Kochbücher lesen

By | 19.10.2014

Neulich in Berlin, in der Pension, stieß ich auf das:

karl_may_pensionsbibliothek

Mmmmh. Karl-May-Bände, und zwar die guten, exotischen. Mit Winnetou und Old Shatterhand konnte ich nicht gar so viel anfangen, auch wenn ich etliche der Wildwest-Romane mehrfach gelesen habe und mich dabei durchaus vergnügte. Aber die sechs Bände des Orient-Zyklus, die habe ich oft gelesen: Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut. Kurzer Test: „Hadschi Halef Omar ibn Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud Als Gossarah“… na ja, fast: Wikipedia korrigiert einmal meine Rechtschreibung und ändert ein „ibn“ in „ben“, damit kann ich leben: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. (So nennt sich der Begleiter der Hauptfigur, auch wenn die vielen Hadschis im Namen eher Angabe waren als Realität. Wer Karl May gelesen hat, kann das auswendig sagen, auch noch fünfunddreißig Jahre nach der letzten Lektüre.)

In der Pension griff ich zu einem der Bände, die ich noch nicht kannte, Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger. Und ich war gleich wieder drin. Fast so schön wie der Stimme des Erzählers auf der Hörspiel-Kassette zu lauschen, wie er – Wilhelm Hauff, Das Gespensterschiff – beginnt mit: „Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora“ und einem so richtig sonoren „o“ in „Balsora“. Jedenfalls liegen die drei Bände des Mahdi jetzt digital auf meinem Nachttisch, das möchte ich bald zu Ende lesen.

Aber eigentlich soll es hier um Kochbücher gehen. Erich Kästner hat ja ein umwerfendes erstes Kapitel oder Vorwort zu Emil und die Detektive geschrieben. Eigentlich habe er ja einen Südseeroman schreiben wollen, eine spannende Szene, in der ein „mit heißen Bratäpfeln geladenes Taschenmesser“ eine Rolle spielte, als er plötzlich nicht mehr wusste, wieviel Beine ein Walfisch hat. Aus war es es mit dem Schreiben, denn die Fakten müssen ja stimmen. Und so kam es nie zu Petersilie im Urlaub, dem durchaus interessant klingenden Südseeroman. Der Oberkellner Nietenführ erklärt dem Herrn Kästner darauf, dass man besser über das schreibe, was man kenne. Kästner entgegnet darauf, dass ja trotzdem Schiller erfolgreich über die Schweiz geschrieben habe – und, möchte ich als Leser ergänzen, der Karl May über den Orient und Amerika, obwohl er nie da war. Die Antwort des Oberkellners darauf: „Da hat er eben vorher Kochbücher gelesen […] Wo alles drinstand.“

Und recht hatte er, der Oberkellner, zumindest was die Kochbücher betrifft.

kochbuch1

Spezialitäten der Welt köstlich wie noch nie. Christian Teubner, Annette Wolter. Gräfe und Unzer 1982.

Irgendwann habe ich angefangen, mich fürs Kochen zu interessieren. Erst kamen die Kochbücher, die ich gelesen habe, und dann die Lust, Dinge auszuprobieren, die ich in den Kochbüchern fand. Ein Favorit war Spezialitäten der Welt. Ich kann gar nicht aufzählen, was ich aus diesem Buch alles gelernt habe – nicht unbedingt über das Kochen, denn das Rezept für die Salzburger Nockerln gibt eine zu hohe Temperatur bei zu kurzer Backzeit vor, und das war natürlich eines der ersten Rezepte, die ich ausprobierte. (Peter Alexander, klar.) Nein, ich lernte viel über Geographie. Die Gerichte sind geographisch angeordnet: Südeuropa, Westeuropa, Nordeuropa, Osteuropa (Polen und Sowjetunion), Mitteleuropa (Deutschland, Schweiz, Österrich, Tschechoslowakei, Ungarn), Balkan, Vorderer Orient, Nordafrika, Schwarzafrika, Nordamerika, Mittelamerika, Südamerika, Südasien (Indien, Sri Lanka), Südostasien, Ostasien, Australien/Ozeanien. Die Titel der Gerichte jeweils auf Deutsch und in der Originalsprache.

