Edwin Thomas, The Blighted Cliffs

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Den Klappentext zieren stolz Pressestimmen: “At last, the nautical Flashman”. Ein anderer Rezensent meint: ““Will fill the gaping hole stoved in the timbers of the sea-saga genre by the sad death of Patrick O’Brian.”
Und das ganze heißt: “Book one of the reluctant adventures of Lieutenant Martin Jerrold”, und vorne ist ein lustig gezeichnetet Marineoffizier.

Hm.

Für all das kann der Autor nichts. Mich stört, wenn ein relativ frisch erschienener Roman (er kam im Jahr 2003 heraus) sich gleich als “Book One” präsentiert. Der zweite Roman ist bereits als Hardcover erschienen. Mich stört, wenn der Held gleich gar so launig ausschaut.
Und die Vergleiche hinken auch: Von Patrick O’Brian habe ich zwar nur ein Buch gelesen, aber das war wesentlich detailreicher und nautischer, sofern ich das als völliger Laie sagen darf, als dieses hier. Und mein verehrter Flashman ist tatsächlich ein widerstrebender Held, und tatsächlich ein Feigling und Lüstling. Außerdem sind dessen Abenteuer als Memoiren geschrieben, und das Erzähler-Ich ist interessant: Es blickt am Ende eines langen Lebens zurück; der Zynismus ist durch die abgeklärte Weisheit des Alters gemildert; es durchschaut das Spiel von Geschichte, Geschichtsschreibung, öffentlicher Meinung und Reputation.

Martin Jerrold, der Anti-Held dieses Romans, gibt lediglich vor, all das zu sein. Der Erzähler ist ebenfalls ein Ich-Erzähler, allerdings aus keiner nennenswerten zeitlichen oder räumlichen oder charakterlichen Distanz. Er wacht zu Beginn des ersten Buches auf und klagt rückblickend, dass all das Folgende nicht geschehen wäre, hätte er mehr getrunken. In Flashmans erstem Abenteuer deutet dieser den Bericht über seinen Rausschmiss wegen Trunkenheit aus der public school (noch in Thomas Hughes’ Bildungsroman Tom Brown’s Schooldays) als rufschädigende Verleumdung: Er habe keineswegs Bier und verschiedene Schnäpse durcheinander getrunken; schon als Schüler sei er klüger gewesen, als sich so dilettantisch zu betrinken. Ob man ihm glaubt, sei dahingestellt – aber wenigstens nimmt Harry Flashman seine Laster ernst. Martin Jerrold dagegen kann nach vier Fünfteln des Buches noch immer keine Bettgeschichte vorweisen (und auch dann nur mit einer einzigen Dame). Besonders feige ist er auch nicht. Einmal meint er, dass wenigstens das Glücksspiel nicht zu seinen Lastern gehört. Aber sonst hat er auch keine. Seinen schlechten Ruf scheint er zu unrecht zu haben; ganz wichtig für seine Biographie ist, dass er die Schlacht von Trafalgar größtenteils verpasst hat – aber auch das durch einen unglücklichen Zufall und nicht aus Feigheit. Flashman hat seinen guten Ruf zu unrecht; Jerrold den schlechten zu unrecht.

Ansonsten ist das Buch vergnüglich. Aber mehr nicht.

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