Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 1-3

By | 17.4.2017

Karl May: Den habe ich in der Grundschule gelesen, ziemlich früh, und vielleicht bis in die fünfte Klasse hinein. Wenn ich in Fahrt war, schaffte ich ein Buch am Tag. Dabei haben mich die Amerika-Geschichten nie so interessiert; ich habe keinen einzigen Winnetou-Band gelesen, die Orient-Erzählungen dafür um so mehr. Vor zweieinhalb Jahren habe ich zufällig angefangen, wieder hineinzulesen, und mich jetzt an den Orientzyklus gemacht.

Durch die Wüste

Titelbild "Durch Wüste und Harem"

Es beginnt damit, dass Kara Ben Nemsi und Halef eine Leiche in der Wüste finden, ein ermordeter französischer Kaufmann, wie sich herausstellt. Der Mörder wird verfolgt, aber letztlich bleibt die Tat vorerst ungesühnt und unaufgeklärt. Daraufhin gibt es weitere vorerst unverbundene Episoden: Die Rettung einer Entführten, der Kampf gegen Piraten. Schließlich helfen die beiden einem Beduinenstamm gegen ihre Feinde; Kara ben Nemsi erhält dabei das Pferd Rih als Geschenk. Am Ende zieht er mit Halef und dem Scheich eines befreundeten Stamms in Richtung Türkei, sie wollen den Sohn des Scheichs aus türkischer Gefangenschaft befreien. Dort helfen sie einer großen Gruppe von Jessiden gegen ihre türkischen Feinde. Begleitet werden sie von Sir David Lindsay, einem reichen Engländer, der auf der Suche nach archäologischen Mitbringseln ist, allen voran „fowling-bulls“, geflügelten Stieren.

– Das Episodenhafte hatte ich nicht so in Erinnerung; der Fall des toten Kaufmanns wird erst viel später wieder aufgegriffen werden. Ich konnte mich noch gut erinnern an den gefährlichen Ritt über den Salzsee Schott el Dscherid, an Rih, sonst hatte ich das meiste vergessen. Sehr gut weiß ich noch, wie ich in diesem Buch auf das Wort „Vatermörder“ stieß und mir erklären lassen musste. Auch sonst habe ich sicher viel aus dem Buch gelernt: Sunniten, Schiiten, der Koran, Suren, Jessiden, Mekka, die Hadsch, Couscous, Shisha, Piaster, Mariatheresientaler, Pilaw.

Zeitlich scheint das nach den Geschichen aus Am Stillen Ozean zu spielen, da Lindsay direkt davon spricht und sich mit Bezug auf einen spleenigen Engländer daraus vorstellt:

Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London, Near-Street 47.

Das wird vielleicht auch mein erster Kontakt zu spleenigen Engländern und ihren Clubs gewesen sein.

Kara Ben Nemsi ist nicht so nervig wie in Im Lande des Mahdi. Er töte nicht gern, und ist schon recht superheldisch, kann Spurenlesen und Faustkämpfen wie Sherlock Holmes und überhaupt alles. Es gibt nur ein- oder zweimal Gefangennahme und Ausbruch, das ist okay. (Der Mahdi bestand quasi nur daraus.)

Durchs wilde Kurdistan

Titelbild "Durchs wilde Kurdistan"Schwächer als der Vorgängerband. Die Jessiden haben die Türken umzingelt, Kara ben Nemsi hilft bei politischen Verhandlungen und verhindert ein Blutvergießen. Die kleine Gruppe befreit den Sohn des Scheichs und macht sich auf den Rückweg; abseits der türkischen Herrschaft werden sie in die Auseinandersetzungen zwischen Kurden und nestorianischen Christen hineingezogen. Auch hier vermittelt unser Held und verhindert sinnloses Blutvergießen. Kara ben Nemsi hat am Anfang nicht viel zu tun, aber der Scheich, der ihn begleitet, und Sir David, der später zu ihm stößt, noch viel weniger, die sind reine Staffage.

