A Green and Pleasant Land

Wiedergelesen: Kenneth Grahame, The Wind in the Willows (1908). Ein Klassiker. In einzelnen Episoden, aber auch einer übergreifenden Handlung, werden die Abenteuer von Maulwurf, Wasserratte und Kröte erzählt, die alle unten am Fluss wohnen. Dachs spielt auch eine wichtige Rolle, aber der lebt etwas zurückgezogener im Wald und sucht weniger die Gesellschaft anderer Tiere.

Wiedergelesen hatte ich das Buch vor allem, weil ich mich an eine Episode erinnerte, die mich beim ersten Mal irritiert hatte. Die Tiere begegnen darin dem Gott Pan, ohne ihn recht zu erkennen und ohne sich danach an ihn erinnern zu können. War Pan damals populär? Eine ähnlich heitere Episode gibt es in James Stephens, The Crock of Gold (1912),während Arthur Machens „The Great God Pan“ (1890/94) eher gruslig ist.
Der Wind in den Weiden ist alles andere als gruslig oder phantastisch, sondern eine bodenständige englische Idylle. Es geht viel darum, wie schön es am Fluss ist, wie die Jahreszeiten wechseln, wie wichtig das Heim und gutes (einfaches) Essen ist. Wie schön England ist, auch wenn manchmal der Süden lockt und man mit den Zugvögeln mitwandern möchte.

So schön wird das Leben am Fluss beschrieben, dass jetzt endlich mal wieder Three Men in a Boat (1889) lesen muss, um das damit zu vergleichen – und vielleicht auch einmal in Izaak Waltons The Compleat Angler (1653-1676) hineinschauen werde, ein Sammelwerk zum Angeln, eingekleidet in den Disput eines Falkners, eines Jägers und eines Anglers, voller Gedichte, Lieder, Beschreibungen und eben auch Angeltipps.

Gestört wird die Idylle in Wind in the Willows durch Kröte. Der ist nicht böse, aber eitel, oberflächlich, rücksichts- und gedankenlos. Richtig schlimm wird das, als er seine Liebe zu Automobilen entdeckt und süchtig danach wird. Er schreckt auch vor Autodiebstahl nicht zurück und wird zum Schrecken seiner Umwelt. Kröte ist angeberisch:

Ho! ho! I am the Toad, the motor-car snatcher, the prison-breaker, the Toad who always escapes! Sit still, and you shall know what driving really is, for you are in the hands of the famous, the skilful, the entirely fearless Toad!

und nicht sehr zuverlässig:

Secrets had an immense attraction for him, because he never could keep one, and he enjoyed the sort of unhallowed thrill he experienced when he went and told another animal, after having faithfully promised not to.

Aber irgendwo liebenswert ist Kröte doch auch. Er muss es sein, denn was würden Maulwurf, Dachs und Wasserratte sonst an ihm finden? Ähnliches kenne ich nur von Lovecraft’s Book von Richard A. Lupoff. Auch da spielt Lovecraft eine untergeordnete Rolle, er wird als manipulierbar und nicht gerade sympathisch dargestellt. Der Plot: seine Freunde wollen ihn davon abbringen, leichtfertig ein Nazipropaganda-Buch zu verfassen, und geraten mitten in einen geheimen deutschen Plan zur Infiltration Amerikas. Wer solche Freunde hat, die soviel für einen tun, der kann nicht ganz schlecht sein.

Jedenfalls: Nach vielen Abenteuern kommt Kröte zurück und muss feststellen, dass sein Gutshaus von den bösen Wieseln und Hermelinen aus dem Wald übernommen wurde, die dort randalieren und wüste Feste feiern. Wird es unseren Freunden gelingen, die ungebetenen Gäste zu vertreiben? (Klar.)

– Für mich ist Wind in the Willows zutiefst Englisch, ebenso wie Three Men in a Boat* oder Cider with Rosie von Laurie Lee, wenn ich mich recht erinnere. Aber wenn ich mir Kate Fox‘ Watching the English in Erinnerung rufe, so werden darin einige reflexhafte Reaktionen als typisch Englisch aus gemacht (hypocrisy, moderation, humour), einige Sichtweisen der Welt (class-consciousness, empiricism, Eyeorishness) und einige Werte (fair play, honesty, modesty). Zusammengehalten jeweils durch das verbindende Element: social dis-ease. Meine Frage nun, die man auch gerne mal einem W-Seminar stellen könnte: wie verhalten sich typisch englische Romane zu diesen typisch englischen Merkmalen? Die zentrale dis-ease fehlt beim idyllischen Wind in the Willows zumindest völlig. Liegt das daran, dass da ein einfaches Leben auf dem Land mit akzeptierten Klassensystem geschildert wird oder gilt das für Romane aus dieser Zeit allgemein? Gab es diese dis-ease da noch nicht? Fox‘ Werte sind alle drin, die Reflexe und Sichtweisen wohl auch.

