Gottfried August Bürger, Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen

By | 25.3.2009

Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Ross?

Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau und Rachen haun?

Wer bist du, dass durch Saat und Forst
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Ross und Hund und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht bei Egg und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!

Kann man viel mit machen: Politische Lyrik, Rollenlyrik; Kommunikationssituation, rhetorische Fragen, Parallelismen in Auf- und Satzbau.
Meine Schüler haben Parallelgedichte geschrieben: „Der Schüler an seinen durchlauchtigen Lehrer“. Zuerst sammelten die Schüler an der Tafel Kriterien, nach denen man die Qualität der Parodien beurteilen kann, und suchten die wichtigsten heraus. Dann sagte ich ihnen, welche Kriterien für mich die wichtigsten sind. Und dann lasen einzelne Schüler ihre Gedichte vor, und die waren alle so gut, dass ich gleich alle haben wollte und sie mir schicken ließ. Hier ein paar davon.

Auf dem Papier oder Bildschirm wirken die Gedichte vielleicht nicht so sehr wie beim geballten Vortrag. Aber wenn man sie als Lehrer, und sei es auch stellvertretend, so vor den Latz geknallt bekommt, dann schluckt man doch. Den Fürsten hat das damals vermutlich kalt gelassen (obwohl, wenn man an den Schubart denkt, dem ist das Dichten schlecht bekommen), aber wenn man plötzlich selber zum Adressaten des Gedichts wird, sieht man es plötzlich mit ganz anderen Augen.

Caroline:

Wer kannst du sein? Dass ohne Scheu
Zermalmen mich dein Blick aufs neu
Zerquetschen mich deine Wissbegier?

Wer kannst du sein? Dass in mein Heft
Dein Freund, dein Rotstift, ungebremst
Darf zerstreichen, zerstörn?

Wer kannst du sein? Dass durch die Tests
Durch sie mich Tag und Nacht treibst
Nimmst mir meine Zeit? –

Das was du da zerstörst
Was dir egal so scheints mir manchmal
Ist mein Leben!

Du musst nicht die Freiheit opfern
Statt schwimmen du musst nicht rechnen, malen, dichten
Ich will wieder was du nimmst! –

Ha! Du bist Obrigkeit vom Staat!
Wohl eher von deiner selbst
Der Staat ist nicht wie du, Tyrann!

Anna:

Wer bist du, Lehrer, dass ohne Scheu
Erreichen mich dein Mahnungsbrief,
Ereilen der Verweis?

Wer bist du, Lehrer, dass auf mein Blatt
Dein Freund, der Rotstift, ungebläut
Darf Punkt und Fehler mal’n?

Wer bist du, dass durch Frag‘ und Wort
Du meinen Tag bestimmen tust
So herrisch wie ein Fürst?-

Der Spaß, der schnell vorübergeht
Bei Schulaufgaben, Exen
Sollt ein Begleiter sein

Du Lehrer musst nicht Tag und Nacht
In deinen Kopf viel Wissen füll’n
Mein, mein ist dann dies Wissen!-

Ha! Du wärst schlauer noch als wir?
Wir lernen noch – du auch?

Werner:

Wer bist du, Lehrer, dass ohne Scheu
zerschlagen mich dein Zeigestab
verletzen mich der Schwamm

Wer bist du, Lehrer, dass in mein Heft
dein Freund der Rotstift ungebläut
darf über Schrift und Zeichen streichen

Wer bist du, Lehrer, dass durch Tasche und Beutel
das Hurrah deiner Suche mich treibt
entatmet wie im Sport

Du, Lehrer, hast nicht bei Ex und Test
hast nicht die Schulaufgabe durchgeschwitzt
mein, mein sind die Noten

Ha! Du wärst Obrigkeit vom Staat
der Staat macht Gesetze, du unterdrückst
du nicht vom Staat, Lehrer

Johanna:

Die Schülerin an ihren durchlauchtigsten Lehrer

Wer bist du, Herr, dass ohne Scheu
Verstören mich dein laut’ Geschrei,
Ängstigt mich dein Zeigestab?

Wer bist du, Herr, dass nur ein Wort
Aus deinem Mund mich zwingt zu tun
Jeglich schwere Übung auch?

Wer bist du, dass den ganzen Tag
Von Früh bis Spät der Stoff mich quält,
die Leere meines Schädels stört?

Intelligent und klug sagst du
So möchtest du wohl sein, jedoch
So klug wie du bin auch ich!

Dein Wissen willst du teilen, doch –
Auf diese Weise geht das nicht,
es fehlt die Freude und der Witz!

Ha! Du willst guter Lehrer sein?
Bist du nicht, denn man schläft ein!
Du bringst nur Langeweile!

Bastian:

Wer bist du, Lehrer, dass ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wutgeschrei
Zerschlagen darf dein Stoff?

Wer bist du, Lehrer, dass in mein Kopf
Dein Chef, dein Kollege ungestraft
Darf Wort und Formeln haun?

