens seziert zu werden, so dass sie unschädlich und völlig harmlos sind.
Doch warum operiert der Chefarzt immer vor seinen Studenten, der Meister vor den Lehrlingen, der Lehrer vor der Klasse? Es ist doch viel einfacher, so ein Gedicht alleine zu behandeln ohne die lauten Schüler, die doch eh keine Ahnung von dieser Kunst haben. Natürlich ist es das, doch das ist eben nicht im Sinne des Erfinders. Die Erfindung Unterricht, die immer noch einigen Schülern nicht erspart wird, sieht eben das Lehren wichtiger als das Behandeln von Texten an. Es heißt ja nicht umsonst „learning by doing“. Aber was ist, wenn man eine Behandlung gar nicht erlernen will, weil man eher an eine Kräuterverbrennung glaubt? Wenn einem Oberflächlichkeit lieber wäre? Soll man dann zu unmoralischen Operationen gezwungen werden, wenn man seine Zeit weitaus sinnvoller nutzen könnte? […]

Wie das Behandeln von Texten im Deutschunterricht die Schüler krank macht

Es ist wieder so weit: Die Deutschlehrerin kündigt das Datum für die nächste Klausur in 11/2 an. Sie erzählt kurz über die Thematik und den Stoff, woraufhin sie den Schülern zu verstehen gibt, dass sie sich in den kommenden Unterrichtsstunden mit der Behandlung von Texten und Gedichten auseinandersetzen werden. Das soll ihnen helfen, sich in der Klausur zurecht zu finden und eine gute Note abzustauben. Aber wie war das gerade? Sagte sie allen Ernstes, wir würden die Texte „behandeln“? Wird von uns nun auch noch abverlangt, medizinische Fachkompetenz zu haben, um die Krankheit dieser Texte zu diagnostizieren und sie anschließend zu behandeln? Normalerweise hat man während der Klausur zwei bis drei Stifte und ein paar Blätter vor sich liegen. Doch großartig andere Instrumente, wie Chirurgen sie für OPs vor sich haben, besitzt der übliche Schüler nicht – und schon gar nicht während dem Unterricht oder der Klausur – zur Behandlung des Textes.
Natürlich würden viele Schüler hier einräumen, dass eine Klausur oder auch eine Textanalyse die reinste Qual für sie ist und deswegen als Plage oder Krankheit gesehen werden kann. So wird der Text nun zuallererst auf den Ursprung untersucht. Was wollte mir der Autor mit seinem ewigen Rumgeschwafel nur vermitteln? Wo liegt der Ursprung der Krankheit, wo und wieso tut es meinem Patienten weh? Hat man hier endlich einen Ansatz zur Diagnose gefunden, stellt sich schon wieder eine Frage und zwar wie man das Ganze behandeln soll, denn irgendwie muss der Schüler das ja aufs Blatt bringen und die Zusammenhänge verknüpfen. Im Endeffekt hat der Schüler dann aus einem Text eine sechs- bis zehnseitige Abfassung geschrieben, um bei seiner letzten Deutungsthese – im medizinischen Bereich natürlich die Enddiagnose – auf eine passende Schlussfolgerung, die die Krankheit feststellt, zu kommen. Ist das Phänomen dann endlich beseitigt, beginnt der schönste Moment für den Schüler – das letzte Wort ist geschrieben, der Stift kann aus der Hand gelegt und es kann wieder ruhig aufgeatmet werden. Denn die Rumplagerei mit der wirren Krankheit hat endlich ein Ende. Die Krankheit ist beseitigt und die Diagnose steht fest. Diese Gedanken spielen sich wohl im Kopf eines jeden Schülers ab.
Tja…falsch gedacht. Wie so oft im Schulleben und auch im späteren Arbeitsleben hat der untergeordnete Schüler bzw. der Arzt keine Macht und kein Sagen über das Endergebnis seines Handelns. Der Lehrer, der auch vergleichbar mit einem Oberarzt in einem Krankenhaus ist, entscheidet über die endgültige Diagnose oder auch Behandlung. Die Note auf das Werk des Schülers bestimmt über den weiteren Verlauf nach der Behandlung. War die Arbeit schlecht, so kommt es zum Tod und der Schüler schafft im schlimmsten Fall die Klasse nicht, oder es wird eine gute Note und die Behandlung wurde erfolgreich absolviert.
Doch warum färbt diese Behandlung des Textes derart auf den Schüler ab? Ist es nicht auch so, dass Ärzte während und nach der OP psychische Schaden mit sich tragen? So verspürt der Schüler sogar auch noch physische Schmerzen, wie das betäubte, ziehende Gefühl im Handgelenk, das ca. nach der vierten Seite einsetzt. Hinzukommend hat er während seiner Diagnose enormen psychischen Stress, aufgrund der Angst und dem Druck vorm Versagen – eben genauso wie ein Arzt, wenn er vor einem halbnackten, kranken, sogar offenen Körper steht. Aber kann man die Interessen und Merkmale eines Arztes nun wirklich mit denen eines Schülers vergleichen? Der Arzt hat eben Medizin studiert, um seinen Interessen nachzukommen. Der Schüler behandelt den Text, um schnellstmöglich auf ein Ergebnis zu kommen, in der Hoffnung eine gute Note zu kriegen. Doch ob er wirklich interessiert und vertieft ist in den Grundzügen seiner Handlung, das weiß wohl nur der Schüler selbst…

Das mit der Bildersprache hat eigentlich bei allen Schülerinnen geklappt. Gefehlt hat oft ein roter Faden, oder offensichtliche Widersprüche wurden nicht erkannt und stehengelassen – vielleicht weil kein Ziel vorgegeben war, also sich für mehr Lyrik aussprechen, für weniger Lyrik, für alternative Behandlungsmethoden. Ich werde jetzt einige Texte heraussuchen, mit den Schülerinnen die Schwächen durchgehen und sie die Texte überarbeiten lassen. Überarbeiten macht man ohnehin viel zu wenig.

Abiturrede 2014

(Nachgetragen, hier mein kurzer Bericht der Abifeier. Einige Stellen sind Insiderwitze, die ich nicht verstanden habe; wie bei allen Reden kommt es sehr auf den Vortrag und vor allem die konkrete Situation an – was mit einem etwas anderen Publikum vielleicht nicht funktioniert hätte, funktionierte hier gut.)

Sehr geehrte Anwesende,

dass ich nun hier als Repräsentant der Stufe vor Ihnen stehe, ist wohl überraschend, sowohl für Mitglieder der Stufe, als auch für einige Lehrer und nicht zuletzt für mich selbst.
Warum soll ich, soll jemand mit meinen Deutschnoten eine Rede schreiben und vortragen?
Ich bin in der Stufe weder besonders engagiert, noch halte ich mich komplett raus.
Ich bin kein schlechter Schüler, bin aber auch kein [Name gestrichen].
Ich bin nicht der fleißigste Schüler, bin aber auch kein [Name gestrichen].
Ich bin nicht der größte Schüler, bin aber auch kein [Name gestrichen].
Und ich kann zwar Einiges, aber ein [Name gestrichen] bin ich nicht.

