Schloemann, Klassenbewusstsein

Am letzten Samstag erschien in der Süddeutschen Zeitung ein ausführlicher Beitrag von Johan Schloemann: “Klassenbewusstsein. Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere.” Der wurde in unserem Kollegium, aber sicher auch in anderen viel diskutiert. Der Tenor: Wenn das Abitur zu leicht wird, wird es weniger wert. Und: das Gymnasium wird immer mehr als Maschine empfunden, deren Aufgabe es ist, dass am Ende jeder Schüler ein Abitur kriegt.
Ich will mich dieser Meinung vorsichtig anschließen. Allerdings mit zwei Einschränkungen: ich sehe die angesprochenen Tendenzen auch, halte sie aber noch nicht für so dramatisch. Aber es sind Tendenzen. Und zweitens: ich kann nicht beurteilen, ob unser Land mehr Abiturienten braucht oder bessere.

Wenn es mehr und schlechtere Abiturienten kriegt, dann sicher nicht schlechtere Menschen. Das keinesfalls. Und auch nicht dümmere Menschen. Überhaupt nicht. Der Grad der akademischen Bildung korrespondiert ohnehin nur mäßig mit Intelligenz, wie sie von Intelligenztests gemessen wird. (Beleg fehlt. Weiß jemand eine Quelle?) Beim Gymnasium – und später bei akademischer Bildung – kommt es vielmehr auf Folgendes an:

Das Gymnasium sieht seine Aufgabe darin, alle Schüler gezielt zu fördern, die sich aufgrund ihrer Begabung, ihrer Einsatzfreude, ihres Leistungsvermögens und ihrer Leistungsbereitschaft für ein Studium und für herausgehobene berufliche Aufgaben eignen.
Schüler des Gymnasiums sollen geistig besonders beweglich und phantasievoll sein, gern und schnell, zielstrebig und differenziert lernen sowie über ein gutes Gedächtnis verfügen. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich ausdauernd und unter verschiedenen Blickwinkeln mit Denk- und Gestaltungsaufgaben auseinanderzusetzen und dabei zunehmend die Fähigkeit zu Abstraktion und flexiblem Denken, zu eigenständiger Problemlösung und zur zielgerichteten Zusammenarbeit in der Gruppe entwickeln. (Lehrplan)

So sieht laut Lehrplan ein Gymnasiast aus. Wenn 40% eines Jahrgangs diesem Bild entsprechen: wunderbar, sollen alle aufs Gymnasium. Je mehr, desto besser, vermute ich sogar. Und wenn es nur 20% sind?
Die derzeitige Politik scheint eher darauf hinzuzielen, dass einfach 40% am Gymnasium das Abitur machen sollen (wobei es natürlich auch andere Wege gibt, die Hochschulreife zu erlangen). Vielleicht ist das tatsächlich auch sinnvoll, das Abitur wird dann leichter, weil die Schüler weniger dem oben zitierten Bild entsprechen müssen. Aber das aktuelle Niveau wird dann nicht gehalten werden können. Außer, wie gesagt, man schafft es, dass diese 40% tatsächlich dem Bild des Gymnasiasten entsprechen.

Das G8 ist stolz darauf, dass weniger Schüler durchfallen. Andererseits ist das Durchfallen ist auch merklich erschwert worden – was nicht heißt, dass die Leistungen besser geworden sein müssen. Das Pflichtwiederholen ist eine blöde Sache und sollte tatsächlich minimiert werden. Und zwar nicht dadurch, dass man weniger Leistung verlangt, sondern dadurch, dass man fehlende Leistung einfordert und herauskitzelt: Nachprüfungen.
Laut einem Rundschreiben der Landes-Eltern-Vereinigung darf man jetzt nicht nur in den Jahrgangsstufen 5–8, sondern auch in 9 auf Probe vorrücken darf, egal wieviel 5er oder 6er man hat. (Wenn das stimmt, ist es schade, dass Lehrer das so erfahren und nicht vom Kultusministerium.) Und gerundet wird in der elften Klasse so: Einmal 7 und einmal 8 Punkte mündlich, dazu einmal 7 Punkte in der Klausur – gibt natürlich 8 Punkte im Zeugnis, ohne Diskussion. Gerundet wird in der zehnten Klasse so: Einmal 5,50 in Geschichte (wird zu 5), einmal 4,50 in Sozialkunde (wird zu 4), gibt im Zeugnis die gemeinsame Note 4. Klar gibt es dann weniger Pflichtwiederholer. Aber gleichbleibende Leistung wie zuvor halt auch nicht.

