Woran merkt man, dass ein Gedicht lustig ist?

Bei Filmen habe ich mir schon als Teenager Gedanken über Genres gemacht: Woran, oder wenigstens: ab wann merkt man, dass ein Film eine Komödie ist? Dass ein Film also nicht den (von mir verabscheuten) vorgeblichen Realitätsmodus einnimmt, der ein Merkmal der Kategorien “Drama” und “nach einer wahren Begebenheit” ist?
Bei manchen Filmen geschieht das sofort, bei anderen nach Minuten. Bei welchem Film dauert es am längsten? Signale dafür sind Filmmusik, Schriftzug und Art des Vorspanns und, lange danach, Aussehen der Figuren und Art und Inhalt ihrer Rede. (Und mise-en-scène und so weiter.)

Ähnlich ist es mit literarischen Texten: Ab wann merkt ein geübter Leser, dass ein Gedicht humorvoll im weitesten Sinn ist – also vor allem ironisch, spöttisch, unernst, albern? Lehrer bilden sich ein, dass sie das sofort sehen. Schüler, das weiß ich aus Erfahrung, sehen das nicht, und das ist ihnen nicht vorzuhalten. Aber ein Lernziel des Gymnasiums sollte doch sein, dieses unernste Sprechen zu erkennen.

Anlass war folgendes Heine-Gedicht:

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen (1854)

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Schüler erkennen eher selten, dass es sich um ein Spottgedicht handelt. Humor ist schwer, und was Deutschlehrer witzig finden, ist Schülern gerne mal ein Rätsel. Das ist kein Vorwurf, jedenfalls keiner an die Schüler. Ab wann erkennt ein normaler Leser, ab wann ein Deutschlehrer, dass sich das Gedicht über etwas lustig macht? Die Vermutung ist sicher da, sobald man “Heine” hört, aber das Vorwissen fehlt Schülern. Ich behaupte, habe aber keine Möglichkeit, das zu belegen, dass spätestens der Titel “Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen” Spöttisches suggeriert – der Name des Örtchens ist sprechend, und auch schon vor Heine verwendet worden.

Vielleicht sollte man mal Titel und erste Strophen von relativ unbekannten Gedichten sammeln und Lehrer testen, ob sie an diesen erkennen können, ob das Gedicht unernst ist oder nicht. Ich glaube, gute Leser können das schnell erkennen. Oder Gedichte Zeile für Zeile an die Wand werfen, dalli-klick-mäßig, und der erste Schüler, der laut “witzig” oder “ernst” schreit, gewinnt einen Punkt für seine Mannschaft, wenn er es denn richtig erkannt hat.

Natürlich gibt es ganz reizende Grenz- und Problemfälle, bei denen die Entscheidung schwer fällt. Vielleicht lasse ich auch mal folgendes Werk von Schiller interpretieren, allerdings ohne den Titel, der die Interpretation zu sehr in die richtige Richtung lenkt:

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
Saftigen Stern,
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft,

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall,
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein,
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh es verdüftet,
Schöpfet es schnell,
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.

Heißt “Punschlied”.

Eine Antwort auf „Woran merkt man, dass ein Gedicht lustig ist?“

  1. Ich glaube, dieses Beispiel (Heine) und die Erfahrung, dass Schüler heute den satirischen Charakter nicht erkennen können, zeigt, dass Bildung nicht bloß formale sein kann. Diesen Heine kann man nur verstehen mit einer historischen Bildung – die ja z.B. an diesem Gedicht und anlässlich diesen Gedichts erworben werden kann. Denn dass es “lustig” ist, ist nicht objektiv in der Sprache “an sich” enthalten, sondern nur im Zusammenhang mit seiner kulturhistorischen gesellschaftlichen Bedeutung. Aber Geschichte – als Fach, in dem eigentlich historisches Denken (analog dem mathematischen Denken im Fach Mathematik) erworben werden sollte, ist ja kein wichtiges Pisa-Fach, sondern ein Nebenfach, das in Hamburg weniger Stunden bekommt als das Fach Religion, welches offenbar die ungeheuer wichtige religiöse Kompetenz “religiöses Denken” entwickelt. (Kein Wunder, dass Heines “Aus Krähwinkels Schreckenstagen” unter diesen Bedingungen Ernst genommen wird!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.