Naomi Novik, Temeraire

novik_temeraire(Amerikanischer Originaltitel: His Majesty’s Dragon, deutscher Titel: Drachenbrut.)

Der Urvater der Geschichten um einen Jungen und seinen Drachen ist wohl “The Reluctant Dragon” von Kenneth Grahame (1898), den ich zuerst als Disneyverfilmung (1941) kennengelernt habe.
Als ich jung war, hieß “Drachen und ihre Reiter” vor allem: die Romanserie um die Drachenreiter von Pern von Anne McCaffrey. Ein Buch davon hatte ich mal gelesen, war mir sehr fremd geblieben, was rückblickend eher für das Buch spricht.
Vor zehn Jahren tauchten die Eragon-Romane auf, sehr populär in manchen Kreisen, ich habe nie reingeschaut. Eher nichts für mich. Darin geht es jeweils auch um Drachen und ihre Reiter.

Ein paar Jahre später gab es dann die Temeraire-Reihe von Naomi Novik, deutsch: Die Feuerreiter Seiner Majestät. Verschiedene Leute hatten mir davon erzählt, so dass ich jetzt das erste Buch gelesen habe:

Anfang des 19. Jahrhunderts wird England von den französischen Truppen unter Napoleon bedroht. Admiral Nelson schlägt sich tapfer, siegt bei Trafalgar über die französische Flotte – wenn da nur nicht die zahlenmäßig weit überlegenen französischen Luftstreitkräfte wären: In dieser Welt gibt es Drachen, die – mindestens seit den Kreuzzügen – auch im Krieg eingesetzt werden.
Es gibt viele verschiedene Arten von Drachen, die auch von Menschen gezüchtet werden. Kleine werden als schnelle Transportmittel für Kuriere eingesetzt, mittlere greifen gegnerische Schiffe oder Drachen unmittelbar an, die großen haben eine ganze Besatzung von Scharfschützen und Bombern.
Drachen sind sprachbegabt und intelligent, manche sehr, andere weniger. Wenn sie frisch aus dem Ei schlüpfen, kommt es in der Regel zu einer Prägung auf einen der ersten Menschen, der ihnen begegnet.

Hauptperson des Romans ist Captain Laurence, zufriedener und erfolgreicher Marinekapitän, der unverhofft zum Partner eines frisch geschlüpften Drachen wird. Das heißt, er muss die Marine verlassen, seine bisherige Karriere völlig aufgeben und Teil der königlichen Luftwaffe werden. Denn aufgrund des besonderen Verhältnisses zwischen einem Drachen und seinem Menschen leben die Menschen außerhalb der Konventionen der englischen Gesellschaft, wie man sie etwa aus Jane Austen kennt.
Die Luftwaffe ist dann auch wesentlich lockerer als die Marine, die Laurence gewohnt ist. Es ist amüsant zu lesen, wie sich Laurence erst anpassen muss, zumal es in der Lufwaffe auch Frauen gibt. Die Öffentlichkeit ahnt nichts davon, aber was soll man machen – Drachen sind rar und Drachenreiter wertvoll, und manche Drachen suchen sich nur Frauen aus.

Laut Danksagung hat die Autorin versucht, anachronistische Wörter zu vermeiden; aufgefallen ist mir nur “strafing”, das Beschießen von Personen auf dem Boden von auf einem Flugzeug montierten Schusswaffen aus. Das Wort stammt aus dem ersten Weltkrieg und kommt von “Gott strafe England”, einem – deutschen – Schlachtruf aus dem Ersten Weltkrieg. Aber gut, irgendein Wort für diese Praxis muss es auch in der Drachenreiterwelt geben.

Ich mag ja militärische Abenteurromane, die zu dieser Zeit spielen – die Aubrey/Maturin-Serie, etwas später Flashman von George Macdonald Fraser, nicht ganz so unterhaltsam Edwin Thomas, die Hornblower-Serie.

Temeraire hat all das, und dann auch noch Drachen. In späteren Bänden wird noch mehr das Verhältnis zwischen Menschen und Drachen erschlossen. Im Moment sind sie so ein bisschen wie die Hauselfen bei Harry Potter, nur größer und intelligenter, aber ihrem Menschen ebenso treu ergeben. Interessant verspricht auch die Rolle der unabhängigen Frauen zu werden, die als Drachenreiter sehr selbstständig und selbstbewusst mit den Männern leben, deren Existenz aber vor dem Rest Englands geheim gehalten werden muss. Überhaupt haben die Drachenreiter einen schlechten Ruf, stehen ganz am Rand der englischen Gesellschaft.