*Letztes wurde das Jahr von Dan Kieran und Ian Vince umgewandelt zu Three Men in a Float, in dem sie von ihrem Abenteuer berichten, einmal mit einem elektrischen Milchauslieferwagen aus den 50er Jahren quer durch England zu fahren. Reichweite bei voller Ladung – nur an Starkstromanschlüssen, etwa an aufgeschraubten Herden, möglich – 30 Meilen, mit 8 Stunden Ladezeit. Quer durch die Dörfer. Da reist man automatisch nicht sehr schnell.


Nachtrag: Wenn man so einen Blogeintrag nicht sofort veröffentlicht, wächst er einem über den Kopf wie Zucchini im Garten. Inzwischen habe ich die ersten Kapitel von The Compleat Angler gelesen. Das ist tatsächlich ein Angelführer in dialogischer und erzählerischer Form. Der Jäger (Venator) will vom Angler (Piscator) das Angeln lernen. In Kapitel III gibt es die erste Lektion: The Chavender, or Chub. Plural: cheven. Einfach zu fangen, aber gilt als wenig wohlschmeckend, jedenfalls wenn man ihn nicht optimal zubereitet.
Der Fisch heißt auf Deutsch Döbel, im Januar 2010 gab es wohl in Tübingen einen ungewöhnlichen Döbelschwarm.

Die Formulierung „the Chavender, or Chub“ kam mir sehr bekannt vor. Und richtig, ich kannte sie aus einem Gedicht aus meinem treuen Faber Book of Comic Verse; es findet sich aber auch in weiteren Anthologien. Dem Gedicht ist das Zitat aus dem Compleat Angler vorangestellt; diese Wortfolge hat den Autor zum Gedicht animiert. Sonst habe ich kaum etwas über ihn herausgefunden. Warham St Leger hieß er, 1850-1915, kein Wikipedia-Eintrag, nicht verwechseln mit dem gleichnamigen Soldaten des 16. Jahrhunderts. „He appears to have made 2 marriages within 7 years, 1885 and 1892“, steht in einem Genealogie-Forum. Wer weitere Informationen will, braucht Offline-Quellen.

Da das vollständige Gedicht online nicht zu finden ist, habe ich es abgetippt und stelle es hier herein als Dienst am Internet:

A FALSE GALLOP OF ANALOGIES
‚The chavender, or Chub‘–Izaak Walton

There is a fine stuffed chavender,
A chavender or chub,
That decks the rural pavender,
The pavender or pub,
Wherein I eat my gravender,
My gravender or grub.

How good the honest gravender!
How snug the rustic pavender!
From sheets as sweet as lavender,
As lavender, or lub,
I jump into my tavender,
My tavender, or tub.

Alas! for town and clavender,
For business and club!
They call me from my pavender
To-night; ay, there’s the ravender
Ay, there comes in the rub!
To leave each blooming shravender,
Each Spring-bedizened shrub,
And meet the horsey savender,
The very forward sub,
At dinner at the clavender,
And then at billiards dravender,
At billiards roundly drub
The self-sufficient cavender,
The not ill-meaning cub,
Who me a bear will davender,
A bear unfairly dub,
Because I sometimes snavender,
Not too severely snub
His setting right the clavender,
His teaching all the club!

Farewell to peaceful pavender,
My river-dreaming pub,
To bed as sweet as lavender,
To homely, wholesome gravender,
And you, inspiring chavender,
Stuff’d chavender, or chub.

Warham St Leger

Der in der Anthologie angegebene Gedichttitel muss nicht der richtige sein. Eine Quelle wird nicht genannt; das Internet vermutet St Legers Gedichtsammlung Ballads from Punch and other Poems (London 1890). Das ist aber falsch, ich habe einen Scan des Buchs aufgetrieben – das Gedicht befindet sich nicht darin. Es scheint aber möglicherweise sehr wohl mal im Magazin Punch erschienen zu sein: The Naturalist on the Thames von C. J. Cornish (1902) hat ein Kapitel „The Chavender or Chub“, dem folgende Zeilen vorangestellt sind:

„Now when you’ve caught your chavender,
(Your chavender or chub)
You hie you to your pavender,
(Your pavender or pub),
And there you lie in lavender,
(Sweet lavender or lub).“
Mr. Punch.

Weiter keine Angaben zur Quelle. Vermutlich hat also – wohl – St Leger mal in der einen oder anderen Form in Punch geschrieben, und vielleicht auch noch anderswo. Vielleicht hat er auch eine anonyme Quelle bearbeitet und erweitert, wer weiß.

