Motivationscoach an der Schule

So ähnlich muss es früher gewesen sein, vor hundert Jahren in den USA, als ein Wanderprediger in die dörfliche Gemeinschaft kam, ein Zelt wurde aufgebaut, das Harmonium herausgeholt, und dann begann die Show: Gestern war ein Motivationscoach an unserer Schule. Zugegeben, ich war nicht die Zielgruppe. Die Witze kannte ich schon und inhaltlich kam nichts, das ich nicht schon mehrfach gedacht, gelesen und diskutiert habe. Die schwungvolle Vortragsweise war für einen Skeptiker wie mich auch eher abschreckend.

Und die anderen Lehrer? Gemischte Reaktionen. Ein Teil findet die Wahrheiten eines Motivationstrainers gar nicht so schlecht. Aber der Teil hält auch das gestern beschriebene Gutfühl-Selbstfindungsbuch für gar nicht so schlecht.
Ein größerer Teil ist schon mal prinzipiell dagegen: da kommt ein Fremder von draußen an die Schule und meint, den Schülern etwas beibringen zu können, was ihnen fürs Leben etwas bringt. Andere meinen darin die Implikation zu erkennen, dass wir Lehrer das nicht oder nicht genügend tun, und dass die Einladenden diesen Mangel sehen und beheben wollen. Das ist tatsächlich nicht völlig unproblematisch, aber ich kann damit leben. Es ist prinzipiell positiv, wenn Leute von außen an die Schule kommen, und wenn an so einer Sache die ganze Schule beteiligt ist – das gibt es bei französischen und europäischen und bewegten und sonstigen zentral ausgerufenen Tagen nicht. Aber natürlich ist nicht jeder Besuch von draußen eine gute Idee, es kommt auf den Einzelfall an.
Und dann gibt es natürlich ein paar Lehrer, die etwas dagegen haben, dass der Coach so viel Geld mit einem Auftritt verdient. Damit habe ich nicht die geringsten Probleme, das ist Marktwirtschaft, wer das machen will und Erfolg hat: soll er haben.

Der Großteil der Lehrer argumentiert bei der Einschätzung allerdings sinnvollerweise nur mit dem Inhalt des Programms. Einige Sachen hielt ich inhaltlich für grundfalsch, die meisten für richtig, gefreut habe ich über die Kritik am Spruch: „Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest,“ den ich schon vor langer Zeit als falsch erkannt habe. Nur: das sind alles Sachen, über die man reden muss, um sie zu verinnerlichen. Lauter Erörterungsthemen. Anhören im Vortrag bringt nichts. Aber vielleicht reden die Schüler wirklich irgendwann darüber.

Eine Sache fand ich sogar tatsächlich effektiv: die Metapher vom Eimer voller Selbstvertrauen, den wir alle in uns tragen, und in das wir uns gegenseitig öfter mal Inhalt löffeln sollten. Effektiv nur deshalb, aber das reicht ja schon, weil das eine gemeinsame Metapher ist, die jetzt jeder Schüler und Lehrer gehört hat und die eine Grundlage für gemeinsame Gespräche und Anspielungen bietet.

Ich mag nicht, dass mit solchen Veranstaltungen der Glaube an einfache Lösungen und simple Botschaften unterstützt wird. Zitat: „Das Leben ist so einfach, und wir machen es so kompliziert.“ Ja und nein. Aber eher: nein. Was auch immer man unter „dem Leben“ versteht, es gibt jedenfalls eine ganze Menge Sachen, die sind verdammt kompliziert.

Aber, höre ich von Kollegen im Lehrerzimmer: Hauptsache, den Leuten gefällt es. Hm, ja. Irgendwie schon, es ist vielleicht tatsächlich die Hauptsache, die achtzig Jahre, die wir hier haben, erfreulich und erfreut hinter uns zu bringen. Wenn Leute Bücher lesen, denke ich mir auch: Hauptsache, es gefällt den Leuten. Oder ich sollte es denken. Allerdings soll ich ja auch geschmacksbildend wirken, soll manche Bücher für besser halten als andere. Wenn die Leute Wasseradern spüren und an Homöopathie glauben: Hauptsache, den Leuten gefällt es. Warum Zweifel säen, wo das Leben doch so einfach ist. Oder um mit Daja aus Nathan, der Weise zu sprechen:

Daja (zu Nathan) Wollt Ihr denn
Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn
Durch solcherlei Subtilitäten ganz
Zersprengen?

Was schadet’s—Nathan, wenn ich sprechen darf—
Bei alledem, von einem Engel lieber
Als einem Menschen sich gerettet denken?
Fühlt man der ersten unbegreiflichen
Ursache seiner Rettung nicht sich so
Viel näher?

Aber ich bin jetzt sehr, sehr müde und erschöpft von der Woche. Bin eigentlich noch nicht fertig mit diesem Blogbeitrag, gehe jetzt aber trotzdem ins Wochenende.

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4 Thoughts to “Motivationscoach an der Schule

  1. Danke für den schönen Beitrag. Ich kann das gut nachvollziehen, diese Skepsis gegenüber einem professionell-euphoriegeladenen Motivationstrainer und den einfachen Weisheiten.

    Um Geschmack ausbilden zu können, sollte man viele Geschmacksrichtungen probiert haben, finde ich, und fad Schmeckendes gehört genauso dazu wie große Geschmackserlebnisse.

  2. Meine Tochter (8.Klasse) war auch beim Vortrag und fand ihn sehr gut, (beängstigenderweise hat sie sich ein Autogramm geben lassen!) – anscheinend ist es dem Motivationstrainer tatsächlich gelungen, die allermeisten Schüler zu begeistern. Und das muss man dem Herrn wohl neidlos zugestehen: eine Aula mit 400-500 Halbwüchsigen zu begeistern, muss man auch erst mal schaffen.
    Sie meinte auch, dass an diesem Tag alle besonders nett zueinander waren, Stichwort: Eimer mit Selbstvertrauen, den sie sich gegenseitig voll machen wollten. Man muss vielleicht auch bedenken, dass unsereins (will sagen: Erwachsene) die diversen Botschaften natürlich schon x-mal gehört haben, für die meisten Schüler waren die aber tatsächlich noch neu. Stimme aber zu: ohne Diskussion und Wiederholung/Vertiefung verpufft der Effekt wahrscheinlich ziemlich schnell.

  3. „Sie meinte auch, dass an diesem Tag alle besonders nett zueinander waren“ – das ist tatsächlich schon mal ein schöner Anfang.

  4. Ich bekam gestern als Witz die neue Ausgabe von Focus Schule: Das Magazin für engagierte Eltern geschenkt, mit dessen Lektüre wir heute unseren Frühstückstisch bereichern. Und siehe da: Focus Schule berichtet über den Besuch dieses Trainers. Das Unbehagen der Journalistin ist hinreichend verhüllt, weil offene Kritik sicher nicht ins redaktionelle Konzept passen würde. Mir fiel dieser schöne Blogbeitrag gleich wieder ein. Das ist doch mal nachhaltiges Lernen!

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