– Insgesamt schon etwas mehr Gefangennahme und Ausbruch, aber weiterhin erträglich. Das ständig thematisierte Christentum des Helden war mir als Kind nicht aufgefallen; beim wiederlesen erschien es mir plump, aber nicht wirklich störend. Bei einem modernen Autor würde mich das Belehrende viel mehr stören, warum ist das im Orientzyklus nicht so?
Voll an mir vorbeigegangen ist der zum Teil abgedruckte Prester-John-Brief; ich habe keinerlei Erinnerung daran. Bewusst bin ich diesem Stoff wenige Jahre nach der Karl-May-Lektüre begegnet, in einem Heft der Fantastic Four, richtig informiert habe ich mich erst bei der Marco-Polo-Lektüre neulich: Im 12. Jahrhundert tauchte ein Brief eines sagenhaften Priesterkönigs Johannes auf, der angeblich in Asien über ein großes christliches Reich herrschte und seinen Brüdern im Westen diesen Brief schrieb. Auch der bei Marco Polo wiederholte Trick mit dem Asbesthemd wird zitiert.

– Karl May schreibt gar nicht schlecht. Nur seine Plots sind sehr schwach. Gefangennehmen, Entkommen, Befreien; Verhandeln zwischen verfeindeten Parteien, das wiederholt sich ständig. Der Held kommt in eine neue Stadt, er schafft sich einen neuen Freund unter der Bevölkerung, weil da jemand krank oder vergiftet ist und er mit seinem überlegenen deutschen Wissen helfen kann, worauf er jemand hat, der ihn später aus der nächsten Gefahr retten wird.

„Ein Bewohner von Amadijah, dessen Tochter krank ist.“

führt regelmäßig zu zu:

„‚Du hast nicht ihr allein, sondern auch mir das Leben erhalten, und du weißt nicht, wie gut dies ist für viele, die du weder kennst noch jemals gesehen hast.'“

Das ist ein- oder zweimal okay, aber mit der Zeit wird es auffällig.
Karl May ist bewusst, dass er in einer literatischen Tradition schreibt:

Wie oft hatte ich gelesen, daß ein Gefangener durch die Berauschung seiner Wächter befreit worden sei, und mich über diesen verbrauchten Schriftstellercoup geärgert! Und jetzt befand ich mich in voller Wirklichkeit infolge eines Rausches in dem Besitze aller Gefangenen.

Und doch: Die Bücher sind page turner, lesen sich fast von selbst. Ja, andere Völker werden von oben herab betrachtet, als unreife Kinder, aber immer wieder auch mit Toleranz, Verständnis und Aufruf zum Frieden. Wo liest man denn in der deutschen Hochliteratur etwas über den Orient? Da fällt mir eigentlich nur der Chinese in Effi Briest ein, den wir Deutschlehrer den Schülerinnen und Schülern gerne verkaufen als Element des Exotischen, Mystischen, Kolportagehaften. Seine Rolle im Buch ist minimal. Bei Karl May habe ich jedenfalls mehr gelernt als bei Fontane.

Diagramm zur Handlung:

Diagramm mit Handlung von Durch die Wüste

  • Gelb ist das erste Abenteuer: Der Fund der Leiche, die Verfolgung des Mörders, die Überquerung des Salzsees. Aufgelöst wird es erst später.
  • Orange ist das nächste Abenteuer: Die Befreiung einer Entführten. Auch diese Geschichte findet später eine Fortsetzung, und eine Verbindung zur ersten.
  • Weiß ist der Rest: Die Abenteuer bei den Beduinen.
  • Blau ist alles, was für mich aus Durchs wilde Kurdistan geblieben ist.

