Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales

Als ich in der 11. Klasse war, hielt unser damaliger Englisch-Referendar Peter Ringeisen eine Stunde zu Geoffrey Chaucer. Eigentlich war es nur eine halbe Stunde: Ich habe gerade das Arbeitsblatt von damals herausgekramt; die linke Hälfte ist altenglisch, die rechte der Anfang eines mittelenglischen Chaucer-Textes, den ich heute noch auswendig kann. Das muss mich damals sehr beeindruckt haben.

Ich hab dann auch später sowohl im Englisch- als auch im Deutsch-LK jeweils eine Stunde zu Chaucer gehalten, unter anderem mit den weiter unten stehenden Texten.

chaucer

Geoffrey Chaucer lebte von etwa 1340-1400 in England. Er arbeitete am Hof, war Page und beim Militär, machte Karriere als Beamter. Außerdem war er Dichter, und sein Hauptwerk sind die Canterbury Tales.

Die Rahmenhandlung der Canterbury Tales erzählt, wie eine Pilgergruppe von London aus nach Canterbury aufbricht. Die Reisenden treffen sich in einer (historisch belegten) Wirtschaft und sind so begeistert, dass der Wirt und der Erzähler Chaucer gleich mitkommen. Neben ihnen gibt es Nonnen, Ritter, Handwerker aller Art, Priester. Auf dem Weg erzählen sie sich in einer Art Wettbewerb gegenseitig Geschichten, und diese Geschichten bilden eben die Canterbury Tales. Chaucer befindet sich damit in bester Novellen-Tradition.

Vor jeder Geschichte gibt es den von Chaucer erzählten Prolog des jeweiligen Geschichtenerzählers. Interessant sind nämlich nicht nur die Geschichten (lustige, traurige, dramatische Erzählungen), sondern auch die Erzähler, und der Grund, warum sie jeweils diese Geschichte erzählen (als Reaktion auf andere Geschichten, um bestimmte Mitreisende zu ärgern).

Chaucer ist der älteste englische Dichter, den man als Muttersprachler heute noch einigermaßen und mit viel gutem Willen lesen kann. „Mittelenglisch“ nennt man das, was damals gesprochen wurde; in der Schreibung ist das dem heutigen Englisch ziemlich ähnlich, es wurde nur anders ausgesprochen: Vereinfacht gesagt, jeder Buchstabe, der geschrieben wurde (und heute noch geschrieben wird), wurde auch als Laut ausgesprochen
Vor dem Mittelenglischen gab es das Altenglische, noch ohne französischen Einfluss, also rein Angelsächsisch. Als 1066 die Normannen England eroberten, brachten sie viele nordfranzösische Wörter mit, die sich nach und nach mit dem Altenglischen vermischten und zum Mittelenglischen führten. „Neuenglisch“ ist das, was heute (und seit etlichen hundert Jahren) gesprochen wird.

„The Miller’s Tale“ ist eine der besten Geschichten aus den Canterbury Tales. Schon in der 12. Klasse hatte ich mir eine neuenglische Übersetzung von Chaucer gekauft und diese Erzählung gelesen: Vermutlich hauptsächlich deshalb, um „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum besser zu verstehen. Ein geniales Lied mit rätselhaftem Text. Unter anderem heißt es:

And so it was that later
As the miller told his tale
That her face, at first just ghostly
Turned a whiter shade of pale.

Leider hat mir Chaucer dabei auch nicht weitergeholfen. (Ebensowenig wie die Tatsache, dass mein Songbook damals die Zeile als „as the mirror told his tale“ wiedergab. Überhaupt wird sich bei diesem Lied gerne verhört, wie man bei misheard lyrics nachschlagen kann.)

In „The Miller’s Tale“ geht es um einen alten Tischlermeister (carpenter) mit einer deutlich jüngeren Frau, Alisoun. Die fängt mit dem Untermieter Nicholas, einem Studenten, ein Verhältnis an. Um vom Tischler nicht gestört zu werden, reden sie ihm ein, dass eine zweite Flut (wie die von Noah) droht, und dass er sich in seine Tröge innen unter das Dach hängen soll. Wenn die Flut komme und das Wasser das obere Stockwerk erreicht habe, brauche er dann nur die Seile durchzuschneiden und er und seine Frau könnten in den zu Booten umfunktionierten Trögen davonfahren. Natürlich schläft der brave Mann ein und Alisoun stiehlt sich zu Nicholas.
Absolon ist ein Mann aus dem Dorf, der ebenfalls mit Alisoun etwas anfangen möchte. Er will bei Alisoun fensterln, die ist aber schon mit Nicholas beschäftigt. Sie versprichst Absolon einen Kuss, streckt ihm aber nur ihren Hintern aus dem Fenster, den Absolon in der Dunkelheit küsst.


