Entfesselt: Mein innerer Dichter

fry_ode

Auslöser: Stephen Fry, The Ode Less Travelled. Unlocking The Poet Within. Ich weiß immer noch nicht, was ich von dem zehennagelaufrollenden Wortspiel des Titels halten soll. Der Untertitel ist allerdings tatsächlich wohl etwas tongue-in-cheek: Im Vorwort weist Fry darauf hin, dass es jede Menge Bücher gibt, anhand derer man die ersten Schritte fürs Malen erlernen kann und für das Spielen von allen möglichen Instrumenten. (Ich habe selber von beidem eine ganze Reihe.) Für die Lyrik aber nicht, und so hat er eines geschrieben.

(Wer Stephen Fry nicht kennt: Ach, das ist eine zu lange Geschichte.)

Fry beschränkt sich in diesem Buch auf Formales: Metrik, Reim und Strophenform. Das kommt mir entgegen. Diese drei Sachen gehören zum Handwerk, mehr erwarte ich nicht von einem Einsteigerbuch. Aber von jedem Einsteiger-Lyriker erwarte ich, dass er diese drei Aspekte beherrscht.

Das Buch hat gut zwanzig Kapitel, vergnüglich, aber nicht zu launig geschrieben. Es beginnt mit dem Konzept der betonten Silbe, mit dem Jambus, mit Enjambement und Zäsur. Am Schluss jedes Kapitels gibt es Aufgaben, und an denen habe ich gemerkt, dass ich nicht der ideale Leser des Buchs bin. Denn die ersten Aufgaben sind mir zu leicht: Betonungen markieren, jambische Vier- und Fünfheber schreiben. Die späteren sind mir zu viel Arbeit. Ich stelle es mir allerdings toll vor, das Buch in einer Gruppe zu lesen. Man trifft sich jede Woche kurz, gerne auch digital, und tauscht die Aufgaben aus. Dann macht man die Aufgaben wirklich. Sicher würde ich mir dann auch den Unterschied zwischen Rondeau, Rondel, Rondelet und Roundelay merken können, Strophenformen, die ich bisher nur von Ezra Pound oder aus meinem Faber Book of Comic Verse kannte (111955, intensiv gelesen). Fry gibt selber zu, dass die Unterschiede nicht wichtig sind und man gut durchkommt, wenn man alles einfach Rondeau nennt. Aber es scheint ihm doch ein großes Vergnügen zu machen, in der zweiten Hälfte des Buches auch die exotischeren Strophenformen vorzustellen.

Fry geht mit Beispiel voran; alle Aufgaben erledigt er selber und vergisst nie, sich für deren Banalität zu entschuldigen. Es kommt ihm aber eben nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die Form an. Recht hat er damit. In einem Kapitel stellt er etwa die germanische Langzeile vor. In dieser Versform ist das altenglische Beowulf-Epos geschrieben: Vier Hebungen, Senkungszahl beliebig, also nicht unbedingt jambisch oder sonstwie alternierend; ungereimt. Die Hebungen 1, 2 und 3 alliterieren, die Hebung 4 nicht. Fry zitiert den Beowulf-Übersetzer Michael Alexander, der dieses Prinzip BANG, BANG, BANG – CRASH! nennt. (Tatsächlich sind die Regeln für die Alliterationen gar nicht so streng; es reicht, wenn Hebung 2 und 3 oder Hebung 1 und 3 alliterieren.)

Ich kenne und mag diese Versform seit Silverlock von John Myers Myers, in dem das Gedicht „The Death of Bowie Gizzardsbane“ auftaucht – die Geschichte des Kampfes um das Alamo in Langversen:

Who has not heard of the holmgang at Natchez?
Fifty were warriors, but he fought the best,
Wielding a long knife, a nonesuch of daggers
Worthy of Wayland. That weapon had chewed
The entrails of dozens. In diverse pitched battles
That thane had been leader; by land and by sea
Winning such treasure that trolls, it is said,
Closed hills out of fear he’d frisk them of silver.

