Schule 1.0 – Das Herbarium

By | 1.7.2009

Habe ich schnell beim Kollegen stibitzt: 6. Klasse Biologie, auch bekannt als Naturundtechnik. Die Schüler erhielten einen Auftrag, eine Anleitung und reichlich Zeit dazu, ein Herbarium anzulegen – eine Sammlung von Wiesenblumen mit deren Bestimmung.

Eine Schülerin hat ihres letzte Woche schon vor dem Termin abgegeben, und da habe ich es mir ausgeliehen und darin geblättert. Ein dicker Hefter DIN A 4 mit Folien drin:

herbarium1_hahnenfuss

herbarium2_stiefmuetterchen

herbarium3_schafgarbe

Frau Rau zeigt mir ja tatsächlich ein- oder zweimal im Jahr eine Blumenwiese, und viele gelb blühenden Pflanzen kann ich auch bestimmen. Na ja, manche. Es interessiert mich jedenfalls. Wir haben beide im Buch geblättert und daraus gelernt.

Mir gefällt vor allem die Schafgarbe, die ich vom I Ging her kenne, auch wenn heute statt der Pflanzenstengel wohl meist Münzen verwendet werden. (Von den Schildkrötenpanzern ist man ganz abgekommen.)

Ich weiß nicht, ob es Noten auf diese Bestimmungsbücher gibt. Hausaufgaben dürfen in Bayern am Gymnasium zwar nicht benotet werden, solche Projekte und praktische Arbeiten schon – auch wenn da genauso die Eltern helfen können. Und ich habe auch nichts dagegen, dass die Eltern dabei helfen. Helfen, nicht selbermachen, aber das sieht man als Lehrer ja. In einer Ganztagsschule würde man mehrere Nachmittage auf der Wiese verbringen, aber wir haben keine Ganztagsschule (und ob die kommenden Lehrpläne Zeit für solche Bestimmungsbücher lassen, bezweifle ich). Soll man deshalb darauf verzichten, Schülern solche Aufgaben zu stellen?

20 thoughts on “Schule 1.0 – Das Herbarium

  1. tsingtao2

    Hat mein Bruder vor kurzem auch machen müssen. Meine Mama hat ihm dabei geholfen, aber auch nur geholfen. Ich persönlich finde das auch in Ordnung, wenn die Eltern bei so praktischen Hausaufgaben mal helfen.

  2. Sabine

    Wir mussten/durften so ein Herbarium zu heimischen Bäumen machen, das ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Es war damals schon gar nicht mehr so leicht, Ulmen zu finden, aber bei uns im Schlossgraben wuchsen noch ein paar.

    Ich finde, es ist egal, ob ein paar Schüler die Arbeit von den Eltern machen lassen. Diese Art von Eigenarbeit bleibt, unabhängig von Benotung, viel besser hängen als die graue Theorie des Schulalltags.

    Wichtig finde ich noch die Frage, ob die Schüler nicht vielleicht auch die botanischen Namen dazu erfahren sollten (abfragen würde ich sie nicht, damit der Widerwille nicht allzu groß ist), damit zum Beispiel solche Verwirrungen wie die obige mit dem Stiefmütterchen aufgeklärt werden können. Dem einen oder anderen Kind könnte nämlich auffallen, dass das „Stiefmütterchen“ (Viola arvensis – Ackerstiefmütterchen) ganz anders aussieht als die großblumigen bunten Pflänzlein, die man von der Oma kennt (Viola x wittrockiana, wobei das x für eine von Menschen gezüchtete Hybride steht). /Pflanzennarr

  3. Llia

    Also ich finde Herbarien toll (musste im Studium eines anfertigen) und plane später mit meinen Schülern auch ein solches Projekt zu machen, allerdings, wie hier schon gesagt wurde, auch mit botanischen Namen.
    Ich habe bei mir bemerkt, wie viel besser ich mir die selbst gesammelten Pflanzen merken konnte und solch ein Herbarium bleibt einem auch langfristig erhalten. Davon abgesehen finde ich es wichtig Schülern die einheimische Flora und Faune näher zu bringen, weil so viele heute gar nicht darauf achten was alles auf den Wiesen wächst, geschweige den Namen der Pflanzen kennen – da ist alles was über Löwenzahn und Gänseblümchen hinaus geht unbekannt.

  4. rip

    Sehr schön. In meiner sechsten wurden vor kurzem auch Herbarien angelegt. Mir gefällt das. Schade, dass die vergleichbare Tätigkeit im Fach Englisch so viel unspektakulärer aussieht (Führen eines Vokabelheftes).
    Danke, Sabine, für die Auflösung des „Stiefmütterchen“-Rätsels.