Ich bin so eine Art Mittelding in einer Stufe, die sich aus vielen unterschiedlichen Charakteren zusammensetzt, und vielleicht qualifiziert mich das als Repräsentant, denn wir waren und sind eine Stufe aus vielen Gegensätzen und unterschiedlichen Typen – Typen und Persönlichkeiten, die durch zwölf Jahre Schulzeit zu dem wurden, was sie sind. Diese Jahre haben uns geprägt, wie es vermutlich keine andere Zeit in unserem Leben wieder tun wird.

Vor zwölf Jahren… beziehungsweise dreizehn Jahren… obwohl, bei manchen hat’s auch vierzehn Jahre gedauert, ich werde hier aber keine Namen nennen. Jedenfalls wurden wir damals in einem riesigen Labyrinth ausgesetzt, als Proviant wurde uns lediglich eine Tüte voller ungesunder Süßigkeiten mitgegeben, die nicht einmal einen Tag gehalten hat. Vielen Dank dafür!
An diesem Tag standen wir am Anfang unserer schulischen und persönlichen Entwicklung. Ein langer Weg, auch wenn es mir im Nachhinein viel kürzer vorkommt als es tatsächlich war.

Die Grundschulzeit zum Beispiel ist schon zu großen Teilen aus meiner Erinnerung verschwunden, diese ersten vier Jahre, an deren Ende wir uns mit Erreichen des Gymnasiums wie die Größten fühlten, nur um uns dort am untersten Ende der Nahrungskette wiederzufinden.
Und von da an begann der lange Weg durch das Labyrinth hin zum Abitur. Schon früh standen wir an der ersten wichtigen Kreuzung und mussten uns zwischen Latein und Französisch entscheiden, wobei natürlich galt: Latinam linguam sapientes eligunt!
Auch auf unserem weiteren Weg hatten wir einige Hürden zu überwinden. Beispielsweise mit dem Umzug in ein neues Schulgebäude und hier muss ich [der Schulleiterin] widersprechen, denn das neue Gebäude war für mich eher ein Labyrinth als das alte. Ich habe länger gebraucht, um das System mit Buchstaben und Zahlen zu verstehen, als ich es hier öffentlich zugeben möchte.
Und nicht zuletzt hatten wir auch mit uns selbst zu kämpfen, denn je älter wir wurden desto mehr ließ unsere Motivation nach… und unser Interesse… und unser Fleiß… und nicht zu vergessen: Auch unsere Aufmerksamkeit. Ich möchte mich hier kurz bei allen Lehren entschuldigen, die das zu ertragen hatten.
Und je mehr Salat wir aßen, desto mehr schrumpfte unser Bizeps, aber das gehört nicht hierher.

Wie auch immer, mit dem Erreichen der 11. Klasse rafften wir uns nochmals auf und gingen mit frischer Kraft ans Werk. Voller Tatendrang begannen wir zu lernen und ich bin mir sicher, dass das die meisten auch ganze 4 ½ Wochen durchgezogen haben. Danach… na ja, aber darüber will ich lieber erst gar nicht sprechen, lieber möchte ich sagen, dass die letzen Meter im Labyrinth, die Oberstufe also, wohl die beste Zeit unserer Schullaufbahn war.
Ein besseres Verhältnis zu Lehrern, endlich ein eigener Raum zur Entspannung, der jedoch durch Umzüge und zunehmende Vermüllung immer weniger Platz zur Entspannung bot, mit 18 schließlich die Möglichkeit, Entschuldigungen selbst zu unterschreiben und nicht zuletzt ein durch großartige Studienfahrten gestärktes Gemeinschaftsgefühl, all dies trug dazu bei, dass diese zwei Jahre trotz Klausuren- und Abiturstress zu einer unvergesslichen Zeit wurde. Manchen hat es sogar so gut gefallen, dass sie gleich drei Jahre daraus gemacht haben.

Und diese ganzen Jahre, nicht nur die letzten zwei, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind und an dieser Stelle möchte ich kurz einigen Menschen danken, die uns auf diesem Weg geholfen haben.
Natürlich unseren Lehrern, die es nicht immer leicht hatten und besonders [der Oberstufenbetreuerin], die uns in den letzten zwei Jahren viel hinterher laufen musste. Und es soll hier auch ein Dank an das übrige Schulpersonal, das einen reibungslosen Schulalltag ermöglichte und uns regelmäßig mit frischen Leberkassemmeln versorgte. Und auch die Menschen außerhalb des Schullebens haben ihren Anteil daran, dass wir alle heute hier sind. Familie, Freunde oder auch der der Fußballtrainer und Geigenlehrer haben uns auf diesem Weg der schulischen und persönlichen Entwicklung begleitet. Vielen Dank!

Es tut mir sehr leid aber es ist noch nicht ganz vorbei, ein bisschen müssen Sie mich noch aushalten, denn ich möchte noch kurz ein paar Gedanken darüber verlieren was uns nun erwartet.
Unser Abimotto beschreibt uns als Verwirrte, als Suchende, die nun endlich an ihr Ziel gelangt sind. Doch sind wir wirklich am Ziel? Im eigentlichen Labyrinth sind wir noch weit vom Ziel entfernt, wir glauben gerade dem Labyrinth entkommen zu sein, aber wir befinden uns noch mittendrin und noch dazu an einer äußerst wichtigen Kreuzung. Wir können nun entscheiden, was wir mit diesem Zeugnis anfangen, und dabei stehen uns viele Wege offen. Das Großartige an dieser Kreuzung ist, dass es keinen falschen Weg gibt. Der Weg, den wir nehmen ist nicht falsch solange wir ihn selbst wählen. Einige behaupten, der beste und einzig richtige Weg mit Abitur wäre Studium, Beruf, Rente und schließlich tot umfallen. Aber das ist nicht wahr, wir haben nun die Freiheit vollkommen selbstständig über unsere Zukunft zu entscheiden, und was wir mit unserem Abitur machen, ist uns allein, jedem einzelnen überlassen.
Wir können Rap-Star, Perlentaucher oder sogar Lehrer werden. Wenn es das ist was wir wollen, dann ist es das Beste, was wir aus unserem Abitur machen können. Und ich möchte jeden auffordern, diese Entscheidung für sich zu treffen und sich nicht von anderen reinreden zu lassen.

Ihr habt die Wahl, nutzt sie!
Vielen Dank!

Flüchtige Küsse, bildlich

Aus Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung:

Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, […] als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte.

Hinter dem Auslassungszeichen im Zitat kommen im Original noch vier weitere immer elaboriertere Vergleiche, alle innerhalb der gleichen Periode. Die Schüler kriegten den ganzen Ausschnitt zu lesen und mussten dann analoge Vergleiche finden, die sich in die Vorlage einfügen sollten. Hier sind ein paar davon:

So still und unauffällig wie ein Spion, der den Auftrag erhalten hatte, den mächtigsten Mann der Welt auszuspionieren und Daten zu stehlen, die strategischen Vorteil bringen in einem Krieg, der verloren scheint, aber es nicht ist, die aber in einer Kammer gelagert sind, die mit einer Alarmanlage gesichert ist, die auf zu hohe Lautstärken reagiert, aber nur mit einem Lip­penscan deaktiviert werden kann, um festzustellen, ob es kein Roboter ist, diesen Alarman­lagenscan durchführt, küsste er sie.

