Erzählen mit Perspektivenwechsel: Eisbär im Haus

Erlebniserzählung, 6. Klasse: Umgestaltung einer Zeitungsmeldung in eine Erzählung. Als Hausaufgabe gab es einen Artikel zu einem Eisbären, den ein Junge aus Neufundland aus der elterlichen Wohnung vertrieben hatte. Aus diesem Artikel sollte eine Erzählung werden. Ich hatte ihn mal aus einer Handreichung oder einem Schulbuch gezogen, und weil ich zu faul bin, nach der Quelle zu suchen, kann ich ihn hier nicht abdrucken.

Zusätzliche Bedingung bei dem Übungsaufsatz (und dann später auch in der Schulaufgabe): Es musste einmal die Erzählperspektive gewechselt werden, zum Beispiel so, dass eben zuerst aus der Sicht einer Person erzählt wird und dann – nicht am Schluss, sondern im Hauptteil – aus der Sicht einer anderen Person, oder von mir aus auch des Eisbären. Am einfachsten geht das in der 3. Person, denn bei Ich-Erzählern führt das meist nur zu Verwirrung, wenn man nicht etwa Kapitelüberschriften hat.

Wie das genau geht, habe ich gar nicht groß erklärt; die Schüler sind mit Perspektivenwechsel ohnehin aus ihrer Freizeitlektüre vertraut. Auch in Aufsätzen ist das nicht neu, sondern steht seit Jahren in Handreichungen – selbst wenn vielleicht nicht viele Lehrer davon Gebrauch machen. Immerhin: zu meiner Schulzeit gab’s das gar nicht.

Hier ist einer der Übungsaufsätze. Absätze und Leerzeilen im Original, und herzlichen Dank dafür. Ich habe lediglich fünf oder sechs Rechtschreibfehler verbessert und sonst nichts geändert. Abdruck mit Genehmigung der Autorin.

Das Brummen des Automotors wurde leiser. Endlich! Peter hatte sich schon seit einigen Tagen auf diesen Abend gefreut. Er war allein zu Haus. Seine Eltern waren gerade eben zu einem Konzert gefahren, seine Geschwister waren auf Partys oder bei Freunden. Alles im Haus war still. Obwohl es Anfang März war, herrschte draußen ein lauwarmer Abend wie im Sommer.
Peter öffnete sein Zimmerfenster einen Spalt und schaltete den Fernseher ein. Jetzt konnte er tun lassen, was er wollte.

Peter schreckte hoch. Leise Geräusche hatten ihn geweckt. “Wahrscheinlich war das nur der Fernseher,” sagte er zu sich selbst und blickte in das immer noch laufende Gerät. “Kein Wunder,” dachte er. Im Fernseher lief irgendein Krimi gerade an der Stelle, da der Inspektor den Täter mit lautem Aufschrei verfolgte. Schnell schaltete er um. Langsam fielen ihm wieder die Augen zu. Abermals hörte er ein Geräusch, doch er konnte nicht unterscheiden, ob das Wirklichkeit oder Traum war. Da! Peter sprang auf. “Das war kein Traum! Werde ich verrückt oder was?”, murmelte er, öffnete die Zimmertür und setzte den Fuß auf die Schwelle.

Peter zögerte. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. War das ein Einbrecher, der sich gerade an ihrem goldverzierten Türschloss zu schaffen machte und versuchte, leise wie eine Katze Dinge aus ihrem Haus zu befördern? Oder war es nur die Nachbarskatze, die wieder einmal versuchte, einige Leckereien von der Familie Kennedy abzustauben?
Langsam schlich Peter die Treppe zum Erdgeschoss nach unten. “Verflucht! Kann Papa nicht endlich diese Treppenstufe reparieren?”, entfuhr es ihm. Die Treppenstufe quietschte schon seit Monaten und Peters Vater hatte schon vor Monaten versprochen sie zu reparieren. Peter war vor dem Quietschen zurückgezuckt und hatte dabei den Getränkekasten umgestoßen. Jetzt purzelten die Flaschen hinunter und zerbrachen der Reihe nach. Im Haus war es still geworden wie in einem Leichenschauhaus. Hatte er den Einbrecher vertrieben? Er schlich weiter ins Wohnzimmer. Als Peters Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er nichts Verdächtiges. Bis das Fenster zerbrach und er zu Boden gehen musste, um nicht von den messerscharfen Splittern getroffen zu werden…