Die von Fry gestellte Aufgabe ist weniger blutig; es geht nur darum, was der Leser jetzt gerne essen oder nicht essen würde. Frys Gedicht beginnt: „Figs are too fussy and fish too dull“. Daher auch der deutsche Titel des Buchs, Feigen, die fusseln. Übersetzt wurde es von Absolventen des Graduiertenkollegs für Literarisches Übersetzen an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Im Web habe ich das Blog Not By Bread Alone gefunden, in dem Mandy tatsächlich viele der Übungen im Buch ausgeführt ihre Ergebnisse online gestellt hat. Ihre Langzeilen-Übung beginnt:

Chocolate comes first or cocoa with froth,
A lemony drink or lime leached juice
(Quelle)

Selber habe ich keine Kühlschrank-Verse gedichtet, aber dafür während der letzten Lehrerkonferenz eine epische Schilderung der Vorgänge begonnen, die ich unbedingt mal fortsetzen sollte. Die letzten Zeilen bisher:

Wer rettet die Richtung, die Rufe werden lauter
nach Ordnung. Ohnmächtig die Ohren vom Ansturm.
Verzweifelte Köpfe knallen aufs knarzende Tischholz.

Auch Tolkien hat im Herrn der Ringe viel in dieser Art gedichtet; die martialischeren Reiterlieder der Rohirrim, aber auch Fangorns „Song of Lore“:

Learn now the lore of Living Creatures!
First name the four, the free peoples:
Eldest of all, the elf-children;
Dwarf the delver, dark are his houses;
Ent the earthborn, old as mountains;
Man the mortal, master of horses

„A Treasury of Alliterative and Accentual Poetry“ versammelt noch viele alte und neue Beispiele mehr. Schön zum Auswendiglernen und Aufsagen.

Stabreimdichtung macht Spaß und ist leicht. Dabei habe ich mich noch gar nicht groß an Kenningar gemacht, traditionelle, anspielungsreiche Metaphern in Kompositum-Form: „Wundenwolf“ für Axt, „Wundenbiene“ für Pfeil, „Wogenpferd“ für Schiff, „Bienenwolf“ für Bär. Und schau an, „Gänsewein“ für Wasser. Das kenne ich selber noch als launige Bezeichnung aus meiner Kindheit, ich alter Germane, ich.

— Eine weiter Aufgabe von Fry betrifft die Ballade. Fry macht richtig Lust auf Balladen, und er hat dazu geführt, dass ich jetzt selber ab und zu in einer richtig dicken Balladen-Sammlung blättre. Im Deutschunterricht ist diese Gattung Pflicht, aber wie lieblos wird sie oft unterrichtet, auch von mir. Fry gibt zwei Strophen vor und bittet um Fortdichtung. Auch diese Aufgabe habe ich, trotz eines spannenden Einstiegs, nicht bearbeitet. Not By Bread Alone dagegen schon, hier ihre Lösung.

Allerdings habe ich das zum Anlass genommen, eine alte Ballade herauszukramen, die ich vor über zwanzig Jahren geschrieben habe, auch damals schon auf Englisch. (@rip: Könnte so in deiner 11. Klasse gewesen sein.) Sie ist vollständig in einer Ausgabe des Fanzines Einhorn erschienen. Aber meine Ausgabe musste ich damals bei Udo F. Rickert lassen, und Ersatz dafür hat mir der schurkische Fanzine-klauende Karl-Heinz nie gegeben, also ist mein Kunstwerk der Nachwelt leider verschollen. Vielleicht melde ich mich irgendwann mal bei Udo, kann sein, in irgendeinem Keller liegt noch eine Ausgabe des Hefts.