Nicht jeder, der wiederholen muss, ist fürs Gymnasium ungeeignet. Nicht jeder, der es verlassen musste, war dafür ungeeignet. Oft kommt nur die Pubertät dazwischen. Andererseits: laut der Definition oben gehört nun mal Ausdauer und Zielstrebigkeit dazu. Ich verstehe natürlich Eltern, dass die für ihr Kind Abitur am Gymnasium wollen. Das braucht man für viele Berufe. Eine Lösung dieses Dilemmas habe ich auch keine. Aber ich gebe wenigstens zu, dass das ein Dilemma ist.

– Drei Einwände will ich nennen. Den ersten habe ich schon angeschnitten: vielleicht macht es nichts aus, dass das Abitur leichter und damit weniger aussagekräftig ist. Mein Bauch sagt nein, aber ich will mich da nicht festlegen.

Zweitens: Das GBlog weist darauf hin, dass das von Schloemann als demokratisch bezeichnete Gymnasium des 19. Jahrhunderts das gar nicht war. Und dass das Gymnasium mitnichten jene “freundliche, ermunternde Souveränität, die sich aus Wissen, Klugheit und Interesse speist”, hervorgebracht hat. Das stimmt wohl, ist aber für die Gegenwart wenig wichtig. Weitere interessante Kritikpunkte siehe dort.

Drittens, und das ist ein echter Einwand und ein echtes Problem: Vielleicht hat das Gymnasium ja gar nicht die für diese Schulform geeignetsten 20% eines Jahrgangs gekriegt. Wenn uns weitere 20% durch die Lappen gehen, obwohl sie geeignet sind, obwohl sie die oben zitierten Kriterien erfüllen, dann könnte man mit diesen 40% den Anspruch des Gymnasiums beibehalten.
Denn es ist laut PISA ja tatsächlich so, und beklagenswert, dass der Schulabschluss der Kinder zu sehr mit der formalen Schulbildung der Eltern korrespondiert: Wenn die Eltern studiert haben, geht das Kind wahrscheinlicher aufs Gymnasium als bei Eltern mit Hauptschulabschluss. Da geht wirklich Potential verloren. (Leute wie ich etwa: bei mir haben die Eltern nicht studiert oder auch nur Abitur.)
Zwei Möglichkeiten gibt es, dieses Phänomen zu erklären: a) Akademiker bringen ihre Kinder eher aufs Gymnasium, obwohl diese gleich gut oder schlecht dafür geeignet sind wie Kinder von Nichtakademikern, oder b) die Kinder von Akademikern haben, wenn sie erst mal 10 Jahre alt sind, mehr Einsatzfreude und Leistungsbereitschaft etc. und sind damit tatsächlich besser fürs Gymnasium geeignet. In beiden Fällen muss man dringend etwas unternehmen. Aber das ist nicht das, was gerade am Gymnasium passiert.


Heute ist Schülerstreik/Demo. Ich bin mäßig gespannt, wer von meinen Elftklässlern dorthin geht. Übel würde ich es keinem nehmen, aber mehr Respekt hätte ich vor einer Demo, wenn sie nicht während der Schulzeit stattfinden würde. Grund zu einer Demo gibt es genug, vieles am G8 ist überstürzt und wenig planvoll eingeführt worden. Deswegen begrüße ich die Demo, unterstütze aber nicht alle ihre Ziele.

Hier geht’s zu den Forderungen der Streikenden. Einige halte ich für begründet, andere für unbegründet. Wahlfreiheit zwischen G9 und G8: von mir aus sehr gerne. (Die Alternative FOS/BOS gibt es jetzt schon, nur wählen diesen Weg noch zu wenige.)
Sehr lesenswert sind auf der Seite die vielen Kommentare, die meisten davon durchaus kritisch (dem Kultusministerium, den Mitschülern und der Demo gegenüber) und mit Augenmaß.

Das deckt sich auch mit meinem Eindruck meines Q11-Informatikkurses. Mit dessen Leistungen und Verhalten bin ich sehr zufrieden, und das, nachdem ich am Anfang den Lehrplan für übertrieben und das Probe-Abitur für viel zu schwer hielt. Ob das auf die anderen Fächer übertragbar ist, kann ich nicht sagen – Informatik ist ein Fach, das man eher freiwillig wählt, und einen Vergleich mit dem G9 gibt es auch nicht, da das Fach ja neu ist.