…so still und flüchtig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als wäre er der frei schwebende, von der Strömung getragene Tentakel einer Kompassqualle, die das zarte Bein eines jungen Mädchens streift, welche mit ihren Eltern den schon lang er­träumten Urlaub macht und sich gerade von den sanften Wellen der Ägäis in Richtung Küste treiben lässt, nach­dem sie zuvor aus Übereifer etwas zu weit aufs Meer hinaus ge­schwommen war…

…so leise, wie wenn ein Affe sich in den Bäumen so sachte, dass man nicht einmal den Wind in den Blättern hört, von Ast zu Ast hangelt um an der dösenden Schlange, die mit geschlossenen Augen in gerade diesem Baum hängt, in dem sich der Affe bewegt, die Mango zu rauben, um deren Saft, mit gespitzten Lippen aus zu schlürfen, küsste er sie, …

…so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als würde ein längst ausge­storbener Flugsaurier mit nahezu unscheinbaren Schwingen über ein einzelnes Blatt schweben, weder deutlich noch wahrnehmbar, während die trockene Luft zwischen den Bäumen eine Be­rührung gerade zu greifbar und dennoch nicht bestimmt erscheinen lassen und eben jene hauchdünne Konsistenz der Flügel, die ebenso ungewichtigen, vom Wind zurückgelassenen Blätter, an der Spitze der Bäume streifen, …

…so kurz und flüchtig küsste er sie, wie ein Ertrinkender, der nach seinem scheinbar endlo­sen Kampf im dunklen Blau des Meeres, das dazu auch noch erschreckend tief war, in ra­sender Ver­zweiflung, japsend und nach Luft ringend, seinen letzten, kurzen, flüchtigen, nur gering sauer­stoffhaltigen Atemzug tat und schlussendlich mit einem sachten Blubbern unterging…

Germanische Stabreimdichtung in der 8. Klasse, mit Tolkien

Ich mag ja bekanntliche germanische Mythologie und Literatur ein bisschen (Blogeintrag). Und seit ich – via Stephen Fry – anlässlich einer Lehrerkonferenz festgestellt habe, wie leicht einem germanische Stabreim-Langzeilen von der Hand gehen (Blogeintrag), wollte ich das auch mal mit Schülern probieren. Und das habe ich jetzt in der 8. Klasse gemacht.

Ausgangspunkt war Fangorns Lied aus dem Herrn der Ringe – Buch 3, Kapitel 4. Das ist ein Lied, das alle Ents kennen und in dem alle Lebewesen aufgezählt werden, allen voran die vier freien Völker, Menschen, Elben, Zwerge und Ents:

Learn now the Lore of Living Creatures!
First name the four, the free peoples:
Eldest of all, the elf-children;
Dwarf the delver, dark are his houses;
Ent the earthborn, old as mountains;
Man the mortal, master of horses

Baumbart ist von den Hobbits überrascht, da diese den Ents unbekannt sind und in der ganzen langen Litanei nicht auftauchen. Hm, hm, hm.

Fangorns Lied entspricht, wie andere Lyrik aus dem Herrn der Ringe auch, den Regeln der germanischen Stabreimdichtung: Zwei Halbverse mit jeweils zwei besonders betonten Silben, nennen wir sie A, B, C, D. Die Anzahl der Senkungen ist frei, es ist also kein regelmäßiges alternierendes Metrum erforderlich. C muss mit A oder B, oder A und B, alliterieren, der vierte Stab – also D – alliteriert nicht. (Dabei alliterieren alle Vokale untereinander, wodurch auch Vers 5 völlig regelkonform wird.) Laut Stephen Fry nennt der Beowulf-Übersetzer Michael Alexander diese Regel Bang, Bang, Bang – Crash!

In England hat sich die germanische Stabreimdichtung etwas länger gehalten als in der deutschsprachigen Dichtung. Beowulf beginnt (Hugo Gering, bearbeitet von Benjamin Slade):

Hört! Denkwürd’ger Taten von Dänenhelden
Ward uns viel fürwahr aus der Vorzeit berichtet,
Wie Könige kühn ihre Kraft erprobten.

Der althochdeutsche zweite Merseburger Zauberspruche geht auch noch nach diesem Bauprinzip vor:

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister

Zurück zu Tolkien. Es gibt die ältere Übersetzung von Margaret Carroux, wobei die Gedichte (alle? manche?) von Ebba-Margareta von Freymann übersetzt wurden:

Lerne die Namen der lebenden Wesen!
Erst nenne die vier, die freien Völker:
Die ältesten aller, die Elbenkinder

Dann gibt es eine neuere Übersetzung von Wolfgang Krege:

Lerne die Namen der lebenden Wesen!
Die vier Völker, die freien, zuerst:
Ältest von allen, die Elbenkinder;

Die Schüler bekamen auf einem Arbeitsblatt den englischen Text und die zwei deutschen Übersetzungen, jeweils die ersten zwölf Verse. Das englische Original habe ich selber episch vorgetragen, die anderen Fassungen mussten Schüler lesen, möglichst auch so episch. Ein bisschen Vergleich der Texte, herausarbeiten der Regeln, und dann die Aufgabe: Selber parallele Verse schreiben, für Lachs, Tiger, Katze oder Fisch zum Beispiel, oder eben auch die noch fehlenden Hobbits. Pro Vers zwei Tiere, oder auch nur eines, wie in der Vorlage. Acht Verse pro Schüler.

(Ich würde ja gerne das Arbeitsblatt hier einbinden, aber die Texte sind natürlich alle nicht urheberrechtsfrei.)

In der Stunde darauf haben wir dann die Schülerverse gesammelt. Ich hätte sie selber abtippen können, aber das mache ich schon lange nicht mehr. Ich hätte sie mir per Mail schicken lassen oder im Computerraum abtippen und als separate Dokumente speichern können – in beiden Fällen hätte ich die einzelnen Zeilen dann händisch zusammenbauen müssen. Ein Wiki geht auch nicht, weil die Schüler ja gleichzeitig an ein- und demselben Dokument arbeiten sollen, und das geht bei Wikis nur sehr begrenzt.

Also Etherpad. Etherpad ist eine Software, die auf einer Webseite läuft, so dass alle Besucher dieser Adresse dort ohne jegliche Anmeldung an einem gemeinsamen Dokument arbeiten können. (Die genaue Adresse des aktuellen Dokuments ist deshalb auch meist kryptisch, so dass sie sich nicht erraten lässt. Sonst könnte ja jeder mitschreiben. So muss einem der Ersteller des Dokuments – wofür man in der Regel auch keine Anmeldung braucht – nur die semi-geheime Andresse verraten.) Bei Google Drive geht das ja auch, nur brauchen die Teilnehmer dazu Google-Konten.
Das erste offene Etherpad, das ich ausprobiert habe, hielt dem Schüleransturm nicht ganz stand, bin ich also auf das Pad der Piratenpartei ausgewichen, in der Hoffnung, dass die Schüler dass eh nicht so mitkriegen und als Wahlwerbung verstehen. Das klappte auch. So schnell hatte ich nicht geschaut, da hatten die Schüler auch schon die Chatfunktion entdeckt und die Möglichkeit, die Farbe zu ändern. Trotzdem, ich hatte am Schluss die Texte in einer Datei. Hier eine Auswahl:

Hobbit der Halbe, haarig und frech
Schmetterling schlägt schnell mit den Flügeln
Rehe die Rennenden, rauf und weit
Der lauschende Tiger lautlos schleicht
Nachtigall singend, sitzt in Bäumen
Würmer, die graben, wild in der Erde
Der beobachtende Löwe bewacht sein Reich
Die Biene schwirrt summend zu Blumen

Hobbits die kleinen, Herrscher des Schleichens.
Fische im Wasser, Führer der Tiere.
Haie die Jäger, Hunger der Meere.
Lachse im Wasser, lachende Delphine.
Katze und Kater, kuscheln die Menschen.
Falke im Himmel, Führer der Heere.
Waschbär ist sauber, Wäscher der Tiere.
Flughörnchen fliegen, Freunde der Ents.
Rauschende Wale, Riesen der Meere.

