KW 9: Briefwahl, Snakebots, Dorian Hawkmoon

(6 Kommentare.)

Briefwahl

Am Sonntag war ich wahlhelfen, zum ersten Mal bei der Briefwahl. Wir saßen in einer großen halle, viele Dutzend von Tischen, mit jeweils acht oder neun Personen daran, und zählten, öffneten dann rosa Umschläge und zählten, öffneten graue Umschläge und sortierten und zähltenund sortierten und zählten. Die Umschläge waren nicht interessant, nur der Inhalt, und so warfen wir die geöffneten leeren Umschläge auf den Boden wie Schalen von Sonnenblumenkernen oder Pistazien in einer spanischen Bar bei Hemingways früher.

Wie Breifwahl geht, ist ganz einfach zu verstehen, wenn man den TCP/IP-Stack oder das Schichtenmodell der Internetkommunikation kennt. Deshalb hier auch eine schöne Klausuraufgabe, die ich hier veröffentliche, weil die Internetkommunikation aus der 12. in die 11. Jahrgangsstufe, also vor der Kursphase, gewandert ist:

Bei Wahlen gibt ein Wähler eine Stimme (für eine Partei) beim Wahlamt ab, so dass das Wahlamt daraufhin alle Stimmen zusammenzählen kann. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, darunter die Briefwahl, und die soll uns hier interessieren: Der Wähler oder die Wähleri gibt den Stimmzettel in einen blauen Umschlag, und diesen wiederum zusammen mit dem autorisierenden Wahlschein in einen zweiten, roten Umschlag. Dieser wird in einen Briefkasten der Post eingeworfen, worauf er über verschiedene Wege zum Briefkasten der Poststelle des Wahlamts kommt. Dort werden am Nachmittag des Wahltags um 16 Uhr alle roten Umschläge geöffnet und nach einer Überprüfung die innen liegenden blauen Umschläge von den beiliegenden Wahlscheinen getrennt – dadurch wird die Anonymisierung der Wahl erreicht. Zuständig dafür ist die Tagschicht des Wahlhelferteams. Ab 18 Uhr werden dann von der Abendschicht des Teams die inneren Umschläge in Empfang genommen und ausgezählt. Nach Beendigung der Auszählung gegen die Ergebnisse dann an das Wahlamt, das dann unter anderem die Ergebnisse von Brief- und persönlicher Wahl zusammenzählt.

Stellen Sie diese Situation in einem Schichtenmodell dar vergleichbar dem ISO-OSI-Schichtenmodell; benutzen Sie dazu mindestens fünf Schichten.

(Dass mit dem Tag- und Abendteam stimmt so nicht, es gibt nur ein Team. Didaktische Reduktion, vielleicht nicht ganz sauber. Und die Umschläge innen sind nicht immer blau.)

Aufräumendes Programmieren

Ich habe endlich ein unaufgeräumtes Programmierprojekt, über das ich gebloggt habe, was zu einer Veröffentlichung in einer Zeitschrift geführt habe, halbwegs in Ordnung gebracht, Abläufe darin systematisiert, das ganze auf 8 Seiten dokumentiert. Es geht dabei um die didaktische Programmierumgebung Greenfoot (Java, für Spiele und Simulationen und alles mit 2D-Grafik) und Reinforcement Learning.

Auslöser für das Aufräumen war letztlich die Fachleitungstagung Informatik für den Bezirk München, auf der ich vertretungshalber war, und auf der ich an das schöne Spiele Snake erinnert wurde, und wie ich es für die Schule im Zusammenhang mit Algorithmik brauchen kann. Ich neige zu Projekten, bei denen alle Schüler und Schülerinnen eine Klasse beisteuern, kapsele das meisten aber so sehr, dass nicht viel Algorithmik übrig bleibt. Also: furchtbar objektorientiert, so dass am Ende gar nicht mehr viele Schleifen und Bedingungen nötig sind, dabei will ich die doch üben. Bei Snake können die Schüler und Schülerinnen alle einen mehr oder weniger komplexen SnakeBot in die Arena schicken und gegeneinander antreten lassen:

