Berlinfahrt 2014

Letzte Woche war ich in Berlin, politische Bildungsfahrt mit einer 10. Klasse. Mit der Fahrt an sich hatte ich wenig zu tun, es fehlte lediglich eine männliche Begleitperson, und so fuhr ich mit, auch weil die Klasse eine nette Klasse ist. (Dass ich der Meinung bin, dass insgesamt zu viel weggefahren wird, ist ein anderes Thema.) An sich fahre ich nicht sehr gerne weg. Eine Woche ständig unter Menschen, das ist ein bisschen viel für mich.

Aber die Klasse hat sich sehr gut verhalten, und die Kollegin hat die Fahrt sehr gut vorbereitet und durchgeführt. Hier ein Überblick über unser Programm.

Montag

Fahrt mit dem Zug nach Berlin. Ankunft im Hostel (Moabit, zehn Fußminuten vom Bahnhof), dann gleich zum Brandenburger Tor und die Schüler allein Unter den Linden entlang zum Alexanderplatz gehen lassen. Von dort zur East Side Gallery, dann freie Abendgestaltung.

Dienstag

Gleich morgens zum Reichstag, dort eine Führung im Bundestag. Sitzung war leider keine; während der der Sitzungsperiode gibt es alle zwei, drei Wochen eine Woche ohne Sitzungen, während der dann auch Reinigungs- und Wartungsmaßnahmen durchgeführt werden. Aber das weiß man nicht, wenn man – lange vorher – den Termin für die Gruppenführung bucht.

berlin_bundestag

Gelernt: Parlamentsferien sind immer dann, wenn irgendein Bundesland Schulferien hat. Es gibt 41 Stenographen, die – anders als etwa im Europaparlament – nicht mit Stenographiemaschinen schreiben, sondern per Hand, in 10-Minuten-Schichten. (Nicht gesagt wurde uns, dass das, was als Wortlaut der Rede veröffentlicht wird, vorher noch durchgesehen und verbessert wird, also nicht etwa dem echten Wortlaut entspricht.) Mitprotokolliert wird auch das Drumherum, es gibt 8 verschiedene Stufen von Applaus, bis hin zum ¨Tumult¨.
Jeder Besucher sagt: das sieht im Fernsehen größer aus. Die fette Henne, zweieinhalb Tonnen schwer, hängt an nur zwei Seilen. Und die Bundestagsverwaltung sieht sich dezidiert als eigene Institution mit dem Auftrag, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.

Danach zum Holocaust-Mahnmal. Gerade in einer Gruppe durchzugehen ist interessant: Außen sind die Stelen nicht hoch, man sieht noch die Köpfe der anderen; je weiter man hineingeht, desto mehr verschwinden die anderen, bis man später nur ab und zu zehn Meter vor sich jemanden kurz auftauchen sieht, der in Querrichtung geht und nach zwei Schritten wieder verschwunden ist.

Nach regnerischer Mittagspause ins Mauermuseum am Checkpoint Charlie. Für die Führung hatten wir einen Zeitzeugen erwischt, der die Inhalte – Geschichte des Checkpoint Charlie und der Fluchtmöglichkeiten in den Westen – sehr anschaulich vermitteln konnte. (Selber Deserteur der Nationalen Volksarmee, dann Fluchthelfer im Westen. Zum Schluss hat er noch eine Kopie des Mordauftrags gegen ihn aus den Stasi-Unterlagen verteilt. „Die zur Liquidierung des Objekts beuaftragten GM [Geheime Mitarbeiter] sind äußerst zuverlässig und besitzen die politischen sowie fachlichen Voraussetzungen um den ihnen übertragenen Auftrag durchzuführen.“)

Es folgte in kurzer Abstecher in das Asisi Panorama zum geteilten Berlin. Ein riesiges fotorealistisches Panorama zeigt einen Blick auf die Grenze, den Todesstreifen, Ausschnitte aus Ost- und Westberlin, als stünde man auf einem Baugerüst im Westen und blickte hinüber.

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Im Eingangsbereich konnten Besucher aufschreiben, was für sie Freiheit bedeutet. Unsere Schüler trugen gleich mal den Namen unserer Schule ein, aber ich weiß nicht, ob sie das richtig verstanden haben.

