Franz Kafka, Auf der Galerie

Sehr schöner Schultag heute. Vier Stunden, drei Klassen, alle haben mir Spaß gemacht, bei allen glaube ich, dass die Schüler etwas gelernt haben (aber das glaubt man ohnehin zu oft) – und zu jeder Stunde will ich etwas bloggen. Habe aber keine Zeit vor lauter Zeug, das ich machen will.

Deshalb nur kurz noch etwas von letzter Woche. Deutsch, 9. Klasse, zum Anwärmen und Kennenlernen: Wiederholung von Wortarten und Satzgliedern an folgender Kafka-Parabel als Beispiel.

Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das Halt! durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Orchesters.
Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausdrücken zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küsst und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Damit die Schüler aber nicht nur Grammatik mit der Parabel machen, sollten sie mir zeigen, dass sie auch auf irgendeiner anderen Ebene mit dem Text etwas anfangen konnten. Zeichnung, Pantomime, Umschreiben, irgend etwas. Ohne dass ich das groß auswerten würde. (Ich fühle mich gleich schuldig, weil Norberto42, glaube ich, gerne mal und völlig zurecht darauf hinweist, dass es wenig bringt, sich mit oberflächlichen Erkenntnissen von Schülern zufriedenzugeben. Entschuldige, Norbert, wenn ich dich falsch zitiere, aber du bist mir da ein Vorbild und Mahner. Aber Erkenntnisse waren noch gar nicht erfordert.)

Drei Variationen darauf:

Dann eine Umstellung:

Bevor ein junger Zirkusbesucher die vielen Stufen durch alle Reihen hinab rennen und in den mit Sägespäne bestreuten kreis stürmen würde und durch die Klänge des sich anpassenden Instrumentalchors stopp brüllen würde, würde eine, vom abschwächenden und wieder ansteigenden Applaus der Hände, die in Wirklichkeit maschinelle Klopfer sind, unterstützte, hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin, die zuvor monatelang im bestreuten Kreis, ohne Pause auf einem wackelndem Ross im Ringe von ihrem Seilherumschleudernden, gnadenlosen Boss, auf ihrem Gaul schwirrend Bussis schmeißend, in der Taille sich schaukelnd im Kreis gescheut würde – und wenn dieses Schauspiel unter dem nie endenden Getöse des Chors und der Propeller in die näher kommende und weiter sich aufgehende dunkle Zukunft fortführe, würde dies alles geschehen.

Und ein sachlicher Brief:

Unerträgliches Kunstreiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich, Michael Apelt, mir Gedanken gemacht habe über das unerträgliche Kunstreiten, bin ich zu folgenden Entschluss gekommen:
Man sollte das Kunstreiten unter unerträglichen Bedingungen verbieten.

Das folgende Beispiel begründet meine Behauptung.
Stellen Sie sich mal vor, wenn eine erschöpfte Kunstreiterin in der Manege auf einem schwankenden Pferd reiten müsste. Und das nur, weil ihr Chef dies so möchte. Dieser ist nur auf seinen Gewinn aus und möchte deshalb das Publikum beeindrucken. Aber das Publikum möchte immer mehr sehen und gibt sich nicht zufrieden. Nur deswegen schwingt der Chef der Manege die Peitsche und das monatelang ohne Unterbrechung. Die Kunstreiterin und ihr Pferd müssten dann rundherum im Kreise laufen; Küsse werfend; in der Taille liegend und das auf einem erschöpften Pferd. Dazu würde das Orchester spielen, das immer weiter – und ohne Pausen – spielen würde. Außerdem würde das Publikum Beifall klatschend dastehen und immer wieder etwas Neues sehen wollen.
All dies würde wahrscheinlich geschehen, wenn nicht ein einziger Besucher aus dem Publikum aufstehen würde und riefe: „Halt!“

Ich bitte Sie, das Kunstreiten unter solchen Bedingungen zu verbieten.

Danke im Voraus

Mit freundlichen Grüßen

M. Apelt

4 Antworten auf „Franz Kafka, Auf der Galerie“

  1. In diesem Zusammenhang: Ich finde es höchst bedauerlich, das solche Genies wie z.B. Charles Bukowski dem europäischen Kulturkreis vorenthalten blieben. Darum hatte ich mir überlegt seinen Geist in unsere Literatur zu integrieren. Erste Versuche können Sie dem o.a. Link entnehmen.
    Vielen Dank
    K.

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