Warum ich während der Lehrerkonferenz germanische Langzeilen schreibe, erkläre ich ein anderes Mal

Gleich beginnt sie, die grausliche Sitzung,
wo die Noten genannt, die nötig dazu sind
um die schlauen Schüler und die schlampigen ebenso
zu belehren und lohnen ihre Leistung und Fleiß.

Die Schulleitung spricht, schon lauschen ergriffen
die Lehrer, auch wenn lieber das Leben zu Hause
sie genössen. Doch nötig ist das Nicken im Verbunde,
wenn das Schicksal der Schüler sich entscheidet mit Ernst.

Ein hemmender Halt noch, erst heißt es zu klären
ein Problem, das plötzlich zur Probe der Geduld wird.
„Einspruch!“, ertönt es, und als der endlich geklärt ist,
der nächste: „So nicht!“ und „Niemals!“ die Rufe.

Die Debatte zerbröselt. Was ist bitte das Thema?
Wer rettet die Richtung, die Rufe werden lauter
nach Ordnung. Ohnmächtig die Ohren vom Ansturm.
Verzweifelte Köpfe knallen aufs knarzende Tischholz.

Habe ich heute nachmittag gedichtet. Alles selbstverständlich Fiktion und ohne Bezüge zu einer echten Lehrerkonferenz. Wenn die wirklich so schlimm wäre und ich so wenig aufgepasst hätte, dann hätte ich mein kleines Epos ja wohl beendet.

— Germanische Langzeile: Vier Hebungen (1, 2, 3, 4), dazwischen eine Zäsur. Anzahl der unbetonten Silben frei, also nichts mit Jambus oder so. Die Hebungen 1,2,3 (oder auch nur 2 und 3, oder 1 und 3) alliterieren, die Hebung 4 nicht.
Meine Hausregeln: Enjambement ist erlaubt, Zäsur muss nicht sein; Hebungen 1-3 alliterieren, 4 nicht. Macht Spaß. Ich hätte noch viel weiter ausholen müssen. Kenningar kommen erst später mal. Wie ich ausgerechnet auf diese Versform komme, auch. Jetzt Feierabend.

6 Antworten auf „Warum ich während der Lehrerkonferenz germanische Langzeilen schreibe, erkläre ich ein anderes Mal“

  1. Grandios! :-)
    Wozu so eine schnöde Konferenz letztlich doch gut sein kann. Das mit der Fiktion sei aber mal dahingestellt, denn so oder so ähnlich geschieht es doch halbjährlich an hunderten deutschen Schulen – Hand aufs Herz, Kollegen.

  2. Dein Werk man bewundert, es wächst stets sein Ruhm,
    Wes Ohren da offen, der orakelt sogleich:
    Der Langzeiler lehrt uns, mit Lust was zu dichten!
    Herr Rau macht es richtig, er richtet uns auf.

    ;-)

    Für die letzte Zeile kannst du auch „rüttelt uns auf“ nehmen, wenn dir das besser gefällt.

  3. „Verzweifelte Köpfe knallen aufs knarzende Tischholz.“

    Eine unübertroffen herrliche Zeile!! Ich hab´ mich erinnert und amüsiere mich köstlich. Wer´s ja mal erlebt hat, …

  4. Gerade gelesen: J.R.R. Tolkien, The Legend of Sigurd and Gudrún. Eine strophische Nachdichtung (in germanischen Langzeilen) der nordgermanischen Behandlung des Nibelungenstoffes. Sehr spannend, wenn man Stabreimdichtung mag. Und gleich wird auch das Nibelungenlied interessanter, wenn man sieht, wie der gleiche Stoff im Norden anders behandelt wurde. Irgendwann mache ich noch mal Heldendichtung mit Schülern.

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