Spaghetti mit Pesto, lang bevor das hier aufkam. (Wir erinnern uns: Das Buch stammt aus einer Zeit vor dem Döner in Deutschland, der am Anfang ohnehin noch Gyros hieß, vor Sushi, selbst Jahre vor dem Tex-Mex-Boom ab Mitte der 1980er Jahre. Chinesisch, das gab es.) Bei Spanien habe ich von Migas erfahren und von Nierchen. Portugal: Was Stockfisch ist. Die gebratenen Heringe aus England habe ich einige Jahre später in einer winzigen Jugendherberge dann mal vom Herbergsvater zubereitet gekriegt. Dass die in England ihren Pudding mit Rindernierentalg machen, und überhaupt: was ein Pudding ist. Und Cornish Pasties. Und Treacle Tart. Dass man in Dänemark eine ganze Mandel im süßen Reis versenkte. Was Anchovis sind (Schweden). Borschtsch, Blini. Quarkspeise zu Ostern. Was Kwass ist. Oder, wieder westlicher, eine Wähe. Ein Beuscherl (was man so alles essen kann). Baklawa zum Nachtisch, und Imam Bayildi, das ich später wiedererkennen sollte. Ein Bild von Lammfleischspießen mit Joghurtsauce, nach dem ich immer noch Hunger habe. (Pilaw kannte ich ja schon von Karl May.) Süße orientalische Desserts. Gefilte Fisch, Kreplach, Cholent und „Kihen fin Veisseriben“ (Pastinakenkuchen). Manches andere kannte ich schon von libanesische Bekannten meiner Eltern. Jambalaya, das Gericht noch vor Hank Williams oder, später, Jerry Lee Lewis. Als 2014 anlässlich der Weltmeisterschaft in Brasilien das Nationalgericht Feijoada vorgestellt wurde, habe ich gleich das Bild von S. 243 herausgesucht. Dann die Satéspießchen, erste selbstgemachte Erdnusssauce. (Nasi Goreng auf der Seite gegenüber kannte man ja eh schon seit irgendwann vor meiner Zeit.) Sashimi, roher Fisch. Komisch, dabei hieß das in Blade Runner doch Sushi… aber da war Blade Runner nicht ganz exakt.

Jetzt höre ich dann mal auf. Für so eine gesunde Allgemeinbildung und Neugier gegenüber anderen Ländern gibt es jedenfalls wirklich Schlechteres als solche Kochbücher zu lesen.

Empfehlenswert: Die Maisfritters von S. 230, die gewürzten Ananas S. 258.

— Gehört nicht ganz zum Thema, aber in die Zeit: „Zuppa Romana“ (1984) von Schrott nach 8.

10 thoughts on “Kochbücher lesen

  1. Beelzebub Bruck

    Sind Karl May und sein Halef echte „karass“ oder auch das hier vorgestellte Kochbuch? Es ist schon erstaunlich, mit welch hoher Treffsicherheit Angehörige der gleichen Generation und gesellschaftlichen Schicht die gleichen Bücher gelesen, sich die gleichen Stellen gemerkt, die gleichen Kochbücher verwendet, und die selben Gerichte gekocht haben. Das haut den Imam einfach um.

  2. Herr Rau Post author

    Ja, manche Bücher können schon ein „wampeter“ sein, die Basis eines echten „karass“. Wikipedia entnehme ich, dass zu jedem „karass“ zwei „wampeters“ gehören, ein aufsteigendes und ein fallendes. Was es damit auf sich hatte, weiß ich nicht mehr, so ein ausgepräger Bokononist war ich nicht. :-)

  3. Thomas Kuban

    Bei mir hatte einen ähnlichen Stellenwert das Dr. Oetker Schulkochbuch von 1964. Oder so. Das ganze Kochgefühl der 50er und 60er. Hatte lange Zeit das Exemplar meiner Mutter, vor einigen Jahren aber das aktuelle gekauft.
    Die Bilder sind besser heute. Aber die Grundrezepte sind nahezu gleich geblieben.
    Es steht heute neben einer alten Ausgabe eines Kochbuch der schwäbischen Landfrauen . Wunderbares Hefezopfrezept.

    Du siehst, in meiner Familie und der meiner Frau eher traditionelles Küchen Verständnis gewesen in meiner Jugend. :)

  4. Hanjo

    Zu unseren Lieblingsrezepten zählte lange das Szegediner Gulasch auf Seite 177. Auch die Minestrone (50) und die Tomatentorte (89; vielfältig abwandelbar, je nachdem, was die Küche gerade her gibt) haben hier nach wie vor Lesezeichen.