Im Film sieht man drei solche Bots. Stößt einer an, werden alle zurückgesetzt. Einer verwendet, so wie ursprünglich gedacht, einen tatsächlich sehr simplen, aber auch sehr effektiven Algorithmus; die anderen beiden sind KI-Lehrlinge, die sich beide nach dem Prinzip des Reinforcement Learning ihre Strategie selber beigebracht haben: Der eine mit einer Q-Tabelle, der andere mit einem neuronalen Netz stattdessen, und letzterer ist nicht besonders gut; ich weiß noch nicht woran das liegt. Anders als der Bot mit dem einfachen Algorithmus, der mehr Information über das Spielfeld hat, wissen die beiden KI-Bots nur, in welche Richtung sie blicken (N, O, S, W) und für jeden Richtung außerdem, ob der Schritt dorthin gerade möglich ist oder nicht. Das macht 4 * 2 * 2 * 2 * 2 Zustände, also 64, nicht sehr viele.

Kann man erkennen, welcher Bot der ohne KI ist? Die Zahlen verraten natürlich ein wenig.

(Übrigens Vielleicht schlägt sich das Neuronale Netz besser, wenn die Agenten nicht nur 1, sondern 2 oder 3 Schritte in jede Richtung blicken können. Mehr experimentiert habe ich noch nicht.)

Schulroutine

Ich bin jetzt eine Woche ein Jahr an der neuen Schule, und höre jetzt auf, sie neue Schule zu nennen. Ich bringe schon viel weniger Namen durcheinander, auch die Vornamen fallen mir ein; die vielen leute, die ein halbes oder ganzes jahr nach mir gekommen sind, halten mich für uraltes Stammpersonal. Wie auch sonst.

Zu Ende gelesen: Der Ewige Held

Mann, Mann. Ich habe als Teenager nie viel Michael Moorcock gelesen. Der Name tauchte oft auf, aber meine Zufallsfunde beschränkten sich auf einen Corum-Band und die ersten vier Bände Jerry Cornelius. Von Elric hatte ich natürlich gehört, aber wohl höchstens mal eine versprengte Kurzgeschichte gelesen. Ich entnehme Podcasts, die ich höre, dass die Elric-Geschichten gut sind. Aus Vollständigkeitsgründen habe ich in den letzten Jahren sechs kurze Moorcock-Romane um Dorian Hawkmoon gelesen, und alle waren sie mehr oder weniger schwach, und jetzt den siebten, Der Ewige Held (The Quest for Tanelorn), und der war der schlimmste von allen.

Eigentlich müsste mit die Hawkmoon-Welt gefallen: So weit in der Zukunft, dass es wie Vergangenheit wirkt; nicht so weit wie bei Jack Vance’s Sterbender Erde, eher so wie bei Frank Herberts Dune, nur auf einen Planeten beschränkt. Wie bei Herbert gibt es am Anfang einen nicht mehr menschlichen unsterblichen Gottkaiser; die Reste Europas sind noch den Ortsnamen noch gut erhalten. Wie bei Herbert gibt es ein mittelalterliches Feudalsystem, Herzöge, Burgen. Wie bei Herbert ist die Technik ein Gemenge von Science Fiction und altertümlich anmutender Technologie. Statt Cyberpunk oder Steampunk eher (hab’s nachgeschlagen) Clockpunk, mitunter sogar Bronzepunk, nur eben in der Zukunft, nicht der Vergangenheit. Gibt’s da ein Wort für?

Wenn die Handlung nur nicht so großmäulig und schwammig zugleich wäre, und sich auf diese doch eigentlich recht interessante Welt beschränken würde. Aber nein, es werden nach und nach immer weitere Dimensionen und Parallelwelten und andere Welten aufgebaut und benutzt und weggeworfen. Kosmisch, Baby, soll man da wohl ausrufen.

Der Ewige Held ist von der Mühe, ihn zu lesen, und dem fehlenden Vergnügen dabei, nicht uninteressant. Es ist ein Schlussstein unter Moorcocks großer Geschichte vom Ewigen Helden, wo die Herren des Chaos und die Herren der Ordnung und das Kosmische Gleichgewicht und ihr jeweiliger Champion in Form des Ewigen Helden – hier Hawkmoon, Elric, Erekosë, Corum – aufeinandertreffen und ein letztes Mal unverständliche kosmische Dinge tun, bevor sie sich alle zur Ruhe setzen. Mit dabei die geflügelte Katze Schnurri. Ich erfinde nichts.

Vielleicht lag’s an der Übersetzung.


