Christian Stöcker, Nerd Attack!

Es hat mir großes Vergnügen bereitet, dieses Buch zu lesen. Der Titel ist launig und kann eigentlich nur eine Idee des Verlags gewesen sein. Aber sonst ist das Buch gut; ich weiß nur noch nicht, wem ich es empfehlen soll.

Christian Stöcker zieht eine Verbindung von den Commodore-64-Nutzern der frühen 1980er Jahre bis zu den besonders aktiven Internet-Nutzern der Gegenwart. Zwar beginnt er seine Geschichte der digitalen Welt schon einige Jahre zuvor, aber die Zäsur in Deutschland sieht er beim C64, und er ist ebenso wie ich ein Kind dieser Generation.

Das waren die ersten zwei Überraschungen für mich: Erstens, dass das Umgehen von Kopierschutzmaßnahmen und das Tauschen von Material keine Erfindung der Kostenloskultur im Internet ist, sondern viel älter. Das hatte ich vergessen oder nie so gesehen. Ohne eine Spur von Unrechtsbewusstsein tauschten wir Spiele und Tipps, getrieben von Neugier darauf, was es alles gibt, was alles möglich ist mit dem Ding.

(Ein Cracker war ich nie. Ich spielte und tauschte, war aber in der Verwertungskette ganz unten. Zweimal war ich bei echten Nerds, die nicht so hießen, in der Wohnung – das waren Leute, die Lötkolben herumstehen hatten und Eprom-Brenner und volle Schreibtische.)

Die zweite Überraschung war, dass es möglicherweise mehr so Leute wie mich gab. Im Kaufhaus standen wir eh alle vor den Rechnern herum. Aber auch die anderen Beschäftigungen, die Stöcker nennt, kannte ich, bis hin zu den Details: Rolemaster, Call of Cthulhu, D&D, DSA, Steve Jackson Games – alles alte Bekannte. Und das Abhängen in Läden für gebrauchte Taschenbücher, Heftromane und Comics. SF-Autoren und -Filme sowieso.

(Und da ist es auch, wo die Computer-Nerds und ich verschiedene Wege gingen. Midgard fehlt in der Liste der erwähnten Rollenspiele – Midgard ist ein Spiel, das aus dem Fandom kommt, und da habe ich mich dann herumgetrieben. Nicht wirklich bei Midgard, auch wenn ich ein paar Jahre Mitglied bei FOLLOW war, aber in der Science-Fiction-Fandom-Ecke: Magazine herausgeben, auf Cons gehen, Briefe schreiben. Das taucht bei Stöcker nicht auf.)

Offen bleibt: Warum sind die Deutschen so computerfeindlich? Stöcker liefert nur Ansätze zu einer Erklärung. Er vergleicht die Entwicklung in den USA, wo Individualisten und Hippies und Technikfreunde gemeinsame Interessen entdeckten und als digitale Bürgerrechtsbewegung die Electronic Frontier Foundation entstand, mit Deutschland, wo Computer ein Mittel der Unterdrückung waren (Volkszählung und so weiter) und 1985 der erste mitgebrachte Computer in den Räumen der Bundestagsgrünen wieder entfernt werden musste, weil Teufelszeug.

Weitere Themen des Buches sind: der Umgang mit Daten, die Piraten, das Urheberrecht, Anonymous, kastrierte Rechner. (Kastrierte Rechner: Computer, die naturgemäß alles können, aber nicht alles dürfen.) Sachlich und doch begeisternd geschrieben. Ich bin aber auch leicht zu begeistern. Eine These eher am Rande ist die: dass es eine Nerdkultur gibt, innerhalb der man bestimmte Themen als bekannt voraussetzen darf. Star-Trek-Episoden, die wichtigsten Superhelden, die wichtigsten Science-Fiction-Werke, Fernsehserien. Meine Frage: Wenn das denn stimmt, ist es dann Zufall, dass sich Computerbegeisterte zu großem Teil auskennen auf diesen anderen Gebieten? Gibt es ebenso viele Weinkenner-Computernerds und Angler-Computernerds und Auto-Computernerds? Ist ein Nerd, um mal weiter diesen Begriff zu benutzen, einfach jemand, der Experte auf irgendeinem Gebiet ist, oder muss das Gebiet einfach nur obskur genug sein, oder muss es tatsächlich Science Fiction usw. sein?

Nach der Lektüre des Buches habe ich mich jedenfalls gut gefühlt. Weil ich mich als Teil einer Geschichte und Entwicklung sah. Und musste gleich Frau Rau einen Kuss geben, weil es so schön ist, dass die auch so eine ist. Möglicherweise nicht von Geburt an, aber inzwischen.

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15 Thoughts to “Christian Stöcker, Nerd Attack!

