Chesterton, The Club of Queer Trades (und weitere Godgames)

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Aus Gründen wiedergelesen:

G.K. Chesterton, The Club of Queer Trades

Sechs Kurzgeschichten, lose zusammenhängend. Chestertons erste Kriminalgeschichten, nur dass es eben keine sind. Und das, obwohl Sherlock Holmes das Vorbild ist.

In der ersten Geschichte wird die Verwandschaft mit Sherlock Holmes noch explizit geleugnet, genauer: dessen Interesse an Fakten und die eindeutigen Schlussfolgerungen, die er daraus ziehen kann. Dennoch ist die Atmosphäre und die Struktur die gleiche wie bei Arthur Conan Doyle. In der zweiten Geschichte zum Beispiel verfolgen Basil Grant (der wie Holmes meist einen Wissensvorsprung hat) und der weniger durchblickende Gully zwei nächtliche Droschkenfahrer:

Before I could count twenty the cab had gone rattling up the street with both of them. And before I could count tweny-three Grant had hissed in my ear: „Run after the cab; run as if you were running from a mad dog – run.“

Genauso klingt eine Verfolgungsjagd bei Holmes und Watson.

Die Helden bei Chesterton sind die Watson-Erzählerfigur Gully Swinburne, der etwas übereifrige Detektiv Rupert Grant, aber vor allem dessen Bruder, der pensionierte Richter (und jetzige Dichter) Basil Grant. Sie stoßen auf merkwürdige Vorkommnisse, die den Geschichten ihre Namen geben: „The Awful Reason of the Vicar’s Visit“ und „The Singular Speculation of the House Agent“. Eine der Geschichten hätte eigentlich heißen müssen „The Adventure of the Dancing Man“ (frei nach dem Holmes-Titel: „The Adventure of the Dancing Men“; in beiden Geschichten geht es, wenn auch auf andere Weise, um Sprache).
Alles deutet jeweils auf ein Verbrechen hin, doch die tatsächlichen Erklärungen für das ungewöhnliche Ereignis sind viel bunter, überraschender, schräger – wie eine Art lateral thinking puzzle. Zusammengehalten werden die Geschichten dadurch, dass diese Erklärung jeweils darin besteht, dass eine der Personen in der Geschichte einen völlig neuen Beruf erfunden hat – und damit die Berechtigung erworben hat, im exklusiven Club of Queer Trades Mitglied zu werden.

Exkurs: Die Weltsicht Chestertons

Ich bin ja ein Chesterton-Fan. Viele kennen ihn nur von Pater Brown, dabei hat er entzückend schräge Bücher geschrieben (etwa The Napoleon of Notting Hill oder The Man Who Was Thursday). Für Sandman-Leser: Chesterton ist die Vorlage für Gilbert a.k.a. Fiddler’s Green.

Typisch ist für mich die Weltsicht Chestertons: das Wunderbare im Alltäglichen sehen. Lieblingszitat, schon mal erwähnt:

It is one thing to describe an interview with a gorgon or a griffin, a creature who does not exist. It is another thing to discover that the rhinoceros does exist and then take pleasure in the fact that he looks as if he didn’t.

Nichts gegen Einhörner, aber ein Nashorn ist bereits wunderbar genug, wenn man erst einmal über die schnöde Eigenschaft hinwegsehen kann, dass es wirklich existiert.

Im Club of Queer Trades äußert sich das natürlich in der Prämisse aller Geschichten: Dass die Welt aufregend genug ist, auch wenn kein Kriminalfall dahintersteckt. Aber auch diese Wegwerfbeobachtung liebe ich, mit der eine Geschichte beginnt:

Basil Grant and I were talking one day in what is perhaps the most perfect place for talking on earth – the top of a tolerably deserted tramcar. To talk on the top of a hill is superb, but to talk on the top of a flying hill is a fairy tale.

Ein englischer Doppeldeckerbus als fahrender Hügel.

Die moderne Variante davon hat der Komiker Louis CK in der Tonight Show mit Conan O’Brien gebracht: Everything is amazing and nobody is happy, die Leute haben Hochgeschwindigkeitsitnernet im Flugzeug und jammern darüber, dass sie ihren Sitz nicht weit genug zurückklappen können. „You’re sitting IN A CHAIR IN THE SKY“. How amazing is that?