13 Antworten auf „Schloemann, Klassenbewusstsein“

  1. Also ich kenne eigentlich nur STudien, dass Schulabschluss mit IQ korreliert.

    Die andere Sache, in der Diskussion Bildungsabschluss der Eltern entspricht Abschlusschance des Kindes. Vielleicht ist es so, dass man in Deutschland schon so lange fördert, dass es nichts mehr zu fördern gibt. Frühers war Bildung nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung zugänglich. Später für alle. Von dieser Masse haben all die Begabten die Bildung bekommen, die für sie geeignet ist. Vielleicht gibt es in den sogenannten Bildungsfernenschichten nicht mehr so viel unentdeckte Talente wie in anderen Ländern, die mit der Förderung später angefangen haben oder größere infrastrukturelle Probleme zu überwinden hatten.

    Man nehme Schweden, die Entfernung zu einer Bildungseinrichtung sind dort größer sein als hier und war später zu überwinden als in D, also sind die Leute später erreicht worden, also kann man dort noch eher Begabungen in den bildungsfernen Schichten finden.

    Die Bildung der Eltern ist aber auch hilfreich. Ich habe mal einer 16jährigen Schülerin “Mann ohne Eigenschaften” ans Herz gelegt. Antwort: Darüber habe ich gestern mit meiner Mutter gesprochen.” Mutter Analytikerin, Vater Professor.

    Oder ich habe den kompletten Thomas Mann mit 16 durchgehabt, weil er im Bücherregal meiner Eltern stand, andere haben erst im Leistungskurs Deutsch von Thomas Mann gehört. Beide Eltern Ärzte. Das zu kompensieren ist schwer. Meines Erachtens unmöglich.

  2. Die Tendenz ist dramatisch, sie ist im Schulalltag unmittelbar wirksam und sie führt zu schlechteren Ergebnissen, wenn auch nicht notenmäßig. Diese Tendenz ist nicht nur mit dem Unterschied zwischen dem Kurzgymnasium und der traditionellen Langform begründet. Wer früher 7000 Lateinvokabeln gelernt hat, kann mehr Latein als ein heutiger Schüler mit 2500 Vokabeln im Laufe seiner Schulzeit. Natürlich kann man über den Sinn von Latein (Mathematik, Deutsch oder Geschichte) streiten. Die Bildungstiefe leidet darunter. Bildung wird nur noch verzweckt erworben. Latein lernt man heute nicht, weil damit bestimmte Inhalte und Fähigkeiten trainiert werden, sondern weil man das Latinum braucht, um etwas zu studieren. So ähnlich ist es mit dem Abitur auch. Nicht das Interesse anm Fremdsprachen, musischen Fächern oder einer vertieften naturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit bestimmt das Verhalten der Schüler, sondern Bildung wird vor allem dazu instrumentalisiert, bestimmte Berufschancen wahrnehmen zu können. Das passt natürlich gut zum Bologna-Prozess mit seinen Bakkalaureats-Halbstudiengängen in den Hochschulen.
    Einen Großteil der Verantwortung für diesen Prozess tragen die Eltern, und das ist denke ich Schloemanns eigentliche Stoßrichtung: Eltern ohne Abitur oder gar akademischen Abschluss wollen zwar ihr Kind aus verständlichen Gründen aufs Gymnasium schicken, sind aber nicht bereit dem Gymnasium mehr als nur die Funktion eines Durchlauferhitzers für die eigentliche Studien- und Berufsausbildung zuzugestehen. Ihre eigene Lebenserfahrung schlägt hier auf das Gymnasium durch. Wer Schule (Hauptschule, Realschule und berufliche Fachschulen) im besten Fall als berufsvorbereitend, im schlechtesten Fall als Zeitverschwendung erfahren hat, erwartet von der Schule seiner Kinder ähnliches, wenn auch auf höherem Niewoh (!). Im Schulalltag wird das zum Beispiel sichtbar in der immer ungenierter nach vorne gespielten Haltung der Eltern, das Gymnasium müsse sich um die Voraussetzungen für den Erfolg der Kinder kümmern, nicht etwa die Kinder selbst oder gar die Eltern.