  5. apanat

    Beim Ackerstiefmütterchen ist von Viola tricolor (Storm: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=2803&kapitel=1#gb_found) ja nur für den Spezialisten etwas zu erkennen.

    Viele Jahre lang habe ich die Gräsersammlung meiner Schwester aufbewahrt, als sie sie nicht mehr aufheben wollte und mich über die schöne Eindeutigkeit der Pflanzen (viel schöner als im Schmeil!) gefreut.
    Ich selbst habe wohl nie so einen Arbeitsauftrag bekommen.

  6. Carma

    Ich finde solche Aufgaben toll.
    In meiner Schulzeit musste ich auch so etwas anlegen, und habe es auch heute noch in guter Erinnerung!
    Gerade solche Aktivitäten sind wichtig für den Lernerfolg, und auch wenn die Eltern helfen, kann man das ja auch positiv sehen!

  7. Herr Rau Post author

    Das mit den botanischen Namen werde ich weitergeben. Ist auch für die Zukunft als Englischlehrer wichtig: beim Übersetzen vieler Tier- und Pflanzennamen kann man den üblichen Wörterbüchern nicht trauen, zumal auch die Bezeichnungen lokal verschieden sind. Da muss man dann über die botanischen Begriffe gehen.

    Ich hatte so etwas als Schüler nie. Dabei hatten wir eine Spielwiese hinter dem Wohnblock und andere Wiesen auf dem Schulweg. Und Grashüpfer fangen war ganz üblich, habe ich ewig nicht mehr gemacht.

  8. micha

    als bio-student kommt man um sowas nicht drumherum. meine kritikpunkte: mehr wurzeln, das etikett mit dem PC herstellen und drucken, den wissenschaftlichen namen und den fundort mit koordinaten (z.B. ganz einfach mit Google Earth). sehr wichtig, dieangaben wer die pflanze gefunden und bestimmt hat, wenn schon dann richtig ;-)
    beschreibung des habitats würde noch fehlen, aber das wäre dann auch wieder zu schwer für anfänger.

  9. Tanja

    … Nein, ja nicht verzichten! Die Schullaufbahn meines Sohnes verläuft ohne Herbarium und er kann höchstens einen Obstbaum bestimmen. Falls das Obst dran hängt. Ich weiss, dass das auch (oder hauptsächlich) ein Elternfehler ist, hätte es aber trotzdem sehr geschätzt, wenn er in der Schule mehr draussen gewesen wäre.

  10. Db

    Schön – gerade weil es nicht mit dem PC gedruckt wurde. Habe ich nie machen dürfen, aber am ‚lebenden Objekt‘ spielerisch viel gelernt: Zum Ferienhaustischdecken gehörte Wiesenblumenstraußpflücken ebenso selbstverständlich wie „Was blüht denn da?“ in den Reiselektürestapel meiner Mutter (Buchtipp, derzeit 58. Auflage…).

  11. halo

    @ micha
    Um Gottes willen, nicht schon wieder diese wissenschaftlich nüchterne Form bis ins letzte Detail! Das schreckt doch nur ab. Das gezeigte Herbarium gewinnt ja gerade durch seine Einfachheit und erscheint richtig nett und liebenswert. Als Einstieg in der 6. Jahrgangsstufe geradezu vorbildhaft und für den Alltagsgebrauch wohl auch ausreichend. Daraus kann sich interessierte Neugierde entwickeln. Wer dann mehr wissen will, wird von selbst tiefer (wissenschaftlich) einsteigen.

  12. Sabine

    >Ist auch für die Zukunft als Englischlehrer wichtig: beim Übersetzen vieler Tier- und Pflanzennamen kann man den üblichen Wörterbüchern nicht trauen, zumal auch die Bezeichnungen lokal verschieden sind

    Tja, und dann steht man vor dem interessanten Problem, wie die botanischen Namen auf Englisch ausgesprochen werden, das ist nämlich wiederum eine Wissenschaft für sich. Aber es stimmt schon, gerade international machen wirklich nur die botanischen Namen Sinn, weil sie als einzige unverwechselbar und genau sind. Wenn da nicht die Wut der Taxonomen wäre, immer wieder ganze Pflanzengruppen umzubenennen. Cimicifuga sind jetzt Actaea, und die verschiedenen Eupatoriums wurden in alle taxonomischen Winde zerstreut. Da soll sich noch einer auskennen.

