An was ich mich noch aus meiner Schulzeit erinnere

Manche Szenen meiner Schulzeit habe ich noch gut in Erinnerung. Viele haben mit Mitschülern zu tun, aber etliche betreffen die Interaktion mit Lehrern. An folgende davon kann ich mich noch gut erinnern:

5. Klasse:

  • Herr W. bringt uns bei, was englisches Frühstück ist (Speck, Schinken, Ei, Tomate, Bohnen) und behauptet, es sei grässlich, so etwas am Morgen zu essen. Ich wusste schon damals, dass er irrte.
  • Ältliche Biologielehrerin zieht an den Ohren. Hat keinen groß gestört, obwohl wir darüber aufgeklärt waren, dass sie das nicht durfte.

6. Klasse:

  • Ein Lehrer – Sport und Mathe, blond, stets gut gelaunt, keiner meiner Favoriten – macht mit dem Kugelschreiber einen Kringel in meine Zeichnung, an der ich während des Unterrichts arbeite. (Es gab mehrere Ordner voller Zeichnungen, alles Raumschiffe. Leider nicht erhalten.) Der Kringel wird später zu einem Scheinwerfer umgeformt. Trotzdem ärgerlich.
  • Verweis in Bio gekriegt wegen Schwätzen. Ungerechtfertigt, aber als Exempel für die Klasse verständlich. Es ging um Wirbeltiere.

9. Klasse:

  • Im Englischunterricht gehört: Bob Seger and the Silver Bullet Band, Still the Same und Bruce Springsteen, Darkness on the Edge of Town.
  • Kurzgeschichte im Deutschunterricht: Ich weiß nur noch, dass ich als einziger erkannt habe, dass die Zeitungsausschnitte, die am Spiegel der Frau klebten, bildlich zu verstehen waren. Ob ich gelobt worden bin, weiß ich nicht, aber ich habe das als Leistung empfunden. Weiß jemand, was das für eine Geschichte gewesen sein könnte?

11. Klasse

  • Deutschlehrer Herr N. kommt rein, schreit uns erst mal an. Demonstriert uns dann, wie unfähig wir sind, einfachen Anweisungen zu folgen: Jeder soll einen Zettel herausnehmen, links oben den Vornamen, rechts oben den Nachnamen hinschreiben, ähnlich einfache Anweisungen folgen. Danach hat die Hälfte der Schüler irgend etwas falsch gemacht. Hat uns schwer beeindruckt. Alle lieben ihn.
  • Gleicher Lehrer erzählt Anekdoten aus dem zweiten Weltkrieg. Zieht sein Bein etwas nach. Nur die Hälfte der Anekdoten kann wahr sein, wir wissen es, er weiß, dass wir das wissen. Wir wissen aber nicht, welche.
  • Englischunterricht bei rip. Zum Beispiel Chaucer. Aber auch Gedichte von Mervyn Peake und viele Lieder von Billy Joel.

12. und 13. Klasse:

  • Chemielehrer ermahnt mich, nicht so müde auf der Bank zu liegen. Fragt mich nächste Stunde aus. 12 Punkte gekriegt. Ha!
  • Englisch-Leistungskurs: Lehrer geht davon aus, wir würden Shelley nicht kennen. Schüler protestieren. Lehrer verlangt zum Beweis seinen zweiten Vornamen. Zwei Schüler im LK kennen ihn. Ein ähnliches Ergebnis würde mich bei aktuellen Leistungskursen überraschen.
  • Gleicher Lehrer behauptet, Kaufhausmusik würde „Bozart“ heißen. Ich korrigiere ihn, er meine „Muzak“. Schon damals Klugscheißer.
  • Gleicher Lehrer erwähnt nebenbei Autoren und Titel. Ich schreibe sie mit und lese sie nach und nach. Puckoon von Spike Milligan zum Beispiel. Einer seiner Vorschläge für seine Facharbeit: Lost Horizon von meinem geliebten James Hilton, Gründe für den großen Erfolg des Romans in den frühen 30er Jahren. Das Buch kannte ich vom Hörensagen schon vorher, aber das war wohl der Anlass, dass ich es mir kaufte.
  • Deutsch-Leistungskurs: Lehrerin thematisiert Kitsch. Bringt zwei Texte mit, einen literarisch wertvollen, einen verkitschten. (Quelle, ergoogelt.) Wir sollen herausfinden, welcher Text Kitsch ist, welcher nicht. Bin der erste, vielleicht einzige, der antwortet. Tippe allerdings auf den falschen Text. Das geht mir seitdem nicht aus dem Kopf: Kitsch liegt mir, deutsche Literatur ist mir suspekt, vielleicht verdorben durch Science Fiction, vielleicht sind die Kriterien auch nicht sinnvoll. Sollte ich mal mit Schülern ausprobieren.
  • Kunstunterricht: Kunstlehrer hat Videokassette dabei, die ihm ein anderer Schüler gegeben hat. „Irgendein Western,“ erklärt er uns. Vermutlich ist er auf die Idee gekommen, weil der Film das Wort „Kentucky“ im Namen hatte. Als der Film begann, war da kein Western, sondern… anderes. Bei „katholische Schulmädchen in Not“ spult er hastig vor, in Erwartung des eigentlichen Films später auf dem Band. Als er Play drückt, lautet der nächste Satz „Willkommen in der wunderbaren Welt des Sex“. Spult sofort weiter vor. Wir klären ihn auf, dass es sich bei „Kentucky Fried Movie“ um eine Komödie und keinen Pornofilm handelt; er ist beruhigt. Kriegt trotzdem Schwierigkeiten mit Eltern und Vorgesetzten, eher wegen der Zombiefilme und wegen „Die Klasse von 1984“.

Ich hatte eine schöne Schulzeit, habe die Schule aber auch sehr gerne und ganz unsentimental verlassen. Ans Abitur kann ich mich kaum erinnern; es lief sehr gut, aber das weiß ich nur noch aufgrund der Noten. Meinem sehr wortkarg geführten Tagebuch entnehme ich, dass ich in der Kollegstufe gelegentlich nicht zum Unterricht erschienen bin, sondern Kaffee getrunken habe. Mantel des Schweigens.
Ich war zuverlässig, schwätzte wohl viel, beteiligte mich gelegentlich am Unterricht (vor allem aus Mitleid, wenn sonst keiner wollte), kriegte so ziemlich alles vom Unterricht mit und hatte demnach zu Hause nicht viel zu tun. Es gab sehr wenig Gruppenarbeit, sehr gelegentlich Rollenspiel, das ich stets als unangenehm empfand. Mangel an Gewohnheit.
Im Lehrerzimmer war ich zum ersten Mal nach meiner Schulzeit; ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas an der Lehrerzimmertür von einem Lehrer wollte. In der Schulbibliothek war ich ein einziges Mal, im Sprachlabor ebenso. Im großen und ganzen lief der Unterricht in Form von Lehrer-Schüler-Gespräch ab.

Vermutlich hätte ich von anderen Schul- und Unterrichtsformen auch profitieren können. Aber für mich war diese Art Unterricht effektiv und goldrichtig: Lehrer stellt sich hin, sagt was, ich merke es mir, rede mit ihm darüber. Passe im Unterricht auf, schaue am Anfang der Stunde kurz ins Heft.
Es gibt auch heute in jeder meiner Klassen Schüler, für die diese Art des Unterrichts effektiv und goldrichtig ist. Der Ruf nach neuen Formen des Unterrichts hat weniger damit zu tun, dass die alten Formen schlechter sind, als damit, dass man damit vielleicht mehr Schüler erreicht.

8 Antworten auf „An was ich mich noch aus meiner Schulzeit erinnere“

  1. > Rollenspiel, das ich stets als unangenehm empfand. Mangel an Gewohnheit.

    Mag sein. Man sollte aber auch akzeptieren, dass es eine ganze Menge Schüler gibt für die es einfach der Horror ist, vor den anderen grienenden Affen irgendwas „spielen“ zu müssen. Rollenspiel mutiert schnell zu Sadismus, wenn man die Schüler dazu zwingt.

  2. > Der Ruf nach neuen Formen des Unterrichts hat weniger damit zu tun, dass die alten Formen >schlechter sind, als damit, dass man damit vielleicht mehr Schüler erreicht.

    Also wenn man mit einer Methode mehr erreicht, dann ist sie besser. Meist – so vermute ich doch- erreicht man nur andere. Tja, was ist dann besser?

