Laienhafte Notizen zu germanischer Dichtung (mit Weltende)

Ja, die Germanen. Eine völkerwandernde Gruppe von Sprechern verwandter indoeuropäischer Dialekte. Grob kann man die Dialektgruppen Nordgermanisch (die Nachfolger davon in Skandinavien und Island), Ostgermanisch (Gotisch gehört dazu, Nachfolger gibt es keine mehr) und Westgermanisch (Althochdeutsch, Altenglisch, Altniederdeutsch/Altsächsisch) unterscheiden; es gibt natürlich noch weitere Klassifizierungen.

Die Germanen auf dem Großteil des Kontinents, also die Sprecher westgermanische Dialekte, hinterließen nicht viele schriftliche Zeugnisse. Ein paar Namen sind noch da: Donar, der Donnergott, nach dem der Donnerstag benannt ist; Wodan/Wotan, auf den Wednesday zurückgeht. (Auch die meisten anderen Wochentagsbezeichnungen gehen auf germanische Götter zurück – die Germanen übernahmen die 7-Tage-Woche von den Römern und ersetzten die römischen Götter durch entsprechende eigene. So wurde aus dem Tag des Jupiter – dies iovis, jeudi, jueves – der Tag des Donar; beides sind Donnergötter. Und aus dem Tag des Merkur – dies mercurii, mercredi, miércoles – wurde eben der Tag des Wodan; beide kann man als Trickster-Götter sehen.)
Was man über die germanische Götterwelt weiß, weiß man hauptsächlich aus nordgermanischen Quellen, und in diesen Dialekten heißen die beiden genannten Götter Thor und Odin, und bei diesen Formen der Namen bleibe ich jetzt auch.

Kennengelernt habe ich Thor natürlich hier:

marvel_thor

Lief ja auch neulich im Kino. Und deshalb habe ich schon als Kind die germanischen Sagen gelesen. Die Göttersagen jedenfalls, die Heldendichtung weniger. Überliefert sind viele Sagen vor allem in zwei Werken, die dummerweise beide Edda heißen. Das eine Buch beginnt tatsächlich mit den Worten „Dieses Buch heißt Edda“, es heißt auch Prosa-Edda, weil viel davon in Prosa geschrieben ist, oder Snorra-Edda, nach dem Autor, Snorri Sturluson. Das andere, bekanntere, wird in Anlehnung an das erste Buch Lieder-Edda genannt, oder auch Ältere Edda, weil man früher davon ausging, dass es vor dem ersten Buch entstanden ist – was aber wohl nicht stimmt.

Die Lieder-Edda ist eine Sammlung vollständiger, aber unverbundener Götter- und Heldensagen. Geschrieben ist sie in stabgereimten germanischen Langzeilen, vier davon je Strophe.

Hier eine Strophe aus der „Heimholung des Hammers“. Der Riese Thrym hat Thors Hammer gestohlen und will ihn nur herausgeben, wenn er Freyja zur Frau erhält. Loki und Thor machen sich auf, den Hammer zurückzuholen – Thor verkleidet als Freyja, Loki als Zofe. Eine Idee Lokis, natürlich. Die vermeintliche Freyja fällt erst einmal durch recht männlichen Hunger und Durst auf. Schließlich fordert Thrym einen Kuss und hebt den Schleier der vermeintlichen Braut:

Kusslüstern lüftete das Linnen der Riese;
Doch weit wie der Saal schreckt‘ er zurück:
„Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen!
Mich dünkt es brenne ihr Blick wie Glut.“
(Übersetzung: Karl Simrock)

Und dann beginnt auch schon die Prügelei.

— Weniger bekannt, aber auch sehr reizvoll ist die Snorra-Edda, und in der habe ich neulich etwas herumgelesen. Sie stammt aus derselben Zeit wie die anonyme Lieder-Edda, dem 13. Jahrhundert, hat aber einen ausgemachten Autor: Snorri Sturluson. Sturluson war ein isländischer mittelalterlicher Gelehrter, Christ natürlich. Island war spät christianisiert worden, aber zu Sturlusons Zeit schon durch und durch christlich. Allerdings wurden, anders als auf dem Kontinent, die Reste des germanischen Glaubens nicht groß bekämpft; sie hielten sich ohnehin nur als Sagenstoff. Im Gegenteil, die alten Sagen und Stoffe wurden geachtet, drohten aber in Vergessenheit zu geraten: Ihr Auftritt, Snorri Sturluson!
Der schrieb mit seiner Edda nämlich ein Lehrbuch für Dichter. Die altnordische Dichtung gilt – wir wissen das seit John Irvings The Water-Method Man – als sehr komplex, da zu ihrem Verständnis nicht nur formale Zusammenhänge beitragen (Metrik, Reim), sondern auch ein bestimmtes Vokabular (dazu später mehr) und ein großes Wissen um mythologische Zusammenhänge. All dieses Wissen wollte Sturluson bewahren und weitergeben, deswegen schrieb er sein Lehrbuch.