(Das Wunderbare im Alltäglichen sehen: Das ist natürlich auch das, was vor allem die ältere Generation der Romantiker in Deutschland wollte. Bekanntes Novalis-Zitat: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ Mein geliebter James Branch Cabell hat in seinen Büchern ebenfalls erkannt, dass man die die Welt anders sehen sollte. Allerdings glauben die meisten seiner Helden, dass die Welt chaotisch, sinnlos, willkürlich ist, und dass die Gesellschaft und wohlerzogene Helden und Gentlemen einfach so tun, als stimmte das nicht. Moral und Werte sind reine Erfindungen, aber Lebensart heißt, sich den vorherrschenden Illusionen anzuschließen.)

Zurück zum Buch

Zwei der Geschichten, die vierte und vor allem die fünfte, finde ich weniger gelungen, zu konstruiert, und auch ein wenig von der Zeit überholt. Die erste ist nicht ganz typisch fürs Buch, aber eine meiner Favoriten:

Rupert Grant, der Möchtegerndetektiv, hat einen Klienten zu Basil in die Wohnung bestellt. Dieser, ein eher prosaischer Major Brown, erzählt ihnen von den merkwürdigen Erlebnissen des Tages. Ein Garten mit Blumen, zu einer Nachricht arrangiert: „Death to Major Brown“ . In der Wohnung zum Garten ein Mann mit der Warnung „For heavens’s sake, don’t mention jackals“, im haus eine geheimnisvolle Schönheit, Schreie von draußen, ein Mann, der in der Kanalisation verschwindet – der Major hinterher, Schlägerei, Flucht, ein unverständlicher Brief als einziges Überbleibsel. Das Haus plötzlich verlassen, als hätte nie jemand darin gelebt.

Am Schluss stellt sich heraus, und das kommt im Buch weniger platt als in dieser Zusammenfassung, dass es sich um eine Verwechslung handelt. Der Vormieter der Wohnung trug den gleichen Namen wie Major Brown und hatte bei der Adventure and Romance Agency ein Abenteuer bestellt. Das Geschäftsmodell erklärt der Firmeninhaber:

Now the man who feels this desire for a varied life pays a yearly or a quarterly sum to the Adventure and Romance agency; in return, the Adventure and Romance Agency undertakes to surround him with startling and weird events. As a man is leaving his front door, n excited sweep approaches him and assures him of a plot against his life; he gets into a cab, and is diven to an opium den; he receives a mysterious telegram or a dramatic visit, and is immediately in a vortex of incidents. A very picturesque and moving story is first written by one of the staff of distinguished novelists who are at present hard at work in the adjoining room. Yours, Major Brown (designed by our Mr. Grigsby), I consider peculiarly forcible and pointed; it is almost a pity you did not see the end of it.

Wir erfahren natürlich nie, genauso wenig wie der dann doch neugierig gewordene Major Brown, was es mit den Schakalen und so weiter auf sich hatte.

Das war 1905, neunzig Jahre vor The Game, einem Film mit Michael Douglas mit ähnlichem Plot. Aber auch schon vor diesem Film hat es vergleichbare Werke gegeben. Als Überleitung passt ein letztes Zitat des Firmengründers in der Chesterton-Geschichte, als der von seiner Agentur schwärmt:

We give him a glimpse of that great morning world […] when one great game was played under the splendig sky. We give him back his childhood, that godlike time when we can act stories, be our own heroes […]

Godgames

Godgames sind ein kleines Literaturgenre, in das ich auch diese Geschichte aus dem Club of Queer Trades einreihen will. Wikipedia kennt keinen Eintrag dazu, aber – ha! – die Encyclopedia of Fantasy definiert ein godgame als:

a tale in which an actual game (which may incorporate broader implications) is being played without the participants‘ informed consent, and which (in some sense) is being scored by its maker.

Gemeint ist in der Regel eine Geschichte, in der die Hautperson ohne ihr Wissen Teilnehmer eines Spiels im weitesten Sinn ist – gerne auch eines böses Spiels, dass mit ihr getrieben wird. Ein Urvater ist der erste Roman von John Fowles, The Magus (1965, überarbeitete Version 1977); aus diesem Roman stammt auch das Wort „godgame“. Nicholas Urfe, der Held, erlebt Abenteuer auf einer griechischen Insel, lernt Leute kennen, knüpft Beziehungen – und spät im Buch stellt sich heraus, für ihn wie für den Leser überraschend, dass die Ereignisse manipuliert, die Personen zum Teil bezahlte Schauspieler waren.

Viel weniger bekannt ist Masks of the Illuminati von Robert Anton Wilson (1981), in kleinerem Maßstab gehört auch The Ghost Writer von John Harwood dazu (2004). Als Beispiel wird auch The Tempest von William Shakespeare genannt. Dem fehlt allerdings, wenn ich mich richtig erinnere, ein für mich wichtiges Element: Dass der Leser sich in der gleichen Lage befindet wie der Held, dass er also ebenso wie jener Spieler ist, dem mitgespielt wird. Sonst wär’s ja auch nicht postmodern.