Von Bagdad nach Stambul

Titelbild "Von Bagdad nach Stambul"

Kara Ben Nemsi, Halef und Lindsay reiten mit Mohammed Emin und dessen im letzten Band befreiten Sohn Amad el Ghandur über Umwege nach Hause. Es gibt Streit mit einem Kurdenstamm und untereinander, Scheich Mohammed stirbt bei einem Überfall der Kurden auf persische Reisende, Amad sucht Blutrache und verlässt die Gruppe. Die Reisende sind Hassan Ardschir-Mirza, seine Braut und seine Schwester, von Feinden verfolgt und inkognito unterwegs. Kara Ben Nemsi verkauft in des Mirza Auftrag dessen Güter in Bagdad, kann aber nicht verhinden, dass der Mirza und seine Schwester von den Verfolgern umgebracht werden. Sie begegnen einer Todeskarawane, stecken sich mit die Pest
Wieder gesundet wollen sie nach Istanbul, treffen aber vorher den reisenden Kaufmann Jacub Afarah aus Damaskus, der ihnen einen Brief an seinen Bruder dort mitgeben will und sich als Onkel von Isla Ben Maflei aus dem ersten Band herausstellt. In Damaskus lebt unter der Identität eines ermordeten Verwandten niemand anders als Abrahim-Mamur, ein Schurke aus dem ersten Band, mit dem Ziel, Afarah zu bestehlen. Er flüchtet mit geraubtem Gut, wird zwar in den Ruinen von Baalbek gestellt, kann aber entkommen – nach Istanbul. Die Helden ihm nach, zu Isla Ben Maflei und dessen Vater, die Geschäftsbeziehungen zu Henri Galingré unterhalten, dem Vater des Ermordeten Paul aus dem ersten Band, und der ebenfalls betrogen werden soll. Die Bande ist auch bei Galingré involviert. In Istanbul treffen sie auch Omar, der seit dem ersten Band auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters ist. Omar tötet Abrahim-Mamur, der sich als Anführer eine Räuberbande herausstellt, zu der auch der gesuchte Mörder, dessen Bruder und Neffe gehören. Dieser Bruder, Barud el Amasat, befindet sich unter falschem Namen in Adrianopel, und wird von Kara Ben Nemsi, Halef, Omar, Isla Ben Maflei, und dem zur Gruppe gestoßenen Vater Senitzas, Osco, entlarvt. (Sir David Lindsay hat die Reisegruppe kurz vorher entlassen.) Allerdings wird ihm zur Flucht verholfen; sein Sohn Ali Manach wird von Spießgesellen erschossen, damit er nichts ausplaudern kann.

– Als Kind mochte ich diesen Band am wenigsten von den sechs Teilen des Orientzyklus, zumindest konnte ich am wenigsten damit anfangen. Jetzt fand ich ihn am interessantesten – vom ersten Viertel abgesehen, das eine Fortsetzung des letzten Bandes und recht fade ist. Gut ist jetzt, dass die Handlung Fahrt aufnimmt: Es gibt Verschwörungen und eine Räuberbande, die losen Fäden werden verknüpft. Gut sind die Schauplätze – große Städte, die stimmig beschriebene Ruinenstadt Baalbek. Gut ist das Schicksal des verfolgten Mirza; die Pest, an der Kara Ben Nemsi und Halef erkranken, und vor allem die Todeskarawane.

Diese Todeskarawane. Also: Kara Ben Nemsi wird erzählt, dass diejenigen Schiiten, die in der Stadt Kerbela begraben werden, gleich ins Paradies kommen, ohne Umweg über ein Fegefeuer. Deshalb lassen sich viele Schiiten dort begraben. Deshalb gibt es ganze Karawanen mit Leichnamen, die dorthin transportiert werden, über weite Strecken, in großer Hitze – Todeskarawanen, voller Verwesungsgeruch. Sehr eindrucksvoll geschildert. Neil Gaiman hätte seine Freude daran. (Hier eine Diskussion in einem Karl-May-Forum, inwiefern es solche Karawanen tatsächlich gegeben hat: Eher ja.)