Ersten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

The wyndow she undoth, and that in haste.
„Have do,“ quod she, „com of, and speed the faste,
Lest that oure neighebores thee espie.“

This Absolon gan wype his mouth ful drie.
Derk was the nyght as pich, or as the cole,
And at the wyndow out she putte hir hole,
And Absolon, hym fil no bet ne wers,
But with his mouth he kiste hir naked ers
Ful savourly, er he were war of this.

Abak he stirte, and thoughte it was amys,
For wel he wiste a womman hath no berd.
He felte a thyng al rough and long yherd,
And seyde, „Fy! allas! what have I do?“

„Tehee!“ quod she, and clapte the wyndow to,
And Absolon gooth forth a sory pas.

„A berd! a berd!“ quod hende Nicholas,
„By Goddes corpus, this goth faire and weel.“

Ich liebe vor allem Alisouns „Tehee“. Weiter: Absolon holt sich wutentbrannt vom Dorfschmied eine noch heiße Pflugschar („kultour“) und bittet dann wieder bei Alisoun am Fenster um einen weiteren Kuss, will sich aber eigentlich nur rächen. Er bietet ihr einen Ring als Geschenk an. Der Student Nicholas will Absolon noch mehr – hier passt: verarschen – und steckt seinen eigenes Hinterteil heraus. Und lässt einen fahren. In diesem Moment rammt Absolon die heiße Pflugschar nach oben. Nicholas schreit nach Wasser. Der Tischler wacht durch das Geschrei auf, hört die Rufe nach „Wasser! Wasser!“ und denkt, die Flut ist da. Also schneidet er die Seile durch und kracht mit seinem Trog ein Stockwerk nach unten auf den Boden. Die Nachbarn kommen zusammengelaufen, Chaos und Verwirrung überall.
Perfektes Timing.


Zweiten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

„Why, nay,“ quod he, „God woot, my sweete leef,
I am thyn Absolon, my deerelyng.
Of gold,“ quod he, „I have thee broght a ryng.
My mooder yaf it me, so God me save;
Ful fyn it is, and therto wel ygrave.
This wol I yeve thee, if thou me kisse.“

This Nicholas was risen for to pisse,
And thoughte he wolde amenden al the jape;
He sholde kisse his ers er that he scape.
And up the wyndowe dide he hastily,
And out his ers he putteth pryvely
Over the buttok, to the haunche-bon;
And therwith spak this clerk, this Absolon,
„Spek, sweete bryd, I noot nat where thou art.“

This Nicholas anon leet fle a fart,
As greet as it had been a thonder-dent,
That with the strook he was almoost yblent;
And he was redy with his iren hoot,
And Nicholas amydde the ers he smoot.

Of gooth the skyn an hande-brede aboute,
The hoote kultour brende so his toute,
And for the smert he wende for to dye.
As he were wood, for wo he gan to crye,
„Help! water! water! help, for Goddes herte!“

This carpenter out of his slomber sterte,
And herde oon crien „water“ as he were wood,
And thoughte, „Allas, now comth Nowelis flood!“
He sit hym up withouten wordes mo,
And with his ax he smoot the corde atwo.
And doun gooth al; he foond neither to selle
Ne breed ne ale, til he cam to the celle
Upon the floor, and ther aswowne he lay.

Weil ich’s auch noch mit aufgenommen habe: Hier der berühmte Anfang der Rahmenhandlung der Canterbury Tales. Wie auch für die Aufnahmen oben gilt: Mein Mittelenglisch ist etwas rostig. Immer wieder setzt sich doch die gewohnte neuenglische Aussprache durch. Und auch die verschiedenen langen e- und o-Laute (offen bzw. geschlossen) halte ich nicht immer sauber getrennt.

Whan that aprill with his shoures soote
The droghte of march hath perced to the roote,
And bathed every veyne in swich licour
Of which vertu engendred is the flour;
Whan zephirus eek with his sweete breeth
Inspired hath in every holt and heeth
Tendre croppes, and the yonge sonne
Hath in the ram his halve cours yronne,
And smale foweles maken melodye,
That slepen al the nyght with open ye
(so priketh hem nature in hir corages);
Thanne longen folk to goon on pilgrimages,
And palmeres for to seken straunge strondes,
To ferne halwes, kowthe in sondry londes;
And specially from every shires ende
Of engelond to caunterbury they wende,
The hooly blisful martir for to seke,
That hem hath holpen whan that they were seeke.