  3. Zum Thema “Intelligenz” ist unbedingt zu empfehlen ein kürzlich erschienenes Buch von Detlef Rost: Intelligenz – Fakten und Mythen, Beltz, 2009. Und ja, ein Fazit ist, dass der generelle IQ (im “klassischen” Sinne definiert und gemessen) eine große Vorhersagekraft für “Bildungserfolg” (und auch “Berufserfolg”) hat (während diverse “alternative Intelligenztheorien” im Kern als Unsinn zu betrachten sind).
    Eine (Teil-)Erklärung des Phänomens, dass der Schulabschluss der Kinder mit der formalen Schulbildung der Eltern korreliert, ist die teilweise Erblichkeit des IQ. (Dies wollen nicht alle Bildungsforscher und Schulpolitiker wahrhaben, lässt sich aber nicht wegdiskutieren …)

  4. Zum Thema Durchlauferhitzer Bildungseinrichtung: Ich sehe das anders als Schiller und vielleicht auch Beelzebub. Die Brotgelehrten sind nicht der Feind der Bildungseinrichtung und der Entwicklung der Gesellschaft, sondern ihre Stütze. Selbst wenn jemand die Schule (uni, …) nur benutzt um damit später geld zu verdienen soll er dies tun. Wenn er das ernsthaft betreibt und der Unterricht gescheit funktioniert, kommt trotzdem genug dabei rum, dass er die Gesellschaft voran bringt. Der philosophische Kopf wird auch nur dann akzeptanz erlangen, wenn er die Bindung zum Brotgelehrten nicht verliert und um dies zu erhalten ist unser Bildungssystem (auch) da.

    Und wer Latein nur fürs Latinum paukt, lernt trotzdem was dabei. Wenn ich nur die Leute ereichen möchte, die sich ernsthaft für den ganzen Kanon interessieren und dann am besten auch noch über den Stoff hinaus. Dann, ja dann kehre ich zurück zur Trennung der Schichten. Denn dann erkennt auch das einstellende Unternehmen, dass den Brotgelehrten will, dass dazu wohl keine Akademische Bildung notwendig ist, wenn diese nur aus 7000 Lateinvokabeln und ähnlichem Berufsunrelevanten besteht. Die Firma wird also den ungebildeten Einstellen und ihn selbst bilden…Wenn nur der philosophische Kopf auf dem Gymnasium landet, dann bleibt er unter sich und das ohnehin schon mäßige Vetrauen in die Wissenschaft bröckelt weiter. Ich weiß nicht, ob ich das will.

    Ich halt es da eher mit herrn rau: Aus den Leuten alles rauskitzeln. Versuchen Spill-Over zu erzeugen, so dass die Schüler was mitnehmen, auch wenn das nicht ihr Antrieb ist in die Schule zu gehen. Sicherlich viel verlangt von einem Lehrer, mein Wunsch wäre es trotzdem…

    …Denn wie Schiller das will, will ich es nicht..

    näheres zu Schillers Vorlesung hier:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Was_hei%C3%9Ft_und_zu_welchem_Ende_studiert_man_Universalgeschichte%3F

  5. @StephanZ @Beelzebub Bruck und @Andreas: Ich sympathisiere sehr mit eurem Standpunkt. Wenn man täglich Desinteresse erlebt, zweifelt man sehr daran, dass Schüler mit schlechteren Voraussetzungen bessere Leistungen bringen werden. Vor allem, wenn Minister es einem aus politischen Gründen einzureden versuchen.
    Aber es ist schier unglaublich, was alles aufgeholt werden kann. Etwa wenn man Uwe Timms Bericht über Benno Ohnesorg liest, wird etwas davon deutlich.
    Freilich, nicht jeder, der nicht aufs Gymnasium kommt, ist wie Ohnesorg. Aber es bekommt auch nicht jeder die Chance, zu beweisen, welche Qualifikationen er unabhängig vom Fächerkanon mitbrimgt.

    @gruenblinder Wie Schiller das wollte (!), sollte man ehrlichkeitshalber sagen und dann hinzufügen, dass er als Anfänger als Dozent und (!) als Historiker einen “Knaller” brauchte, um gleich mit der ersten Vorlesung in Jena bekannt zu werden. Das ist ihm genauso gut gelungen wie das “der Jungfer Goethe ein Kind machen”, indem er er ihm geholfen hat, sich selbst zu verstehen. Schiller war auf das Publikum angewiesen und er hat es zu bedienen gewusst, ohne sich deshalb zu verbiegen. Natürlich war ihm ein philosophischer Kopf lieber; aber er hat mit seiner Vorlesung mitnichten Landesbildungskonzept entwickeln wollen, wie W. v. Humboldt das für Preußen wollte

  6. Auch ein Lehrer ist ein Brotgelehrter, vermutlich stellt diese Berufsgruppe im Bereich der Geisteswissenschaften sogar die größte Einzelgruppe. Kaum jemand sonst, der Germanistik studiert hat, befasst sich sich anschließend noch mit den Gegenständen, die er studiert haben könnte.
    Allgemeinbildende Schulen und andere Bildungseinrichtungen gehören zum reproduktiven Teil der wirtschaftenden Gesellschaft, die ein legitimes Interesse daran hat, sich erstens in den folgenden Generationen abzubilden und zweitens sich weiterzuentwickeln. Was sich derzeit aber ereignet ist, digital beschleunigt, eine Art Bildungsbilderstürmerei, die nicht nur die Nasen, sondern wie seinerzeit auch, die Köpfe herunterschlägt. Das primäre Interesse, nämlich die Wahrung eines kulturellen Zusammenhangs und die Vermittlung von Wertvorstellungen sind aber Voraussetzungen für das zweite. Ohne Referenzpunkte gibt es zwar immer noch eine Dynamik, sie bleibt aber richtungslos und beliebig. Genau das ist es, was die gegenwärtige Elterngeneration ausmacht: Mehr oder weniger hilf- und orientierungslose Erwachsene, die sich mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sehen und jeder neuen Sau nachlaufen, die gerade durchs (digitale) Bildungsdorf getrieben wird. Dazu: mehr oder weniger hilflose Schüler, die nicht wissen, was sie mit drei Millionen Google-Einträgen zu Schiller anfangen sollen, die sie in der Recherche für ein Referat aufrufen. Und obendrein: Mehr oder weniger hilflose Politiker, die es wahlweise den Elternverbänden, den Wirtschaftslobbyisten und ihren eigenen Finanzministern Recht machen sollen. Bitte nicht missverstehen: Es geht hier nicht um einen statischen Bildungsbegriff oder vermeintlich ewige Werte, sondern um den Bildungsprozess und (!) die Inhalte. Neulich schrieb mir ein Schüler an den Schluss einer Erörterung zum Thema “Sollen in der Schule lange Gedichte auswendig gelernt werden?”, man solle doch lieber Lerntechniken vermitteln, statt Schüler mit Schillers “Glocke” zu quälen…
    Das macht nichts, wenn man erst 15 ist. Wer mit 25, 35, 45 so daherredet, produziert ausgemachten Stuss.
    Und um noch einmal Schillers Zeiten zu bemühen: Der revolutionäre Gestus des Originalgenies gründete sich auf der genauen Kenntnis der Materie, die ausdrückliche Abweichung vom Tradierten machte später die Klassik möglich. Aus der inhaltlichen Ablehnung oder Opposition zu den Referenzpunkten ergab sich eine Standortbestimmung bzw. ein Standpunkt. Wie sollen Schüler einer Schule ohne Rückgrat ein solches entwickeln?

  7. Reaktion meiner Schüler zu den Schülerforderungen: “Belastung durch hohe Stundenzahl” ist ein Problem, verstärkt durch fehlende Ausrichtung der Schulen auf Ganztagsunterricht. “Zu hohes Leistungsniveau” ist nicht ihr Problem, sie wollen auch kein zu niedriges Niveau. Laut einer Stichprobe des Bayerischen Philologenverbands sind die G8-Noten in Deutsch, Englisch und Mathematik um 1 Notenpunkt (bei 15 möglichen) besser als die im G9.

    Das Hauptproblem sehe ich aber ähnlich wie Beelzebub. Wer sich nicht anstrengt, sondern es als Aufgabe des Systems ansieht, einen durchs Abitur zu bringen, der soll nicht aufs Gymnasium. Auf anderen Wegen kann er dann gerne das Abitur machen.

