Peter Handke, Publikumsbeschimpfung

Was für eine schöne Überraschung! Ich muss mich beherrschen, dass ich nicht zu gönnerhaft-sentimental über eine Zeit schreibe, die ich gar nicht kenne. Jedenfalls: aus einer Nebenbemerkung im LK heraus habe ich beschlossen, mir mal Peter Handkes Stück Publikumsbeschimpfung anzuschauen. Ich kannte es nur dem Namen nach, hatte selber als Schüler mal davon gehört, aber auch da nicht viel. Und mit anschauen meinte ich eigentlich: lesen, aber dann sah ich diese Ausgabe, der eine DVD der Theateraufführung 1966 beilag:

Und die habe ich dann mit den Schülern angeschaut. Denen hat sie hoffentlich gefallen, ich selber habe mich jedenfalls königlich amüsiert. Regie: Claus Peymann.

Die Aufnahme, schwarz-weiß, beginnt damit, dass ein junger Herr vors Publikum tritt und diesem erklärt, dass heute das Fernsehen da sei und die Aufführung filme. Die Leute in der ersten Reihe sollten Verständnis dafür haben, dass die Kameras sehr gelegentlich dort vorbei müssten. Erste Buhrufe, ein kollektives Zischen – eine Form der Unmutsäußerung, die ich sonst gar nicht kenne. „Fernsehen raus!“, ruft eine Stimme. Ein sehr selbstbewusstes, kommunikationsbereites Publikum. Zugegeben, die Aufführung findet im Rahmen eines Theaterfestivals statt. Der junge Herr beginnt dem Publikum zu erklären, dass das Fernsehen auch das Publikum filmen werde (Fernsehen raus! Buh!), wer das nicht möchte, könne in die Ränge gehen oder seine Eintrittskarte an der Kasse zurückgeben. (Soll das Fernsehen doch eine eigene Vorstellung bezahlen!) Noch ein bisschen hin und her und das Stück konnte beginnen. Ich war jetzt schon hin und weg. Meine Schüler wollten wissen, ob das auch schon zum Stück gehöre.

Beschimpft wird in dem Stück gar nicht sehr. Zum Ende hin, das Publikum wartet schon darauf, gibt es eine recht ritualisierte Beschimpfung, eher ein Sprechgesang. Und das „ihr Nazischweine“ hat Peymann aus der Inszenierung ausgelassen. Auch sonst – richtig beleidigt fühlt sich das Publikum nicht. Es ist aber auch ein ganz besonderes Publikum: intellektuell, selbstbewusst und diskursbereit (das Stück läuft allerdings auch im Rahmen eines Theaterfestivals). Ganz anders als bürgerliche Theaterbesuche heute oder Autorenlesungen in der Schule, wo man still lauscht, gelangweilt oder ehrfurchtsvoll. Der Tenor des Stücks: Zuschauer sind Teil der Inszenierung, Schauspieler sind Schauspieler, die Bühne ist die Bühne:

Dieser Raum täuscht keinen Raum vor. Die offene Seite zu Ihnen ist nicht die vierte Wand eines Hauses.

Und:

Die Leere dieser Bühne ist kein Bild von einer anderen Leere. Die Leere dieser Bühne bedeutet nichts. […] Diese Bühne stellt nichts dar. Sie stellt keine andere Leere dar. Die Bühne ist leer.

Ich kann schlecht einordnen, wie neu diese Gedanken damals waren. Heute sind sie es jedenfalls gar nicht mehr. Aber durch die fortlaufende Negierung, sprachlich durchaus abwechslungsreich, werden einem die Theaterkonventionen wieder in Erinnerung gerufen. Viel mehr Inhalt habe ich nicht mitgekriegt, aber die Inszenierung ist spielerisch, akrobatisch-komödiantisch, musikalisch und erinnert mich durchweg an Improvisationsübungen aus meiner Unizeit.

Irritiert reagiert das Publikum allenfalls an einer Stelle, wenn die Schauspieler tatsächlich die Bühne verlassen und sich unter die Zuschauer mischen. Das ist aber noch gar nichts gegen eine andere Szene, als die Schauspieler dem Publikum klar machen, was es für sie bedeutet, in geordneten Reihen zu sitzen, und das durchaus im Tonfall eines Vorwurfs:

Im Stehen könnten Sie besser als Zwischenrufer wirken. […] Sie könnten Ihren Widerspruchsgeist zeigen. Sie hätten größere Bewegungsfreiheit. […] Im Stehen wären Sie individueller. Sie wären standhafter gegen das Theater.

Worauf einige Zuschauer aufstehen, dann auch auf die Bühne kommen, sich einen Tisch heranziehen und um ihn setzen… das Stück geht aber erst weiter, als die Zuschauer wieder brav ins Publikum zurückgeschickt worden sind.

Zum Lesen vermutlich uninteressant. In dieser Inszenierung ist das aber genau das richtige Stück für mich: viel Sprache, viele Wörter, gerne auch gleichzeitig. Und keine bedeutungsschwangeren Pausen, die mich wieder und wieder langweilen und für mich der Inbegriff zeitgenössischer Inszenierungen sind. (Joey aus Friends nutzt diese Technik, wenn ihm sein Text nicht mehr einfällt: smell-the-fart-acting.)

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One thought to “Peter Handke, Publikumsbeschimpfung”

  1. Sehr schön, ich hab’s mals auf der Diskussionsseite zu „Theater“ im ZUM-Wiki verlinkt, da es dort noch keinen Artikel zu Handke gibt.

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