Wer bist du, dass, durch manches Fach
Der Ruf deines Unterrichts mich treibt,
Entatmet wie ein Läufer? –

Das Wissen so dein Wort vertreibt,
Was Chef, Kollege und du verbrauchst
Der Fleiß, du Lehrer, ist mein.

Du Lehrer hast nicht bei Nacht
Hast nicht den Schultag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Lohn! –

Ha! du wärst Wissender?
Wissender lehrt mich; du quälst!
Du nicht wissend, Tyrann!

Knackpunkt, das merkt man beim Nachdichten, ist die letzte Strophe. Zuvor muss man sich passende Vorwürfe einfallen lassen, Parallelen finden zum Jagdhund und zur Jagd, Gelegenheit zu Metaphorik oder Metonymie nutzen. Die letzte Strophe enthält bei Bürger die Ablehnung der Autorität und Legitimation des Fürsten durch Gott. Wo zieht der Lehrer seine Legitimation und Autorität her, dass man die angreifen kann? Der Staat wird dabei als vorbildhaft-legitimierende Institution dargestellt.

Die Schülertexte sind natürlich Rollenlyrik, sind Hausaufgabe und Fiktion – also bitte nicht als authentische Schüleräußerungen nehmen.

Nachtrag: War übrigens eine 9. Klasse.

20 thoughts on “Gottfried August Bürger, Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen

  1. mccab99

    Ich bin gerade an einem weiteren Aspekt genau dieses Gedichtes dran – Hammer(!): Die politische Dimension des Sturm und Drang, die Goethe mit seinem Werthergesäusel natürlich nie oder allenfalls in Ansätzen erreicht (dazu musste schon ein Schiller kommen, aber lassen wir das…). Bloch hat das sehr hübsch in einem Aufsatz zusammengefasst, bzw. abgeleitet:
    “In Wahrheit gehörte der Sturm und Drang, seinem ganzen Inhalt nach, völlig zur Aufklärung, obwohl er aus angegebenen Gründen den Begriff davon völlig verneinte” (Bloch, Der junge Goethe, S.1147). Mehr dazu: http://riecken.de/index.php/2009/03/bloch-der-junge-goethe/
    Die Methode des Parallelgedichts zur Analyse stilistischer Mittel passt haargenau zu meiner morgigen Stunde. Danke für einen Großteil der Planung, Kollege! Zufälle und Emergenzen gibt es, die gibt es manchmal gar nicht.

  2. Sabine

    Sehr beeindruckend. Die Gedichte widersprechen ihrem Inhalt – da haben ein paar Schüler wirklich was gelernt in all den Jahren!

  3. Isabelladonna

    Parallelgedichte schreiben lassen ist eine super Unterrichtsidee! Man sieht den Schülergedichten an, dass wirkliches Nachdenken über die und Feilen an der Sprache stattgefunden hat. Am besten gefällt mir die Zeile: „Wissender lehrt mich; du quälst!“ Wie ordnen denn eigentlich die Schüler ihre „Aussagen“ ein? Ist es mehr ein Spaß/Versuch/sich an die Form halten oder sind es auch wirkliche Anklagen?

  4. Herr Rau Post author

    @mccab99: Mein Standardbeispiel für literarische Erörterung ist: „Scheitert Werther an sich selbst oder an seiner Umwelt?“ Da ist ja auch ein bisschen Ständekritik drin, ja. Wenn es um die Zuordnung des Stum und Drang zur Aufklärung gehört, die mir einleuchtet, verweise ich gerne auf die Engländer, die ihn mit ähnlich guten Gründen einfach der Romantik zuschlagen.

    @Isabelladonna: Ich habe mich bisher nicht getraut zu fragen.

    Nachtrag: Weiter hinten im Buch sind die schlesischen Weber von Heine. Eigenen sich auch gut zum Umdichten. Statt: „wir weben, wir weben“ bietet sich an: „wir schreiben, wir schreiben“, statt „Leichtentuch“ „Buch“. Die dreifache Anklage des Gedichts müsste man umformen. Wie in das Tuch der Fluch der Weber gewoben wird, so ensteht auch beim Schreiben ein Fluch. Gruslig.

  5. Mareike

    … das war eine 9. Klasse?!
    Was ist im Lehrplan anders, seit ich das Gymnasium (in RLP) besucht habe?!
    Wir haben in der Mittelstufe eine Wandzeitung gebastelt und solche Sachen, aber nicht so coole (herausfordernde!) Sachen gemacht.
    Beeindruckt.