– Kara Ben Nemsi ist so heldenhaft wie stets. Hier zeigt er Züge von Sherlock Holmes, zwar mit mehr Bescheidenheit, aber mit dessen Betonung der lernbaren Beobachterei:

„Aber Emir,“ fragte Hassan, „wie kannst du an den Messern sehen, wer der Täter war?“
„Sehr leicht! Eine flache Klinge wird einen ganz anderen Schnitt machen, als eine dreikantige, die sich mehr zum Stoße eignet. Die Schnittflächen wurden weit auseinander gedrängt, darum war der Schnitt nicht mit einem dünnen Instrumente geschehen. Und nun blicke her: diese Schnittflächen sind da, wo sie beginnen, nicht glatt, sondern zerrissen und gestülpt; die Klinge, mit der die Tat geschah, hatte also eine sehr bemerkbare Scharte gehabt. Und nun sieh dir diesen Dolch an: er ist der einzige von allen, der eine solche Scharte hat.“
„Herr, deine Weisheit ist zu bewundern!“
„Dieses Lob verdiene ich nicht. Die Erfahrung hat mich gelehrt, in allen Lagen auch das Kleinste zu beobachten; es ist also nicht Weisheit, sondern einfache Gewohnheit von mir.“

In Damaskus stimmt er nicht nur das Klavier des Kaufmanns:

Ich hatte früher als armer Schüler oft Pianos gestimmt, um ein kleines Taschengeld zu erwerben; es fiel mir also nicht sehr schwer, das Klavier in einen spielbaren Zustand zu versetzen.

– sondern überwältigt auch noch die eingeladenen Gäste und Leute auf der Straße mit seinem Klavierspiel.

Die Informationsvermittlung ist manchmal so plump, wie man es sonst nur als übertriebenes Beispiel kennt:

„Aber du hast doch erfahren, wohin er geht. Jedenfalls [d.h. bestimmt] reitet er nach Iskenderiëh, wo Hamd el Amasat, sein Bruder, der dein Oheim ist, auf ihn wartet.“

Dass dieser Bruder der Oheim des Angesprochenen ist, wird der ja wohl wissen.

Diagramm zur Handlung:

Diagramm mit Handlung von Von Bagdad nach Stambul

  • Blau ist das Abenteuer mit dem Kurden, bis zum Tod Scheich Mohhameds. Fade.
  • Grün ist das Abenteuer mit dem anonym reisenden Perser. Das ist gut, allein schon mal wegen der Todeskarawane und der Pest.
  • Gelb und Orange der Rest: Jacub Afarah bringt sie auf die Spur von Abrahim-Mamur und Barud el Amasat und der Räuberbande, nach Damaskus, Istanbul, Edirne.

9 thoughts on “Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 1-3

  1. Hauptschulblues

    Ich habe Karl May erst als Erwachsener gelesen.
    Bei den drei beschriebenen Büchern nimmt er allerdings etwas vorweg und ist dadurch auch wieder hochaktuell: Viele verschiedene Gruppierungen, Konkurrenz unter Stämmen/Staaten, Gemetzel, das er auf dem Papier meist zu verhindern weiß.

  2. Joël

    Es ist schon seltsam wie jeder Karl May mal wahrgenommen hat, und heute wahrnimmt. Ich hatte seine Bücher nach meiner 5 Freunde/Enid Blyton Phase, in der Bibliothek meiner Eltern entdeckt. Da ich die Winnetou Filme damals nicht sehen durfte, weil mein Vater kein deutsches Fernsehen in unserem Hause erlaubte, (die Nachwehen des 2 Weltkrieges) schnappte ich mir zuerst die Winnetou Geschichten. Ich weiß noch, dass ich damals der große Außenseiter im Pausenhof der Schule war, weil JEDER die Filme gesehen hatte, nur ich nicht.

    Da die Bücher aber noch in der alten deutschen Schrift gedruckt waren, gab ich bald auf.