  1. Soory, dass ich heute mal meckere.
    Wer immer nur (in der Vergangenheit) an Spiele denkt oder in der Gegenwart an Social Media, hat eigentlich den Sinn des Computers noch nicht richtig begriffen.
    Ich arbeite jetzt seit weit über 30 Jahren mit Computern als Anwender (nicht neumodisch „User“), mein Mann war bis zur Verrentung Systemprogrammierer, beide sind und waren wir in der gleichen Firma, verheiratet sind wir heute wegen eines Programmierfehlers.
    Neben der militärischen Nutzung sind Computer nämlich zum Arbeiten da. Gaaanz modernes Beispiel: Die Strich-Code-Scanner-App fürs iPhone ist nur eine andere Version der Scanner bei Edeka zur Bestandsführung, Bestellung und Rechnungserstellung an der Kasse.
    Wenn ich allein bedenke, wieviele Rechenoperationen in meiner Firma nötig sind um Herrn Rau eines neues Jackett zu verpassen….
    Unser alter (gerade vor Weihnachten verstorbener Chef) hat schon früh die Möglichkeiten des Computers erkannt und sich mit der Firma Univac (unisys) zusammengetan, meine jetzige Chefin fing noch am 90-stelligen Locher an. Die ersten Geräte zur Selbsteingabe bekamen wir 1982 auf die Tische. Damit sandten wir unsere Daten ans Rechenzentrum, wo sie über nach verarbeitet wurden. Programmiert waren unsere Programme in Assembler, einige laufen noch heute und aus alter amerikaner Tradition haben wir bis vor 10 Jahren noch auf einer qwerty-Tastatur eingegeben.
    „Social Media“ gab es auch früher schon und nannte sich ganz schlicht „Kundenbefragung“.

  2. Gutgutgut Petra, meine Perspektive ist tasächlich die nicht-berufliche Perspektive. Aber es stimmt natürlich, im Beruf spielt der schon bei vielen seit langem eine große Rolle. (Ich bin ja aber auch nicht der, der alte, die älter als 15 sind, digital immigrant nennt.)

  3. Okay, Du hast mich. Hab das Buch heute bestellt, morgen mittag sollte es beim Buchhändler sein (ja, richtig, offline). Ich hoffe, Du kriegst Prozente…
    1. Cracken .. *hüstel* ist das eigentlich inzwischen verjährt? Ähm, ja, sowas soll es sogar in unserer Heimatstadt gegeben haben…
    2. Kennst Du „Das Netz“? Nein, der ohne Sandra Bullock. Da geht es u.a. auch viel über die Spaltung der Hippiebewegung in den Siebzigern in Technophile und Technophobe. Ein sehr hübscher Film (-> Wikipedia)
    3. Fandom: naja, das ist arg speziell, da wundert es mich nicht, dass der Stöcker nicht davon schreibt. Um in Deutschland ins Fandom zu kommen, musstest Du de facto zwingend Perry lesen (gerade in Deutschland, wo der Bruch in SF- und Media-Fandom sehr klar konturiert ist)
    4. Da ja noch nicht mal klar ist, woher der Begriff Nerd kommt, ist natürlich eine Definition mehr als schwierig. Wenn man’s mit exzessivem Spezialistentum gleichsetzt, gibt’s natürlich sowas wie Auto-Nerds und Wein-Nerds. Die Affinität zwischen Computer und Science Fiction liegt natürlich am High Tech-Interesse. Ein Auto-Nerd interessiert sich halt eher für irgendwelche öligen und rostigen Metallteile.
    Viele Grüße,
    Bernhard.

  4. So, und hier kommt noch ein C64-sozialisierter (Ex-)Rollenspieler mit SF/F-Affinität. Ich denke, man kann da schon von einer „Generation“ sprechen, einfach weil ein paar entscheidende Entwicklungen zumindest in Deutschland praktisch gleichzeitig stattfanden: Der C64 (1983 auf dem deutschen Markt), die deutsche Ausgabe von D&D (1983) und DSA (1984) sind alle nahezu gleich alt. (Midgard sogar ein bisschen älter, hatte aber nicht den Push auf den breiten Markt wie DSA. Oder, Herr Rau?) Um die selbe Zeit (konnte ich auf die Schnelle nicht genau recherchieren) müssen auch die „interaktiven“ Steve Jackson/Ian Livingstone-Bücher („Der Hexenmeister vom Flammenden Berg“ usw.) in Deutschland erschienen sein, die z.B. mich erst angefixt haben, aber aufgrund ihrer Beschränktheit auch sofort bereit dafür gemacht habe zu erkennen, welche Möglichkeit DSA bietet, als ich es mit 11 zufällig in unserem kleinen Schreibwarenladen entdeckt habe.