Beitrag veröffentlicht am

in

,

Kommentare: 6

Schlagwörter:

Kommentare

6 Antworten zu „KW 9: Briefwahl, Snakebots, Dorian Hawkmoon“

  1. Aginor

    Schöner Eintrag!

    Ich tu‘ mich erstaunlich schwer bei der Wahlzettelfrage.
    Bisschen peinlich, vielleicht denke ich auch zu sehr in eine Richtung, aber andererseits sind diese Schichtmodelle je nach Protokoll ja sowieso nicht so ganz eindeutig.

    Bei mir sieht das etwa so aus:

    5 Anwenderschicht, das sind die Datenbank des Wahlamts mit den gezählten Stimmen, und die Wähler.
    4 Transportschicht. Der Wahlzettel im Prinzip, der enthält die Information.
    3 Eine Sicherungsschicht, nämlich der blaue Umschlag der die Information vor den Augen aller anderen Schichten verbirgt.
    2 Hier wird ein Verwaltungsheader (der Brief) dazugefügt und das ganze nochmal verkapselt, das ist auch so eine Art Kontrollschicht (weil Einmaligkeit etc. geprüft wird)
    1 Übertragungsschicht, die Post stellt das gesamte Low-level Transportprotokoll inklusive Routing und so, also auch Vermittlung.

    Was ich daran spannend finde ist dass – im Gegensatz zu anderen Formen der Kommunikation – hier gezielt dafür gesorgt wird, dass keine Rückverfolgung möglich ist.
    Es gibt keine Chance für den Anwender (WählerInnen oder Wahlamt) festzustellen wenn etwas schiefgeht und ggf. zu korrigieren, da ja die Pink-blau-Trennung stattfindet bevor der Wahlzettel sichtbar ist. Es gibt im Gegensatz zu vielen digitalen Protokollen auch keine Rückmeldung dass die ausgesendete Botschaft der Empfangenen gleicht, und jegliche Fehler führen zu Nichtzählung (Verlust bei der Übertragung, beschädigter Umschlag, falsch ausgefüllt, Timeout usw.)

    Briefwahl allgemein ist eine interessante Gratwanderung wenn man so darüber nachdenkt. Ein Abwägen zwischen Gütern. Wenn man zu früh anonymisieren würde, dann wäre potentiell der Gleichheitsgrundsatz (jeder nur eine Stimme, und nur Wahlberechtigte) verletzt, wenn man die Pink-blau-Trennung wegließe wäre die Wahl nicht mehr geheim weil die Wahlhelfer Namen zu Stimmzetteln zuordnen könnten.
    Sowieso ist die geheime Wahl hier stark aufgeweicht, weil es ja nicht kontrollierbar ist, ob jemand beim ausfüllen des Zettels alleine war.
    Und die Freiheit der Wahl wird beinahe ganz über Bord geworfen, denn aus dem gleichen Grund kann ich ja auch nicht verhindern, dass z.B. ein Ehepartner Einfluss auf die Wahl hat.
    Die Seite der Wahlhelfer ist die sicherere, wegen des Umschlagsystems und gegenseitiger Kontrolle.
    …und der Post muss man halt einfach trauen dass sie die Zettel weder verliert noch liest oder verfälscht.
    Man sieht wie ich finde deutlich, dass das Recht überhaupt wählen zu können als so wertvoll eingestuft wird, dass man die anderen Probleme in Kauf nimmt. Vermutlich unter anderem auch deswegen weil die Briefwahl von ihren ErfinderInnen als Ausnahme gesehen wurde. Sie ist anfälliger für Fehler, aber man rechnete damit dass der Anteil der BriefwählerInnen sich sowieso nur im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich bewegen würde. Das traf ja bis in die 90er Jahre auch zu.
    Ob diese Einschätzung noch richtig ist weiß ich nicht. Inzwischen wählen ja schon sehr viele Leute per Post. Laut Statista waren es 2021 ganze 47%, da bekomme ich ehrlich gesagt schon ein wenig Bauchschmerzen. Zu diesem Jahr habe ich noch keine bundesweite Zahl gesehen, aber es wurde mit mehr als 40% im bundesweiten Schnitt gerechnet.