Hobbits die kleinen Herren der Diebe
Delfine die Retter drollig am Lachen
Tiger gestreift tolles Muster
Katzen so weich, Krallen so spitz
Fische die schwimmen schnell unterwegs
Vögel in der Luft flink und schnell
Jaguar so schön, doch Jäger und gefährlich
Wiesel leben in Gruben, grau durch den Schmutz

Katzen sehr klein, kratzen am Baum
Feuerfisch ist rot, feuert sein Gift
Vögel so frei, fliegen im Wind
Krebse haben Scheren, krabbeln am Strand
Affen sind sportlich, albern den ganzen Tag herum
Frösche sehr glitschig, fangen Insekten
Bären sind stark, manchmal braun oder schwarz
Schmetterlinge so bunt, schwingen sich in die Lüfte

Waschbär der kleine, wäscht seine Beute
Gepard der Jäger, geht sehr schnell
Fuchs ist listig, Fisch lebt im Wasser
Katze ist flauschig, kuschelt mit dir
Delfin ist schlau, da wo er haust
Löwe ist König, lange schon
Wölfe heulen, wie gruselig
Seehund im Wasser, schön anzusehen

Halblinge, die hungrigen, haarig und frech.
Blaumeisen, die Bunten, immer blau und lustig.
Quallen, die schleimigen, quirlig und bunt.
Schlangen, die kalten, schlängelnd und stark.
Marienkäfer klein, im Mai kommen sie.
Mäuse so süß, mutig und schnell.
Katzen sind flink, sie kriechen herum.
Hamster schnell, haarig und verfressen

Hobbit der kleinste, Katze grazilst
Baumriesen die größten, gut und ältest
Würmer die ekligen, wühlen in Erde
Hühner die picken, hurtig und schnell
Kühe die milchigen, muhtig und doch still
Wale so groß, wandern durchs Meer
Vögel so klein, fliegen durch die Lüfte
Fische so schuppig, schwimmen durchs Meer

Wal so groß, Gepard so schnell
Katzen so süß, Schafe so wollig
Elefanten so groß, Gänse am schnattern
Giraffenhals so lang, Leguan ganz grün
Fledermäuse die Flieger, Fische die Schwimmer
Delfine die schlauen, Schlangen so wendig
Wandelbares Chamäleon, Kamel in der Wüste
Dromedar mit Höcker, Hasen die kleinen
Langsame Schnecken, Igel so stachlig
Elektrische Aale, Affen die klettern
Hobbits so klein wie Kaninchen so klug

Lachse, die leckeren, am liebsten beim Essen.
Tiger, die treuesten, die Teamchefs in Rudeln.
Katzen, die klügsten, Krallen wie Schwertklingen.
Fische, so frisch, die Feuerlagerbeute.
Delphine, die schnellsten, deutlicher als Bären.
Und Hobbits, die Huckepack gestapelt.
Die Hobbits haben Hände, wie aus Handwerkskunst.
Die Hobbits können kauen, wie eine Hauskatze.

Lachse, die leckeren, laufen bergauf
Bären, die braunen, brüllen im Wald
Tiger, die tollen, tanzen im Dschungel
Fische, die fliegen, fangen ihr Essen
Katzen, die kratzen, kullern herum
Affen angeln nicht nach Äpfeln
Die Ernte der Bauern essen die Esel
Hoppelnd hüpfen die Hasen herum

Zebras die zahmen, Zootiere auf ewig
Hobbits so haarig, Halblinge wie Zwerge
Fische so schleimig, fluchig und schnell
Die Menschen so unwissend, machtvoll doch sehr
Die Elephanten so groß, elastisch so gar nicht
Mäuse sehr flink, mustern ganz schnell
Schlangen gefährlich, schlängen umher
Haie so gefährlich, wie heißes Lava

Lachse, die leckeren, laufen bergauf
Bären, die braunen, brüllen im Wald
Katzen so kleine kratzen das Kind
Schlangen die schlängeln, schnatternd umher
Hunde so hübsche, heulen im Garten
Mäuschen so mickrig, maulen um Käse
Fische die flinken, fangen ihr Essen
Elefanten so einsam, eilen im Dschungel
Hasen die hoppeln heiter umher
Affen albern auf den Bäumen

Es ist vielleicht ganz gut, mit etwas Archaischerem wie einer Stabreim-Aufzählung anzufangen als mit der raffinierten Renaissance-Akrobatik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs. Danach könnte man weitergehen zu erzählender Stabreimdichtung. „Franz den Aufmerksamen forderte Herr Rau // zu erklären den Ursprung der Sprache der Deutschen“, und so weiter.

Aus einem Schüleraufsatz neulich, 8. Klasse

Zum Ersten lernen die Jugendlichen mit einem Ferienjob, Verantwortung zu tragen. In der Schule hat ein Schüler nicht sehr viel Verantwortung. In einem Job allerdings ist er immer für seine Taten verantwortlich. Wenn er zum Beispiel mit einem Rasenmäher teure Blumen ummäht, ist es allein seine Schuld. Der Schüler muss nicht etwa eine Seite schreiben, sondern die Blumen bezahlen.

Ich fände es ebenfalls schön, wenn Schüler mehr Verantwortung tragen dürften.

Erzählen mit Perspektivenwechsel, die Schulaufgabe

Bei den letzten Schulaufgaben (für Leute außerhalb Bayerns: angekündigte, benotete Aufsätze, heftig benotet) meiner 6. Klasse habe ich mich beim Korrigieren sehr unterhalten. Eines der Themen, angelehnt an diese Übung (und die), sah so aus:

Zwei Leute haben sich verabredet, um ins Kino zu gehen. (Möglich: Kind/Elternteil, Freunde.) Einer von beiden ist pünktlich und wartet vor dem Kino und wird ungeduldig oder besorgt, weil der andere nicht kommt. Der oder die andere hat sich verspätet und beeilt sich sehr, um noch rechtzeitig zu kommen.
Erzähle das, indem du zwischen den Perspektiven der beiden abwechselst. Schildere anschaulich das Innenleben der beiden. Schreibe unterhaltend, aber übertreibe nicht; benutzte Vergleiche oder Metaphern. Am Schluss der Erzählung sollen Sie sich treffen.
Erzähle in der 3. Person.