  3. Aginor

    Netter Post, ich habe jahrelang nicht an Karl May gedacht, also auch sehr spannend für mich. :)

    Ich bekam meine Karl May Bücher von meinem Großvater, es waren die selben Bücher die auch mein Vater in seiner Kindheit gelesen hatte. Leicht abgenutzt, aber gut erhalten und sehr viele.
    Schon damals war ich ein vergleichsweise schneller und begeisterter Leser, ich habe alle dieser Bücher zwischen der dritten und vierten Klasse gelesen. In meiner Sammlung fehlende Bücher habe ich von einem ähnlich begeisterten Schulkameraden geliehen.
    Mir ging es witzigerweise genau andersrum wie Herrn Rau:
    Erstmal „Winnetou“, „Der Schatz im Silbersee“, „Unter Geiern“, „Old Shurehand“ etc., die meisten amerikanischen Bücher eben, auch ein paar obskurere wie „Die Felsenburg“. Die Orient-Bücher habe ich erst gelesen als die anderen mir ausgingen.

    Mein Vater bestand darauf, mir immer wieder zu erklären wo die Unterschiede zwischen Karl May’s Indianern und der Realität lagen, ich habe in dieser Zeit daher auch viel über die echten Ureinwohner Amerikas gelernt. Den Spaß an Karl May’s Hirngespinsten hat mir das nicht genommen, aber es war der Einstieg in Beschäftigung mit anderen – gerade indigenen – Kulturen, Religionen und Denkweisen.

    Ich weiss nicht ob die Bücher mir heute liegen würden, sie sind – eben ein Produkt ihrer Zeit, ganz ähnlich wie Robert E. Howard’s Conan-Romane – voll mit Sexismus, Rassismus (auch von den Hauptfiguren ausgehend, oft sogar positiv gemeint, aber eben doch rassistisch) und anderen teils fragwürdigen Geisteshaltungen. Auch Gewaltverherrlichung und/oder -verharmlosung könnte man Karl May z.B. durchaus öfter mal vorwerfen. Klar, letzten Endes gewinnen die „Guten“, oft sogar mit weniger Gewalt als denkbar wäre, aber dennoch… naja. Ich fand sie damals sehr gut, müsste sie auch mal wieder lesen, nur mal um zu sehen wie sie heute wirken.
    Das extrem christliche hat mich schon damals etwas gestört, gerade bei Winnetou’s Ende fand ich es ätzend und unpassend, und auch in den Orient-Büchern hat es mich – als nicht gläubigen Menschen wohlgemerkt – sehr gestört.
    Kara Ben Nemsi / Old Shatterhand als Superheld ist schon sehr stark, er kann quasi alles. Hat mich damals nicht gestört, in Zusammenhang mit dem nächsten Punkt fand ich es sogar echt gut: Ich-Erzählung. Die Immersion, die die Ich-Erzählung meines Erachtens stark förderte, die fand ich super. Es war als hätte man selbst diese ganzen Fähigkeiten. Und ich finde auch man fühlte sich mehr betroffen und konnte dadurch besser mitfiebern. Die aus der dritten Person geschriebenen Romane fand ich dann sehr seltsam und weniger persönlich, gewöhnte mich aber auch daran schnell, insbesondere weil das ja die weit verbreitetere Form des Erzählens in Büchern ist.
    Die mangelhafte Qualität des Plots ist mir als Kind nie wirklich bewusst geworden, im Gegenteil: Verglichen mit den SEHR flachen Plots der meisten eher meinem damaligen Alter angemessenen Geschichten fand ich Karl May’s Erzählungen noch recht gut.
    Rückblickend…. ja. Sicherlich nicht so die hohe Literatur.

    Bei den Orient-Büchern hat mich fasziniert dass sie einen größeren Zyklus bilden. Der erste Zyklus den ich gelesen habe, eine große Geschichte und eben nicht nur zwei, drei Bücher. Auch hier etwas schwankende Qualität, ich fand z.B. das eingeschobene „In Mekka“ ein wenig öde damals, und auch mit den politischen/gesellschaftlichen Problemen wusste ich mangels Bildung natürlich nicht so viel anzufangen, und fand sie daher weniger spannend. Dennoch fand ich es schön, eine zusammenhängende Geschichte zu haben, davon wollte ich mehr.
    Danach fing ich dann mit Perry-Rhodan Heften an, von denen meine Eltern noch so ca. 800 Stück auf dem Dachboden gebunkert hatten. Für diese Geschichten gelten im Übrigen viele der oben genannten Kritikpunkte gleichermaßen.

