Noch einmal: öffentlich und privat

Sollen Schulen Mobbing im Internet und vergleichbares Fehlverhalten ihrer Schüler durch Schulstrafen ahnden dürfen?

Das war eine kurze Erörterungsfrage, zum Beginn einer Diskussion, in der es eigentlich um etwas ganz anderes ging. Das Ergebnis: nein, die Schule soll sich da raushalten. Oder bei den Eltern anrufen. Aber ein Verweis (schulische Ordnungsmaßnahme, quasi ein Akteneintrag) sollte keinesfalls erlaubt sein. Und wenn ein Schüler über einen Lehrer? Da schon. Aber nicht wenn untereinander.

Was das Recht dazu sagt:

Außerschulisches Verhalten darf Anlass einer Ordnungsmaßnahme nur sein, soweit es die Verwirklichung der Aufgabe der Schule gefährdet.
BayEUG, Art 86 (8)

Gilt das für einen rauchenden Minderjährigen außerhalb des Schulgeländes? Wohl nicht. Gilt das für einen mobbenden Mitschüler im Internet?
Was die Kommentare und Urteile dazu sagen, weiß ich nicht. Und was pädagogisch sinnvoll ist, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Interessant ist die Begründung der Schüler:

Was man zu Hause ins Internet schreibt, geht die Schule nichts an, weil das privat ist.

Wörtlich. Und ich muss sie dann darauf hinweisen, dass das, was sie in Foren schreiben, nicht privat ist, sondern sehr, sehr ÖFFENTLICH. Ich kann es fast nicht groß genug schreiben.

Natürlich habe ich recht und die Schüler ebenso. Die Schüler teilen die Welt ein in „schulisch“ und in „privat“, und ich in „privat“ und „öffentlich“. Vielleicht reicht eine Zweiteilung einfach nicht aus und man braucht doch so etwas wie privat-dienstlich-öffentlich.
Auch Kant hat zu der Begriffsverwirrung beigetragen: er versteht unter dem privaten Gebrauch der Vernunft den dienstlichen, den man als Amtsperson hat (als Lehrer oder Pfarrer in der Kirche), und unter dem öffentlichen Gebrauch denjenigen in der Welt der Wissenschaft, in Zeitschriftenartikeln (wo derselbe Lehrer oder Pfarrer mehr Freiheiten genießt).

25 Thoughts to “Noch einmal: öffentlich und privat

  1. Leider muss ich deinem Schüler recht geben. Wenn Du in einem Fußballverein spielst und an den Spielen teilnimmst, passiert das in der Öffentlichkeit. Deswegen kann dich aber dein Arbeitgeber nur in Ausnahmefällen angehen, weil dieses öffentliche Auftreten deine Privatsache ist. Mit privat ist gemeint, wer sich einmischen darf und das Verhalten ahnden darf. Wenn deine Freundin sagt, Du spielst mir zu viel Fußball, dann darf sie dich deswegen verlassen, aber dein Arbeitgeber dich nicht feuern.
    Ich würde sogar so weit gehen, dass dein Schüler in diesem Punkt das bessere und richtigere Sprachverständnis hat als Du sein Lehrer. Ich hoffe dieser Fakt wirkt sich nicht negativ auf seine Note aus.
    Und die Auffassung von Kant tut nichts zur Sache. Es geht um den Gebrauch der Vernunft, nicht um Sanktions- und Interventionsrechte.
    Zeigt sich, dass Erörterungen Glückssache für den Schüler sein können. Ich habe in der 11. Klasse so etwas wie Perestrojka phrophezeit. Mein Deutschlehrer hat es für Käse gehalten und mir eine Fünf gegeben. Sechs Jahre später ist die Mauer gefallen.

  2. Kinder und Jugendliche unterscheiden nur dann öffentlich und privat, wenn es ihnen nützt. Sie denken nahezu ausschließlich interessengeleitet. Das heißt Fußball ist privat, so lange man Lust dazu hat. Hausaufgaben sind schulisch-öffentlich, wenn sie aber mit den eigenen Interessen kollidieren, wird der schulische Eingriff in die Privatsphäre moniert.
    Es geht den Lehrer sehr wohl etwas an, wenn ein Schüler zu viel Fußball spielt, so dass er seine Hausaufgaben vernachlässigt oder seine Leistungen deswegen dramatisch absinken. Und tatsächlich wird sich ein verantwortlicher Lehrer mit den betroffenen Schülern und Eltern auf die Suche nach den Ursachen machen. Das ist nicht gleich eine negative Sanktion, aber durchaus eine Intervention.
    Aus Lehrersicht ist der Montagmorgen ein permanenter Übergriff der sogenannten Privatsphäre auf die öffentliche Sphäre, weil die Schüler völlig übermüdet vom Freizeitstress der Eltern am Wochenende am morgen danach in der Schule aufkreuzen.
    Gerade die Unterscheidung von schulisch, dienstlich, privat nicht einhalten zu können, ist Merkmal von Heranwachsenden. Außerdem ist es Konsens dieser Gesellschaft, dass Heranwachsende der Erziehung und Bildung bedürfen. Es ergibt sich aus der Sache, dass die zu Erziehenden und zu Bildenden nur begrenzte Souveränität innerhalb des Erziehungs- und Bildungsprozesses besitzen. Ein Veto „Das ist privat!“ unterliegt ebenfalls engen Grenzen, so lange Schüler und Eltern sich am Bildungsprozess beteiligen, und falls der Bildungsprozess dadurch beeinträchtigt wird, wie das etwa bei Cybermobbing ganz erheblich der Fall ist, kann bzw. muss sogar reagiert werden. Ob man da ausgerechnet mit so einem plumpen Instrument wie den Schulstrafen (Verweis etc.) reagieren soll, ist etwas ganz anderes.
    Schule soll unter anderem ein Erfahrungsraum sein, in dem man Fehler machen darf, aber auf diese Fehler auch hingewiesen wird. Wenn mit den Web 2.0 Entwicklungen neue gesellschaftlich relevante Erfahrungsfelder entstehen, muss die Schule darauf reagieren, wenn sie ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachkommen will. Es sind nicht die Eltern und Schüler, die sich einmal heraussuchen dürfen, was die Schule machen soll und darf und dann, wenn es die eigenen Interessen betrifft, aber plötzlich den Maurermeister spielen können. „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“ ist heute eine beliebte Forderung der Generation, die Bildung und Erziehung als niemals endenden Kindergeburtstag inszeniert sehen will.

    Schulaufsätze sind keine Glückssache, auch wenn diese Legende von jedem enttäuschten Schüler widerholt wird, wird sie dadurch nicht wahrer. Einem Lehrer zwei Jahrzehnte oder mehr diesen Sachverhalt immer noch nachzutragen, ist schlechter Stil. Wer unter den damals Erwachsenen vor 1989 behauptet hat, dass es zu der dann eingetretenen Entwicklung kommt, lag gegen alle Wahrscheinlichkeit richtig oder verfügte über Informationen, die nicht allen zugänglich waren. Angesichts der Ereignisse spielt es aber keine Rolle mehr, wer Recht hatte.
    Eine Erörterung wird nicht nur nach ihrem Inhalt beurteilt, sondern auch nach einer ganzen Reihe weiterer Kriterien. Mit spektakulären Behauptungen kann man zwar richtig liegen, aber man muss sie auch begründen können, das ist der Zweck von Erörterungen. Nach menschlichem Ermessen wäre ein Oberstufenschüler Ende der 80er Jahre kaum dazu imstande gewesen, die Perestroika und ihre Folgen vorherzusagen. Das konnten nicht mal die Urheber der Perestroika selbst.

  3. Öffentliches Auftreten ist Privatsache? Das ist mir eine zu nachlässige Definition von privat, und genau darum geht es mir. Es reicht einfach nicht, zwischen schulisch und privat zu trennen, wie das die Schüler tun, sondern man muss auch zwischen öffentlich und privat trennen. Da schätze ich tatsächlich mein Sprachverständnis als das sinnvollere ein.

    Nur so sind ja auch solche Entscheidungen zu erklären: 14-Jährige fliegt von der Schule. (Lehrerbeleidigung in SchülerVZ, also „privat“ – damit habe ich neulich meine Siebtklässler erschreckt.) Es geht darin wohlgemerkt um schulische Strafen, nicht um das Strafrecht.
    Nun weiß ich auch, dass Lehrerbeleidung etwas anderes ist als Mitschülerbeleidigung. Aber auch die müssen geschützt werden. Soll die Schule reagieren, wenn es Mobbing im Internet gibt? Ja oder nein? Und darf sie dann auch mit Strafen reagieren? Siehe Artikel 86 oben. Ganz so einfach ist die Sache eben doch nicht.

    Übrigens möchte ich sehr wohl, dass Schüler sich öffentlich zu Themen äußern. Aber sie müssen lernen, dass öffentlich etwas anderes heißt als privat. Privat dürfen sie Lehrer beleidigen, so viel Sie wollen (ich ergänze allerdings immer, dass das nicht sehr nett ist).

    (Ach ja, und bei Kant geht es natürlich gerade um Sanktionsrechte, vergleiche die ganze Reimarus-Goeze-Geschichte bei Lessing. Auf der Kanzel darf der Pfarrer sanktioniert werden, im wissenschaftlichen Diskurs nicht.)

  4. Ich würde noch ein Unterscheidungsmerkmal für die o.g. Situation einführen wollen: wenn ein Schüler zu Hause („privat“) einen anderen *Mitschüler* im Netz („öffentlich“) mobbt, geht das aus pädagogischer Sicht die Schule sehr wohl etwas an. Denn dann ist der Schulbetrieb und auch der Schulfriede direkt durch diese Handlung beeinträchtigt.

    Anders sieht es meines Erachtens aus, wenn ein Schüler z.B. einen der Schule unbekannten Nachbarn mobbt. In diesem Fall könnte man (aus meiner Sicht) z.B. die Eltern darauf hinweisen, aber an der Schule selbst würde ich dann eher keine Ordnungsmaßnahmen folgen lassen – ein pädagogisches Gespräch aber schon.

  5. Ich habe meinen Kommentar verfasst, BEVOR die beiden direkt vorangehenden zu sehen waren – meine Argumentation doppelt daher tw. die von Beelzebub Bruck.

  6. Dein Verhalten in der Öffentlichkeit ist so lange deine Privatsache, so lange Du die öffentliche ordnung, Sicherheit und Ruhe nicht gefährdest und/oder beinträchtigst. Sollte die letzten beide Dinge gefährdet sein, hat der Staat gewisse Sanktionsmöglichkeiten.

    Angesehen davon kann ein Lehrer gegen einen Schüler sehr wohl bei einer Beleidigung im privaten Raum vorgehen. Da es den Staatsanwalt meist eher nicht interessiert, gibt es den Weg der Privatklage.

    Privat heißt auch nicht, dass man einen Freibrief hat. Wer sein Kinder privat schlägt, begeht trotzdem eine Straftat.

    Persönlich würde ich dir den Rat geben, mache dich juristisch kundig, weil die Meinungsbildung über ein Blog dürfte nicht sehr zielführend sein.

  7. Vielen Dank für den Rat, ich sehe den aber eher als eine unnötig gereizte Reaktion als einen wirklichen Hilfevorschlag. Es geht auch gar nicht um Strafrecht, sondern um Schulrecht, nicht um gesetzliche Strafe, sondern schulische Ordnungsmaßnahmen. Kaugummikauen zum Beispiel kann durch solche Ordnungsmaßnahmen geahndet werden, strafrechtlich ist das wohl selten belangbar. (Könnte allenfalls zu einer Abmahnung führen.)

    Ob Verhalten in der Öffentlichkeit „Privatsache“ ist, hängt davon ab, was du unter diesem Wort verstehst. Ich selber verwende das Wort deshalb nie. Verhalten in der Öffentlichkeit ist jedenfalls öffentlich, nicht privat. Auch wenn es nicht die öffentliche Ordnung, Sicherheit und Ruhe gefährdet: es ist öffentlich, nicht privat. Wenn man in der S-Bahn sitzt und lautstark telefoniert oder über Kollegen herzieht, dann ist das öffentlich.

  8. Nehmen wir an, einer Schülergruppe fällt durch Kleindiebstähle in Supermärkten auf und der Geschäftsführer bringt diese nicht nur zur Anzeige, sondern wendet sich auch an die Schule, weil die Diebstähle während der freien Stunden am Nachmittagsunterricht stattfinden. In diesen Fällen ist die Angelegenheit auch nicht einfach nur eine Strafsache, sondern auch eine Schulangelegenheit. Schließlich fordert der Geschäftsführer kongruentes Handeln seitens der Schule, z.B. verschärfte Wahrnehmung der Aufsicht, Thematisierung im Unterricht. Öffentliches Verhalten und schulisches bzw. privates Handeln sind nicht einfach juristsich zu trennen. Die entwicklungsbedingte Unfähigkeit Kategorien des Handelns sicher anzuwenden, ist doch genau der Grund, warum Jugendliche nach einem eigenen Strafrecht beurteilt werden, das immer auch erzieherische Ziele verfolgt. Mit der Zuweisung: „Das ist privat“ und „Das ist öffentlich“ kommt man kaum weiter. Wenn Lehrer jedesmal, wenn Schüler sich beleidigend äußern, gleich eine Privatklage anstrengen würde, dann freut das die Rechtsanwälte, die dann wieder einen Grund haben sich in die Schule einzumischen und viel Geld zu verdienen. Aus alter Erfahrung: Wo sich Rechtsanwälte in Bildung und Schule und Nachbarschaftsstreitigkeiten einmischen, ist meistens schon Hopfen und Malz verloren.

  9. Ich denke, dass „Cybermobbing“ bzwischen Schülern zunächst einmal Sache der jeweiligen Eltern ist. Wenn Kinder/Jugendliche etwas außerhalb der Schulzeit tun, dann ist dies erstmal nicht Sache der Schule.
    Wenn die üblichen Abgrenzungs- und Gruppenbildungsdynamiken allerdings Einfluss auf die Schule nehmen (Schüler hat Angst in die Schule zu gehen, Gruppenbildungen stören den Unterricht usw.), dann ist dies natürlich sehr wohl im Interesse der Schule die Sache irgendwie zu „regeln“. Cybermobbing muss ja nicht zwangsläufig nur im „Cyberspace“ stattfinden, sondern dürfte in der Regel auch Einfluss auf das „reale“ Leben haben bzw. sich dort in Form von Mobbing fortsetzen. Spätestens ab diesem Grad ist die Aufgabenerfüllung der Schule so oder so betroffen.

    Aus diesem Grund greift auch die Unterscheidung zwischen „Schule“ und „Privat“ zu kurz. Wenn Schüler vs. Schüler agieren, dann hat dies natürlich Auswirkungen auf den Schulbetrieb, zunächst einmal losgelöst davon, ob der Ursprung des Konfliktes während der Schulzeit oder außerhalb dieser stattgefunden hat. Bei Schülern ist der gemeinsame Nenner halt in der Regel die Schule. Natürlich muss sich nicht jeder Konflikt zu einem großen, langwierigen Problem entwickeln, vieles bleibt sicherlich im „normalen“ Rahmen.

    Das Internet selbst hat allerdings eine neue Qualität in den Bereich der zwischenmenschlichen Konflikte gebracht. Eher unbedarfte Nutzer gehen immer noch von einer ziemlichen Anonymität des Internets aus. Man gibt sich einen Nickname (übersieht dabei gerne, dass man fast überall den gleichen Nickname benutzt) und nutzt diese Anonymität manchmal dazu richtig „vom leder zu ziehen“. „Früher“ hat man das in seinem Zimmer mit seinen Freunden gemacht. Dementsprechend musste man selbst über einen entsprechenden Einfluss verfügen, um jmd. wirklich zu mobben oder ihm „das Leben schwer zu machen“. In Foren, Chats usw. sieht die Sache anders aus, da hier der Einfluss anders erworben wird, als im realen Leben, nämlich rein „verbal“. Wenn nun Schüler A ständig schreibt, dass Schüler B doof ist, so muss das von den anderen Nutzern nicht ernst genommen werden, aber entsprechende Vorurteile setzen sich auch unbewusst fest. Man nehme doch nur mal folgendes an: Der „Mobber“ verbreitet im lokalen Forum ständig, dass XYZ immer in der Nase popelt. 20 andere Schüler lesen das. Die Chance ist groß, dass jede Bewegung des Fingers zur Nase hin, danach von diesen 20 Schülern als „Popeln“ oder „Popelversuch“ interpretiert wird, da die Forenäußerungen die Wahrnehmung der Realität überlagern. Zehn der 20 Schüler schreiben dann: „Ja, heute wieder…X Mal!“, und schon hat sich eine gewisse Spirale in Gang gesetzt. Und diese Spirale kann sich, durch die hohe Anzahl an Forennutzern, schnell in völlig ungeahnte Höhen schrauben, noch leichter als sich Lästereien im Kinderzimmer verbreiten können. Im Forum lesen die ganze Sache auch an sich „Unbeteiligte“, die aber vllt. doch irgendwann in der Lage sind den „popler“ zu identifizieren. Und da haben wir dann die von herrn Rau bechriebene „Öffentlichkeit“. Die Grenzen zwischen einzelnen Gruppen verschwinden, durch die Möglichkeit sich weit über seinen eigenen Freundeskreis hin zu vernetzen, bzw. Informationen über andere Gruppen/Personen zu sammeln.

    Der Kreis zur Schule schließt sich dann, wenn das „Private“ anfängt sich auf das „Schulische“ auszuwirken, wie oben kurz beschrieben. Ob der Lehrer/die Schule dort eingreifen sollte? Ja, sofern es hinreichend bekannt ist und entsprechende Ausmaße angenommen hat. Thematisieren kann man dies an genügend Stellen im schulischen Alltag, denke ich.
    Sollte dies in Form von disziplinarischen Maßnahmen geschehen? Nur in letzter Instanz und auch erst, wenn die „elterlichen“ Instanzen „versagen“.

  10. Nicht vergessen werden darf – so denke ich – die menschliche Seite derartiger Konflikte. Klar kann ich mir rechtlichen Keulen kommen, aber dann ist – wie ein Vorkommentator trefflich bemerkte – meist eh schon Hopfen und Malz verloren. Und menschlich gehen mich Cybermobbingattacken in z.B. meiner Klasse sehr wohl etwas an, da ich für ein Klima sorgen möchte, in dem Unterricht möglich ist.

    Deswegen wird man doch stets zunächst die gesamte Eskalationskette beschreiten (und muss das von Rechts wegen auch – es sei denn in gravierenden Fällen), bevor man Keulen wie Akteneinträge oder Ordnungsmaßnahmen auspackt. Und wenn diese Eskalationskette transparent und in der Schule selbst abläuft, dann betrifft es auch Schule und nicht mehr allein das Private.

    Es gab tatsächlich aber auch schon Fälle, in denen ich zur Anzeige geraten habe und unsere Staatsanwaltschaft hier vor Ort sieht das weitaus unentspannter und vertritt den Standpunkt, dass man Jugendliche durch eine Drohkulisse früher eher erreicht als später – da gibt es dann zunächst Täter-Opfer-Ausgleichsgespräche mit Eltern, einem Jugendrichter, einem Spezilialisten für Zivilrecht, bevor man sich dann wirklich vor Gericht trifft. In vielen Fällen wird in solchen Gesprächen eine Lösung gefunden…

  11. Schulstrafen haben in solchen Fällen sicher nur begrenzten Nutzen. Aber ein Eingreifen von Pädagogen ist in solchen Fällen genauso erforderlich wie in der S-Bahn, wenn Passanten tätlich Angriffe mitverfolgen.
    Mobbing kann zu Selbstmord führen. Und jemanden in den Selbstmord zu treiben ist keine Privatsache.

  12. Ich denke, wie bei allen „Eingriffen“ / Sanktionen ist es in der Praxis nur mit einer guten Portion Verhältnismäßigkeit ordentlich handzuhaben. Wenn die gleiche Sanktion (Verweis) sowohl für einen tätlichen Angriff eines als aggressiv bekannten Schülers auf einen anderen in der Pause im Schulgelände, als auch einem Schüler für das Überqueren einer roten Ampel weit außerhalb der Schulzeit (wirklich einmal zu meiner Schulzeit, vor ca. 10 Jahren, einem Schüler aus meiner Jgst. passiert) gegeben wird, so werden auch die sanktionierten Handlungen auf die gleiche Ebene gestellt. Das Problem ist, dass die Schule nicht viele Sanktionen kennt – und diese oft sehr breit gefächert ausgesprochen werden.

    Gerade in Hinblick auf (Cyber-)Mobbing denke ich aber, dass es „die Schule“ sehr wohl was angeht, wenn es Probleme zwischen zwei Schülern gibt. Die Schule ist schließlich Lebensraum für ihre Schüler. Damit meine ich jetzt gar nicht so sehr Sanktionen bei größeren Auseinandersetzungen, sondern Aufmerksamkeit zu zeigen und den Schülern klar zu machen, was ihre Handlungen für Konsequenzen haben können. Auch das gehört meiner Meinung nach klar zum Bildungsauftrag der Schulen. Leider sind hierfür die Zeit und die Möglichkeiten an den Schulen begrenzt, und es bleibt meist den Lehrern überlassen, ob sie die Augen aufmachen oder sich nur auf den Unterricht beschränken.

  13. Bin zum Teil eher erschrocken über einige Ansichten: Die Schüler/-innen sind nicht „meine eigenen“ Kinder – klar! Aber wo kommen wir hin, wenn wir wegschauen, statt Position zu beziehen? Recht bleibt Recht und Unrecht bleibt Unrecht. Die Kinder brauchen nicht nur Vorbilder, sie brauchen auch Orientierung. Und dazu gehört eben, dass wir uns „einmischen“ und frühzeitig klarmachen, was wir dulden und was wir nicht durchgehen lassen. Darüber Konsens in einem Kollegium herzustellen gehört zu den schwierigen, aber dennoch notwendigen Aufgaben.
    Klauen im Supermarkt in den Pausen – Recht auf „Entfaltung der Persönlichkeit“ und „Privatangelegenheit“?
    Dein danke!
    Peter Blöcker

  14. was mir an der Diskussion auffällt ist, das hier privat und öffentlich als Gegensatzpaar dargestellt wird. Aber privat heisst ja nur das es nicht professionell ist. In wiefern diese Unterscheidung bei Schülern so einfach geht, ist sicher auch diskutabel. Ich denke aber das das Schulleben schon die Profession eines Schülers ausmacht, auch wenn er damit nicht seinen Lebensunterhalt verdient. Um was es hier meist geht, ist doch informationelle Selbstbestimmung, so sperrig drückt es das GG aus. Sprich das man was seine Privaten Daten angeht selbst bestimmen kann ob sie öffentlich gemacht werden dürfen. Und dann ist ja die Frage: Darf/sollte die Schule öffentlich zugängliche Informationen über das Private des Schülers nutzen. Und da gibt es viel für und wider. Auf der anderen Seite ob die Schule, auch Bewusstsein vermitteln sollte was es bedeutet Daten zu veröffentlichen gibt es keine Frage. Natürlich sollte sie das, und aber das wiederum nicht nur allein, das ist allgemeine Aufgabe der Gesellschaft

  15. Angesichts der Tatsache, dass mittlerweile Schüler und ehemalige Schüler meinen, dass Lehrer Menschen sind, deren Handlungsweise subjektiv auch einen Mord rechtfertigt, ist die Frage ob die Schule öffentlich zugänglich gemachte Informationen der Schüler nutzen sollte, letztgültig beantwortet. Angesichts der Tatsache, dass noch jeder versuchte oder vollendete Mord an Lehrern und Schülern im Netz angekündigt war oder zumindest Anhaltspunkte dafür nachträglich zu finden waren, erübrigt sich eine Diskussion dieses Zuschnitts. Bisher war man leider immer erst hinterher schlauer. Jedesmal wird hinterher beklagt, dass die mediale Selbstinszenierung der Täter Anteil an der Tatmotivation hatte. Mich kümmert das viele Für und Wider dabei einen – mit Verlaub – Dreck!

  16. au ja Rasterverhandung für Schüler. Und jeder der im Netz einen boesen Scherz macht, kommt in den Knast. Es ist nämlich das alte Lied nachträglich war immer alles absehbar. Ob Daten und Hinweise wie auch immer beschafft für rechtliche Schritte benutzt werden dürfen entscheiden nicht Sie, lieber Beelzebub, sondern zum Glück immer noch Gerichte und ohne Straftatverdacht geht schonmal gar nichts.

    So weit ich das Überblick ging es aber auch nicht um solche extrem Fälle sondern in erster Linie um viel weniger Dramatische Vorfälle und da stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit noch viel mehr.

    Packen Sie also der Argumentativen Totschläger der Behauptet, dass jeder Schüler ein potentieller Mörder ist, wieder weg. Er ist es nicht mehr als jeder andere Mensch auch. Der jüngste Serienmörder in Belgien war Lehrer.

  17. Jetzt mal wieder alle beruhigen. Von Rasterfandung war nie die Rede, von rechtlichen Schritten auch nicht. Es geht um pädagogische Maßnahmen, nicht um rechtliche. Schulische Reaktionen sind in der Regel sonstige pädagogische Reaktionen (zum Beispiel das Gespräch), vielleicht auch Ordnungsmaßnahmen (wie der Verweis – bitte nicht mit einem Schulverweis verwechseln) und erst ganz am Schluss vielleicht rechtliche Schritte. Alles mit Augenmaß, worauf oben schon etliche Kommentare hingewiesen haben. Für diese Maßnahmen sollen öffentliche Informationen genutzt werden können; das halte ich für selbstverständlich. Diskutieren kann und soll man das Ausmaß und die Art der Nutzung.

    Und ja, das sind wir einer Meinung, StS: die Unterscheidung öffentlich-privat greift eben zu kurz, ebenso wie die zwischen schulisch und privat. Das müssen manche Schüler eben noch lernen, siehe das Zitat oben.

    Informationelle Selbstbestimmung ist ein wichtiges Thema. Schüler sollten wissen, was mit ihren Daten geschieht, und welche davon öffentlich sind und welche nicht. Aber darum geht es hier nur indirekt, anders etwa als in diesem Fall, wo Schulen Schülern hinterherspionieren. Hier ist eher das Problem, das manchen Schülern nicht klar ist, was öffentlich bedeutet. (Wir sind uns doch wohl einig, dass eine Schule irgendwie reagieren muss, wenn Schüler Lehrer öffentlich, aber außerhalb der Schule beleidigen. Und Mitschüler auch.)

  18. Es war nicht die Rede von allen Schülern, sondern von Schülern und ehemaligen Schülern. Und in der Tat ist Profiling ein legitimes Mittel, das im Übrigen auch ganz informell und schon immer in Lehrerzimmern stattfindet. Man redet da doch nicht nur immer über Noten.

    Bisher ging es in dieser Diskussion um Informationen, die Schüler öffentlich (!) zugänglich machen, auch wenn ihnen das vielleicht nur halb bewusst ist. Das hat mit Gesetzen erst einmal gar nichts zu tun, über die ich hier auch gar nicht befinden will.
    Es geht um die Frage, ob Schule weit im Vorfeld, ohne dass immer gleich schon Schulstrafen oder gar der Staatsanwalt bemüht werden, wirksam werden soll oder gar muss.

    Es scheint aber schon so zu sein, dass manche Schüler sich in dieser Öffentlichkeit so weit aus dem Fenster lehnen, dass sie kaum mehr zurück können. Böse Absichten, gar Rachegedanken haben viele Schüler irgendwann einmal. Bisher konnten sie die aber nur in eher kleinem Kreis äußern. Heute ist das anders. Es macht einen Unterschied ob man vor guten Freunden mit seinen Absichten prahlt oder vor einer Öffentlichkeit, die nahezu das gesamte Umfeld mancher Jugendlichen ausmacht. Diese Zauberlehrlinge und ihre Besen gilt es vor Schlimmerem zu bewahren.

    Keineswegs sind alle Schüler potenzielle Mörder, so einen Unsinn habe nicht behauptet, also bitte die Unterstellungen, die so einen 68er-Reflex (Rasterfahndung) enthalten, weglassen. Und dass auch Lehrer zu Mördern werden können hilft auch nicht weiter. Mir geht es um den falschen Gebrauch oder den Missbrauch einer Internet-Öffentlichkeit, die nicht mehr Folge eines Problems zu sein scheinen, sondern eine ursächliche Komponente einschließen.

  19. Wenn ich Artikel und Diskussionen wie diese lese, dann frage ich mich jedesmal, wie krank die Welt und ihre Menschen eigentlich noch werden koennen.
    Privatsphaere gibt es in der Zwischenzeit, so scheint es, sowieso nicht mehr. Ueberwachung, lueckenloses Nachvollziehen, glaeserne Menschen, welch traumhafte Aussichten.

    Und als engstirniger, ‚erfahrerner‘, von vielen Dingen gepraegter Erwachsener sollte man sich derartige Aussagen von Kindern einmal naeher betrachten.

    Wenn sich ein Schueler im Internet (beispielsweise in einer der tausenden Internetcommunities) gemobbt fuehlt, warum haelt er sich dann davon nicht fern?
    Wenn es dann im ‚Reallife‘ in der Schule weiter geht, dann, ja, DANN ist es meiner Meinung nach Sache der Schule, einzugreifen.
    Aber hier hilft auch mit Sicherheit reden, erklaeren, sich in die andere Person hineinversetzen um einiges mehr als ein Verweis. Und es ist nur menschlich, nicht mit jedem gut klarzukommen.

    Prinzipiell finde ich das ‚Aus- und Nachspionieren‘ von Schuelern (besonders ueber das Internet) alles andere als moralisch gerechtfertigt.
    Wie viele Schueler bekommen am Anfang ihrer Schullaufbahn einen Stempel, den sie bis zu ihrem Abschluss nicht mehr loswerden keonnen. Egal wie sie sich weiter verhalten. Und dann sind immer dieselben ganz oben auf der Liste der Lehrer, die bei saemtlichen Vorkommnissen als Taeter oder Ursache als allererstes ins Visier genommen werden. Bekommen Strafen fuer Dinge, die sie tatsaechlich nicht getan haben. Sind bei Lehrern unten durch, bei denen sie noch nicht einmal Unterricht hatten und werden auch bei diesen keine Chance haben.
    Haben Sie als Lehrer darueber schon einmal nachgedacht?

    Wer beurteilt oder beobachtet das Verhalten von Lehrkraeften? Lehrer(innen) – von denen es mehr als genug gibt – die willkuerlich handeln und bestrafen, Lieblinge und eben auch die ’schrecklichen Stoerenfriede‘ und ‚Unruhestifter‘ haben.

    Und zu dem oben erwaehnten ‚Freizeitstress‘ – Freizeit, was ist das in der Zwischenzeit fuer Schueler? Schoen, wenn sie Zeit fuer Sport haben und in diesem Aufgehen, sich koerperlich auslasten. DAVON werden die Noten mit Sicherheit NICHT schlechter.

  20. @ Marina
    Das Internet ist kein Kinderspielplatz, sondern in vielen Bereichen eher mit dem Straßenverkehr vergleichbar. Noch in meiner Kindheit in der 60er Jahren konnte man in Düsseldorf mitten in der Großstadt auf der Straße Fußball spielen. Niemand würde es heute als unzulässigen Eingriff in die Kindheit betrachten, wenn man Kinder heute vor dem Straßenverkehr zu schützen versucht.

    Schule ist kein Kindergeburtstag, schon gar nicht aus der Sicht der Schüler, für die Schule meistens der Ernstfall des Alltags ist. Hier nicht auf eine sich verändernde Realität zu reagieren, wäre ein schweres Versäumnis der Verantwortlichen im Bildungssystem.

    Sogenannter Sport wird selbst in Mannschaften der letzten Kindergartenliga in unserem Land noch leistungsfixiert betrieben, mit zwei mal Training pro Woche und einem Liga- oder Turnierspiel am Wochenende. In vielen Fällen werden die Noten erfahrungsgemäß schlechter, weil viele Kinder von den durchorganisierten Freizeitplänen der Eltern überfordert werden. Krank ist daran vor allem die Blindheit der Erwachsenen.

    Lehrkräfte werden täglich von Schülern, Eltern und Kollgen beurteilt und turnusmäßig von ihren Vorgesetzten, ggf. mit den entsprechenden Folgen. Es geht hier nicht um „nachspionieren“, weil die Informationen ohnehin öffentlich sind. Dass auch Erwachsene sich über den Charakter der digitalen Öffentlichkeit im Unklaren sind, zeigt doch, wie wichtig es ist, dass sich Schule damit auseinandersetzt.

  21. @Marina: „Privatsphaere gibt es in der Zwischenzeit, so scheint es, sowieso nicht mehr.“ Ja, so ähnlich hat es einer der Facebook-Gründer (Mark Zuckerberg, glaube ich) neulich formuliert. Wer Privatsphäre will, findet reichlich Platz dazu in seinem Leben – aber nicht in Facebook, und das muss man den Kindern sagen.

    „Wenn sich ein Schueler im Internet … gemobbt fuehlt, warum haelt er sich dann davon nicht fern?“ Wenn er nicht ins Internet will und damit leben kann, dass hinter seinem Rücken über ihn hergezogen wird: klar. Aber das ist doch kein Rat, den man ernsthaft jemandem geben kann.

    Strafen: Reden ist sinnvoll, klar, und sollte eine Reaktion sein. Aber „mit Sicherheit“ einen Verweis ausschließen, halte ich für falsch. Es kommt auf die Situation an.

    „Wer beurteilt oder beobachtet das Verhalten von Lehrkraeften?“ Na ja, Sie, Schüler (etwa 30 Augenpaare pro Stunde, 120 täglich), Eltern, Schulleitung. Mal sinnvoller, mal weniger sinnvoll. Da gibt es sicher noch etwas zu verbessern.

    „Haben Sie als Lehrer darueber schon einmal nachgedacht?“ Bestimmt. Sie können davon ausgehen, dass Lehrer ständig über Aspekte ihrer Arbeit nachdenken und darüber reden. Deswegen werden wir auch so selten auf Partys eingeladen.

  22. Hey so ne frage wen es sonntag ist und ich mit einem kumpel rauß gehe und dan mit ihm über lehrer x rede und ihn dan beleidige und er es durch zufall hört darf er mir in der schule eine strafe geben

  23. Das weiß wohl nur ein Jurist. Was heißt „durch zufall hört“ – wenn er die Beleidigung mit eigenen Ohren hört, ist wahrscheinlich eine Strafanzeige drin; wenn er es von einem dritten zugetragen bekommt, dann nicht. Im letzten Fall halte ich eine schulische Strafe für unwahrscheinlich – aber ich bin kein Jurist.

    (Mit großem Interesse habe ich den alten Blogeintrag und die Kommentare dazu gelesen. Imme rnoch interessantes Thema, aber heute hätte ich wohl weniger Geduld mit einigen Kommentaren.)

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