    Auffällig, wie genügsam die Rezepte trotz ihrer teils fernen Herkunft im Hinblick auf fremdländische Gewürze und besondere Zutaten gestaltet wurden, vergleicht man sie mit einer typischen Ottolenghi-Einkaufsliste …

  5. Herr Rau Post author

    >Du siehst, in meiner Familie und der meiner Frau eher traditionelles Küchen Verständnis gewesen in meiner Jugend. :)

    Wie gut, dasss es auch noch andere Quellen der Weltläufigkeit gibt als Kochbücher!

    Beim Szegediner Gulasch habe ich auch kurz überlegt, Hanjo, aber das ist dann doch auf anderen Wegen in unseren Haushalt gekommen. Aber das Wort „Pörkölt“ habe ich sicher zum ersten Mal auf der Seite gegenüber gelesen. Ottolenghi koche ich gerne, immer schöne Sachen dabei, aber ja: deutlich aufwendiger. Lohnt sich aber oft.

  6. Aginor

    Achja, die internationale Küche, ich finde sie auch toll. Leider koche ich viel seltener als ich gerne würde, aber kommt vielleicht noch.
    Meine letzten Ausflüge gingen nach Kroatien (Cevapcici und Djuvec selbst gemacht, keine Raketenwissenschaft aber einfach mal nett) und nach Thailand (Tom Kha Gai Suppe selbst gekocht, mit frischem Zitronengras und so.)
    Das nächste mal gehts kulinarisch nach Spanien (mal eine richtige Paella, von mir liebevoll „Beifangpfanne“ genannt) und dann will ich mal so was Couscus-artiges testen, da muss ich mir noch eine Variante aussuchen….

    Als großer Norwegen-Fan will ich natürlich auch mal Lutefisk selber machen, aber da ist schon die Beschaffung der Rohmaterialien (hochwertiger Trockenfisch in ausreichender Menge) ein Problem, ganz zu schweige davon dass ca. 90% der Menschheit dieses Traditionsgericht als erbärmlich stinkend und ungenießbar einstufen würden. Das gibts nicht zufällig in Ihrem Kochbuch, Herr Rau?

    Gruß
    Aginor

  7. Herr Rau Post author

    Lutefisk kenne ich aus dem Prairie Home Companion, wo das Gericht tatsächlich als einigermaßen dubios geschildert wird – in keinem meiner Kochbücher habe ich je ein Rezeot dafür gesehen. :-)

  8. Bernhard

    Hallo, Thomas,
    ach, manchmal bist Du mir unheimlich.
    Karl May geht eh klar, und die Orientbände sind tausendmal cooler als die langweiligen Winnetous (hab Durch die Wüste gerade mal wieder gelesen).
    Das Gespensterschiff – die Europa-Version mit dem legendären Hans Paetsch als Sprecher – hatte ich auch, war eines meiner Lieblingshörspiele mit ordentlichem Gruselfaktor. Und Wilhelm Hauff – aus naheliegenden Gründen ein spezieller Freund…
    Und Kochbücher – gerade diese Teile wie das gezeigte liebe ich. In denen noch so richtige Klassiker drinstehen, Pariser Pfeffersteak und Lucca Augen und Olla podrida. Richtig, ich blättere hier gerade in „Die 100 berühmtesten Rezepte der Welt“ – meinem Lieblingskochbuch. Geschrieben von Roland Gööck (vielleicht hatte der damals auch schon Permanent-Makeup). Aus diesem Kochbuch ist auch das erste Rezept, das ich mit 8-9 Jahren damals mehr oder weniger allein kochen konnte/durfte/wollte: Welsh Rarebits ;-)
    Liebe Grüße, Bernhard.

  9. Herr Rau Post author

    Du hast aber viel früher angefangen zu kochen als ich, Bernhard. Ich habe vermutlich mit zehn oder so die ersten Rezepte aus der Stafette ausprobiert, Hamburger vermutlich. Hans Paetsch, genau, hab’s auch gleich bei Amazon als Download gefunden!

  10. Pingback: Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 1-3 – Lehrerzimmer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.