Die Sturluson-Edda besteht aus einem kurzen Vorwort, in dem Sturluson (wenn das Vorwort denn tatsächlich von ihm ist) den Sagenstoff in das aktuelle christliche Weltbild einordnet: Die germanischen Götter waren gar keine Götter, sondern menschliche Helden, die erst im Nachhinein zu Göttern verklärt wurden. Und zwar waren sie die Kämpfer um Troja, die danach auswanderten nach Europa – aus Asien nämlich, und deshalb wurden sie Asen genannt.
Darauf folgt ein etwas ausführlicherer Prosateil, in dem in einer Rahmenhandlung Göttersagen nacherzählt werden. (Das muss aber nicht heißen, dass diese Fassung tatsächlicher germanischer Religion entspricht. Zu dieser Zeit war das nur noch Folklore, und der Redakteur oder Autor Snorri ein Christ mit eigenen Schwerpunkten.)
Daran schließen sich zwei umfangreiche praktische Teile an, in denen anhand zitierter altnordischer Dichtung (von benannten und anonymen Dichtern, darunter auch Strophen, die sich fast gleichlautend in der Lieder-Edda finden) poetische Prinzipien der altnordischen Dichtung vorgeführt und erklärt werden. Die mythologische Abhandlung zuvor bildet quasi die Grundlage dafür.

So, das war der allgemeine Teil fast schon. Hier noch ein Ausschnitt aus der Snorra-Edda. Ragnarök: Das Schicksal der Götter ist gekommen, die meisten von ihnen werden zugrunde gehen. Die riesige Midgardschlange, auch Jörmungandr genannt, erhebt sich, der Geister-Kapitän Hrym sticht mit seinem Schiff Naglfar in See. (Das Schiff Naglfar: wird nach und nach aus den Fingernägeln Verstorbener gebaut. Zum Ende der Welt wird es gerade fertig geworden sein, deshalb ist es wichtig, den Toten die Nägel sauber zu schneiden.) Der Feuerdämon Surtur greift an; die Herrin der Unterwelt, Hel, empfängt viele Tote. In der Übersetzung von Karl Simrock:

Hrym fährt von Osten, es hebt sich die Flut;
Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe.
Der Wurm schlägt die Brandung, aufschreit der Adler,
Leichen zerreißt er; Naglfar wird los.

Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.

Bin nur ich das, oder erinnert das wirklich sehr an Jakob van Hoddis‘ berühmtes „Weltende“:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Parodiert der Hoddis am Ende tatsächlich die Ragnarök-Dichtung? Oder ist Katastrophendichtung eh immer gleich?


Bonusteil 1: Tolkien

Nur ganz kurz: der war ja Professor für Altenglisch/Angelsächsisch und las in einer Runde Gleichinteressierter isländische Sagas im Orginal. Vor zwei Jahren erschien ja seine Legende von Sigurd und Gúdrun, in stabgereimten Langversstrophen, in der er Lücken im Mythenkanon durch Neudichtung spielerisch schließt. Der Herr der Ringe knüpft stärker an germanische Dichtung an, als man meint (Fußnoten dazu in altem Blogeintrag). Hier nur kurz eine Auswahl an Namen von Zwergen, die an einer Stelle der Snorra-Edda aufgezählt werden: Dwalinn, Bifurr, Bafurr, Bömbur, Nori, Ori, Oinn, Thorinn, Fili, Kili, Gloinn. (Und Gandalf.) Nur Balin(n) muss aus einer anderen Quelle kommen.