    Gruß
    Aginor

  4. Tanja

    Nach einem kleinen Vorleseversuch von Papa in meiner Grundschulzeit (Winnetou) und einem eigenen kleinen Leseversuch (Der Schut) als Jugendliche hatte ich eigentlich Karl Mays Bücher als Literatur „für Jungs“ für mich abgehakt. Beim ersten war ich einfach noch mehr an Hanni und Nanni und Mitternachtspartys im Internat interessiert, beim zweiten nervte mich die ach so heldenhafte Darstellung des Protagonisten. Aber vielleicht sollte ich nun mit „Erwachsenenblick“ doch noch mal genauer zwischen die Buchdeckel gucken. Ich behalte das mal im Hinterkopf und werde mir dann auch vielleicht zuerst den Orient-Zyklus (nochmals) vornehmen.

    Ja, doch, es gibt schon deutsche Hochliteratur, wo man über den Orient lesen kann: Wilhelm Hauff – wenn das zählt? Ganz so weit waren aber Hauff und May zeitlich nicht voneinander entfernt.
    Wie May ist Hauff nicht weit über die Landesgrenzen hinaus gereist. Das Exotische faszinierte ihn wohl und mit ihm seine Mitmenschen. Dann musste die Fantasie ergänzen, was die eingeschränkten Reisemöglichkeiten nicht hergaben.

    Erwähnenswert ist auch das Spektakel der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. Ein kultiges Erlebnis, das allerdings über das „Cowboy und Indianer“-Feeling kaum hinausgeht. Immerhin hat es sich das gewisse Etwas bewahrt, das dem Kaltenberger Ritterturnier mit dem Duell zwischen Bayerischem und Schwarzem Ritter verloren ging.
    Warum sollte immer alles modern und zeitgemäß umgewandelt und gestaltet werden? Manchmal sind vermeintlich altertümliche Dinge die liebenswerteren, weil nicht nur für den Kommerz auf Hochglanz gebracht, sondern durch Leidenschaft, Tradition und Kultur gewachsen und geworden. Es ist aber ganz schön schwer, neben den bunten Neuauflagen das Alte bestehen zu lassen und auch zu verstehen.

    Anekdote dazu aus dem Deutschunterricht bei Jugendlichen mit Hauptschulabschluss: Wir lasen vor kurzem aus Grimms Kinder- und Hausmärchen das „Rotkäppchen“. Es fiel einigen Jugendlichen sichtlich schwer, sich auf den Text zu konzentrieren: „Das ist eine Sch…sprache, man versteht ja überhaupt nichts! Das ist aber ein schlechtes Deutsch!“ – Ist das nicht schade?

  5. Herr Rau Post author

    >Mein Vater bestand darauf, mir immer wieder zu erklären wo die Unterschiede zwischen Karl May’s Indianern und der Realität lagen […] Den Spaß an Karl May’s Hirngespinsten hat mir das nicht genommen, aber es war der Einstieg in Beschäftigung mit anderen – gerade indigenen – Kulturen, Religionen und Denkweisen.

    Ja. Ich habe aus Karl May mitgenommen die Ortsnamen, die Geäte, die Lebensweise, die Bezeichnungen für Gruppierungen und Ämter, und finde das heute noch interessant und aktuell. Dass die Details und vor allem die Wertungen so nicht stimmen müssen, das wusste ich, glaube ich, damals schon, und das tut dem heutigen Lesen auch keinen Abbruch. Denn ich stimme Ihnen zu: Der starke Ich-Erzähler rettet viel. Das ist ein Tonfall, den ich sonst von nirgenwoher kenne, und das allein ist ein Gewinn. (Das extrem Christliche war mir damals nicht so aufgefallen, heute ist es mitunter penetrant, ja.)

