Ach, Familie

Die letzten Tage war ich in Berlin, anlässlich einer Beerdigung, ein Lehrerkollege und Familienmitglied. Ich kannte ihn nur von wenigen Treffen, aber die Witwe viel besser – wir haben in unserer Kindheit viel zusammen unternommen. Überhaupt hatte ich in meiner Kindheit viel Familie um mich herum. Eltern, zwei Brüder, Großeltern, die Geschwister meiner Mutter (vier davon, die den Krieg überlebt haben), jeweils mit Partnern und Kindern und in alle Welt verstreut. Auf der väterlichen Seite nur ein Tante-Onkel-Paar, aber dafür eine unübersichtlichere, aber große Zahl an entfernteren Verwandten.

Und meine Mutter war zumindest für ihren Teil der Familie ein zentraler Anlaufpunk der Familie, auch weil ihr Vater nebenan lebte. Und so gab es sehr oft Besuch von überall her. Gästebetten, Luftmatratzen. Beerdigungen, Hochzeiten. Gegenbesuche, Weihnachtsplätzchen. Das war schon schön, so rückblickend. Als Kind und Jugendlicher war es das nicht, da war das einfach normal.

Meine eigene Generation, ich vorneweg, hält es leider nicht so genau mit den Familientreffen. Selbst mit meinen Brüdern steht ich nicht wirklich in engem Kontakt; alle paar Jahre gibt es kleinere Besuche, so wie jetzt anlässlich der Beerdigung, und wir versprechen uns, dass wir uns öfter sehen wollen, und dann wird doch nichts daraus.

Ich mag Familie. Auch wenn man die sich nicht aussuchen kann, oder vielleicht gerade deswegen. Ich muss mal wieder Kurt Vonnegut lesen, Cat’s Cradle, und davon ausgehend Vonneguts Gedanken zu wampeters und granfalloons, die Vonnegut in diesem Roman als Teil der bokonischen Philosophie entworfen hat. Ein granfalloon ist:

a group of people who imagine they have a connection that does not really exist. An example is „Hoosiers“; Hoosiers are people from Indiana, and Hoosiers have no true spiritual destiny in common, so really share little more than a name.

Ich weiß nicht, ob es in Cat’s Cradle war oder wohl doch eher in einem seiner Essays, in dem Vonnegut sich zu Familien äußert und deren Wichtigkeit, und quasi künstliche Familien vorschlägt: Irgendwie ziemlich willkürlich werden Leute in Gruppen zugeteilt, und wenn man Leute aus der gleichen Gruppe trifft, freut man sich, und hilft einander, und ist nicht allen. Wie in Familien, die sucht man sich ja auch nicht aus. — Diese Gruppen dürfen natürlich kein granfalloon sein, das sich ja aufgrund eines falschen karass als Gruppe sieht und die nicht wirklich durch ein karass verbunden sind. Oder doch? Wie gesagt, ich habe mir den Vonnegut wieder mal auf den Nachttisch gelegt.

Wie gesagt: Ich mag das, dass man sich Familien nicht aussucht und ohne gefragt worden zu sein Verwandtschaft hat. Mit Warzen und allem. (Fußnote: Das sagte Oliver Cromwell zu einem, der ihn malen sollte.) Das macht einen selber nicht so wichtig, wenn es Dinge gibt, die man sich nicht aussucht.

Allerdings: Ich habe auch keine echten Gruselgeschichten in der Familie; alles normale, liebe Menschen. Ist wohl tatsächlich nicht immer und überall so.

Nachtrag: Das alternative Familienkonzept findet sich in Vonneguts Slapstick, das als eines der schwächeren seiner Werke gilt. Mir hat es damals gefallen; ich werde mal wieder hineinschauen.

Tagged: Tags

2 Thoughts to “Ach, Familie

  1. Trifft Vonneguts Alternativkonzept nicht auch auf Kollegen zu? Dein abschließendes „allerdings“ ist übrigens nur allzu berechtigt: Denn vermutlich schaudert’s nicht nur mich, sondern auch so manch andere, die in einer gruseligen (bzw. dysfunktionalen) Familie aufgewachsen sind, angesichts dieses eben oft auch unseligen Konglomerats, in das man wahllos hineingeboren wird.

  2. Kollegen glauben vielleicht, dass das, was sie verbindet – die konkrete Schule – ein echtes „wampeter“ ist, aber vermutlich bilden sie doch meist nur ein „granfalloon“. Dann lieber die Willkür echter Familie, wie der Vorschlag in Slapstick (aber das muss ich noch einmal nachlesen), künstliche middle names zu vergeben und die zur Basis der Gruppenzugehörigkeiten zu machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.