Die Schülerinnen und Schüler haben viele Varianten dazu gemacht – Freunde, Freundinnen, Kinder und getrennt lebende Elternteile. Sehr häufig war auch das Liebespaar, das sich verabredet hatte – und an das ich beim Themenstellen gar nicht gedacht hatte. Hier die schöne Lösung einer Schülerin – 6. Klasse, 55 Minuten Arbeitszeit, 770 Wörter, gelegentliche Rechtschreib- und Kommafehler verbessert, Absätze waren bereits in dieser Form vorhanden:

Er rümpfte seine Nase. Es war schon viertel vor acht. In fünfzehn Minuten würde der Film beginnen anfangen. Irgend so eine romantische Schnulzengeschichte. Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Von so viel Liebe und Personen, die sich Namen wie „Schnuckebärchen“ oder „Honigkuchenpferd“ gaben, hatte er wenig Ahnung. Ihm waren diese Leute relativ egal. Trotzdem wartete er nun schon seit geschlagenen weiteren 15 Minuten vor dem riesigen Kino, dessen Leuchtschriften und Plakate die nächtliche Atmosphäre dieses Stadtteiles etwas erhellten. Obwohl seine digitale Armbanduhr, auf die er in der vergangenen Zeit mehrmals nervös und stöhnend einen Blick geworfen hatte, erst 20.50 Uhr zeigte, lag die zu kleine Nebenstraße des Kinos verlassen vor ihm. Eigentlich wollte er gar nicht hier sein. Er hätte genau so gut zu Hause bleiben und einen gemütlichen Abend verbringen können. Aber wieder einmal hatte ihn seine Freundin Stella dazu überredet, ihr diesen einen Gefallen zu tun. Wie immer war das Argument, dass es nur dieser eine war und er in letzter Zeit viel zu wenig bei ihr war. Tja, wie immer eben. Was tut ein Mann nicht alles, um die Welt der Frauen erträglicher zu machen.

Sie musste sich beeilen. Ihr ausgemachter Zeitpunkt wäre bereits um halb acht gewesen. Nun blieben ihr nur noch sieben Minuten um ihren Weg zum Kino zu schaffen. Wieso war sie nicht mit der S-Bahn oder dem Bus gefahren? Und wieso hatte ihr Vater ausgerechnet heute dieses, wie er immer betonte, superwichtige Meeting seiner Firma, bei dem er natürlich unbedingt den Wagen für sich beanspruchte. Sie atmete tief die kalte Luft durch ihre Nase ein, ließ sie hörbar wieder hinaus. An jenem Abend hatte einfach nichts klappen wollen. Ihre Haare sahen aus wie gehäuftes Stroh, ihr Make-up machte sie sicherlich zu einem Clown im Abendkleid. Vor ihren Augen konnte sie schon ihre Mitschüler über sie tratschen sehen. Mit Worten wie: „Hast du schon gehört?“ und „Ich sag es ja, eine richtige Vogelscheuche!“ würde sie das Gespött der Schule werden. Der einzige Trost bestand darin, dass sie mir ihrem Freund Derek für einen Liebesfilm verabredet war. Man hörte nur die romantischsten Dinge über ihn. Himmlisch. Diese Erkenntnis malte ihr ein erleichtertes Lächeln auf ihr Gesicht. Nur er und sie. Verborgen ihm Dunklen des Kinosaales.

Na, toll. Da nahm er sich extra den Abend frei und sie ließ ihn einfach so sitzen. Drei weitere Minuten verstrichen ohne auch nur die kleinste Regung. Aber Moment! Das hieß ja auch, dass er nur noch vier Minuten hatte, bis er sie hier in der Kälte stehen lassen konnte. In seinem Kopf spielte sich ein weiterer Film ab: Er ging. Sie kam und… sie heulte. Nein. Das konnte er nicht machen. Nicht nachdem er es nun schon so weit gemeistert hatte. OK. Er musste ganz ruhig bleiben. Er musste einfach an schönere gemeinsame Zeit mit ihr denken. Ja. Es half ein wenig. Dies war der Beweis, dass er sie wirklich liebte. Na, gut. Ein Film. Ein lächerlicher Film. Was war das schon für eine Aufgabe für einen Mann wie ihn. Schulter zurück. Brust raus. Cool bleiben. Ja. Das war ein Mann.

Sie blieb abrupt stehen, kramte einen kleinen Kosmetikspiegel aus ihrer Handtasche hervor und warf einen letzten, prüfenden Blick hinein. Ihre Vermutung hatte sich bestätigt. Zum Teil. Lächeln. Einfach lächeln. Wenn ihm wirklich etwas an ihr lag, würde er über die kleine Schminkpanne hinweg sehen. Noch einmal atmete sie tief durch, ehe sie den Spiegel zurück steckte, ihr Sonntagslächeln aufsetzte und um die Ecke vor dem großen Gebäude des Kinos eilte. Sie beschleunigte ihren Gang, als sie ihn sah. Er sah umwerfend aus im Schein der Lampen, die in alle Richtungen ihren Glanz warfen. Majestätisch. Ja. Fast schon göttlich.

Da war sie. Endlich. Mit langen Schritten kam er ihr, um Lässigkeit bemüht, entgegen. Sie wirkte süß, gleichzeitig jedoch auch stilbewusst und elegant. Wunderschön. Aber ihr Lächeln übertraf jedes noch so strahlende Model dieser Welt. Von ihm aus konnten zehn Heidi Klums auf ihn zu kommen; er hätte nur Augen für sie. Sie, seine große Liebe.

Wie schaffte er es nur, so entsetzlich ruhig zu bleiben? Tja, er hatte wohl viele versteckte Talente. Zu denen zählte auch die Kombination seiner Lederjacke, dem weißen Shirt und der verwaschenen Jeans, die er wie der Schöpfer der Coolness zum besten trug. Ihr Bauch kribbelte, als würden viele Schmetterlinge und Flugzeuge durch ihn ihre Loopings drehen. Dieser Abend würde trotz kleiner Katastrophen perfekt werden.

Als sich die beiden nach einer scheinbar endlosen Zeit trafen, fielen sie sich in die Arme. Dabei vergaßen sie fast schon wieder den Anlass, weshalb sie hier waren. Doch das war ihnen in diesem Moment egal. Zwei Menschen. Eine große Liebe.

Natürlich ist das ein bisschen übertrieben… aber besser als zu wenig innere Handlung. Der abgeschlossene Kurzroman als Aufsatzsorte?

(Fußnote fürs nächste Mal: Nicht alle Aufsätze waren so gut, auch wenn viele Einser dabei waren. Den Unterschied zwischen erlebter Rede und wörtlicher Rede muss ich besser erklären, der war nicht allen klar. Aber ähnliche Themen gibt es viele, und die werde ich auch in Zukunft ausprobieren. Kaufhausdetektiv und möglicher Ladendieb… oder bringe ich Schüler da auf falsche Gedanken?)

Die Deutschstunde

Deutsch, 6. Klasse, Erlebniserzählung. Verlangt: Perspektivenwechsel, Metapher/Vergleich, innere Handlung.
Manche Schüler tun sich schwer bei innerer Handlung. Mit der Kettensäge auf den Eisbären los, das ist kein Problem, aber Angst, Neugier, Tollkühnheit schildern, das schon.

Zum Üben habe ich den Schülern „Die Klavierstunde“ von Gabriele Wohmann gegeben, eine Geschichte, die fast nur aus innerer Handlung besteht: Ein Junge geht zur Klavierstunde und spielt mit dem Gedanken, sich zu drücken, etwas anderes zu tun. Er hasst diese Klavierstunde. Parallel dazu bereitet sich die Klavierlehrerin auf die Stunde vor. Sie hasst die Stunde ebenso, hat Kopfschmerzen, würde lieber absagen. Die Perspektive wechselt regelmäßig zwischen beiden hin und her, die Absätze werden immer kürzer, bis der Junge das Haus erreicht hat und hereintritt und zum Schluss die Klavierstunde beginnt. (Und die Geschichte endet.)