Ja, und dann ist da dieses komische Verhältnis zwischen Drache und Mensch, zwischen Captain Laurence und Temeraire. Das hatte mir von Anfang etwas keusch Eskapistisches, das ich sonst nur von Geschichten um Mädchen und ihre Einhörner kannte. Eine Liebesbeziehung ohne Sex. Dass Laurence Temeraire häufig mit “My dear” anspricht, ist historisch wohl auch unter Männern korrekt, und doch… Die beiden erfreuen sich an gemeinsamen Bädern (S. 62), Drachen mögen Schmuck, und Temeraire freut sich riesig über das Schmuckstück, das Laurence ihm kaumt (S. 56) und will es nicht hergeben (S. 73). Als Laurence in Kapitel 4 in sein Elternhaus kommt und den Eltern offenbart, dass er jetzt Drachenreiter ist, reagiert der Vater wie bei einer unstandesgemäßen Heirat und verweist ihn quasi des Hauses. Die Mutter ist etwas versöhnlicher und will nur wissen, ob er glücklich ist:

But she still looked at him anxiously, and there was a silent question in her eyes.
“Yes,” he said, trying to answer it. “I count myself very fortunate, I promise you.” (S. 106)

Die Mutter ermahnt Temeraire, gut auf ihn aufzupassen, was der Drache auch verspricht – unklar ist ein bisschen, ob er eher Schwiegersohn oder Schwiegertochter ist.

Ein anderer Drachenreiter – allerdings von den Kollegen verachtet, weil er seinen Drachen schlecht behandelt – gibt Laurence den Tipp, besorgte Drachen mit Schmuck zu beruhigen, die seien “just like a temperamental mistress” (S. 160). Laurence muss sich an anderer Stelle zusammenreißen (S. 256), um nicht so stolz von seinem Drachen zu erzählen wie einer dieser Männer “who could not stop talking of the beauty of their mistress.”

Ein wenig weniger keusch wird es, als Temeraire in die Pubertät kommt und Laurence ihm die frisch gewachsenen Barthaare streichelt, wohl eine erogene Zone bei Drachen (S. 206).

- Die wunderbaren TV Tropes zu Temeraire zählen viele Topoi auf, die im Buch auftauchen, etwa: A Boy and His X, Action Girl, Changeling Fantasy, Dragon Rider, Egg McGuffin, und viele weitere. Unter anderem auch Ascended Fanon: wenn Fanfic als eigenständiges Werk veröffentlicht. Anscheinend hat Temeraire als Fanfic zur Serie um Aubrey & Maturin von Patrick O’Brian begonnen, so wie Fifty Shades of Grey als Twilight-Fanfic begonnen hat.

Fazit: Ich hätte gerne noch etwas mehr Marine oder Militär und bin gespannt, was aus dem Verhältnis zu den Drachen noch alles wird. Vergnügliche Lektüre.

4 Antworten auf „Naomi Novik, Temeraire“

  1. Oh, danke, das klingt fein. Ein gut erdachtes Paralleluniversum ist immer verlockend.

  2. Oh, dieses Buch habe ich auch verschlungen und fand es aus ganz genau den gleichen Gründen so toll. Die anderen Bände habe ich aber auch noch nicht geschafft. Ich bin darauf gekommen, weil ich mir in Vertretungsstunden, in denen die Kinder Aufgaben haben, immer Bücher von denen ausleihe und sie in der Stunde anlese. Fantasy ist bei den Jugendlichen ganz oben auf der Liste. Von den Eragon Büchern habe ich das erste gelesen und es hat mir überhaupt nicht gefallen. Total vorhersehbar und langweilig.
    Ich habe als Jugendliche allerdings auch die Hornblower Romane verschlungen und sie haben mich so fasziniert, dass ich irgendwann den Knall hatte, Schiffartskapitänin zu werden, allerdings schnell realisiert habe, dass das doch nicht das Richtige ist.

  3. Also bei Eragon hast du nichts verpasst. Nur was für Teenies. Vorhersehbar und sehr egozentrisch. Langweiliger Schreibstil, finde ich.
    Hornblower hat mir mein Freund gerade angedeihen lassen, boah, ist das klasse!
    Ich lese gerade übrigens das komplette Material für die Hugo-Awards, die Science Fiction Literatur Awards, die einmal jährlich bei der World Con vergeben werden. Da haben sie alle Romane, Novellen und Kurzgeschichten als Ebooks für die angemeldeten rausgegeben. Damit man dann auch sinnvol wählen kann. Sehr cool.
    Und wenn du das Militär-Genre auch in Sci-Fi magst, wirst du garantiert die Vorkosigan Saga lieben. Zig Bände, superintelligente Charaktere mit toller Charakterentwicklung, spannende Story, witzig und manchmal sehr intensiv.

  4. Science Fiction mag ich theoretisch sehr, praktisch aber nur noch in kleinen Dosen. Die Hugo-Nominationen lesen: Respekt. Ich habe nur am Rande ein bisschen was mitgekriegt um Streit bei den Nominierungsmodalitäten und speziell einen Autor. Ich lese nicht mal mehr meine Hefte vomn SFCD (Science Fiction Club Deutschland), wo ich seit Urzeiten Mitglied bin.

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