John Buchan schreibt in seinem Roman Huntingtower (1922) am Anfang des 2. Kapitels folgende idyllische Szene:

Dickson McCunn was never to forget the first stage in that pilgrimage. A little after midday he descended from a grimy third-class carriage at a little station whose name I have forgotten. In the village nearby he purchased some new-baked buns and ginger biscuits, to which he was partial, and followed by the shouts of urchins, who admired his pack–„Look at the auld man gaun to the schule“–he emerged into open country. The late April noon gleamed like a frosty morning, but the air, though tonic, was kind. The road ran over sweeps of moorland where curlews wailed, and into lowland pastures dotted with very white, very vocal lambs. The young grass had the warm fragrance of new milk. As he went he munched his buns, for he had resolved to have no plethoric midday meal, and presently he found the burnside nook of his fancy, and halted to smoke. On a patch of turf close to a grey stone bridge he had out his Walton and read the chapter on „The Chavender or Chub.“ The collocation of words delighted him and inspired him to verse. „Lavender or Lub“ — „Pavender or Pub“ — „Gravender or Grub“ — but the monosyllables proved too vulgar for poetry. Regretfully he desisted.

Make of that what you will.

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3 Thoughts to “A Green and Pleasant Land

  1. Auch wenn Sie vielleicht (oder: hoffentlich nicht!) Berührungsängste haben — in der Ausgabe August 2007 von http://www.druidcast.libsyn.com/ ist ein sehr hörenswerter Vortrag von Prof. Ronald Hutton enthalten, einem Historiker an der Uni Bristol, zum Thema „Pagan Horned God“, insbesondere Pan, und was die Engländer durch die Jahrhunderte so von ihm hielten. Ab ca. Minute 10:50.

  2. Mh, ja… habe beim Hören gleich automatisch Listening-Comprehension-Fragen für Schüler formuliert. „Why is the Goddess a more popular figure to modern pagans than the Great Horned God?“ Vielleicht doch nicht … :-)
    Der Zusammenhang zwischen Pan und der industriellen Revolution ist interessant. Und ja, gerade meine Frage wird sehr ausführlich beantwortet:

    And the most famous of all personifications of Pan in this guise occurs, of course, in The Wind in the Willows, „The Piper at the Gates of Dawn“. Only those who’ve read through the whole book appreciate what a weird chapter this is, because it has no place in the plot of the book […] the sheer intensitiy of the apperance of Pan is breathtaking, it’s one of the best representations of Pan as the loving lord and protector in literature of any time.

    Unter anderem. Ein echtes Fundstück.

  3. Ich lese gerade The Little Grey Men von B.B. (1942) und das gehört auch hierher: die drei letzten wilden Zwerge Englands („gnomes“) genießen ihr Leben am, genau, Fluss. Mit einem idyllischen ersten Frühlingstag am Wasser beginnt dann auch das Buch. — Später machen sich die drei auf die Suche nach der Quelle des Flusses und einem verloren gegangenen vierten Zwerg.

    Bedroht wird die Welt der gnomes, auch wenn das kein Hauptthema des Buches ist, durch die Welt der Menschen und der Technik. Die Wege werden geteert: „Beastly stuff, it kills the fish.“ Erinnerung an das Einpinseln von Schafen mit Schädlingstinktur: „The poison killed off several gnomes when they began it.“ (Allerdings benutzen die Zwerge sehr gerne Draht, Angelhaken oder Taschenmesser aus menschlicher Herstellung.)

    Das erinnert an die Idylle des Auenlands, in dem die Hobbits leben, und das auch ein idealisiertes England darstellt. Die Zwerge haben noch mehr mit den Hobbits gemein: „[He wore] no shoes or stockings … and as to their feet, if you had not worn boots or shoes since you were born, you would have no need of them either.“

    Nachtrag: Und auch Pan taucht in den Little Grey Men auf, erst als Ausruf „by the good god Pan“, „by the great god Pan“, dann sogar in Person. Er rächt die Tierwelt an den Menschen und passt in den Zusammenhang von Industrialisierung, Romantik und Paganismus, der in dem ausgezeichneten Podcast im ersten Kommentar oben erklärt wird. Der beste Pan-Auftritt bleibt aber der in Wind in the Willows. Dafür hat Little Grey Men folgende erstaunliche Erkenntnis anlässlich eines platzenden Gürtels nach einem Gelage: „As animals have practically no sense of humour nobody laughed or even noticed it.“ Ein angenehm nicht-anthropomorpher Zug an Tieren.

    Auch noch in die Liste idyllischer englischer Flussszenen, wenn auch mit Twist, gehört natürlich auch Watership Down, deutscher Titel: Unten am Fluss von Richard Adams.

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