Als er sich langsam wieder aufrichtete, erkannte er eine Gestalt vor sich, keine drei Meter von ihm entfernt. Langsam wich er zurück, doch die Gestalt bewegte sich nicht. Der Körper war viereckig und… “Der Körper ist viereckig?”, fragte Peter erstaunt. Es stellte sich heraus, dass es bloß ihre alte Standuhr war. Dann wurde ihm sein Fehler bewusst. Er hatte sich lauthals etwas gefragt, falls wirklich ein Dieb oder schlimmer, ein Krimineller eingebrochen war, konnte das sein Ende bedeuten.
Schnell ließ er sich auf die Knie fallen und stützte sich mit den Händen auf dem Teppich ab. Der Teppich war weich wie eine Baumwolldecke, ebenso warm und kuschelig und …bewegte sich? Er tastete weiter nach vorne und fühlte etwas Rundes mit einer Art… Ohren? Soweit seine Augen erkennen konnten, war der Gegenstand weiß… Er wich mit einem Angstschrei zurück. Das war nicht ihr Teppich. Es war ein Eisbär!

“Das war ein schöner Abend!”, meinte Frau Kennedy lachend und sperrte die Haustür auf, nachdem ihr Mann endlich den Haustürschlüssel aus dem Autofach gekramt hatte und zu ihr kam. Sie verharrte an dieser Stelle. “Ist irgend was?”, fragte ihr Mann erstaunt. Dann hörte er es auch. Ein markerschütternder Schrei war zu hören. Frau Kennedy riss die Haustür auf und musste zusehen, wie ihre Wohnzimmertür aus den Angeln gerissen wurde. Peter kam aus dem Türrahmen, erblickte die Eltern und kam auf sie zugerannt.
“Peter! Was hast du angerich…” Weiter kam sie nicht, denn ein Eisbär, der, wie sie vermutete, die Tür aus den Angeln gerissen hatte, die quer durch den Hausgang auf die Familie Kennedy zugeflogen kam und dann an ihnen vorbei, kam auf die Familie zugerannt. Herr Kennedy schnappte sich das nächstbeste Buch aus dem Bücherregal, das in der Nähe der Tür stand. “Hier hast du ein Gastgeschenk!”, rief er grimmig und warf das Buch nach dem Bären. Der sah den fliegenden Schinken nicht kommen, als ihn das Buch schon an der Flanke traf und sein Bein zum Einknicken brachte. Er fiel hin, blieb einige Sekunden verdattert liegen. Dann rappelte er sich wieder auf und hinkte, so schnell es ging, davon, um nicht noch weitere Würfe einkassieren zu müssen. Peter rannte ihm nach und sah gerade noch, wie die Hinterbeine des Bären aus dem Fenster verschwanden. “Komm bloß nicht wieder!”, schrie Peter ihm nach.

“Oh Gott, warum hast du nicht uns, die Nachbarn oder Polizei angerufen? Das hätte ein böses Ende nehmen können!”, fragte Frau Kennedy ihren Sohn halb vorwurfsvoll, halb erleichtert. Man konnte ihr deutlich anmerken, wie froh sie war, dass Peter noch heil und gesund war. “Glaubst du, das fällt einem ein, wenn man komische Geräusche hört?”, erwiderte Peter nur. Aber bevor seine Mutter noch etwas sagen konnte, meinte Herr Kennedy: “Wie wär’s, wenn wir jetzt erst mal den Zoo anrufen und sagen, dass wir den entlaufenen Bären gesichtet haben?”

Der Aufsatz oben ist sehr gut. Beim Vorlesen in der Stunde kam der Perspektivenwechsel sehr schön zur Geltung. Natürlich gibt es noch einige Punkte zu verbessern, die vielen Auslassungszeichen etwa.
Eine andere Schülerin hat den Wechsel ein paarmal hin und her gemacht. War auch gut. Sehr interessant war es auch, bei einer dritten Schülerin Spuren des Jugendbuchs zu entdecken, das ich ihr einige Zeit zuvor geliehen hatte. Man rechnet nicht damit, dass Schüler bei so einer Aufgabenstellung in sehr personalem Jugendbuchstil schreiben.

Bei vielen Schülern ist mir aufgefallen: die Neigung, besondere sprachliche Ausdrucksweisen nicht episch-beschreibend auszudrücken, sondern nachahmend-dramatisch. Wenn jemand stottert, wird d‑d-das s‑s-o g‑g-geschrieben, wenn jemand innehält, wird mitten im Wort abgebrochen (mit Auslassungszeichen), wenn jemand schreit, gibt es Großbuchstaben, und Krach! Peng! Zack! gibt es auch. Meine letzte Unterstufe Deutsch ist viele Jahre her; damals schien mir das nicht so häufig zu sein. (Insgesamt bin ich aber schon sehr zufrieden mit den Leistungen.)

Die Schüler und vor allem Schülerinnen erzählen sehr gerne, man sollte das noch öfter von ihnen verlangen. Persönlicher Brief und sachlicher Brief dagegen, Bericht und Protokoll – nicht so gut. Das kann gerne später kommen.

Auf die Übungsaufsätze habe ich übrigens Probenoten geben, also darunter geschrieben, welche Note das wohl in der Prüfungssituation gewesen wäre. Das wünschen sich Schüler fast immer. Warum? Weil sie mit den Kommentaren unter der Aufgabe nicht genug anfangen können, aber wieso nicht? Weil sie sich einordnen können wollen, weil sie eine präzise Aussage statt pädagogischer Verbrämung wollen?

Jedenfalls komme ich so gut wie nie diesem Wunsch nach. Bei unbekannten Aufsatztypen sowieso nicht: welche Kriterien sollte ich denn auf den Übungsaufsatz anwenden? Heißt eine “3” dann “befriedigend für eine erste Übung” oder “befriedigend, wenn das schon die Prüfung wäre”? Außerdem ist das Benoten anstrengend.
Aber bei einer Aufsatzart, die den Schülern gut genug bekannt ist, mache ich mir schon mal diese Mühe.

10 Antworten auf „Erzählen mit Perspektivenwechsel: Eisbär im Haus“

  1. Der erste Teil ist so gut, dass es schon kaum zu fasssen ist. Der zweite ist dann auch sehr hübsch, aber nicht mehr ganz so stimmig.
    Ich besinne mich aber, dass es in der 6. Klasse eigentlich fast immer jemanden gab, der besser erzählen konnte als ich.

  2. Allerliebst! Was die “Probebenotung” in Zahlen angeht, komme ich zwar der Klasse gerne ein wenig entgegen, lasse mich aber fast nie zu einer eindeutigen Aussage hinreißen, um mich nachher nicht “festnageln” zu lassen – es wird also eine “1–2”, 2–3″, “3–4” etc. und es steht auch immer ein “Ungefähr”-Zeichen davor. Das scheint den Schülerinnen und Schülern immerhin hilfreich genug zu sein.

  3. Bei dem Aufsatz hab ich das mit dem Zeitwechsel versucht, aber ich finde das ziemlich schwierig…

  4. Dazu sage ich dann etwas am Montag… es soll ja jedes Jahr etwas Neues dazukommen. Dafür ist das eine praktische Technik, die man dann auch beim Lesen leicht wiedererkennt.