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20 Thoughts to “Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales

  1. Mit großem Vergnügen habe ich mir zwei der MP3-Dateien angehört … und mich an die besagte 11. Klasse erinnert.
    Thanks a lot for remembering (and mentioning) this experience we share :-)

  2. Ich bin prinzipiell nur durch Zufall auf Geoffrey Chaucer gestoßen, bin darüber jedoch höchst erfreut, denn ich selbst schreibe auch sehr gerne und habe somit größte Bewunderung in diesem Mann gefunden ^^
    Noch nie habe ich einen Text Chaucers so herausragend zu hören bekommen (klar, wie denn auch!) und nun kann ich garnicht genug davon bekommen!
    Ich würde was drum geben noch mehr über Geoffrey und seine Texte in Erfahrung bringen zu können, denn ich denke, meinen Meister gefunden zu haben *freu*

  3. Na, dann viel Spaß damit! Ich habe zwei (mittelenglische) Aufnahmen auf Kassette, die eine von einem Schauspieler gelesen, mit viel Ausdruck und vielen sprachlichen Kompromissen, und eine von einer Sprachwissenschaftlerin, sehr korrekt, aber sehr wenig lebendig.

  4. You recite it beautifully and with such ease. I find Chaucer hard to read so this helps me greatly, thankyou. :)

  5. I was wondering if it is possible to use the mp3 of Chucer’s pologue on our web site? Who do I contact for permission?

  6. Wirklich ein großes Vergnügen für Freunde des Mittelenglischen. Da ich nicht vom philologischen, sondern vom kunsthistorischen Fach bin, darf ich wohl die laienhafte Frage stellen, wie sich denn Geoffrey nun ausspricht – tatsächlich wie das amerikanische Jeffrey? Jeffrey Chaucer? Oder gibt es für das Altenglische andere Ausspracheregeln?
    Schön wäre übrigens, wenn man den Text während des Hörens verfolgen könnte!

  7. Heute spricht sich der Geoffrey genau wie der Jeffrey aus. (Auch wenn das hierzulande nicht viele wissen. Uwe K. führt das auf die deutsche Synchronisation von Catweazle zurück, die meine Generation schon früh verdorben hat.)
    Mittelenglisch… he, gute Frage. Weiß ich nicht.
    Währen des Hörens verfolgen: Also quasi wie beim Karaoke? Hm… gibt’s ein Karaoke-Plugin fpr WordPress…. das wäre lustig… mal sehen.

    Ich glaube, ich lese bald mal wieder etwas Chaucer. Mit besserer Tonqualität und noch mehr Schwung. Das macht Spaß und die Konkurrenz ist auch nicht so groß.

  8. he ich habe da mal eine sehr wichtige Frage! Ich bin gerade in den USA und muss einen Bericht daruber schreiben, wie die Canterbury Tales die Litaratur beeinflusst haben und warum sie so wichtig sind, konnte mir da mal jemand ein Tipp geben, das ware echt super
    Danke schon mal im Vorraus

  9. Ich verbringe gerade mein austauschjahr in den usa. in meinem englisch 4 cours lesen wir gerade the canterbury tales.und ich muss morgen ein charakterisierung in der ich person ueber den lawyer halten………allerdings habe ich noch einige probleme die geschichte /den text zu verstehn und deswegen wollte ich fragen ob vielleicht irgendjemand eine uebersetzung davon hat oder zumindest mir eine internet seite geben kann!!!!!!.
    waere sehr dankbar darueber!!!!!!!!!!!!
    liebe gruesse
    vanessa

  10. I thank thee from depe withynne my hearte. Verily, I here this with greete joye.

    (Ach, kriegten die Schreiber des Thor-Comics das hath und dost auch nur immer so gut hin.)

  11. @Sabine: Mich hat es erstaunt, dass solche Fehler sogar bei Schauspielern vorkommen, denen ich es zugetraut hätte, sowas im Griff zu haben. Ich habe mit meinem LK gerade „The Taming of the Shrew“ gelesen; die Zeffirelli-Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, die wir begleitend dazu angesehen haben, ist insgesamt ein opulentes Ding, aber es kommen doch einige wenige seltsame Fehler vor, z. B. ein „Thou dost liest“ (aua) oder „extempore“ so ausgesprochen, als ob es sich mit „shore“ reimte.

  12. Ich fahre in zwei Wochen mit zwei meiner Englischklassen nach Canterbury und bis soeben zufällig auf Ihre Seite gelangt,- so was von toll, eine Freude! DANKE.

  13. Gern geschehen, freut mich. Ich habe schon lange nicht mehr an diesen Beitag gedacht. 2004, da hat man noch gewarnt, bevor das Laden von 800 KB großen Dateien begann.

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