Bonusteil 2: Kenningar

So beginnt Snorri den Abschnitt über die Dichtkunst:

Nun sollt ihr hören, wie die Skalden die Dichtkunst mit diesen Ausdrücken umschreiben […]: zum Beispiel nennen sie sie Kwasirs Blut und Schiff der Zwerge, Zwergenmet, Asenmet, Auslöse des Riesenvaters, die Flüssigkeit von Odrödir und Bodn und Son […], Flüssigkeit Hnitbörgs, Kampfesbeute Odins und Geschenk Odins.

Puh. Heute ist man von der Muse geküsst, aber das war es schon. Dass Zwergenschiff für Dichtkunst steht, kann man nur verstehen, wenn man den Mythos von der Entstehung der Dichtkunst kennt, und eben den hat Snorri deshalb zuvor erzählt. Diese Art der Umschreibung ist typisch für altnordische Dichtung und heißt Kenning. (Wikipedia deutsch, sehr viel ausführlicher Wikipedia englisch).

Die Kurzfassung: Kenningar bestehen immer aus zwei Begriffen, einem Grundwort und einem Bestimmungswort. Bei „Lindwurmlager“ ist „Lager“ das Grundwort, bestimmt wird es näher durch „Lindwurm“. Das Bestimmungswort kann auch im Genitiv stehen, vor- oder nachgestellt. Gemeint ist aber weder das eine noch das andere, sondern etwas anderes: in diesem Fall „Gold“. (Ist das verwandt mit dem, was im Germanistikstudium „Bahuvrihi“ hieß? Wohl nicht, siehe Kommentare.)

Beispiele für Kenningar:

Lindwurmlager, für: Gold
das Verderben der Zweige, für: Feuer
Bienenwolf (Beowulf), für: Bär
Zahnröter des Wolfes, für: Mann (get it?)
Wundbiene, für: Pfeil

Ich mag diese Kenningar, und irgendwann will ich mal Schüler darauf ansetzen. Eine Liste von Kenningar aus dem Schulalltag? Zuerst kämen wohl Allerwelts-BahuvrihiKomposita wie „Schaumschläger“ und „Dünnbrettbohrer“ heraus, man müsste also Neuschöpfungen verlangen. Ein Lehrer… Freudevernichter? Kreidezerstörer? Etwas episch-heldisch sollte es schon klingen.

Entschlüsseln kann man eine Kenning relativ leicht, wenn sie offensichtlich metaphorisch oder metonymisch ist, wie in den Beispielen oben. Wenn sie allerdings mythologischen Hintergrund hat, und das ist oft der Fall, dann braucht man dieses Hintergrundwissen:

Swafnirs Saalschindeln, für: Schilde (Swafnir=Odin, sein Saal=Valhalla, und deren Dach ist mit Schilden gedeckt)
Ymirs Schädel, für: Himmel (aus dem Schädel des Frostriesen wurde der Himmel erschaffen)
Zwergenschiff, für: Dichtung (zu lange Geschichte für hier)

Snorri Sturluson zählt in seiner Edda mehr oder weniger systematisch und anhand von Beispielstrophen wichtige Kenningar für Dichtkunst, Thor, Balder, Njörd, Freyr, Heimdall und andere Götter auf und erklärt sie. Leider habe ich online keine deutsche Übersetzung der poetologischen Teile der Prosa-Edda gefunden (Simrock hat nur die Mythen), hier gibt es immerhin den ersten poetologischen Teil auf Englisch.

Eine Auswahl von Kenningar und Heiti (siehe weiter unten) gibt es hier auf Deutsch, eine Datenbank altnordischer Kenningar mit englischen Übersetzungen gibt es hier und, semantisch klassifiziert, hier.

Und jetzt für Fortgeschrittene: In einer Kenning kann das Bestimmungswort (manchmal auch das Grundwort) selbst durch eine Kenning umschrieben werden. „Fütterer der Kriegs-Möwen“ bedeutet dann „Fütterer der Raben“, bedeutet dann: „Krieger“. Und „Zerstörer des Hungers des Adlers“ bedeutet dann „Fütterer des Adlers“, bedeutet dann: „Krieger“. Und, man ahnt es schon, auch diese nunmehr dreiteilige Kenning kann erweitert werden, indem man wieder einen Begriff durch eine Kenning ersetzt. Und so weiter:

Fjordknochen: Steine
Männer der Fjordknochen: Felsriesen
Brandung der Hefe der Männer der Fjordknochen: Bier der Riesen (=Dichtkunst) bzw. ihr Vortrag
(aus der Übersetzung von Arnulf Krause)

