Bel Kaufman, Up the Down Staircase

Wie konnte mir dieses Buch denn all die Jahre entgehen?* Das erste Mal hörte ich Anfang der 1990er Jahre davon, aber der Spur nachgegangen bin ich erst vor ein paar Monaten. Dabei scheint es ein echter Klassiker zur sein – weltbekannt (in den USA, und früher mal), verfilmt und alles. Erstausgabe 1965.

Und außerdem ist das Buch gut. Es geht um das erste Schuljahr von Sylvia Barrett als Englischlehrerin an einer amerikanischen Highschool. Der Form nach ist es am ehesten ein Briefroman, chronologisch geordnet. Aber die wenigsten Dokumente darin sind Briefe. Manche Kapitel sind – vorgeblich – der Inhalt des Papierkorbs zu einem gegebenen Zeitpunkt, allen voran Rundschreiben der Schulleitung. Andere Kapitel enthalten Korresponzen mit anderen Lehrern, Memos, Auszüge aus Schüleraufsätzen zu einem Thema, den Inhalt des Schwarzen Bretts im Klassenzimmer, den Inhalt des Schwarzen Bretts über der Stechuhr für die Lehrer. (Herkömmlich erzählende Kapitel gibt es gar keine.) Ein weiteres Kapitel ist quasi das Hausaufgabenheft einer Schülerin, mit Entwürfen für Liebesbriefe, Kritzeleien der Banknachbarin, Unterrichtsfragmenten und teilweise gemachten Hausaufgaben. Ein Hausaufgabenfragment darin zeigt, wie wenig sich geändert hat:

Bring in own sentences illustrating vocabulary words.
(enigmatic) She was very enigmatic.
(vindictive) She was very vindictive.
(vacillating) She was very vacillating.

(Das Kursive sind die Schülersätze. Ohne die richtige Typographie leider nur halb so gut.)

Aus all diesen eben auch typographisch und durch Rechtschreibung markierten Schnipseln entsteht ein Bild, das an The Office erinnert. Sehr viel Bürokratie, mangelnde Ausstattung, blödsinnige Vorschriften. Schlimmer als heute, das muss ich zugeben, aber der Geist ist noch sehr ähnlich. Und natürlich waren es auch damals schon immer die falschen Eltern, die beim Elternsprechabend auftauchten. Überhaupt sind viele Probleme, aber auch viel Gejammere über die Jahrzehnte unverändert geblieben. Gelernt außerdem: „Proctor“ = Abituraufsicht, „Homeroom“ = Klassenleiterstunde.

Ein häufig wiederkehrendes Kapitel sind die Fundstücke aus der Letterbox von Sylvia Barrett. Sie ermuntert Schüler, Rückmeldungen und Wünsche in den Klassenbriefkasten zu legen; viele der Nachrichten sind anonym. Vermutlich versucht der Leser noch mehr als Barrett herauszufinden, welcher Schüler welche Nachricht geschrieben hat.

Insgesamt: Sehr schönes Buch. Handlungsbogen: nicht viel, aber so ist das im Schuljahr. Und eine Tick sentimental, aber das erwarten wir ja von Büchern übers Lehrersein. Das Lesen ist trotzdem vergnüglich.

Kaufman, inzwischen 101-jährig, unterrichtet seit Februar 2011 als Professorin an ihrer alten Universität.

*Vielleicht liegt es daran: übersetzt in 16 Sprachen, aber Deutsch scheint keine davon zu sein.

4 Antworten auf „Bel Kaufman, Up the Down Staircase“

  1. Habe mir gleich das Buch zugelegt, weil es so spannend klang. Habe schon sehr gelacht. Danke für die Empfehlung, auch wenn ich jetzt eigentlich 26 Kursarbeiten korrigieren sollte.

  2. So, habe das Buch schon durch (die Kursarbeiten leider nicht) und natürlich auch etwas gelernt, z.B. endlich das englische Wort für Tintenkiller (ink eradicator).

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