Ich habe nur noch einzelne Fragmente im Kopf, darunter aber wenigstens die erste Strophe, und die Grundzüge der Handlung. Ich habe mich mal an einer Rekonstruktion versucht; die fett gedruckten Stellen sind ursprünglich, die anderen ergänzt. Ich weise hin auf die Strophenform mit vier- und dreihebigen Versen, das gelegentliche Enjambement, den Refrain; man sehe mir die eine oder andere Holprigkeit nach. Ich war siebzehn oder achtzehn, und war weder Keats noch Byron. Ein echtes Jugendwerk halt.
Das Grundprinzip, das Wunderbare im Alltäglichen zu sehen und umgekehrt, habe ich wiedererkannt in der deutschen Frühromantik, vor allem später auch bei Chesterton.

My father told me once a tale
Which him his father told:
A wizard had come to the vale
Where Grandfather grew old.
To him one sunny day the wiz
Said: „Don’t you see?
Unicorn a wonder is,
Not just like you and me.“

Well, Grandpa said not „Yea“ or „Nay“
But wished to see (for)* himself.
So they went on the very** way
And walked straight to an elf,

To ask him for advice. When this
he heard, he said: „Let’s see!
For unicorn a wonder is
Not just like you and me.

They travelled far across the sea
Until they reached the shore
Where people said that you could see
That fabled beast of yore.
The wizard said: „Let’s go, for ‚tis
now time for us to see
That unicorn a wonder is
Not just like you and me.

When finally they reached the wood
Where it was said to stay,
The others all a-waiting stood,
In awe for half a day.
„No need to go there now. For this***
Is clear: You must agree
That unicorn a wonder is
Not just like you and me.

So Grandpa was the only one
Who kept his wits about.
And he went in. Time passed. The sun
was down when he came out.
He smiled. They asked him: „Now, what’s this?“
Said he: „Yes. I agree.
That Unicorn a wonder is
– Just like you and me.

* schon damals ungelöstes metrisches Problem
** möglicherweise habe ich doch ein anderes Adjektiv gefunden

Nu, es ist lang her. Heute würde ich manches anders machen. Ich würde mich auf jeden Fall nicht dauernd zu Reimen auf „is“ zwingen, denn da gibt es recht wenige. This – is ist ein unreiner Reim; ich nehme an, dass ich damals gar nicht mal bemerkt habe. Vermutlich dürfte trotzdem die ursprüngliche, verschollene Fassung besser sein als meine nicht allzu sorgfältige Rekonstruktion. So oder so, „The Hunting of the Snark“ it ain’t.

— Das wär doch mal ein P-Seminar für Englisch, oder von mir aus auch Deutsch, mit der übersetzten Ausgabe: Mit Schülern alle Aufgaben aus Frys Buch machen und veröffentlichen.


Schon vor dem Fry gekauft, aber erst danach gelesen: die Lyriksammlung Gedichte fürs Gedächtnis: Zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen, herausgegeben von Ulla Hahn.

hahn_gedichte

Auf das Buch gekommen bin ich durch einen Tipp von Tanja. Eine Gedichtanthologie wie viele, mit meist bekannten Gedichten. Aber zu jedem Gedicht gibt es eine halbe Seite Kommentar, zur Entstehungs- doer Wirkungsgeschichte, zu Missverständnissen, zu verwandten Gedichten oder einfach zur Schönheit des Gedichts. Und das ist genau die richtige Länge, die dazu führt, dass man auch altbekannte Gedichte wieder gerne und neu liest.

— Empfehlenswert, soweit ich mich erinnere, ist auch Hans-Dieter Gelfert, Einführung in die Verslehre – ein kleines Reclam-Buch, ebenfalls zu Metrik, Reim und Strophenform. Im Moment habe ich es an einen Schüler verliehen, deshalb kann ich nicht mehr dazu schreiben.

Eine Antwort auf „Entfesselt: Mein innerer Dichter“

  1. Mir gefallen besonders folgende Textzeilen, die ich so herrlich positiv finde. Man fühlt sich an das eigene Lehrerzimmer erinnert:
    „Wer rettet die Richtung, die Rufe werden lauter
    nach Ordnung. Ohnmächtig die Ohren vom Ansturm.
    Verzweifelte Köpfe knallen aufs knarzende Tischholz.“
    Danke für diese Verse. Die muntern auf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.