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Dann eine kleine Pause bis zum Abendprogramm: Kabarett in der Distel. Ausgezeichnet! Kabarett, auch politisches Kabarett, ist für mich immer mit Gesang verbunden. Und gesungen wurde reichlich. Dabei war das ganze zugänglich und auch die Schüler mochten das Programm sehr.

berlin_distel

Mittwoch

So voll wie am Dienstag sollte das Programm nicht mehr werden. Morgens ging es in die Dauerausstellung „GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung“ im Tränenpalast. Das ist die ehemalige Ausreisehalle am Bahnhof Friedrichstraße, einer Grenzübergangsstelle. Empfehlenswert. Für Schülergruppen gibt es eine Art Quiz in Form eines Notizheftchens mit Aufgaben.

Danach die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Das ist ein Bau, spät im zweiten Weltkrieg errichtet, das danach den Russen als Untersuchungsgefängnis diente, einige Jahre später an die DDR übergeben und später wiederum erweitert wurde. Dort waren vor allem politische Gefangene untergebracht.

Mittagspause, dann Jüdisches Museum Berlin. Unsere Gruppe wurde geteilt, es gab jeweils eine Führung.

Zum Abschluss des Tagesprogramms optional eine Currywurst bei Konnopke am Prenzlauer Berg. Gepriesen als beste Currywurst Berlins. Hm, ja. Für eine Currywurst war das Gericht dann auch tatsächlich gut, aber es war halt immer noch eine Currywurst, und damit eher nicht mein Geschmack. Die Wurst ist immer so langweilig.

Donnerstag

Gleich am Anfang zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dann den Kufürstendamm entlang spazieren bis zum Museum Story of Berlin: Überblick über Geschichte Berlins. Für die Schüler interessant auch die 1950er und 1960er Jahre. Komische Telefone, eine Jukebox, unverständliche Slogans. („Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“)
Optional Kaufhaus des Westens, dann eine lange Mittagspause. Ich war beim Chinesen (kalte Rinderinnereien in Scheiben in scharfer Sauce, danach eine kleine Portion gedämpfte Auberginen mit Hackfleisch). Danach einfach nur in der Sonne gesessen und Pause gemacht.

Nachmittags dann eine Führung der Berliner Unterwelten. Das ist ein Verein, der sich mit der Unterwelt Berlins beschäftigt und dazu verschiedene Führungen anbietet, etwa Tour M: Mauerdurchbrüche. Unteriridische Fluchtmöglichkeiten waren: a) eigene Tunnels, b) das Tunnelsystem der U-Bahn, da die West-U-Bahnen durch Ostberlin fuhren, wo natürlich alle Zugänge, soweit möglich, unbenutzbar gemacht wurden und c) das gemeinsame Kanalisationssystem. Wir liefen zuerst durch die alte U-Bahn-Station, umgebaut zum Luftschutzbunker. Die Leuchtfarbe an der Wand stammt noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Als der Führer das Licht ausknipste und sagte: „Wer von euch eine Taschenlampe dabei hat, der kann ja mal…“ konnte er kaum ahnen, dass wir zwei ausgewiesene Taschenlampenträger mit uns führten. („Ist doch praktisch. Kann man immer mal brauchen.“)

Noch kurz zum Mauerpark, dann war wieder freie Abendgestaltung. Alle wieder früh und müde im Hostel.

Freitag

Heimfahrt.

— Das Programm insgesamt war sehr auf Sozialkunde/DDR zugeschnitten. Kein Pergamonmuseum, kein Naturhistorisches Museum, nichts über Leben in Ostdeutschland heute. Aber es waren nur gut drei Tage, und die waren ohnehin voll.

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14 Thoughts to “Berlinfahrt 2014

  1. Das wäre für mich als Schülerin die perfekte Schulreise gewesen! Ich finde es toll, dass es bei euch anscheinend nicht nur Sportwochen gibt.

  2. Das hört sich nach einer spannenden Reise an. Ich finde es gut, dass ein Fokus gesetzt wurde; alles kann man sowieso nicht sehen und manchmal führt es dann ja eher zum Overkill. Deinen Artikel kann man echt als eine Planungshilfe nutzen. Super!

  3. Die Fahrt gab es bei uns auch bis etwa vor zehn Jahren, dann fiel sie den verzweifelten Bemühungen, Unterrichtsausfall zu verhindern, zum Opfer. Das war eine gute Fahrt, auch wenn ich von Hohenschönhausen auch (oder vielleicht gerade?) als gestandene Erwachsene monatelang noch Alpträume hatte.

