Blaue Beutel

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Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, vor fünf, sechs Jahren. Jedenfalls haben wir seitdem stets ein halbes Dutzend Kühlbeutel im Eisfach im Lehrerzimmer. Die werden schon sehr gut angenommen, werden rege ausgegeben und wieder zurückgebracht. Ich weiß nicht, ob die Schüler sich heute mehr verletzen als früher, wir kamen jedenfalls ohne aus – aber ein lindernder Trost sind die Beutelchen allemal. Ich schwanke noch zwischen sinnvoller Einrichtung und überflüssigem Betütteln, aber das Bedürfnis nach den Kühlpacks ist auf jeden Fall da.

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19 Thoughts to “Blaue Beutel

  1. Mit Kühlbeutel haben alle Beteiligten den Eindruck, es wird etwas für den armen Blessierten getan, der hat ein offizielles Abzeichen seines blessierten Status, alle fühlen sich besser, der Aufwand ist minimal, die Gefahr der Fehlbehandlung nicht vorhanden und nützen tut es vielleicht auch noch was. Und wenn der Beutel warm ist, ist das Wehwehchen weg.

    Ich bin ein großer Fan von solchen Placebomitteln für Schüler und trage bei Wandertagen/Wanderwochen immer ein kleines Päckchen nützlicher Quacksalberei mit mir herum, das unweigerlich zur Anwendung kommt.

  2. Ach, es ist doch allemal gescheiter, ein verletztes Wesen sitzt mit seinem Beutelchen in der Klasse, als stöhnend und von einer Freundin umsorgt im Krankenzimmer zu liegen.

  3. @chris: ich wünschte mir etwas Adäquates fürs Lehrerzimmer. So ein – idealtypisch rosafarbenes – Placebo-Päckchen, das man allen permanent nörgelnden, wehklagenden, defätistischen Kollegen auf die Lippen pappen kann.

  4. All of the above
    Das Verteilen dieser Schlumpfbeutel ermöglicht bereits minimale personale Zuwendung mehrerer Personen, die wichtigste Erste Hilfe, wenn es jemand wirklich schlecht geht.
    Glaubt man den Kollegen mit dem Fach Leibeserziehung sind heutige Kinder tatsächlich unbeholfener und anfälliger. Gute Güte, wenn man denen beim Basketball zusieht, fürchtet man, dass sie sich die Finger brechen, wenn sie einen Ball fangen. Dafür werden sie aber ständig durch ihre verinselte Kindheit kutschiert und überall ist ein Erwachsener dabei, der dann sofort ein Mittelchen parat hat.
    Und wir brauchen natürlich auch ein Päckchen für’s Lehrerzimmer, vor allem als Mittel gegen die Logorrhöe der Frohsinnsfraktion und Freunde der prästabilisierten Lehrerzimmerharmonie.

  5. Freut mich, dass bei euch diese Dinger wieder zurück kommen. Ich finde die ehrlich gesagt eklig. Aber die Schüler stehen drauf.

    Was auch ganz gut ist, sind Plastikbecher mit Eis. Einfach Wasser reinfüllen. Da ist es nicht schlimm, wenn sie nicht mehr zurück kommen.

    Bei Kollegen und Kolleginnen funktioniert Schokolade ganz gut als Placebo.

  6. Beelzebub, Du meinst sicher die prästabilierte Harmonie ;-)). „Logorrhöe“ gefällt mir in diesem Satz auch ausgezeichnet.

  7. Sagt man wirklich prästabilierte Harmonie? Das wusste ich nicht, meinte im Zweifelsfall aber das Richtige. Und nicht alles ist spitz gefedert. Neulich hatte ich einen Rotz und Wasser heulenden Fünftklässler im Unterricht sitzen und da war ich sehr froh, dass es eine Kollegin gab, die mir die notwendige personale Zuwendung für dieses Kind abnehmen konnte, während ich die Klasse beruhigt hab. Wenn ein Blaubeutel ausreicht, ist das bei den jüngeren Schülern doch eine gute Lösung.
    Zu den Kritikastern und Nörglern im Lehrerzimmer: könnte es nicht sein, dass die auch mal Recht haben? Mag ja sein, dass die schwer zu ertragen sind, mir scheint aber der umgekehrte Fall häufiger zu sein. Viele Alltagsgespräche an jenem Ort bestehen aus der permanent reproduzierten Medien-Witzischkeit, derentwegen ich die Glotze schon vor Jahrzehnten entsorgt habe. Dabei mangelt es bei soviel nachgewiesener Gelehrsamkeit und geballter Intelligenz doch eigentlich nie an unterhaltsamen, interessanten Personen und Themen.