    Ich denke, die Mischung aus Fiktion und Interaktion, egal ob am Rechner im (Text-)Adventure oder im Pen&Paper-Rollenspiel, hat einen bestimmten Typus von Jugendlichen damals magisch angezogen.
    Trotzdem: Die meisten Rollenspieler, die ich damals kannte, waren keine Computerfreaks (so nannte man das damals!) und sind es auch nie geworden. Umgekehrt stimmt’s aber wohl schon – viele der Informatiker, die ich kenne, habe eine (zumindest kurze) Rollenspiel-Vergangenheit. Wenn man bedenkt, dass die meisten Leute nicht mal wissen, was Rollenspiele sind oder nur die Computer-Variante kennen, ist das schon bemerkenswert.

    Ist man deshalb ein Nerd oder Geek? Ich tue mich ja immer sehr schwer damit, diese Begriffe auf mich anzuwenden – trifft einfach nicht mein Selbstbild, obwohl ich bei einer Geek-Checkliste wohl auch manches abhaken könnte. Wahrscheinlich kommt’s drauf an, ob man sich eher durch solche gemeinsamen Erfahrungen definiert fühlt oder noch individuellere.

    Außerdem habe ich in meinem Leben zusammengenommen nur ca. 10 Folgen „Simpsons“ und „Futurama“ gesehen – und das scheint mir das absolut untrügliche Erkennungsmerkmal all der echten Geeks und Nerds zu sein, die ich in meinem Leben kennengelernt habe!

  5. Stimmt, die Rollenspieler waren zum Großteil nicht besonders am Computer interessiert, andersherum wohl eher, und das wusste ich nicht. Hab emich eben bei Wikipedia herumgetrieben, bin wieder auf den Fantastic Shop in Düsseldorf gestoßen, ach ja.
    Nein, Midgard war nie evbreitet, es gab es zwar auch irgendwann in schmucker Box im Spielwarenhandel, aber ich habe eine alte maschinengetippte Fassung mit zu viel Regeln. (Gespielt zum ersten Mal Herbst 1982 auf einem Con.)

    Vermutlich sind wir alle Halbnerds, so wie es Halborks ja auch gibt.

    Bernhard, deine Ansicht zu dem Buch interessiert mich dann sehr; ich hoffe, es ist halbwegs interessant für dich. Das Netz sagte mir nichts, habe mich informiert. (In dem Trackback unter den Kommentaren geht es um Schreckenstein, wäre doch vielleicht was für dich.)

  6. Hallo, Herr Rau,
    Bernhard hat „Das Netz“ natürlich auf DVD – da würde sich ein Videoabend oder -frühstück vielleicht sogar lohnen, wenn Du Lust hast.. Grüße, Bernhard.
    PS: Du müsstest mich dann nur bremsen, wenn ich anfange, mich über die Historizität von Schreckenstein zu unterhalten. Immerhin bin ich einer von 15 Leuten auf dem Planeten, der am Original-Set des nie gedrehten Films war ;-)

  7. (Wenn ich mich zu diesem „Das Netz“-Videozusammentreffen inklusive Schreckenstein-Vortrag selbst einladen dürfte, Bernhard? Nur so als Mäuschen?)

  8. „Das waren die ersten zwei Überraschungen für mich: Erstens, dass das Umgehen von Kopierschutzmaßnahmen und das Tauschen von Material keine Erfindung der Kostenloskultur im Internet ist, sondern viel älter.“

    Urheberrechtsverstöße und die legale oder quasi-legale Nutzung, bspw. in Form der Privatkopie, sind nicht mit den digitalen Medien und dem Internet entstanden; Digitalisierung und das Netz haben sie aber zu einem Problem gemacht und das bisher bestehende Gleichgewicht umgestoßen.

    Dabei wirken zwei Faktoren zusammen:

    1. Digitale Kopien sind verlustlos (und erfolgen schnell, unaufwendig und billig). Das ist für Computerspiele und Software jetzt weniger eine Neuerung, denn die waren immer digital – aber für Bücher, Musik und Filme. Eine Cassette (gleich ob MC oder VHS) kann man nur begrenzt oft kopieren, ein Buch will man eher gar nicht kopiert lesen, und die Herstellung der Kopien ist arbeits-, zeit- und materialaufwendig.

    Um das in großem Stil zu betreiben, muß man unzweifelhaft – und auch heute als so empfundene – kriminelle Werkstätten aufziehen und das gewerbsmäßig aufziehen.