Das ist üblicherweise etwas für die 9. Jahrgangsstufe. Da hatte ich vor ein paar Jahren auch schon einmal ausprobiert, die Schüler die naheliegende Parallelgeschichte „Die Deutschstunde“ schreiben zu lassen. (In einem Wiki, nebenbei.) Klappt mit der 6. Klasse aber auch, wie man hier sieht:

Die Deutschstunde

Die S-Bahn hielt an. Der Junge stieg aus. Genau wie viele andere Leute, die schlaftrunken, müde und missgelaunt durch das schlechte Wetter gingen. „Es ist ungemütlich,“ war der erste Gedanke als ihm der eisige Wind ins Gesicht blies. Langsam ging er in Richtung der schmutzverschmierten, matschigen, glitschigen Treppe, die er heruntergehen musste. Unten angekommen schlurfte er an einem verstopften Gulli vorbei. Er entzifferte die verworrene Schrift auf den Plakaten, die zerfetzt und verschimmelt an der Wand hingen. Die schlechten Graffities an der Fassade einer Ruine, die pöbelnden Jugendlichen und die ungewaschenen Bettler, die flehend die Hände ausstreckten, das alles beachtete er nicht. Ab und zu blieb er stehen und fand in sich die fürchterliche Möglichkeit, umzukehren, nicht hinzugehen. Sein Mund, trocken vor Angst, er könnte wirklich so etwas tun. Er war allein, niemand der ihn bewachte. Trotzdem: Die Beine trugen ihn fort und er leugnete vor sich selbst den Befehl ab, der das bewirkte und den er gegeben hatte.
Er hoffte, er würde krank werden, als er vor der Ampel stand, oder er würde sich etwas brechen. Die Ampel schaltete auf gelb. Die Ampel schaltete auf grün. Mechanisch fuhr er los. Der Scheibenwischer schrappte über das Frontglas. Er bog nach rechts auf den überfüllten Parkplatz ein und zog den Zündschlüssel aus dem Schloss. Und da sah er den Jungen, der ihn an sein grausames Schicksal erinnerte. In der ersten Stunde hatte er die schlimmste Klasse der Schule. Widerliche kleine Affen!
Widerlicher fetter Affe! Damit meinte der Junge die laufenden 190 Kilo, die gerade aus dem Auto stiegen und ihm an sein grausames Schicksal erinnerten. In der ersten Stunde hatte er den schlimmsten Lehrer im Land, der eine Mütze über seine sauber frisierten drei Haare zog. Das machte sein Aussehen nicht gerade besser, denn er sah aus als wäre er ein 80 Jahre alter Elefant. Trotzdem ging er weiter über die schief gelegten Betonplatten, über den alten fast haarlosen Teppich. Er ging extra langsam und hoffte damit zwei Minuten herausholen zu können. Es gelang ihm nicht.
Der Lehrer dachte immer noch wie er es schaffte zu Hause zu bleiben. Aber trotzdem kam er zur Tür der Klasse, durch die er schon die Schüler hörte. Er ging dort hinein und sah flüchtig über die Schüler, ließ die Begrüßung aus und begann zu erklären. Laut und humorlos.

(Unverbessert, ein paar Holperer sind noch drin. Mit Erlaubnis und gegen 1 Euro Bezahlung abgedruckt, aber nicht unter CC-Lizenz veröffentlicht. Und natürlich sind Teile des Aufsatzes sehr nahe am Wohmann’schen Original.)

In der letzten Stunde haben die Schüler fünf oder sechs dieser Geschichten mit sichtlichem Vergnügen vorgelesen und angehört. Bei allem Stolz auf die schönen Leistungen, so eine Stunde zieht die Lehrerstimmung schon ganz schön herunter, wenn die Schüler da mit ihren Engelsgesichtern solche Sachen vorlesen.
Das ganze ist natürlich eine Fingerübung, die Schüler wissen sehr wohl, dass sie damit nicht ihren Alltag beschreiben. (Ich rate also davon ab, das als Audruck einer gequälten Schülerseele zu sehen.) An dieser hier hat mir die apokalyptische Stimmung am Bahnhof so gut gefallen, auch wenn die gar nicht Thema war.

Erzählen mit Perspektivenwechsel: Eisbär im Haus

Erlebniserzählung, 6. Klasse: Umgestaltung einer Zeitungsmeldung in eine Erzählung. Als Hausaufgabe gab es einen Artikel zu einem Eisbären, den ein Junge aus Neufundland aus der elterlichen Wohnung vertrieben hatte. Aus diesem Artikel sollte eine Erzählung werden. Ich hatte ihn mal aus einer Handreichung oder einem Schulbuch gezogen, und weil ich zu faul bin, nach der Quelle zu suchen, kann ich ihn hier nicht abdrucken.

Zusätzliche Bedingung bei dem Übungsaufsatz (und dann später auch in der Schulaufgabe): Es musste einmal die Erzählperspektive gewechselt werden, zum Beispiel so, dass eben zuerst aus der Sicht einer Person erzählt wird und dann – nicht am Schluss, sondern im Hauptteil – aus der Sicht einer anderen Person, oder von mir aus auch des Eisbären. Am einfachsten geht das in der 3. Person, denn bei Ich-Erzählern führt das meist nur zu Verwirrung, wenn man nicht etwa Kapitelüberschriften hat.

Wie das genau geht, habe ich gar nicht groß erklärt; die Schüler sind mit Perspektivenwechsel ohnehin aus ihrer Freizeitlektüre vertraut. Auch in Aufsätzen ist das nicht neu, sondern steht seit Jahren in Handreichungen – selbst wenn vielleicht nicht viele Lehrer davon Gebrauch machen. Immerhin: zu meiner Schulzeit gab’s das gar nicht.

Hier ist einer der Übungsaufsätze. Absätze und Leerzeilen im Original, und herzlichen Dank dafür. Ich habe lediglich fünf oder sechs Rechtschreibfehler verbessert und sonst nichts geändert. Abdruck mit Genehmigung der Autorin.

Das Brummen des Automotors wurde leiser. Endlich! Peter hatte sich schon seit einigen Tagen auf diesen Abend gefreut. Er war allein zu Haus. Seine Eltern waren gerade eben zu einem Konzert gefahren, seine Geschwister waren auf Partys oder bei Freunden. Alles im Haus war still. Obwohl es Anfang März war, herrschte draußen ein lauwarmer Abend wie im Sommer.
Peter öffnete sein Zimmerfenster einen Spalt und schaltete den Fernseher ein. Jetzt konnte er tun lassen, was er wollte.

Peter schreckte hoch. Leise Geräusche hatten ihn geweckt. „Wahrscheinlich war das nur der Fernseher,“ sagte er zu sich selbst und blickte in das immer noch laufende Gerät. „Kein Wunder,“ dachte er. Im Fernseher lief irgendein Krimi gerade an der Stelle, da der Inspektor den Täter mit lautem Aufschrei verfolgte. Schnell schaltete er um. Langsam fielen ihm wieder die Augen zu. Abermals hörte er ein Geräusch, doch er konnte nicht unterscheiden, ob das Wirklichkeit oder Traum war. Da! Peter sprang auf. „Das war kein Traum! Werde ich verrückt oder was?“, murmelte er, öffnete die Zimmertür und setzte den Fuß auf die Schwelle.