  13. Herr Rau Post author

    „Was blüht denn da?“ habe ich auch zu Hause, aber nicht viel mehr zum Thema. Halo, als Kompromiss: lateinisch, aber handschriftlich? Handschriftlich finde ich ohnehin viel wissenschaftlicher als getippt. Außer vielleicht noch mit einer mechanischen Schreibmaschine. Aber handschriftliche Zettelchen unter Exponaten sind mir immer noch die liebsten. Siehe die Mineraliensammlung im Naturkundemuseum in Berlin: alte Schränke so wie bei uns die ältesten Bio-Möbel, drin Mineralan Mineral und Zettelchen an Zettelchen.

    Sabine, danke für den Tipp. Ganz gelegentlich kriege ich so etwas bei den Tieren mit, die Genanalyse ist da für vieles verantwortlich. Ganz neue Gruppierungen bei den Säugetieren. Aber das Schicksal der Eupatoriumse hat man mir verschwiegen.

  14. micha

    Tanja (und allen anderen auch) möchte ich Eikes Baumschule ans Herz legen. Wurde hier bei uns an der Hochschule entwickelt und eignet sich auch schon für den Einsatz an Grund- und Hauptschulen… Dann kann Sohnemann auch mehr als einen Obst-Baum bestimmen ;-)

  15. croco

    Am Anfang sperren sie sich, aber dann machen es die meisten sehr gerne.
    Für Klasse 6 reicht das schon, zwanzig Baumarten und 30 Wiesenpflanzen zu finden und zu pressen.
    Wie man bewertet?
    Naja, nach Vollständigkeit, richtiger Benennung, Fixierung und Anordnung der Pflanzenteile.
    Man erlebt mitunter grauslige Sachen. Frisch gepresst führt zu ganzen Schimmelrasen, nur in die Tüte gestopft eher zu Kräutertee.
    In der Mittelstufe kann man durchaus mit einer Kartierung der Pflanzen anfangen.
    So kann man kleine Wald- oder Wiesentücke in Wohnortnähe über ein ganzen Schuljahr hin beobachten lassen. So wird eingeübt, wie man protokolliert, Spuren sichert , beobachtet.
    Man kann Wachstumskurven erstellen, bei Knochenfunden das Tier dazu bestimmen, und eben die Bäume, Sträucher und krautigen Pflanzen bestimmen. Die Höhe der Bäume kann dann mit Hilfe der Mathematik berechnet werden.
    Zum Schuljahresende wird dann die Waldmappe mit den Protokollen,den Karten, den Fotos und dem Herbarium abgegeben, und eine Schachtel mit interessanten Funde liegt auch dabei.
    Die Mappen müssen gegliedert sein, Seitenzahlen aufweisen usw. also im Grunde so aufgebaut sein wie die Facharbeiten in der Oberstufe, aber natürlich nicht so hoch im Anspruch.
    Die meisten Schüler lieben diese Arbeit.
    Die Aufgabenstellung ist sehr offen, so kommen halt 30 verschiedene Mappen an.
    Ich könnte endlos schwärmen von Fotos von kleinen Füchsen, von Knochen, die mit Waschpulver weißgekocht wurden und von Gipsabdrücken von Trittspuren.
    Hab ich es schon gesagt? Ich liebe mein Fach :-))

  16. StS

    @ tanja, also wenn ihr Sohn nur das lernt was in der Schule gelehrt wird, dann liegt das nicht an der Schule. Wenn er also keine Baeume bestimmen kann dann ist da was versaeumt worden, spazieren gehn is bestimmt spannend wenn man es mit etwas verbindet.

  17. Sabine

    Meine Sechstklässler hatten heute ihre Herbarien dabei, und ich bin aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Da blieben wirklich keine Wünsche offen! Deutsche Namen, botanische Namen, Fundorte, genaue Pflanzenbeschreibung – nur Wurzeln haben Pflanzen anscheinend nicht.

    Eine Schülerin hatte zwei geschützte Pflanzen in ihrem (aber wirklich besonders schönen und wissenschaftlichen) Herbarium. Dies scheint keine Minuspunkte gegeben zu haben. Ist das jetzt schlimm oder schön?

  18. Herr Rau Post author

    Weiß nicht. War aber auch einer meiner ersten Gedanken. Sollte man sicher vorher etwas dazu sagen.

  19. MaxvonHarriet

    Solche Aufträge zur Erstellung eines Herbarium sollte man aber nicht erst mitt Oktober aufgeben, das würde dem Aufruf zum sammeln von Kastanien im Dezember gleichkommen!

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