Das hat schon was von cryptic crossword puzzle. Snorri empfiehlt als Grenze für verständliche Kenningar maximal fünf Teile, die längste überlieferte Kenning besteht aus neun:

nausta blakks hlé-mána gífrs drífu gim-slöngvir oder nausta blakks hlémána gífrs drífu gimsløngvir
„Feuerschwinger des Schneegestöbers des Trolls des Schutzmonds des Rosses des Bootshauses“
Ross des Bootshauses: Boot
Schutzmond des Boots: Schild
Troll (=Feind) des Schilds: Axt
Schneegestöber der Axt: Kampf
Feuerschwinger des Kampfes: Krieger
(meine Übersetzung aus dem Englischen, daher vielleicht falsch)

Es zeichnet sich ein Muster ab: wenn man nicht weiß, was eine Kenning bedeutet, liegt man mit „Krieger“ oft nicht falsch. Der zweite Tipp ist dann wohl „Odin“.

Bonusteil 3: Heiti (und grammatische Traktate)

Eine weitere Zutat altnordischer Dichtung sind Heiti (Wikipedia englisch). Auch das sind (in der heute verbreiteten Bedeutung) synonyme Umschreibungen, anders als die Kenningar bestehen sie aber nur aus einem einzigen Begriff. Sie sind kulturell festgelegt, man muss halt wissen, dass „Eber“ für „Fürst“ steht, „der Gierige“ für „Feuer“, „Baum“ für „Mann“ und „Salz“ für „Meer“.
Über Heiti habe ich im Web nicht viel gefunden. Eine Liste von Heiti soll im Dritten grammatischen Traktat stehen. Also: Es gibt einen Codex Wormianus. Der enthält unter anderem die einzelnen Abschnitte der Snorra-Edda und vier grammatische Traktate. Der dritte Traktat stammt von, Moment, Óláfr Þórðarson, einem Neffen von Snorri. Am meisten dazu habe ich noch hier gefunden.
Der erste grammatische Traktat (anonym, um 1150) sieht aber auch interessant aus. Darin werden Vorschläge zu einer systematischen Schreibung des Altisländischen gemacht. Das Lautsystem wird anhand von Minimalpaaren untersucht, neue Vokalgrapheme werden vorgeschlagen und die Markierung von Langvokalen und Nasalen durch diakritische Zeichen. Da wirkt das Mittelalter gleich etwas weniger finster.

Weiterführende Lektüre, neben den verlinkten Quellen:

  • Anfangen mit einer Nacherzählung germanischer Sagen und Mythen, etwa: Germanische Götter- und Heldensagen, nach den Quellen neu erzählt von Reiner Tetzner.Stuttgart: Reclam 1997. Sehr vollständig.
  • Erst dann die Edda des Snorri Sturluson. Ich fand verständlich die Fassung von Arnulf Krause (Reclam 1997), der die Verse wörtlich übersetzt und dabei die Metrik nicht berücksichtigt. Leider fehlt der letzte poetologische Teil von Sturluson. Bei Wikipedia gibt es die alte metrische Simrock-Übersetzung beider Eddas, da fehlen aber noch größere Teile der Snorra-Edda.

2 Antworten auf „Laienhafte Notizen zu germanischer Dichtung (mit Weltende)“

  1. Diese hier als Beispiele angeführten Kenningar sind keine Bahuvrihi, auch wenn sie hier metonymisch gebraucht werden.

    Ein Bahuvrihi-Kenning wäre etwa „Goldlager“ für „Lindwurm“, weil der Besitz des Goldes so charakteristisch für den Drachen ist, dass es nicht anders gedeutet werden kann. Durchsichtigere Beispiele sind „Rotbart“ für einen Mann mit rotem Bart oder „Langnase“.

    Auch “Schaumschläger” und “Dünnbrettbohrer” sind keine Bahuvrihi-Komposita, sondern Pushtigu oder verbale Rektionskomposita, bei denen das Vorderglied das Objekt zum Hinderglied ist. Darunter fällt auch das oben genannte „Zweigverderben“, „Lindwurmlager“ hingegen ist ein Tatpurusha oder Determinationskompositum.

  2. Danke, ist halt doch sehr lange her, und ich habe es nicht mehr recherchiert. So ganz ist mir die Unterscheidung immer noch nicht klar, aber ich werde mich mal hinsetzen und das üben.

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