  8. Ein mutiger Artikel, der konservativ anmutet, aber die Dinge, um die es geht, benennt. Kann mich im wesentlichen der Argumentation von Schloemann anschließen, allerdings folgender Einwand: Wer gute Gymnasien fordert, sollte auch gute Realschulen und gute Kindergärten fordern, weil sonst die bekannte Schieflage und Blickverengung entsteht. Forderung nach Durchlässigkeit natürlich sowieso. Also in aller Kürze: Gymnasien öffnen ohne Niveau zu senken, klares Förderkonzept wo es Sinn macht (besonders in den Jahrgängen 5 und 6 bzw. 7 und 8) – aber richtige und eindeutige Beratung von Schülern/-innen und Eltern, wenn die Erfolgsaussichten nicht gegeben sind. Was spricht gegen Qualifizierung auf einer guten Realschule und weitere Schulausbildung nach einem guten RS-Abschluss?
    Viele Wege führen zum Erfolg!
    Peter Bloecker

  9. Viele Wege: genau. (So sollte es jedenfalls sein.) Ich wundere mich ein bisschen, dass dieser Artikel so gar nicht in den Weblogs diskutiert wird, die ich lese. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht frei online ist.

  10. Ich werde den Artikel jetzt im LZ aushängen und auf den Tischen verteilen – mal sehen, was passiert.
    Mit kollegialen Grüßen aus Nds.
    Peter Blöcker

  11. Wie ist das eigentlich mit dem Vorrücken auf Probe nach Jahrgangsstufe 10? Was ist, wenn ich da in Latein und Physik (2 Kernfächer) eine 5 habe und diese Fächer dann ablege, wäre dann ein Vorrücken auf Probe prinzipiell erlaubt?

  12. In der 10. Jgst. des bayerischen Gymnasiums gibt es Vorrücken auf Probe nur im Fall von Gründen, die der Schüler nicht zu vertreten hat (z.B. Krankheit, Todesfälle in der Familie u.ä.), weil mit dem Bestehen der 10. Jgst. die Oberstufenreife nachgewiesen wird. Zweimal Note 5 in Kernfächern ohne diese Gründe hat der Schüler selbst zu vertreten (Mangelnder Einsatz, Begabungs- oder Belastungsgrenze) Damit hat er die 10. Jgst nicht bestanden und darf auch dann nicht vorrücken, wenn er die entsprechenden Fächer abwählen wollte.

  13. Johan Schloemann liegt mit seinem Artikel richtig, was die Beschreibung nivellierender Tendenzen im Gymnasium betrifft, nur die Absenkung des Niveaus beginnt nicht erst im Gymnasium, sondern vielfach schon in der frühkindlichen Erziehung, in den Kindergärten und Grundschulen. Dabei übersieht er auch die Einflüsse betriebswirtschaftlichen Denkens in den Schulministerien, z.B. durch die Bertelsmann-Stiftung. Wenn Bildung und Erziehung als Markt begriffen wird, auf dem die Schulen als im Wettbewerb befindliche Anbieter und Dienstleister die Bedürfnisse der Bildung nachfragenden Kunden (Eltern und Kinder) zu befriedigen haben, muss man sich über Sanktionsangst, Noteninflation und PR-intensive Potemkin-Pädagogik nicht wundern. Unternehmensberater verlangen nicht nur ständige Evaluation, sondern sie versuchen auch die Produktivität des Dienstleistungsunternehmens Schule zu erhöhen, indem beim Input gespart wird (G8) und die Masse und Zertifizierung des Output bei geringerer Durchlaufzeit erhöt wird. Als Gesamtaufsichtsrat fungieren die Landesregierungen die unbedingt Erfolge in Form ständigen Wachstums, quantitativ wie auch qualitativ, gemessen an den Ergebnissen zentraler Prüfungen, vorweisen müssen, weil sie ja bei der nächsten Hauptversammlung, der nächsten Landtagswahl, wiedergewählt werden wollen. Das Schöne dabei ist aus Sicht der Schulministerien, dass sie den Erfolg selbst durch die Vorgabe der Aufgaben und der Leistungsmessungskriterien bei den zentralen Prüfungen beeinflussen können. Und siehe da, die Schulen und die Leistungen werden tatsächlich immer besser, denn auch die Bundesländer stehen ja im marktwirtschaftlichen Wettbewerb und bekanntlich führt ja der Wettbewerb nicht nur zur Erhöhung von Produktion und Produktivität, sondern auch zur Verbesserung der Qualität der Produkte!

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