  8. Bitte um Verzeihung, Herr Rau und Mitleser, wenn’s jemand nicht wissen will, bitte diesen Kommentar überspringen.
    „Prästabilierte Harmonie“ ist ein Begriff der Philosophie Leibniz‘ und bezeichnet kurz gesagt einen wesentlichen Zug seiner Monadentheorie, die streng deterministisch ist.
    „Prästabilisierte Harmonie ist ein (Kampf-)begriff der Kritischen Pädagogik (Mollenhauer, Kinderladen usw.), der der etablierten Pädagogik vorwirft, Erziehung mit Vorgriff auf eine antizpierte Gesellschaft der Noch-Kinder zu betreiben, die lediglich den Status quo reproduziert.
    Vermutlich haben Mollenhauer und andere diesen Begriff aus ihrer Auseinandersetzung mit der Pädagogik der Aufklärung destilliert, die Wortschöpfung besteht vielleicht teilweise aus einem Missverständnis.
    Dieses Missverständnis hat sich aber heute verselbständigt. Im übertragenen Sinn habe ich als Pädagogenkind der 80er Jahre den zweiten Begriff gebrauchen wollen, nicht die deutsche Übersetzung des Leibniz-Ausdrucks von der harmonie établée.
    Das Internetzl ist schon schlau…

  9. Also für mich ist ein Kühlbeutel einfach ein Kühlbeutel. Möglicherweise interessiere ich mich noch dafür wie man coolpack ins Französische überträgt. Bei schluchzenden Fünftlässlern bzw. in meinem Fall Siebtklässlern greift man zu anderen Hilfsmitteln. Kühlbeutel für Beulen. Zuwendung und offene und deutliche Worte bei anderen Verletzungen.

  10. („fremdwörter heißen so, weil sie den meisten leuten fremd sind.“ ;)

    @thema: bei einer großen freizeit mit vielen kindern haben wir auch immer ne packung „heimwehtabletten“ dabei. funktioniert wunderbar!

    so long: ein kühlpack ist ein kühlpack ist ein kühlpack.

  11. „Ceci n’est pas une poche à glace“, möchte ich da sagen und damit auch Barbaras Frage beantworten. Ein Kühlpack ist nie nur ein Kühlpack, sondern alles mögliche – zumindest ist es schon mal ein Grund, an die Lehrerzimmertür zu kommen. Als Schüler war ich nie am Lehrerzimmer – wozu auch? Bei uns tummeln sich Schüler vor der Tür, schon mal weil Lehrer sich ständig Schüler ans Lehrerzimmer kommen lassen. (Vergessene Zettel abgeben. Völlig unnötig.) Aber auch aus allen möglichen anderen Gründen. Gut oder schlecht? Weiß nicht, ist mir im Moment auch nicht wichtig. Kühlpacks tragen jedenfalls dazu bei.

  12. Na, wenn du meinst. Der coolpackherausgebende Lehrer also als Allegorie für unsere verweicheiernde Pädagogik bzw für den nach Zuwendung hechelnden Schüler an der Türe des Lehrerzimmers. Vielleicht zeichnet jemand einen cartoon dazu?

  13. Bei uns geben die Sekretärinnen die blauen Dinger heraus, an Schüler im Krankenzimmer direkt gegenüber auch Kräutertee. Hat die Durchsagenquote „Ein Schulsanitäter bitte SOFORT…“ aber gefühlt nicht verringert.
    Da wir baulich bedingt (‚langer Schlauch‘) vier Lehrerzimmertüren haben, verteilen sich die Schülertrauben, werden mir jedoch ebenfalls zu viel.
    In der Schule meiner Kinder klebt ein Schild an der LZ-Tür, dass auch Lehrer eine Pause brauchen, das Anklopfen daher nur in der 2. Pause gestattet sei. Wird aber wohl nicht konsequent genug durchgehalten, sagt die Tochter.

  14. @db Oh, deine Kinder könnten an meiner alten Schule sein. ;)

    @Kühlpacks Die haben wir auch. Kosten 1 Euro pro Stück im Großmarkt. Und das ist auch gut so, denn alle 3 Monate kaufen wir neue, da Kühlpacks einem ähnlichen Fluch wie Socken unterliegen. Sie werden gefressen. (Okay, ich gebe es zu, ich vergesse das Zurückliegen auch ab und zu. :( ;) )

    Ob sie helfen? Normalerweise sage ich meinen Kinder (4. Klasse), dass die Kühlpacks eh nur im Kühlschrank liegen und daher gar nicht so kühl sind. Deshalb reicht es, wenn sie kurz ihren Finger unter kaltes Wasser halten und sich dann wieder setzen.
    Oft schaffen sie das auch. (Deshalb verschlüre ICH auch nur wenig Kühlpacks. Wir brauchen sie selten. ;) )

    Markus

  15. Das mit den Tabletten finde ich sehr problematisch. Bringen wir den Kindern so nicht bei, dass es für jedes Problem eine Tablette gibt? Schön, dann brauchen wir uns auch nicht wundern, wenn es bei Lernschwierigkeiten auch eine Tablette gibt, bei Liebeskummer einen gefühlsoptischen Aufheller usw.

  16. Poche à glace gefällt mir rein gefühlsmäßig nicht. Da stell ich mir den traditionellen Eisbeutel vor. (Aus welchem Material ist eigentlich diese blaue Pampe?) Werde mal greifbare Muttersprachler befragen. Und der angedeutete Querverweis zum Surrealismus …? Neeee!

  17. Gibts bei uns auch. Aber aus dem Sekretariat heraus. Sie scheinen den Stellenwert zu haben, den das Pusten früher hatte. Nervig ist dabei aber eher, dass es einen Grund mehr gibt, während des Unterrichts durchs Schulhaus zu schlappen, meist mit dem tröstenden Beistand im Schlepptau und schluchzend jedem sein Unglück zu berichten. Da mein Büro in der Nähe des Sekkis liegt, kommt die Prozession immer bei mir vorbei.

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