Flüchtige Küsse, bildlich

Aus Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung:

Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, […] als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte.

Hinter dem Auslassungszeichen im Zitat kommen im Original noch vier weitere immer elaboriertere Vergleiche, alle innerhalb der gleichen Periode. Die Schüler kriegten den ganzen Ausschnitt zu lesen und mussten dann analoge Vergleiche finden, die sich in die Vorlage einfügen sollten. Hier sind ein paar davon:

So still und unauffällig wie ein Spion, der den Auftrag erhalten hatte, den mächtigsten Mann der Welt auszuspionieren und Daten zu stehlen, die strategischen Vorteil bringen in einem Krieg, der verloren scheint, aber es nicht ist, die aber in einer Kammer gelagert sind, die mit einer Alarmanlage gesichert ist, die auf zu hohe Lautstärken reagiert, aber nur mit einem Lip­penscan deaktiviert werden kann, um festzustellen, ob es kein Roboter ist, diesen Alarman­lagenscan durchführt, küsste er sie.

…so still und flüchtig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als wäre er der frei schwebende, von der Strömung getragene Tentakel einer Kompassqualle, die das zarte Bein eines jungen Mädchens streift, welche mit ihren Eltern den schon lang er­träumten Urlaub macht und sich gerade von den sanften Wellen der Ägäis in Richtung Küste treiben lässt, nach­dem sie zuvor aus Übereifer etwas zu weit aufs Meer hinaus ge­schwommen war…

…so leise, wie wenn ein Affe sich in den Bäumen so sachte, dass man nicht einmal den Wind in den Blättern hört, von Ast zu Ast hangelt um an der dösenden Schlange, die mit geschlossenen Augen in gerade diesem Baum hängt, in dem sich der Affe bewegt, die Mango zu rauben, um deren Saft, mit gespitzten Lippen aus zu schlürfen, küsste er sie, …

…so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als würde ein längst ausge­storbener Flugsaurier mit nahezu unscheinbaren Schwingen über ein einzelnes Blatt schweben, weder deutlich noch wahrnehmbar, während die trockene Luft zwischen den Bäumen eine Be­rührung gerade zu greifbar und dennoch nicht bestimmt erscheinen lassen und eben jene hauchdünne Konsistenz der Flügel, die ebenso ungewichtigen, vom Wind zurückgelassenen Blätter, an der Spitze der Bäume streifen, …

…so kurz und flüchtig küsste er sie, wie ein Ertrinkender, der nach seinem scheinbar endlo­sen Kampf im dunklen Blau des Meeres, das dazu auch noch erschreckend tief war, in ra­sender Ver­zweiflung, japsend und nach Luft ringend, seinen letzten, kurzen, flüchtigen, nur gering sauer­stoffhaltigen Atemzug tat und schlussendlich mit einem sachten Blubbern unterging…

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5 Thoughts to “Flüchtige Küsse, bildlich

  1. Und wenn’s dann aus dem Lateinischen sein soll, geht goahnix mehr … Muss ich „meinen“ mal vorlegen!

    wie eine Lehrperson, die an einer mündlichen Prüfung kaum hörbar noch die äussersten Kompetenzen der Lernenden zu beschwören sucht, wider alle Vernunft auf göttliche Eingebungen hoffend und zugleich auf das verräterische Rascheln unzulässiger Hilfsmittel lauschend, die geniale Fehlübersetzungen nicht zu verhindern wissen und deren Einsatz dank der sarkastischen und lauten Suada des Beisitzers in jedem Fall untergehen würde, jenes Beisitzers, dessen Prüfling sie vor mehr Jahren, als sie wahr haben wollte, ebenfalls gewesen war und der seinerseits wohl kaum je anderes als vergilbte Papyri geküsst hatte …
    herzlich a

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