Einen Gedanken auf mehrere Sätze verteilen

Im Laufe der Mittelstufe werden die Gedanken der Schüler in Aufsätzen immer komplexer. (Behaupte ich mal so.) Und es gibt möglicherweise den Drang, solch einen – wenn auch komplexen – Gedanken auch in einer einzigen – dann halt recht langen – Periode auszudrücken. So erkläre ich mir Perioden wie diese in Deutschaufsätzen:

Ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist der Punkt, dass durch die niedrigere Arbeitsbelastung während der Ausbildungsjahre und de[n] deutlich weniger anfallenden zu lernende[n] Stoff [die Schule dem Schüler] viel mehr Freizeit lässt, in der man sich beispielsweise wie mein großer Bruder in diversen Vereinen beteiligen kann, was das Knüpfen von sozialen Kontakten begünstigt und zu einer besseren Verflechtung der Gesellschaft führt.

Problematisch ist das mit den langen Sätzen, weil man sich gerne verheddert und der Satzbau nicht mehr stimmt, wie es im Beispiel ursprünglich der Fall war. Problematisch ist es vor allem auch, weil die Sätze dann schwerer zu verstehen sind. Der eine Hauptsatz enthält nur eine Floskel, alle Information steckt in Nebensätzen. Verständlicher wird der Gedanke, wenn man ihn auf mehrere Sätze verteilt:

Die Arbeitsbelastung ist während der Ausbildungsjahre deutlich niedriger. Denn man muss weniger Stoff lernen und hat deshalb mehr Freizeit. In dieser Freizeit kann man sich in Vereinen beteiligen. Dabei knüpft man soziale Kontakte….

Wenn man einen komplexen Gedanken nur in einen einzigen Satz packen kann, dann wird die Komplexität der Gedanken, die man auf herkömmliche Weise schriftlich festhalten kann, begrenzt durch die Länge der Sätze, die man verständlich zu schreiben in der Lage ist. Der Gedanke tritt dann eher auf der Stelle, statt dass er im Gedankengang von Satzschlusszeichen zu Satzschlusszeichen hüpft.

Das mit der herkömmlichen Weise habe ich geschrieben, weil es ja auch noch die Poesie gibt. Andere Baustelle. Und ich habe nicht prinzipiell etwas gegen umständliche Sätze. Einer meiner liebsten, vor neun Jahren zum letzten Mal zitiert, so dass ich mal wieder darf, ist der erste Satz von Heinrich von Kleists „Der Zweikampf“:

Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gräfin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte.

Der Satz kommt mir vor wie ein Stück Holz, aus dem ein geschickter Schnitzkünstler mit präzisen kleinen Axthieben nach und nach eine Figur heraushackt.

— Aus der Unterstufe beim Erzählen habe ich mir keine Schüler-Beispiele notiert. Vielleicht sind sie mir da weniger aufgefallen. Vielleicht – wahrscheinlich – können da die Schüler noch nicht genug Nebensätze.
Oder kann es sein, dass beim Erzählen leichter ist, zusammenhängend zu schreiben, auch wenn der Zusammenhang über mehrere Sätze geht? Es ist vielleicht der rote Faden der Handlung, der diesen Zusammenhalt der Sätze ermöglicht – ein roter Faden, den Schüler beim Erörtern nicht lernen. Da heißt es meist: Drei Argumente für jede Seite, aber am Ende bleibt jedes davon für sich. Und dazwischen gibt es furchtbar künstliche Überleitungen, die wir alle kennen: „Noch wichtiger aber ist… Es darf nicht übersehen werden…“ Ich habe selber als Referendar Arbeitsblätter mit solchen Floskeln verteilt. Inzwischen glaube ich, dass das nichts bringt, eher sogar schädlich ist. Das mit dem roten Faden, das wäre wichtiger, ist aber vielleicht zu schwer.


Als Anhang noch zwei Beispiele für solche komplexen Sätze, auch aus Schüleraufsätzen:

Noch bedeutsamer aber ist, dass die Schüler [dadurch erfahren], dass das Fleisch, das sie normalerweise essen, schlimmsten Umständen ausgesetzt war, weil das Fleisch, das sie daheim aufgetischt bekommen, meistens aus dem Billig-Discounter stammt, und dass beispielsweise Truthahn stark auf die Brust gezüchtet wird, sodass die Tiere oftmals nicht einmal mehr stehen können, weil die Brust so schwer ist.

Die Schulleitung will außerdem darauf hinweisen, dass die Eltern sich um einiges früher hätten zu Wort melden sollen, als die Kinder eine Unterschriftaktion starteten, da dann die Möglichkeit bestanden hätte, dass das Projekt Steinzeit anders verwirklicht worden wäre, wenn sich die Eltern gemeldet hätten, und beispielsweise darauf hinweisen können, dass sie als Erziehungsberechtigte das nicht dulden können.

In der 6. Szene des 1. Aktes des Dramas „Die Soldaten“ von Jakob Michael Reinhold Lenz, der von 1752 bis 1792 lebte, geht es um einen Dialog zwischen Marie und Wesener, ihrem Vater, nachdem dieser sie wegen einem Treffen zwischen ihr und dem Offizier Desportes, das er verboten hatte, in ihr Zimmer geschickt hat, in dem über die Liebe zwischen Marie und Desportes diskutiert wird.

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4 Thoughts to “Einen Gedanken auf mehrere Sätze verteilen

  1. Der letzte Satz, der schon eine gewisse Größe hat, stammt vermutlich aus einem Aufsatz über das Hasenschlachten im Rahmen des Steinzeitprojektes, oder?

    Im Englischunterricht verordne ich allen, die sich verhaspeln, die Beschränkung auf einen Nebensatz, bis das tadellos klappt. Dann erlaube ich vielleicht mal eine zusätzliche Partizipialkonstruktion.

  2. Hasenschlachten, stimmt. Eine 9. Klasse war das damals. (Und eine 7., aber ich denke mal, da kommt der Satz nicht her.) Ach, Englisch. Ich weiß schon gar nicht mehr, welche Art Texte Schüler da verfassen, im G8 schon gleich gar nicht.

  3. Das bestätigt eine der (rückblickend) größten Erleuchtungen gegen Ende meiner Schulzeit: Keine Angst vor dem Punkt, nie mehr als einen Nebensatz. Ausnahmen bestätigen die Regel.
    (Die andere, fast genauso wichtige Schreibregel: Raus mit den Füllwörtern. )

    Es würde wahrscheinlich sehr helfen, wenn man solche Grundregeln zum Schreiben an die Hand bekäme. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass das jemals vom Deutschlehrer so gesagt wurde. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, wieso mir „Texte schreiben“ bis in den Anfang der Oberstufe so nicht-beeinflussbar (im Sinne von: entweder man kanns, oder halt nicht) vorkam.

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