    2. Das Internet verbindet alle mit jedem – und das durchsuchbar und zudem ohne Rücksicht auf Entfernungen. Es ist eben doch ein Unterschied, ob ich mich bei Freunden und auf dem Schulhof nach bestimmten Werken umsehe, die ich gerne haben möchte, oder ob ich mal eben ins Netz gehe. Schulhoftausch ist selbstlimitierend, weil der Bekanntenkreis begrenzter und der überregionale Austausch nicht im selben Maße vorhanden ist – es müssen eben körperliche Medien getauscht werden, und dazu muß man sich begegnen oder sie mit der Post schicken.

    Auch hier gilt, daß das Betreiben von Tauschringen in großem Umfang erheblichen Aufwand und eine entsprechende Professionalisierung und damit eine gewisse kriminelle Energie erfordert hat, die mit dem heutigen Filesharing („ich lad Dir das mal hoch“) nichts gemein hat.

    Der frühere Schulhoftausch hatte keinen auch nur annähernd vergleichbaren Umfang, war sogar rechtlich weitgehend abgedeckt durch die Erlaubnis zur Anfertigung von Privatkopien und jedenfalls für die Urheber und Verwerter durch entsprechende (bei Einzelstücken geringe, aber sich summierende) Abgaben auf Leermedien und Vervielfältigungsgeräte weitgehend ausgeglichen.

    Und genau das ist heute anders: jedermann kann mit marginalem Aufwand fast alles irgendwo finden und herunterladen (oder selbst verbreiten), zudem werden keine oder weniger Datenträger benötigt, womit Abgaben auf Leermedien entfallen, und das hat das fragile Gleichgewicht zwischen Urhebern und Verwertern auf der einen und Kopierern auf der anderen Seite zum Kippen gebracht.

  9. Ja, Bernhard, dann treffen wir uns doch mal bei mir zum Anschauen?

    -thh: Das Internet und die Digitalisierung rüttelt am Gleichgewicht oder stößt es um, ja. (Zu erörtern: ob das nur schlecht ist.) Aber aus der Perspektive des Nutzers mit geringer krimineller Energie, so wie ich einer war und die meisten Jugendlichen es sind, ist die Situation heute meiner Meinung nach sehr gut vergleichbar mit der vor fünfundzwanzig bis dreißig Jahren: es gibt ein riesiges Angebot von Material, mehr als man sich jemals gekauft hätte, das sich problemlos kopieren lässt, das man auf dem Schulhof und unter Freunden bequem tauschen kann

    Dass das heute zu mehr Problemen für die Industrie führt, weil nicht nur Spiele digitalisiert sind, sondern Musik, Bücher und Filme, und weil der digitale Freundeskreis größer ist als damals, das stimmt sicher.

    (Allerdings war der damals schon auch groß und meine Generation hatte Zugang zu verdammt vielen Spielen. Da ging es keinesfalls darum, auf die Suche nach einem bestimmten Spiel zu gehen. Es gab prinzipiell alle Spiele, die es für den 64er gab. Und auch die Mixkassette wurde hart bekämpft wurde: Home Taping Is Killing Music. Letztere war rechtlick in Deutschland aber tatsächlich abgedeckt, ganz anders als die Schulhofkopie beim 64er.)

    Aus der Perspektive des Benutzers: kaum ein Unterschied. Und das hatte ich vergessen, weil ich ehrlich gesagt, nach den 64er Jahren nicht mehr nennenswert raubkopiert habe und auch kein persönliches Interesse daran habe. Ich will alle paar Jahre ein Spiel spielen, das kaufe ich mir dann, weil ich das Geld dazu habe. Gilt auch für DVD-Sets, auch wenn ich die lieber auf Festplatte hätte statt in der umständlichen Box.

  10. @Bernhard: Ah, der Schreckenstein-Film! Anfang 2000 war ich eine Weile auf einer (bzw. der?) Schreckenstein-Mailingliste aktiv (und habe ein paar Schüttelreime gepostet). Der Film und eine Fahrt zum geplanten Drehort waren damals DAS heiße Thema auf der Liste. Bist du also einer von denen, die das dann wirklich gemacht haben? Cool!

  11. @embee: ja, in der Tat, genau einer von denen bin ich. War damals ein sehr, sehr lustiges Wochenende in Konopiste. Schade, dass der Film nie realisiert wurde (zumal ja ursprünglich mit Evelyn Hamann als Frl. Dr. Horn und Loriot als Graf Schreckenstein geplant war – allein deswegen wäre dieser Film sehenswert gewesen).

  12. „Und das hatte ich vergessen,“

    Mir ist es noch präsent. :)

    „weil ich ehrlich gesagt, nach den 64er Jahren nicht mehr nennenswert raubkopiert habe und auch kein persönliches Interesse daran habe. Ich will alle paar Jahre ein Spiel spielen, das kaufe ich mir dann, weil ich das Geld dazu habe.“

    Ja, dito hier.

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