  4. Da habt ihr aber ein wirklich schönes Programm absolviert! Das DHM fand ich auch ganz nett und besonders auch das Neue Museum für die Fans der ganz alten Geschichte. Currywurst geht immer, finde ich. Allerdings nimmt man in Berlin ja oft diese fleischwurstartige, da gefällt mir die eher bratwurstige hier in NRW besser…

  5. Wie fanden die Schüler denn den Bunker? Ich war da vor Jahren mal drinnen und hatte – wie Sabine von Hohenschönhausen – danach Alpträume.
    (Wobei keine Schulveranstaltung so zu Alpträumen motivieren kann wie jährlich wiederkehrende KZ-Pflichtbesuche mit 9. Klassen…9

  6. Auch bei uns gehört Hohenschönhausen mit zum alljährlichen Berlin-Programm der Stufe 10 – da wir dann immer mit mind. 5 Kollegen und 100+ Schülern unterwegs sind, muss nicht jeder jeden Programmpunkt mitmachen, mir reichte Hohenschönhausen einmal. Bundestag ist auch immer mit dabei. Da bei uns das Oberthema „Deutschland unter zwei Diktaturen“ ist, gehört auch so etwas wie „Topographie des Terrors“ und natürlich das Stelenfeld dazu. Dieses Jahr waren wir dann erstmals im KZ Sachsenhausen – etwas außerhalb, aber mit Öffis gut zu erreichen. Der Bendler-Block (Gedenkstätte deutscher Widerstand) bietet viele verschiedene Themenführungen an – beeindruckend für die Schüler war da auf jeden Fall der Bereich „Jugend im Widerstand“. Nur war die Qualität der Führungen immer so unterschiedlich, dass wir dieses Jahr mal Sachsenhausen angesehen haben. Ein Programmpunkt war sonst auch frei wählbar, da konnte dann auch das jüdische Museum oder das Technikmuseum/Spektrum (sehr zu empfehlen) besucht werden. Unsere Unterkunft ist seit Jahren das Transit-Loft (Friedrichshain) – mit dem Prenzlauer Berg vor der Haustür und so gerade noch in Laufweite zum Alexanderplatz.

    Und nur die Berliner Currywurst ist die echte Currywurst – Bratwürste mit Currysoße als Currywurst zu bezeichnen finde ich als NRW-Zugezogene immer noch seltsam ;)

  7. >Ich finde es toll, dass es bei euch anscheinend nicht nur Sportwochen gibt.

    Tatsächlich haben wir insgesamt etwas mehr solcher Wochen, als mir lieb ist. Es macht natürlich besonders viel Spaß, wenn die Schüler sich ordentlich benehmen und trotzdem Spaß haben.

    >Deinen Artikel kann man echt als eine Planungshilfe nutzen.

    Das war auch so gedacht. Wenn ich etwas für Schule oder Uni organisiere, mache ich danach einen Ablaufplan fürs nächste Mal oder für meine Nachfolger. Diesmal hatte ich mit der Orga nichts zu tun, aber es sollte trotzdem so etwas wie einen Merkzettel geben.

    Ich glaube, weder der Bunker noch Hohenschönhausen haben die Schüler wirklich mitgenommen. Der Untergrund war eher lustig, und Hohenschönhausen ist schwer nachzuvollziehen. Eine Evaluation findet hoffentlich noch statt.
    In einem Konzentrationslager war ich mit Schülern noch nie, aber wenn man das Jahr für Jahr macht, sagte eine Kollegin, gewöhne man sich daran.

    Bei uns fahren höchstens 2 Klassen gleichzeitig. Gegen mehr auf einmal wehren sich die organisierenden Lehrer. Friedrichshain ist wohl auch Lieblingsziel der Lehrer, aber diesmal war kein Platz frei.

    (Ach ja, das Hostel. So wie der Babelfisch dadurch, dass er die Kommunikation zwischen den Völkern erleichterte, „mehr und blutigere Kriege“ verursachte als je zuvor, so gilt das sicher auch für die völkerverbindende Kraft eines Hostels. Unsere Schüler waren mustergültig, andere anwesende Klassen weniger.)