Peter zögerte. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. War das ein Einbrecher, der sich gerade an ihrem goldverzierten Türschloss zu schaffen machte und versuchte, leise wie eine Katze Dinge aus ihrem Haus zu befördern? Oder war es nur die Nachbarskatze, die wieder einmal versuchte, einige Leckereien von der Familie Kennedy abzustauben?
Langsam schlich Peter die Treppe zum Erdgeschoss nach unten. „Verflucht! Kann Papa nicht endlich diese Treppenstufe reparieren?“, entfuhr es ihm. Die Treppenstufe quietschte schon seit Monaten und Peters Vater hatte schon vor Monaten versprochen sie zu reparieren. Peter war vor dem Quietschen zurückgezuckt und hatte dabei den Getränkekasten umgestoßen. Jetzt purzelten die Flaschen hinunter und zerbrachen der Reihe nach. Im Haus war es still geworden wie in einem Leichenschauhaus. Hatte er den Einbrecher vertrieben? Er schlich weiter ins Wohnzimmer. Als Peters Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er nichts Verdächtiges. Bis das Fenster zerbrach und er zu Boden gehen musste, um nicht von den messerscharfen Splittern getroffen zu werden…

Als er sich langsam wieder aufrichtete, erkannte er eine Gestalt vor sich, keine drei Meter von ihm entfernt. Langsam wich er zurück, doch die Gestalt bewegte sich nicht. Der Körper war viereckig und… „Der Körper ist viereckig?“, fragte Peter erstaunt. Es stellte sich heraus, dass es bloß ihre alte Standuhr war. Dann wurde ihm sein Fehler bewusst. Er hatte sich lauthals etwas gefragt, falls wirklich ein Dieb oder schlimmer, ein Krimineller eingebrochen war, konnte das sein Ende bedeuten.
Schnell ließ er sich auf die Knie fallen und stützte sich mit den Händen auf dem Teppich ab. Der Teppich war weich wie eine Baumwolldecke, ebenso warm und kuschelig und …bewegte sich? Er tastete weiter nach vorne und fühlte etwas Rundes mit einer Art… Ohren? Soweit seine Augen erkennen konnten, war der Gegenstand weiß… Er wich mit einem Angstschrei zurück. Das war nicht ihr Teppich. Es war ein Eisbär!

„Das war ein schöner Abend!“, meinte Frau Kennedy lachend und sperrte die Haustür auf, nachdem ihr Mann endlich den Haustürschlüssel aus dem Autofach gekramt hatte und zu ihr kam. Sie verharrte an dieser Stelle. „Ist irgend was?“, fragte ihr Mann erstaunt. Dann hörte er es auch. Ein markerschütternder Schrei war zu hören. Frau Kennedy riss die Haustür auf und musste zusehen, wie ihre Wohnzimmertür aus den Angeln gerissen wurde. Peter kam aus dem Türrahmen, erblickte die Eltern und kam auf sie zugerannt.
„Peter! Was hast du angerich…“ Weiter kam sie nicht, denn ein Eisbär, der, wie sie vermutete, die Tür aus den Angeln gerissen hatte, die quer durch den Hausgang auf die Familie Kennedy zugeflogen kam und dann an ihnen vorbei, kam auf die Familie zugerannt. Herr Kennedy schnappte sich das nächstbeste Buch aus dem Bücherregal, das in der Nähe der Tür stand. „Hier hast du ein Gastgeschenk!“, rief er grimmig und warf das Buch nach dem Bären. Der sah den fliegenden Schinken nicht kommen, als ihn das Buch schon an der Flanke traf und sein Bein zum Einknicken brachte. Er fiel hin, blieb einige Sekunden verdattert liegen. Dann rappelte er sich wieder auf und hinkte, so schnell es ging, davon, um nicht noch weitere Würfe einkassieren zu müssen. Peter rannte ihm nach und sah gerade noch, wie die Hinterbeine des Bären aus dem Fenster verschwanden. „Komm bloß nicht wieder!“, schrie Peter ihm nach.

„Oh Gott, warum hast du nicht uns, die Nachbarn oder Polizei angerufen? Das hätte ein böses Ende nehmen können!“, fragte Frau Kennedy ihren Sohn halb vorwurfsvoll, halb erleichtert. Man konnte ihr deutlich anmerken, wie froh sie war, dass Peter noch heil und gesund war. „Glaubst du, das fällt einem ein, wenn man komische Geräusche hört?“, erwiderte Peter nur. Aber bevor seine Mutter noch etwas sagen konnte, meinte Herr Kennedy: „Wie wär’s, wenn wir jetzt erst mal den Zoo anrufen und sagen, dass wir den entlaufenen Bären gesichtet haben?“

Der Aufsatz oben ist sehr gut. Beim Vorlesen in der Stunde kam der Perspektivenwechsel sehr schön zur Geltung. Natürlich gibt es noch einige Punkte zu verbessern, die vielen Auslassungszeichen etwa.
Eine andere Schülerin hat den Wechsel ein paarmal hin und her gemacht. War auch gut. Sehr interessant war es auch, bei einer dritten Schülerin Spuren des Jugendbuchs zu entdecken, das ich ihr einige Zeit zuvor geliehen hatte. Man rechnet nicht damit, dass Schüler bei so einer Aufgabenstellung in sehr personalem Jugendbuchstil schreiben.

Bei vielen Schülern ist mir aufgefallen: die Neigung, besondere sprachliche Ausdrucksweisen nicht episch-beschreibend auszudrücken, sondern nachahmend-dramatisch. Wenn jemand stottert, wird d-d-das s-s-o g-g-geschrieben, wenn jemand innehält, wird mitten im Wort abgebrochen (mit Auslassungszeichen), wenn jemand schreit, gibt es Großbuchstaben, und Krach! Peng! Zack! gibt es auch. Meine letzte Unterstufe Deutsch ist viele Jahre her; damals schien mir das nicht so häufig zu sein. (Insgesamt bin ich aber schon sehr zufrieden mit den Leistungen.)

Die Schüler und vor allem Schülerinnen erzählen sehr gerne, man sollte das noch öfter von ihnen verlangen. Persönlicher Brief und sachlicher Brief dagegen, Bericht und Protokoll – nicht so gut. Das kann gerne später kommen.

Auf die Übungsaufsätze habe ich übrigens Probenoten geben, also darunter geschrieben, welche Note das wohl in der Prüfungssituation gewesen wäre. Das wünschen sich Schüler fast immer. Warum? Weil sie mit den Kommentaren unter der Aufgabe nicht genug anfangen können, aber wieso nicht? Weil sie sich einordnen können wollen, weil sie eine präzise Aussage statt pädagogischer Verbrämung wollen?