Ein Blogeintrag von Ralph the Sacred River (love that name) bringt weitere Beispiele, darunter die Truman Show und Lost. (Letztere Serie verfolge ich nicht, daher kann ich nicht beurteilen, wie sehr das zutrifft.)

Nachträgliche Fußnote: Ein nichtliterarischer Verwandter des Godgame sind vielleicht der Big Store, wie man ihn aus dem Film The Sting (dt. Der Clou) kennt, und andere confidence tricks.

Auslöser für diesen Blogeintrag und das Wiederlesen von Chesterton war die Performance-Art-Gruppe Improv Everywhere. Und das kam so.

Improv Everywhere

Improv Everywhere sind eine Gruppe von Leuten, die verschiedene öffentliche Aktionen veranstalten – Happenings, Straßentheater, Streiche. Eine der besten und bekanntesten Aktionen ist die hier:

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Mitten im Bahnhof bleiben hunderte Leute mitten in ihrer Bewegung stehen, wie eingefroren, alle gleichzeitig. Fünf Minuten lang. Und nach diesen fünf Minuten erwachen sie alle wieder zum Leben und gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sieht toll aus. So ähnlich sind die meisten Aktionen von Improv Everywhere.

Andere Aktionen waren Best Gig Ever und Ted’s Birthday. Und die haben mich auf Godgames und Chesterton gebracht.

Bei „Ted’s Birthday“ (2003) feierten dreißig Agenten von Improv Everywhere in einer Bar den Geburtstag von Ted, machten ihm Geschenke, plauderten mit ihm. Nur dass Ted in Wirklichkeit Chris hieß, nicht Geburtstag hatte und auch sonst nichts von der Aktion wusste. Alle Agenten hatten vorher einen fiktiven Steckbrief von „Ted“ bekommen und sollten sich überlegen, woher sie ihn kannten. In den Kommentaren gibt es auch einiges an Kritik, angeheizt durch einen negativen Radiobeitrag darüber bei This American Life, einer NPR-Radiosendung.

Ähnlich „Best Gig Ever“ (2004): Die Leute suchten sich ein kleines, möglichst wenig besuchtes Musikkonzert aus, eine Amateurband in einem Club. Tatsächlich waren dann auch nur 3 normale Besucher da. Und 35 Agenten von Improv Everywhere. Und deren Aufgabe bestand darin, sich möglichst gut zu amüsieren, mitzumachen, die Band anzufeuern, die Lieder mitzusingen (deren Text alle vorher geübt hatten, man informiert sich ja als Agent). Und der Beschreibung nach war das dann auch ein tolles Konzert. Und nach der Zugabe verschwanden alle 35 Agenten dann plötzlich, ohne Erklärung, Autogrammwunsch, Drinks. Auch da gab es böse Kommentare.

Ich halte beide Aktionen für noch in den Grenzen des Erlaubten und Sinnvollen. Aber dieses Jahr schien es so, als hätten Improv Everywhere endültig den Verstand verloren. Am 1.4. gab es „Best Funeral Ever“: Die Leute suchten sich eine Beerdigung aus, auf der möglichst wenig Trauergäste zu erwarten waren. Und dann wollten sie den Familienmitgliedern ein schönes Begräbnis bescheren, indem sie die Trauergruppe vergrößerten. Das Video dazu gibt es unter dem Link oben, daneben gibt es zwei weitere Blogeinträge zur gleichen Aktionen und auch zu deren Wiedergabe in den Medien.
Was die erbosten Kommentarschreiber nicht beachtet hatten, war die Tatsache, dass es sich um einen Streich zum 1. April handelte. Einfach mal aufs Datum schauen, und für die Presse: einfach mal im Friedhof nachfragen hätte gereicht, statt den Blogeintrag einfach für bare Münze zu nehmen.

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— Wer mehr wissen will: vor zwei Wochen ist Causing a Scene: Extraordinary Pranks in Ordinary Places with Improv Everywhere erschienen. Eine schöne Ergänzung zum Blog.

Nachtrag: Habe das Buch erst jetzt ausgelesen. Sehr inspirierend. Die meisten Missionen sind keine Godgames, sondern nur bizarre, aber schöne, manchmal poetische Einfälle. Eines der jährlichen mp3-Experimente könnte ich mal als Listening Comprehension machen, im Sommer, draußen auf dem Schulgelände. Empfehlenswert, nur an das Layout muss man sich erst gewöhnen.

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