  6. gruenblinder

    Parallelgedichte sind was herrliches…Auch zum Schreiben finde ich…Ich selbst versuch immer so nah wie möglich am Text zu bleibn und nur Kleinigkeiten zu verändern…..und zu Herrn Raus angesprochenem „die Weber“, fällt mir ein Teil unseres damaligen Abiberichts Deutsch ein (ein Gedichtepochenüberblick parallel zum Kursverlaufsüberblick…den Rest kann ich auch mal posten, wenn ich ihn find…)

    Das Stiftchen fliegt, der Stuhl der kracht,
    Wir schreiben emsig Tag und Nacht –
    Oh Schule, wir schreiben das Deutschkursbuch,
    Wir schreiben hinein den dreifachen Fluch –
    Wir schreiben, wir schreiben!“

    …oder so ähnlich…

  7. Herr Rau Post author

    So hatte ich mir das auch vorgestellt, gruenblinder. Klingt nach einem spannenden Bericht.

  8. Jochen

    > Nachtrag: War übrigens eine 9. Klasse.

    SUPER! Kompliment an die Autoren.

  9. Gruenblinder

    Habs gefunden….Rückblickend doch nicht mehr so grandios, wie ich damals dachte….aber immer noch ganz ok:

    Bedecke nie den Tisch JAKOB, mit Rucksäcken

    Jakob nimmt den Rucksack runter

    Es war einst ein Kurs in Thule,
    gar treu bis fast zum Schluss,
    der weil zu spät zur Schule,
    noch Protokolle
    schreiben muss

    Jakob schreibt ein Protokoll

    Deutsch! Der Kurs muss lernen!

    Jakob beugt sich über sein Buch

    Schläft von Matt in allen Dingen,
    die wir hören voller Prunk;
    und der Kurs hebt an zu singen,
    hört Romantik im Hörfunk

    Jakob hört die Peter von Matt Hörfunksendung „Das zweite Augenpaar“

    Der Stift ist Weg, ihr Schüler lacht,
    doch Sie schreiben zu wenig Tag und Nacht.
    Grundkurs, gleich web ich das Deutschkursbuch
    Ich Schreibe hinein den dreifachen Fluch
    Wir schreiben, Wir schreiben!

    Jakob fängt an zu schreiben

    Die Klausur ist nah, die Schüler hupfen
    Die Mienen werden nicht grad heller
    Die meisten Menschen haben einen Schnupfen
    Die Punkte purzeln in den Keller

    Der Ganze Kurs:
    Wer ist Klaus Will?
    Klaus Will war unser Steuermann
    Aus hielt er bis er das Ufer gewann
    Er hat uns gerettet, er trägt die Kron
    Er brachte uns Deutsch nah, unser Dank ist sein Lohn!

  10. Gruenblinder

    Oh die 2. Heinestrophe hab ich jetzt vergessen mit abzuschreiben, weil ich ja eigentlich copy und pasten wollte…Mist…und edit gibts auch nicht egal…die Weber II kommt nach die Weber I :)

  11. gruenblinder

    auf ein 3. schlesisch sind die Weber natürlich auch :)

  12. Herr Rau Post author

    Am schönsten finde ich die letzten beiden. Das eine absurd-lustig, das andere dramatisch, das kommt gut an.

  13. Pingback: Zu gut, um es vorzuenthalten « -Thousand Sunny’s Weblog-

  14. nitehawk

    Hallo Herr Rau,
    Weil du sagst „Knackpunkt, das merkt man beim Nachdichten, ist die letzte Strophe“.
    Für mich war der Knackpunkt beim Nachlesen die erste Strophe. Ich bin jedes Mal über die falschen Verbformen gestolpert. Nur Bastian und (zur Hälfte) Johanna haben verstanden, daß die „Zerrollen“ und „Zerschlagen“ bei Bürger als Infinitive konstruiert waren (abhängig von *darf*):
    Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu
    Zerrollen mich dein Wagenrad,
    Zerschlagen *darf* dein Ross?

    Eine syntaktozentrische Marginalie.

  15. Herr Rau Post author

    Ja, das ist mir auch aufgefallen. Den Schülern hat das „darf“ auch nicht in ihr Metrum gepasst, das hat vielleicht dazu beigetragen, es zu übersehen. Auch andere, wengier systematische Verbesserungsvorschläge habe ich – ich werde nach Ostern wohl doch jedem diese Vorschläge machen.

  16. Herr Rau Post author

    Ich beginne gerade damit, die Schüler zu ermuntern, geeignete Titel für ihre Aufsätze zu finden, für Interpretationen ebenso wie für Erörterungen. Vielleicht hilft das dabei, den Text zusammenzuhalten, zu einem eigenen Schwerpunkt jenseits der reinen Beschreibung zu kommen. Wenn ich mehr Ergebnisse habe, werde ich davon berichten. Hier schon mal ein paar Titel zu Interpretationen von Heines Weber-Gedicht:

    Eine Anklage auf Leinen
    Das Lied der Leidenden
    Der Hass auf Deutschland
    Die Revolution der Tiere
    Gedanken eines Webers

    Ein bisschen dramatisch, aber ein guter Anfang, wenn dann auch der Inhalt dazu passt.

  17. Ranizzki - ein Deutschlehrer

    Die Parallel-Gedichte zu Bürger : greatest bullshit ever.

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