  5. Das mit den erweiterten Erzähltechniken funktioniert in der 6a also sehr gut. In der 6e werden wir uns noch etwas anstrengen müssen, bis alle kapiert haben, wie das funktioniert.
    Ich hab nur ein Problem mit dem Eisbären in Schulaufsätzen, eigentlich seit 1987 oder so, als zwei Kinder in einem New Yorker Zoo glaubten, das sei doch spannend mit so einem Tier zu spielen…
    Und ganz unironisch: Ich finde nicht, dass man derartige Themen stellen sollte. (Eis-)bären brechen tatsächlich in Häuser ein. Eisbären sind die größten und mit die gefährlichsten Landraubtiere dieses Planeten und keine flockenweißen Teddybären. Was bringt man denn Kindern da bei, wenn man für plausibel hält, dass ein wie auch immer geschleudertes Buch einen Eisbären vertreiben kann? Mit gutem Grund verlangen viele in der 6. Jgst. keine Fantasieaufästze mehr. Oder tut sich das noch jemand an?

  6. @ Beelzebub Bruck

    Das klingt aber sehr, sehr ernüchternd und angestrengt oberlehrerhaft! Soll es denn keine Münchhausen- oder keine Lügengeschichten, keine Traumreisen, keine wilden und abenteuerlichen Phantasiespaziergänge mehr geben dürfen?? Und da kann man halt fliegen, gegen Riesen kämpfen und gewinnen und meinetwegen auch einen Eisbären besiegen. Der Phantasiegewinn scheint mir allemal größer als der befürchtete Realitätsverlust.

  7. Oh, Lügengeschichten oder Parallelgeschichten zu Literatur mit fantastischen Elementen (Lektüre) schon, aber keine Traumgeschichten oder Kämpfe gegen Riesen. In der 6. Klasse kommt dabei ein Script für das (verbotene) Computerspiel der älteren Brüder oder der Freunde heraus, die weniger beaufsichtigt werden, oder es wird einfach ein Film nacherzählt. Für die drei Schüler, die dann noch eine traditionelle Fantasieerzählung schreiben, lohnt sich der Korrekturkrampf nicht mehr.
    Notfalls gehen auch Tiergeschichten, wenn der Rahmen vorher vereinbart wurde. Von den üblichen Geschichten vom Pferd (wahlweise vom Hund oder Meerschweinchen oder, noch grusliger, von Hansi dem intelligentesten Wellensittich der Welt) habe ich mich aber definitiv verabschiedet.
    Erlebnisse und Fantasien scheinen heute nahezu ausschließlich medial vermittelt und keine originalen Erfahrungen oder Assoziationen der Schüler zu sein.

  8. “Keine Kämpfe gegen Riesen” – sagen wir, keine unvorbereiteten Kämpfe gegen Riesen. Denn ja, man muss vorher unbedingt Schrotflinten, Säbel und Panzer verbieten, sonst erzählen viele Schüler Computerspiele oder Filme nach. Es stimmt, dass Erlebnisse und Fantasien vor allem medial vermittelt werden und erst einmal wenig originell erzählt wird. Aber gerade Fantasieerzählungen, oder jedenfalls ungewöhnliche Themen, könnten dazu beitragen, dass nicht nur nacherzählt wird.

    (Ich hätte auch lieber wieder Sagen erfinden/erzählen lassen, so richtig phantastisch, aber da ist der Perspektivenwechsel schwer.)

  9. Der oben verlinkte Aufsatz, der in der Schulaufgabe (=Prüfung, Klassenzimmer) entstanden und mindestens so gut ist, zeigt, dass es auf jeden Fall möglich ist, dass Sechstklässler solche Aufsätze schreiben. Kein Anlass, misstrauisch zu werden.

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