    Es ist fast so, wie wenn Tolkien liebevoll eine eigene Welt errichtet, mit so viel Hintergrundgeschichte, die man nur ahnen kann, von denen man überzeugt ist, dass sie existiert. So reichhaltig ist auch die Welt, die Karl May erschafft, viel detailreicher als Robert E. Howard oder typische Fantasy-Autoren (die meilenweit von Tolkien entfernt sind in der Hinsicht). Man darf halt nur nicht unsere Welt mit dieser verwechseln.

    Wilhelm Hauff zählt sicher, Tanja, ich kenne nicht viel von ihm, aber das Geisterschiff natürlich. (Eine Hoffmann-Briefgroteske um zwei Südseeforscher fällt mir noch ein.) Ein vielleicht abwechslungsreicherer Einstieg in May ist Am Stillen Ozean.

    Das mit den Kinder- und Hausmärchen wundert mich nur wenig. Schon fünfzig Jahre alte Texte sind auch meinen Schülern und Schülerinnen nicht so vertraut, und wir erleben reglemäßig die Schwierigkeiten bei Faust oder Fontane. Man muss halt ein wenig flexibel bleiben bei Satzbau und Wortbedeutung, und einen großen Wortschatz haben, und das erfordert Übung. Irgendwann wird alles zur Fremdsprache.

  6. Croco

    Die Graphiken sind toll!
    Karl May hat sich mir auch sehr eingeprägt. So zwölf Jahre alt werde ich gewesen sein, als ich sie in der Stadtbücherei entdeckte. Da ich damals binge reading betrieb, habe ich alle Bände gelesen, die da waren. So habe ich bis auf Winnetou einen großen Brei im Kopf, der sich nicht mehr in einzelne Handlungsstränge aufzwieseln lässt. Dass Winnetou sich kurz vor seinem Tod zum Christentum bekehrte und dann noch mit einem schwülstigen Gedicht, habe ich Karl May übel genommen. Dafür hat mir die Diashow auf dem Wasserfall als Hintergrund sehr gefallen. Ob mich hier meine Erinnerungen trügen, weiß ich nicht. Jedenfalls war ich mal in New Mexico, auch um mir die Indianersiedlung anzuschauen, in die Karl May Winnetou gepflanzt hatte. Leider wissen die dortigen Indianer nichts von Karl May und der Indianerliebe, die er in die deutschen Herzen gepflanzt hat. Obwohl, es gibt einen Friseur in Santa Fe, der im Besitz eines Mokassins ist, der mal Karl May gehört hat und irgendwie zurück über den Atlantik kam.

  7. Aginor

    Zum Weltenbauen der Autoren:
    Das stimmt, nur wenige können sich da mit Tolkien messen. Robert Jordan (Wheel of Time) und Marion Zimmer Bradley (Darkover Zyklus) kommen aber in die gleiche Größenordnung finde ich.
    Bei Karl May ist das interessante dass er real existierende Dinge mit der Fiktion vermischt, die Grenzen verschwimmen. Dadurch muss er weniger erfinden, und das macht die Welt glaubhaft und immersiv.

    Gruß
    Aginor

  8. Madame Graphisme

    Ich habe nie die Orient-Erzählungen gelesen (vermutlich, weil mir das familiär näher lag als die Indianergeschichten und ich es deshalb als merkwürdig empfunden hätte) – aber nun habe ich Lust, mir diese Bücher mal auf den Reader zu packen. Nur um zu sehen, ob es mich einfängt.
    Danke für diesen Anstoß und die amüsanten Diagramme!

  9. Herr Rau Post author

    Die amüsanten Diagramme, nicht wahr! Die haben mir viel Freude beim Erstellen gebracht, unnütz wie sie dann doch irgendwie sind. :-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.