    Zu den Bots:
    Würde mich nicht wundern wenn Grün der einfache Algorithmus ist. Sich außen zu halten ist oft eine gute Strategie, und sie ist relativ leicht zu programmieren. Sicher bin ich aber nicht.
    Blau scheint auf Minimierung des Footprints zu spielen (was auch nicht dumm ist), aber durchbricht scheinbar zufällig sein ansonsten ganz brauchbares Muster und fährt bei 1:12 völlig unprovoziert gegen die Wand. Ähnlich seltsam windet er sich ohne Not bei 1:37 in sich selbst hinein. Klingt für mich nach neuralem Netz.
    Bei Rot ist deutlich erkennbar dass er nicht weiß wie das Spielfeld nur zwei Schritte vor sich aussieht. Die völlig unsinnige Entscheidung bei 2:16 macht das z.B. sehr deutlich. (zur Rots Verteidigung ist allerdings anzumerken dass Grün hier eine ähnlich hirnrissige Entscheidung trifft).

    Allgemein finde ich dass das ein sehr gutes Beispiel für Algorithmen ist. Ein für Menschen relativ leicht erfassbares Problem, und die Lösungen dauern nicht super lang. Besser als das (zugegebenermaßen aber irgendwie schöne) Auto-auf-Rennbahn-Beispiel.

    Gruß
    Aginor

  2. Cool. Danke für die ausführlichen Bemerkungen. Zum Schichtenmodell: Es sollte gar so sehr ans OSI/ISO-Modell angelehnt sein, aber ja, das kann man so machen. Noch gar nicht nachgedacht hatte ich über die verbindungslose Kommunikation, analog zu UDP als alternative zu TCP. Und ja, die Post ist die Schicht ganz unten.

    Ausgesprochen aufmerksam die Beobachtungen zu den Bots. Das Verhalten von Blau bei 1:37 ist ganz korrekt und entspricht dem Algoritmus (Blau ist der Nicht-KI-Bot, wobei auch schon der einfache Algorithmus zu unerwartetem Verhalten führt), das bei 1:12 war mir aber auch unerklärlich. Ein Blick in den Code zeigte: da war mir ein Fehler unterlaufen, da steht an der Stelle größer statt größer/gleich, und das führt dazu, dass wie Buridans Esel sich der Bot zwischen zwei gleich guten Lösungen nicht entscheiden kann und stattdessen nichts tut und ins Verderben läuft.

  3. Aginor

    Zu TCP und UDP habe ich auf Reddit heute jeweils einen Witz gelesen:

    Der TCP-Witz (übersetzt, Original war Englisch):
    A: „Willst Du einen Witz über TCP/IP hören?“
    B: „Ja, ich würde gerne einen Witz über TCP/IP hören.“
    A: „Bist Du bereit, den Witz über TCP/IP zu hören?“
    B: „Ich bin bereit, den Witz über TCP/IP zu hören.“
    A: „Hier ist ein Witz über TCP/IP.“
    A: „Hast Du den Witz über TCP/IP empfangen?“
    B: „Ich habe den Witz über TCP/IP empfangen“.
    A: „Sehr gut. Du hast den Witz über TCP/IP empfangen. Tschüss!“

    Der UDP-Witz: (funktioniert so leider nur auf Englisch)
    „I could tell you a joke about UDP but… you might not get it.“

    EDIT: Auf Deutsch könnte man sagen:
    „Ich könnte Dir einen Witz über UDP erzählen, aber der kommt vielleicht nicht so gut an.“

    Gruß
    Aginor

  4. Space Pony

    Michael Moorcock? War da nicht irgend so eine Connection mit der Band Hawkwind, auch mit Motörheads Lemmy Killminster? „Hawkwind“ war so eine zugedröhnte britische Psychedelic-Band in den 80ern. Ich meine damals auf Empfehlung eines Freundes aus Bristol versucht zu haben etwas von Moorcock zu lesen, was mir dann zu langweilig und abgedreht war.

  5. Ja, da gab es ganz viel zu Moorcock und Musik, nicht nur Hawkmoon, auch alles, was irgendetwas mit Stormbringer zu tun hat, dem Schwert Elrics, Moorcocks bekanntester Figur. Kenne ich alles aber nur dem Namen nach.

  6. […] Blogeintrag, und die davor) aufgeräumt, vereinfacht und dokumentiert. Das habe ich zwar schon vor ein Tagen verkündet, aber jetzt gilt es wirklich. Und zwar ich habe das ganze Projekt nach Github […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert