LibriVox

Ich weiß leider nicht mehr, wo ich vor ein paar Monaten in einem Kommentar geschrieben habe, dass LibriVox für mich als Quelle nur mäßig brauchbar ist. Diese Meinung habe ich nämlich geändert – kennengelernt und ausprobiert hatte ich LibriVox vor ein paar Jahren, noch einmal ausprobiert vor ein paar Wochen, und mit der Qualität bin ich jetzt sehr zufrieden.

LibriVox.org: das ist so etwas wie Projekt Gutenberg für Hörbücher. Freiwillige lesen dort Bücher vor und die Aufnahmen sind durchweg in der public domain, so dass man sie verwenden kann, wie man will. Links zu den Texten, natürlich ebenfalls public domain, gibt es auch gleich.

(Allerdings: nicht bei jedem Werk, das in den USA in der public domain ist, sind auch in Deutschland Urheber- beziehungsweise Verwertungsrecht abgelaufen. Insbesondere sind zum Beispiel die meisten Bücher in den USA gemeinfrei, die dort vor 1923 zum ersten Mal veröffentlicht wurden, auch wenn der Autor noch keine 70 Jahre tot ist. Für Europa gilt aber, mehr oder weniger, nur letztere Regel. Details zu USA-Regeln.)

Manche der Aufnahmen sind nicht besonders gut, und das waren früher eben die ersten, auf die ich gestoßen bin. Meine letzten Stichproben waren aber lauter erfreuliche Erfahrungen. Der Tipp: wenn man einen Leser gefunden hat, der gut vorlesen kann, dann sollte man einfach schauen, welche anderen Werke es vom gleichen Vorleser noch gibt. Und schon hat man viele schöne Aufnahmen.

  • Ganz toll etwa ist die Aufnahme von Rudyard Kiplings Stalky & Co., gelesen von Tim Bulkeley. Klasse. Wie es bei Charles Dickens heißt (Our Mutual Friend): “He do the Police in different voices.” Das ist nicht fehlerfrei, alle dreißig Minuten ist mal ein winziges Stolpern oder Zögern dabei, das bei einer bezahlten Aufnahme nicht akzeptiert werden würde. Aber die verschiedenen Dialekte und Tonfälle einer vergangenen Zeit trifft Bulkeley wunderschön anschaulich, ohne zu übertreiben. Insgesamt knapp 6 1/2 Stunden.
  • Wenn man nach dem Vorleser Tim Bulkeley sucht, stößt man auf Wilkie Collins, P.G. Wodehouse, mehr Kipling, und andere.
  • Über einige Geschichten von H. P. Lovecraft bin ich auf Glen Hallstrom a.k.a. SmokestackJones gestoßen. Auch ein guter Vorleser; liest vor allem Kurzgeschichten.
  • Schön einfach: The Iliad for Boys and Girls. Leider trotzdem noch zu schwer für meine Sechstklässler. Aber ich will mal ausprobieren, ob es Schülern etwas bringt, einen Text – nachdem sie ihn mehrfach gelesen und angehört haben – gleichzeitig vorgelesen zu bekommen und dabei laut mitzulesen und sich selber dabei aufzunehmen.
  • Im Moment höre ich gerade The Wrong Box von Robert Louis Stevenson und Lloyd Osborne. Ich habe das vor Jahren zwei- oder dreimal mit Genuss und Befremdung gelesen. Die Geschichte: zwei Brüder, hochbetagt, sind die letzten Überlebenden einer Runde von Herren, die im Kindesalter Teilnehmer einer leicht abgewandelten Tontine waren. Dabei wird für jeden Teilnehmer ein Betrag eingezahlt und der letzte Überlebende kriegt dann, viele, viele Jahre später, die Summe ausgezahlt. Nicht dass der dann noch viel davon hat.
    Einer der beiden Brüder wird von einem etwas leichtfertigen Neffen gehütet, ist aber schon lange nicht mehr gesehen worden. Lebt er überhaupt noch? Der andere Bruder, durchaus noch rüstig, ist wirtschaftlich abhängig von einem anderen, etwas verbisseneneren Neffen, dem er seine möglichen Tontinenanspruch übereignet hat. Er darf kaum mehr aus dem Haus, damit seine Gesundheit auch ja nicht leidet, schließlich ist er eine Investition. Durch eine Verwechslung bei einem Zugunglück wird er für tot gehalten und entkommt, oberlehrerhaft durch die Gegend ziehend (lange Geschichte). Der finstere Neffe gaukelt nun seinerseits der Welt vor, dass der Onkel noch lebt, und versucht die verwechselte Leiche zu verbergen. (“It’s illegal, ain’t it?” said John. “A man must have some moral courage,” replied Morris with dignity.) Die Leiche geht allerdings mehrfach verloren. Hilarity ensues. Wie gesagt, schräges Buch, beeinflusst von der Geschichte des Buckligen aus Tausendundeiner Nacht.

– Fast alle Aufnahmen sind auf Englisch. Für die Sommerferien habe ich mir eine deutsche Tieck-Novelle vorgenommen und vielleicht eine Chaucer-Novelle, auf mittelenglisch. Das ist ein schönes, überschaubares Vorhaben, mit dem ich der Community etwas zurückgeben kann. Kult des Amateurs? Ich liebe Amateure. Gerade bei Kunst und Entertainment sollten Amateure eine größere Rolle spielen. Das heißt nicht, dass man im Fernsehen Superstars sucht, also Leute, die genau diesem Amateurstatus entfliehen wollen. Sondern dass mehr Leute Bücher vorlesen. Selber.

2 Antworten auf „LibriVox“

  1. Danke. Typisch, jetzt habe ich den Kommentar beim Recherchieren dann auch gleich gefunden. Wie heißt es so schön, wenn man die Lösung kennt, wird die Aufgabe gleich viel einfacher.

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