  8. Da wären wir uns ja in der Woche mehrmals fast über den Weg gelaufen…

    Ein schönes Programm, aber ganz klar eine Bildungsreise, kein Urlaub. :)

  9. Ich wusste gar nicht mehr, Robert, wo du gerade bist. Berlin, steht ja auf der ifi-Seite, hätte ich mir merken können. Im Web sind für mich die meisten irgendwie… irgendwo, ich gestehe es.

  10. Immer noch ziemlich dasselbe Berlin-Programm wie vor einigen Jahren am GRG.
    Ich meine das aber positiv, ich finde die Punkte und Themensetzungen sehr gut gewählt. Aus Schüler-Perspektive kann ich sagen, dass gerade Hohenschönhausen und die Zeitzeugen-Berichte zur DDR mir vieles nähergebracht haben als mancher Geschichtsunterricht…insofern kann ich hier Herrn Rau nicht ganz zustimmen ;).

  11. Immer wieder interessant, was so als „Berlin“ gezeigt wird. Fällt eigentlich nur Simon-Dach-Str. als Ort zum Party machen. Aber natürliche gehören die typischen Touriziele dazu. Wenn Sie jedoch nur 5 Stationen mit der M5 weitergefahren wären, wären sie im „tiefsten“ Berlin Ost mit seinen Plattenbauten angekommen. Bei Bedarf übernehme ich gerne eine Führung. Bei der nächsten Reise sollten sie jedoch trotzdem die Simon-Dach-Str. mit seiner Späti-Kultur nicht vergessen. ;-)

  12. Machen in Hohenschönhausen eigentlich immer noch die Exhäftlinge Hau drauf Pädagogik?

    Ich war früher mal öfters mit (Jahres-)Austauschschülergruppen in Berlin. Ein paar mal haben wir auch Hohenschönhausen ausprobiert, sind dann aber gewechselt und machen seit dem die Topographie des Terrors. Der Grund ist der unterschiedliche pädagogische Ansatz.

    Im Stasi-Knast hab ich mich immer gegruselt vor dem Ansatz alles als unmenschlich und teufelsgleich darzustellen, was jeder Stasi Mitarbeiter so gemacht hat. Gerade bei dem Film, der Anfangs gezeigt wurde, hatte ich das Gefühl das darauf besonders wert gelegt wird.

    Das fand ich furchtbar. Die „Topographie des Terrors“ verfolgt einen ganz anderen Ansatz in dem sie zeigt (aber das ist wie ich mittlerweile gehört habe leider auch abhäging von der Führung die man bekommt), dass man nur kleine Wertentscheidungen akzeptieren muss (es gibt bessere und schlechtere Menschen, diese sind per Ethnie zu unterscheiden) um der ganzen Sache zu verfallen. Bei uns wurde dann immer sehr schön aufgezeigt wie (unter o.g. Annahme) alles logisch folgen kann und wie man plötzlich unglaublich grausam werden kann.

    Dieser Aspekt hat mir in Hohenschönhausen immer gefehlt. Da bin ich raus gegangen mit dem guten Gefühl: „Waren das alles Unmenschen, so kann ich nie werden“. Aus meiner Sicht irgendwie der falsche Schluss.

    Aber das ist alles schon 5 Jahre her. Vielleicht (hoffentlich) ist das jetzt ganz anders..

  13. Freut mich ja, F_D, wenn was rüberkommt. Der DDR-Zeitzeuge hat, glaube ich, auch sehr gewirkt, Hohenschönhausen bei dieser Gruppe nicht so. Wir hatten eien Führung, aber keinen Zeitzeugen im engeren Sinn, und auch keinen Film am Anfang.

    Mehr Ost hätte ich gerne habt, Marcel, aber ich hab’s nicht organisiert, und der Schwerpunkt war halt ein anderer. (Vor zwei Jahren war ich im Tiergarten, Ost. Ganz hervorragend.) Einen echten Berliner treffen, abseits der Führungen, wäre sicher mal nett.

    Gruenblinder, wir hatten keinen Film. Unser Führer saß zwar auch im Gefängnis, aber nicht in Höhenschönhausen. Vermutlich hängt wirklich viel von der Führung ab, die man erwischt. (Großes Glück am Checkpottn Charlie.)

    >“[S]o kann ich nie werden”. Aus meiner Sicht irgendwie der falsche Schluss.
    Ja. Ich habe mich gefragt, wie ich mich wohl verhalten hätte, was aus mir geworden wäre. Und welcher Schüler wohl welche Rolle gespielt hätte.

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