  3. „Kunstunterricht: Kunstlehrer hat Videokassette dabei, die ihm ein anderer Schüler gegeben hat. “Irgendein Western,” erklärt er uns. Vermutlich ist er auf…“
    Begann der Nachname des Herrn mit O.? Grüße, Bernhard.

  4. Herr Rau: „Der Ruf nach neuen Formen des Unterrichts hat weniger damit zu tun, dass die alten Formen schlechter sind, als damit, dass man damit vielleicht mehr Schüler erreicht.“
    StS: „Meist – so vermute ich doch- erreicht man nur andere. Tja, was ist dann besser?“

    Meine Meinung: Methodenwechsel und – wenn man es kann – Lernen durch Lehren, d.h. vom Lehrer angeleiteter Unterricht durch Schüler mit viel Methodenwechsel. Wenn Herr Rau schon damals unterrichtet hätte, hätte seine Klassenkameraden vermutlich bei ihm selbstverständlicher zurückgefragt, wenn sie etwas nicht verstanden, als beim Lehrer.
    Aber das ist nur eine Vermutung von mir.

  5. Rollenspiel setzt schon sehr, sehr viel Vertrauen voraus – wundert mich nicht, dass das generell nur selten ankommt.

    Zu den Methoden: die haben alle ihren Sinn und ihre Berechtigung, das Problem ist aber die Einseitigkeit.

  6. @Herr Rau: Deine Erinnerung beweist (denke ich), dass der Lehrer dem Schüler auch nur das beibringen kann, was ihn interessiert. Ich weiß nicht, ob das eine nachvollziehbare Formulierung ist; aber ich nehme an, es muss ein Grundinteresse beim Schüler da sein, damit eine wirklich dauerhafte Erfahrung entsteht, an die man sich auch Jahre später noch erinnert. Wenn man deine Mitschüler fragen würde – ich vermute, die Mehrheit würde sich an gar nichts erinnern, wahrscheinlich nicht einmal an mich.

    @apanat: Ich versuche gerade, mir vorzustellen, wie meine Seminarlehrer damals reagiert hätten, wenn ich in Herrn Raus Klasse LdL versucht hätte. Bin mir nicht sicher, wie das angekommen wäre. Aber in dieser Klasse hatte ich keine Lehrprobe (sondern in einer 7. Kl. in Deutsch; Mörikes „Feuerreiter“ – den Kindern hat’s gefallen, der Prüfungskommission eher mittelmäßig).

  7. – Rollenspiel: Als Schüler war’s mir unangenehm, kam aber auch nur selten vor. (Dabei war ich privat Fantasy-Rollenspieler, und an der Theatergruppe an der Uni habe ich improvisieren geübt – heute kann ich sofort in eine Rolle steigen, jedenfalls in einem Rollenspiel-Kontext. In echten gesellschaftlichen Situationen fällt mir das schwerer.)
    Im Referendariat war ich dann überrascht, wie viel Rollenspiel eingesetzt wurde, und dass die Schüler damit keine Probleme hatten. Auch heute mache ich das in der Unterstufe oft, das kommt gar nicht so schlecht an. Dabei vergesse ich hoffentlich nicht, Jochen, meine eigenen unangenehmen Erfahrungen.

    – Jawohl, Bernhard, das war der Herr O. Sein Ruf drang dann wohl bis in andere Gymnasien.

    „Also wenn man mit einer Methode mehr erreicht, dann ist sie besser. Meist – so vermute ich doch- erreicht man nur andere. Tja, was ist dann besser?“

    – Wenn man tatsächlich nur andere erreicht, dann die nachhaltigere. Aber ich hatte schon auch etwas Kritik im Sinn, als ich das schrieb.

  8. Ich schrieb weiter oben:
    > dass der Lehrer dem Schüler auch nur das beibringen kann, was ihn interessiert

    Ich hab mir das nochmal überlegt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass das wohl doch nicht stimmt. Es kann ja auch etwas faszinierend wirken, wenn es völlig neu ist.
    Aber das mit dem Grundinteresse stimmt wohl. Ohne Aufnahmebereitschaft geht gar nichts.

    Zum Thema Schulspiel und Schüchternheit: a) so wenig Druck wie möglich; b) alle sind irgendwann dran (möglichst zeitnah); c) gerade für zurückhaltende Schüler kann das Schulspiel ein sehr befreiendes Aha-Erlebnis bedeuten.

    Soweit meine inkohärenten Gedanken für heute Abend.

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