Jedenfalls komme ich so gut wie nie diesem Wunsch nach. Bei unbekannten Aufsatztypen sowieso nicht: welche Kriterien sollte ich denn auf den Übungsaufsatz anwenden? Heißt eine „3“ dann „befriedigend für eine erste Übung“ oder „befriedigend, wenn das schon die Prüfung wäre“? Außerdem ist das Benoten anstrengend.
Aber bei einer Aufsatzart, die den Schülern gut genug bekannt ist, mache ich mir schon mal diese Mühe.

Bildbeschreibung

Neulich beim Respizieren habe ich das folgende Thema gesehen. Bildbeschreibung, 45 Minuten, 7. Klasse, Bayern, Gymnasium. Einen sehr guten Beispielaufsatz schreibe ich darunter.


Jean-Baptiste Siméon Chardin, „Dame beim Tee“

Beschreibe das Gemälde „Dame beim Tee“ von Jean-Baptiste Siméon Chardin aus dem Jahre 1735 nach den im Unterricht besprochenen Regeln und Vorgaben. Achte auf eine saubere äußere Form und sprachliche Korrektheit!

Aufsatz, in gänzlich unverbesserter Form:

Das 1735 entstandene Gemälde „Dame beim Tee“ von Jean-Baptiste Siméon Chardin zeigt eine Frau, die in entspannter und ruhiger Haltung sitzend ihren Tee genießt.
Das Bild ist insgesamt mit matten und abgeschwächten Farben gestaltet, rechts im Vordergrund herrschhen eheer helle Mattgelb- und Rottöne vor, links im Hintergrund dunkle Schwarz- und Grautöne.
Das Licht fällt vielleicht durch ein Fenster, das oben links im Bild sein müsste, auf die Dame, auf die Rückenlehne von dem Stuhl und auf den Tisch. Links im Hintergrund ist die dunkelste Ecke des Bildes.
Die etwas rundliche Frau im Zentrum von der man die Beine nicht sieht hat sich mit leicht gekrümmtem Rücken auf einen Stuhl niedergelassen.
Die Dame streckt den Kopf leicht vor, es wirkt, wie wenn sie genussvoll den Duft des Tees einatmet. Ihr linker Arm ist auf dem Tisch rechts im Bild abgelegt, mit der rechten Hand hält sie zierlich den Teelöffel und rührt um. Beide Ellenbogen sind abgewinkelt.
Das gelockte kurze Haar der Dame ist schon grau, daraus lässt sich schließen, dass sie etwas älter ist. Sie hat eine spitze Nase und ein Doppelkinn, die Augen sind geschlossen, die Augenbrauen hochgezogen. Fast sieht sie aus, als ob sie meditiert.
Die Dame ist bekleidet mit einem schwarz-weiß gestreiften Kleid aus dickem, schweren Stoff, das ihre Rundlichkeit noch unterstreicht. Um die Schultern gelegt und um die Hüfte gebunden hat sie sich einen schwarzen Umhang mit blauer [durch Kopierfehler unlesbar] oder ein Tuch, das sich links kaum vom dunklen Hintergrund abhebt. An den Handgelenken sieht man Rüschen hervorschauen. Auf dem Kopf ist die Frau bedeckt mit einer weiß-blaufarbenen Haube, die aber ihren Hinterkopf freilässt. Das alles lässt darauf schließen, dass die Dame eine Person aus gehobener Schicht, vielleicht sogar eine Adelige ist.
Rechts im Hintergrund befindet sich der wuchtige, große rote Tisch. Eine Schublade ist leicht geöffnet. Auf ihm sind die dunkelrote, fast schwarze Kanne Tee und die mit Malereien verzierte Tasse samt Untertasse abgestellt. Da es aus der Tasse Tee noch herausdampft, lässt darauf schließen, dass die Adelige noch nicht lange hier sitzt.
Von dem Stuhl links im Vordergrund sieht man nur die Rückenlehne. Diese sieht aber dennoch elegant aus, da sie mit drei Holzbögen unterteilt ist. Den Hintergrund kann man nicht richtig erkennen.
Der Gesamteindruck des Gemäldes vermittelt eine ruhige und offene Stimmung; wer möchte nicht gerne mit der Dame tauschen und sich von einem anstrengenden Tag erholen?

(c) J.J. All rights reserved.

(Dieser Text steht nicht unter der üblichen CC-Lizenz hier, Weiterverwendung nur mit Erlaubnis der Autorin, über mich zu erreichen.)

Nachdem ich jetzt wieder weiß, was Schüler in 45 Minuten zustande bringen können, will ich mich nie wieder mit schlampigen Texten im Informatikunterricht abspeisen lassen.

Exkurs 1: Das Rechtliche

Bisher bin ich sehr schlampig mit dem Urheberrecht umgegangen, was Schülerproduktionen betrifft. Ich habe zwar die Schüler um Erlaubnis gefragt, sie in Unter- und Mittelstufe gebeten, auch den Eltern Bescheid zu sagen, aber das war es.
Seit meiner letzten Sequenz zum Urheberrecht sehe ich das etwas strenger. Also habe ich bei der Schülerin das so gemacht, wie ich das auch in Zukunft halten will:

  • die Schülerin mündlich um Erlaubnis fragen
  • der Schülerin und den Eltern ein Schreiben mitgeben, in dem ich um Erlaubnis bitte und auf Gefahren und Grenzen hinweise:
    1. die Verwertungsrechte bleiben bei den Inhabern, ich will den Text nur auf meiner Webseite veröffentlichen und werde kein Buch daraus machen
    2. niemand anderes darf den Text verwenden
    3. aber wenn der Text erst einmal veröffentlich und digital ist, dann kann er auch viel leichter gestohlen werden
    4. und außerdem könnte jemand kommentieren, dass er den Text ganz schlecht findet; das müssen Autoren aushalten
  • die Schülerin fragen, in welcher Form sie ihren Namen unter dem Text sehen möchte: gar nicht, Initialen, vollständiger Name
  • Schülerin und Eltern darauf hinweisen, dass ich gerne einen symbolischen Betrag für die Erlaubnis bezahle

Und das habe ich dann auch gemacht, einen Euro, auch wenn ich die Schülerin dazu überreden musste. So viel ist mir ein schöner Text inmeinem Blog sicher wert, und Schüler sollten auch sehen, dass ihre Produkte etwas wert sein können. Dass Intellectual Property wertvoll sein kann. (Mir gefällt das englische Wort besser, da bei property für mich mehr der Gedanke der Veräußerlichkeit mitschwingt als bei Eigentum.)

Bei Gelegenheit mache ich mal ein Formblatt aus meinem ersten Schreiben.

Exkurs 2: Die Bildbeschreibung

Das Standardthema bei der Bildbeschreibung in der Unterstufe ist ansonsten ja Spitzweg. Funktioniert auch gut, aber man liest sich ein bisschen satt an den Aufsätzen.


Carl Spitzweg, „Der arme Poet“

Das folgende Bild habe ich noch nie gemacht… aber schön wär’s schon, so ein Bild, das gleich eine Geschichte erzählt. Vielleicht nicht in der Unterstufe.


Antoine Wiertz, „Hunger, Wahnsinn, Verbrechen“

Hm. Vielleicht sollte man beim Aufsatzschreiben in der Oberstufe statt Gedichten graphische diskontinuierliche Texte (vulgo: Bilder) interpretieren lassen. Da lernt man ebenso das Hinschauen und muss seine Fähigkeiten nur an einem Text beweisen, dem eigenen, statt mit zweien zu kämpfen.